Theresia Podtschaske, Leverkusen „Das Blaue Jahrbuch“1993

Es ist durchaus ein Verdienst der organisierten Kaninchenzucht, durch die Vorgabe von Zuchtzielen wertvolle Felle von gleicher Farbe und Beschaffenheit zur kunsthandwerklichen Verarbeitung zur Verfügung zu stellen. Gerade in einer Zeit, in der die Felle von Wildtieren als nicht mehr zeitgemäß kritisiert werden, bietet sich das Kaninchenfell an, um Käuferwünsche zu erfüllen. Es ist zeitgemäß und umweltbewußt, wenn das bei der Schlachtung anfallende Fell auch einer sinnvollen Verwertung zugeführt wird und nicht als Sondermüll entsorgt werden muss. Die hohe Wertigkeit des Felles und der züchterisch verankerte Farbspielraum sowie die unterschiedlichen Fellstrukturen erfüllen alle Wünsche an ein Naturprodukt.

Der Zuchtstandard trägt dem hohen Wert des Felles ausreichend Rechnung. Die Fellfarbe und die Fellqualität ist je nach Rasse in drei bis vier Positionen des Standards fest vorgeschrieben. Der Züchter verwendet also ein erhebliches Maß der Zuchtarbeit zur Erzielung eines möglichst optimalen Felles. Leider wird diese Arbeit durch unsachgemäße Schlachtung und mangelnde Vermarktungsfähigkeit nicht entsprechend anerkannt. Meist ist es nur Gedankenlosigkeit, wenn durch falsche Schlachttermine die Gewinnung eines Qualitätsfelles von vornherein unmöglich gemacht wird. Grundsätzlich ist bei einem gestiegenen Umweltbewusstsein der Schlachttermin an der Fellreife zu orientieren. Auf die Jungtierfelle, die bei der Bestandsregulierung ohnehin anfallen, soll in diesem Beitrag nicht eingegangen werden, sondern aus- schließlich auf die Felle von Alttieren, die sich auch für eine Weiterverarbeitung eignen. Es sind die sog. Winterfelle von Tieren aus dem laufenden Zuchtjahr und nicht Felle von mehrjährigen Alttieren oder Häsinnen, die bereits geworfen haben. Bei den mehrjährigen Tieren, und hier insbesondere bei den Rammlern, erfordert die Dicke der Fellhaut (Leder) eine zu aufwendige Bearbeitung und zudem ist die Intensität der natürlichen Farben nicht mehr so stark. Diese Felle können für Bastelarbeiten, Teppiche u.ä. eingesetzt werden.

Jungtierfelle und andere für die Verarbeitung ungeeignete Felle stellten früher einen gesuchten Rohstoff für die Leim- und Filzindustrie dar. Die gestiegene Kunststoffverwendung hat diesen Markt zerstört.

Es ist jetzt aber zeitgerecht, an die Nutzung vorhandener Rohstoffe zu erinnern Recycling sollte nicht nur ein Schlagwort sein. Der verantwortungsbewusste Züchter, der der kunsthandwerklichen Fellverarbeitung wohlwollend gegenübersteht, wird nur Qualitätsfelle für die Weiterverarbeitung zur Verfügung stellen. Es ist zwar selbstverständlich, aber noch lange nicht überall bewusst, dass unmittelbar nach dem Schlachten das Fell mit der nassen Hautseite nach außen auf einem geeigneten Spanner aufgezogen und schonend faltenfrei getrocknet werden muss. Nach dem Aufspannen können mit einem stumpfen Löffel noch anhaftende Fleisch- und Fettreste entfernt werden. Der Grundsatz beim Trocknungsvorgang ist es, die einsetzende Zersetzung des Felles durch Feuchtigkeitsentzug zu stoppen. Es hat daher auch keinen Erfolg, wenn die Felle zu schnell durch Heißluft getrocknet werden. Dabei verhärtet die obere Hautschicht und die noch vorhandene Feuchtigkeit kann nicht weiter nach außen dringen und dort verdunsten. Nach einer schonenden Trocknung an einem luftigen, aber nicht zu heißen Ort ist der Vorgang nach ca. vier bis sechs Wochen abgeschlossen.

Das getrocknete, weißledrige Fell kann dann zur Zurichterei. Bei der Einlieferung besteht noch die Wahl, das Fell entweder zu veredeln (scheren bzw. färben) oder es natürlich zu belassen. Der Verarbeitungsvorgang innerhalb der Zurichterei liegt außerhalb unseres Einflussbereiches und wir können jetzt nur noch hoffen, dass die Erwartungen, die wir an die Felle geknüpft haben, auch durch eine einwandfreie Zurichtung umgesetzt werden können.

