Dr. Schwenkenbecher, Lehr- und Versuchsanstalt für Kleintierzucht, Unna-Königsborn
„Das Blaue Jahrbuch“ 1962
In einer Ausgabe vom Mai 1961 in den „Mitteilungen der DLG“ war folgender Artikel zu lesen: „Kaninchenfleisch ein neuer Schlager?“
„Noch vor wenigen Jahren hätten es die meisten Leute für unmöglich gehalten, dass sich in Deutschland eine intensive Hühnerfleischerzeugung entwickeln würde. Die tatsächliche Entwicklung ist aber über alle Zweifel hinweggegangen, und heute haben wir nicht nur eine ausgedehnte Geflügelmast, sondern auch einen aufnahmebereiten Markt für Geflügelfleisch.“
Diese kleine Erinnerung schien mir als Einleitung angebracht, ehe ich über eine neue Entwicklung berichte, die auf den ersten Blick vielleicht phantastisch anmuten könnte. In Großbritannien haben nämlich einige pfiffige Farmer das Kaninchen entdeckt; d. h. dessen Eignung zur intensiven Fleischerzeugung, denn Wildkaninchen sind im Inselreich wohlbekannt und rechnen zu den großen Landplagen. Auf der anderen Seite haben diese wilden Vettern den fleischbringenden Stallhasen aber einen Markt erschlossen, den diese jetzt erobern, nachdem die Myxomatose den Wildbestand vernichtete.
Junge Kaninchen liefern ein zartes, weißes Fleisch. Das ist wichtig in einer Zeit, da jedermann das fetttriefende Steak fürchtet und im Interesse der Gesundheit der Mode folgend zarte, helle Fleischarten bevorzugt. Hühner und Kälber kamen bisher diesen Wünschen entgegen. Wir sehen aber an den Einfuhrzahlen, dass sie der stürmisch wachsenden Nachfrage nur schwer gerecht werden können.
Für das Kaninchen spricht auch sein hoher Vermehrungssatz. Man rechnet nach englischen Angaben im Jahr mit 20 bis 30 Jungtieren von einer Mutter. Das würde die Kaninchenfleischerzeugung aus der Klemme befreien, in der die Kälber- und Jungrindermast steckt, weil es an Ausgangstieren fehlt.
Die Mastkaninchen werden acht bis neun Wochen alt. Man lässt sie in den ersten vier Wochen bei der Mutter in einer Art „Tieflaufstall“, anschließend kommen sie zur Endmast in eine Käfigbatterie. Die Futterverwertung ist nach englischen Angaben noch außerordentlich schwankend. Neben Leistungen von 2,5 kg Futtermischung zur Erzeugung von 1 kg Fleisch, erreichen andere Tiere 4,5 : 1. Während unter britischen Gegebenheiten bei 2,5: 1 eine sehr günstige Rentabilität gegeben ist und 3,5: 1 noch einen Gewinn abwirft, liegt das Verhältnis 4,51 bereits haarscharf an der Rentabilitätsschwelle.
Heißt der neue Marschbefehl nach diesem Bericht: Sprung auf, marsch, marsch alle Mann hinein in das Kaninchengeschäft? Keineswegs! Nichts wäre gefährlicher als diese Schlussfolgerung. Aber vielleicht sind diese Zeilen Anlass, die bisher von vielen mit leichter Verachtung gestraften Stallhasen armer Leute mit etwas mehr Aufmerksamkeit zu beehren. Sollte nach der Geflügelfleischwelle eine Kaninchenwelle kommen, so müssen wir trachten, einen Platz an diesem neuen Markt zu erobern. Wer sich als Züchter die Mühe macht, die Stallhasen zu bearbeiten und hochleistungsfähige Tiere her- auszustellen, der ist dann groß im Geschäft, es sei denn, wir werden wieder von US-Hybriden überrascht.
Fraglos sind auf dem Gebiet der Fütterung, der Haltung und der Vermarktung von Kaninchen heute noch die meisten Fragen offen. Ebenso unsicher dürfen auch unsere Kenntnisse auf dem Gebiet der Fleischleistungszucht sein. Aber vielleicht nehmen sich die Züchter der Wirtschaftsziele an und sorgen da- für, dass ihr Wissen weithin bekannt wird, damit wir wohl gerüstet sind, wenn seine Majestät, der Kunde, eines Tages unbedingt Kaninchenfleisch verlangt." Durch diese Überschrift angeregt, soll nun nochmals ein Artikel über die Fleischerzeugung beim Kaninchen folgen.
Es ist doch recht interessant und für die Kaninchenzüchter ehrenvoll, dass eine Zeitschrift wie die obige das Fachblatt der DLG auch schon in einem Leitartikel die Frage des Kaninchenfleisches anschneidet. Es wird also weiterhin aller- höchste Zeit, dass wir uns vermehrt mit diesem Problem beschäftigen. Der Präsident des ZDK hat schon lange die Marschrichtung angegeben; nun heißt es, in geschlossener Front auf dieses Ziel zuzusteuern. Leider herrscht aber immer noch eine gewisse Uneinigkeit in den eigenen Reihen, wenn man manchmal die so ganz unbegründeten, ich möchte oftmals sagen, törichten Vorwürfe gegen den ZDK in der Fachpresse liest.
Die Entwicklung in der Geflügelfleischproduktion hat sich verhältnismäßig schnell vollzogen, obwohl es auch hier Stimmen gegenteiliger Ansicht gab. Aber die Zeit hat diese Besserwisser zum Schweigen gebracht. Sollte sich in der Kaninchenfleischproduktion etwas Ähnliches entwickeln?