Nach der Zurichtung erfolgt eine endgültige Sortierung der Felle nach ihrer Güte und Verwendungszweck: 1. Bekleidung

2. Kissen, Teppiche und Wandbehänge

3. Bastelfelle

Mit V-Schnitt zugeschnittenes Teil

Speziell für die Bekleidung ist es nicht einfach, eine ausreichende Anzahl passender Felle gleichzeitig zur Verfügung zu haben. Es muss gesammelt werden, bis ausreichend Felle gleicher Güte, Farbe und Lederstärke zur Verfügung stehen. Entweder hängt man die passenden Fellbunde dann zu einem Bündel auf oder lagert sie in einem Karton. Bei der Kartonlagerung müssen die Felle Strich gegen Strich bzw. Leder auf Leder gelagert werden. Wie bei der Trocknung der Rohfelle, ist auch bei der Lagerung der zugerichteten Felle auf einen entsprechenden Schutz gegen unerwünschte „Fellfreunde“ zu achten.

Der Wert eines Kleidungsstückes wird wesentlich durch die Qualität der Verarbeitung und den Arbeitsaufwand bestimmt. Eine der aufwendigsten Verarbeitungsformen ist das Auslassen der Felle. Diese hochwertige Verarbeitung ist besonders bei den Nerzmänteln üblicher Standard. Erst durch diese Verarbeitungsform entstand der Nerzmantel mit seinen fließenden und schwingenden Formen. Die kunsthandwerkliche Fellverarbeitung in unserer Organisation ist nicht auf Gewinnerzielung, sondern auf Freizeitgestaltung ausgerichtet. Wir können uns also durchaus erlauben, auch relativ preiswerte Kaninchenfelle hochwertig zu verarbeiten und ein Kleidungsstück zu schaffen, das sich in der Eleganz und Tragefreundlichkeit durchaus mit anderen Fellen messen kann. Für diese hochwertige Verarbeitung sind die besten Felle gerade gut genug. Insbesondere Rexfelle eignen sich hervorragend.

Eine genähte Fellbahn und das halbe, am Grotzen aufgeschnittene Ausgangsfell.

Eine fertige, aber unbeschnittene Bahn und eine halbe Bahn.

Wenn von „ausgelassenen“ Fellen gesprochen wird, so sind damit nicht besonders lustige Kaninchenfelle gemeint, sondern ein tatsächlicher Arbeitsvorgang, um die natürlichen Fellgrößen zugunsten der Länge zu verändern. Grob gesagt, werden die Felle nach einem bestimmten System und einem bestimmten Winkel zerschnitten und die Streifen wieder aneinandergenäht. Das ist die hohe Schule der Fellverarbeitung, die auch sehr gut zur rein optischen Gestaltung des Bekleidungsstückes eingesetzt werden kann. Für Skeptiker noch der Hinweis, dass bei dieser Verarbeitung und großzügiger Materialverwendung ein Schlankmacher-Effekt erreicht wird, d. h. das Kleidungsstück trägt nicht auf, sondern lässt die Trägerin schlanker wirken.

Zwei verschiedene Schnittarten, die an eine Buchstabenform erinnern, können aus den insgesamt fünf verschiedenen Schnittformen angewandt werden. Der Grotzen, der bei Kaninchenfellen nicht immer besonders sichtbar ist (Rückenlinie), bildet dabei die Mittelachse. Wird vom Kopfteil zum Pumpf abfallend geschnitten, so wird dieser Schnitt als A-Schnitt bezeichnet; verläuft der Schnitt aufsteigend vom Pumpf zum Kopf, so wird dieser Schnitt als V- Schnitt bezeichnet. Die Schnittform soll sicherstellen, dass nach dem Vernähen kürzeres Haar von längerem überdeckt wird. Die Unterfarbe wird dabei nicht sichtbar. Weiterhin können bei Fellen mit breiten Grotzen die Grotzenbreiten durch den A-Schnitt verringert werden. Schmale Rückenteile erhalten durch den V-Schnitt eine optische Verbreiterung.

Im Gegensatz zum Nerzfell entsteht durch diese Verarbeitung kein größerer Fellbedarf. Die Verluste durch die Nähte werden mehr als ausgeglichen, da beim Kaninchenfell auch noch die Wamme und ein Teil der Bauchseiten mitverarbeitet werden können.

Zur eigentlichen Verarbeitung werden die Felle mit klarem Wasser vom Kopf hin zum Pumpf leicht angefeuchtet und zur Durchfeuchtung (Fatten) mit Lederseite auf Lederseite paarweise zusammengelegt. Ist die entsprechende Dehnbarkeit der Felle erreicht, so kann das eigentliche Strecken erfolgen. Zuerst wird in die Breite gestreckt, und zwar vom Kopf nach dem Pumpf hin und dann wird die Länge gestreckt vom Pumpf zum Kopf.

Mit einem Kopierrad, Messerrücken, Kamm oder Bleistift wird der Grotzen markiert.

Von links nach rechts: Eine fertige, unbeschnittene Bahn (Fellseite); eine fertige Bahn (Lederseite) und eine genähte halbe Bahn.

Die fertige Jacke

Anschließend auf der Arbeitsplatte die Felle nach Farbe und Rauche sowie Glanz nochmals durchsortieren. Je besser die Vorauswahl der Felle war, um so einfacher ist nun die Sortierung. Aus dieser Sortierung erfolgt die Zuordnung zu den einzelnen Konfektionsteilen.

Grundsätzlich sollte man für einen Mantel nicht mehr als drei bis vier verschiedene Farbtypen aussortieren. Eine kritische Einstellung ist hier angebracht, denn neben der Verarbeitung bestimmt die Fellsortierung die Qualität. Zur Überprüfung der Feinsortierung werden die Felle am Grotzen zusammengelegt und an einer senkrechten Sortiertafel nochmals kritisch geprüft. Soll ein Mantel genäht werden, so muss für die Ärmelbahnen jeweils ein Fell aus- sortiert werden, welches besonders gut farblich und qualitätsmäßig sich dem Rumpfsortiment anpasst. Bei der Sortierung ist auch so zu verfahren, dass die dunkelsten Felle in den oberen Teil eingepasst werden.

Bevor die eigentliche Arbeit beginnt, muss eine Probebahn hergestellt werden. Für diese Probebahn ist eine Berechnung der Fellfläche notwendig. Die Breite der Bahnen wird ermittelt, indem die ausgemessene untere Weite z. B. im Mantelsaum durch die Anzahl der Bahnen dividiert wird. Anschließend erfolgt das Einschneiden der Felle durch ein Kürschnermesser. Die Streifenbreite wird dazu mit einem Bleistift auf die Lederseite aufgezeichnet. Anschließend erfolgt dann das eigentliche Schneiden mit dem Kürschnermesser. Die Rückung, d. h. das Versetzen der einzelnen Fellstreifen zueinander, wird dabei von der Länge des zu nähenden Mantels bestimmt.

Voraussetzung für die weitere Verarbeitung ist eine Pelznähmaschine, mit der nun die einzelnen Streifen wieder zusammengenäht werden. Beim Nähen wird beim Pumpf begonnen, und es ist dabei besonders die Rückung genau einzuhalten und das Dehnen der Streifen gleichzeitig zu vermeiden. Ein enger Stich und auch eine Garnstärke, die der Lederstärke entspricht, sind hierbei Voraussetzungen. Nach Abschluss der Näharbeit der Bahnen müssen die einzelnen Nähte mit einem Rollholz ausgerieben bzw. durchgestreckt werden. Anschließend erfolgt das Schneiden auf gleiche Bahnen- breite. Dazu wird ein Teil des Bauchfelles abgeschnitten, so dass gleiche Bahnbreiten entstehen. Die ausgelassenen Bahnen werden nun senkrecht an einer Sortiertafel nochmals überprüft. Fällt dies alles zufriedenstellend aus, so müssen die Bahnen nochmals leicht angefeuchtet, ausgerieben und auf die Bahnbreite nach der Mustereinteilung gezweckt werden. Nach den vorab eingezeichneten Fixpunkten und einer Nummerierung können nun die einzelnen Bahnen zusammengenäht werden.

Für die einzelnen Mantelteile werden die Schnittmuster aufgelegt. Die weitere Verarbeitung entspricht dann dem üblichen Standard, die bei der kunsthandwerklichen Fellverarbeitung in den Frauengruppen praktiziert wird.

Innerhalb des Beitrages habe ich das Auslassen als hohe Schule der Fellverarbeitung bezeichnet. Leider muss ich jedoch feststellen, dass trotz bester Kenntnisse in unseren Frauengruppen sich nur sehr wenige an diese Form der Fellverarbeitung wagen. Ziel dieses Beitrages ist es, die Angst oder die Voreingenommenheit gegenüber anderen Arbeitstechniken abzubauen. Es soll auch niemand erwarten, dass der erste Versuch schon gelingt. Es empfiehlt sich, mit einzelnen Fellen zu arbeiten und die Technik des Auslassens schrittweise zu perfektionieren. Die Umsetzung eines beschriebenen Arbeitsablaufes in die Praxis dürfte aber bei einer Vielzahl von Mitgliedern in den Handarbeitsgruppen möglich sein. Ich bin jedenfalls zuversichtlich und würde mich freuen, wenn auf den nächsten Großveranstaltungen mehrere Kleidungsstücke in der neuen Verarbeitungstechnik vorgestellt würden.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.