Unsere Produktion wird heute vom Kunden bestimmt. Was das eigene Land nicht selbst herstellt, wird bei der Liberalisierung so vieler Güter ohne Zollschutz eingeführt.
Gerade beim Fleischverzehr spielen der Wohlstand der Bevölkerung, der Gesundheitszustand, die vollkommen veränderten Lebensgewohnheiten nach dem Kriege, die Automation der Industrie eine wichtige Rolle. Hinzu kommen noch der vermehrte Verbrauch von kalorienarmen Ernährungsgütern, die Verstädterung, die Berufstätigkeit der Frauen (allein in Nordrhein-Westfalen ist jede dritte Frau berufstätig), der Mangel an Personal, kaum noch Verrichtung von Schwerarbeit und so vieles andere.
Ich erwähnte schon, dass sich die Entwicklung in der Junggeflügelmast sehr schnell vollzogen hat; beim Kaninchen geht sie viel langsamer vonstatten. Das Geflügel ist ein wirtschaftliches Tier, welches in den letzten Jahren durch die Massenhaltung erst zum Stalltier geworden ist. In unseren landwirtschaftlichen Betrieben ist heute die Geflügelhaltung ein vollwertiger landwirtschaftlicher Betriebszweig geworden. In der Kaninchenzucht und -haltung sind die Verhältnisse völlig anders gelagert. Hier spielen Tiere als Beschäftigung nach Feierabend, als Hobby, als Verwerter von Abfallfutter, als Freude am lebenden Objekt eine bedeutende Rolle. Welches Kind in Stadt und Land hatte in seiner Jugendzeit keine Kaninchen gehabt? Nach dem verlorenen Krieg hat sich durch Wohnraumnot und besonders die Wohnungsbaugesetze leider das alles geändert.
Und trotzdem sind gerade auf dem Gebiete der Kaninchenzucht sehr gute Leistungen erzielt worden, wenn auch einiges oftmals überspitzt war. Die Angorazüchter haben diese reinen Liebhaberinteressen schon recht frühzeitig durchbrochen und die Wirtschaftlichkeit dieses Tieres klar herausgestellt. Dieser Gedanke ist heute allen Angorazüchtern vollständig im Bewusstsein. Sie haben in den vergangenen 2 1/2 Jahrzehnten mit ihren Tieren Enormes geleistet. Ich glaube ohne Übertreibung sagen zu können, dass es so etwas in der gesamten Tierzucht nicht mehr gibt, und dass man diese Leistungssteigerung als einmalig in der Welt-Tierzucht herausstellen muss. Diese Züchter haben sich zusammengetan, haben klare Ziele gefordert, sich ihre Bestimmungen, ihr Herdbuchwesen geschaffen und haben heute ihre anerkannten Prüfungsstationen in den einzelnen Ländern Westdeutschlands.
Der Weg dieser Woll-Leistungszüchter ist also klar vorgezeichnet. Sie haben ihr Ziel stets vor Augen, was das Wichtigste in der gesamten Tierzucht ist. Nun stellt sich ähnlich der Geflügelzucht – die Notwendigkeit heraus, auch die Mastkaninchenzucht und -haltung mehr anzukurbeln und in den Vordergrund zu bringen.
Man scheint im Ausland diesen Dingen aufgeschlossener gegenüberzustehen und ist uns auch einen großen Schritt voraus. Zu erwähnen sind die Länder wie England, Frankreich, Belgien und auch Dänemark, welche schon seit Jahren für die Kaninchenfleischproduktion Prüfungsstationen besitzen. So erscheint jährlich in Favrholm der Prüfungsbericht über die Normalhaarrassen in Dänemark.
An uns liegt es also, den Anfang, der gemacht wurde, weiter fortzuführen. Die Zeit ist für diese Überlegungen reif. Schon 1949/50 wurden in der Lehr- und Versuchsanstalt für Kleintierzucht – damals in Hamm Versuche mit Normalhaarrassen durchgeführt. Leider war dieser Anregung kein Erfolg beschieden, so dass es bis dato keine Prüfungsanstalten für die Jungkaninchenmast altbewährter Rassen gibt.
Hier seien die Ergebnisse genannt. Es handelte sich um Helle Großsilber: Es werden sich wahrscheinlich einige Spezialbetriebe mit der Zeit entwickeln, die eine gleichbleibende Qualität mit Stück-, Halbier- und Kleinware anliefern werden. Gefrieranlagen bzw. -einrichtungen müssen für die Auf nahme von Frischfleisch in der Nähe vorhanden sein, damit das laufend anfallende Kaninchenfleisch aufbewahrt werden kann. Der Mastbetrieb muss seine Tiere schlachten, wenn die Kaninchen reif sind, da sonst die Rentabilität des Betriebes in Frage gestellt wird. Von den Gefrieranlagen sind dann die Kunden laufend zu beliefern.
Das Angebot muss ständig enthalten: Tafelfertiges Jungmastkaninchenfleisch, proportionierte Ware (Schenkel, Vorderläufe, Rücken), Kleinteile und Innereien. Alles muss sauber in Klarsichtbeuteln mit Etikettierung verpackt sein. Nur so sind die Wünsche der Kunden nach Qualität zu erfüllen. Der Anfang ist gemacht lasst uns alle miteinander für diese erstrebenswerte und schöne Aufgabe einstehen!






