Gerhard Rother, Fürstenzell – „Das Blaue Jahrbuch“ 1973
Wenn auch immer wieder der ungewöhnliche Wert des Kaninchenfleisches und seine Bedeutung für die Ernährung herausgestellt wird, so ist in der Fleischkaninchenzucht bis heute noch kein durchschlagender Erfolg zu verzeichnen. Es steht doch fest, dass der organisierte Kaninchenzüchter mit seiner zum Teil kleinen Zuchtanlage nicht in der Lage ist, Kaninchenfleisch für eine breite Verbraucherschicht zu erzeugen. Und trotzdem sollten wir unbeirrt weiter einen Weg suchen, der auch dem kleinen Züchter die Möglichkeit gibt, sich durch die Fleischkaninchenzucht einen Nebenerwerb zu schaffen.
Wenn auch die Erwerbs- und Farmzucht nicht die gleichen Schwierigkeiten hat, so haben sie und der Kleinzüchter, der hier im Besonderen angesprochen sei, manch gemeinsames Problem. Die Tatsache, dass unsere organisierten Züchter zum Teil nur noch mit großer Mühe ihre Zuchtanlagen erhalten können, ist allgemein bekannt. An eine Erweiterung in der Absicht, einen rentablen Zuchtbetrieb aufzubauen, ist meist gar nicht zu denken. Diese Platzsorgen hat zum Beispiel ein Landwirt nicht, der sich mit der Fleischkaninchenzucht einen neuen Betriebszweig schaffen möchte. Er kann die bereits vorhandenen Gebäude mit meist geringem Kostenaufwand nutzen.
Für die Zucht und Haltung von Fleischkaninchen sind klimatisierte Innenställe, in denen die Zucht auch in den Wintermonaten möglich ist, eine der wichtigsten Voraussetzungen. An dieser Frage aber scheitert schon bei vielen interessierten Züchtern die ganze Fleischkaninchenzucht. Ich bin der Ansicht, dass ein Zusammenschluss von Züchtern zu Arbeitsgemeinschaften zwar nicht die Lösung, jedoch ein gangbarer Weg wäre.
Doch bevor ich näher auf dieses Thema eingehe, möchte ich ein Problem behandeln, das kleine und große Zuchtbetriebe gemeinsam haben. Ich meine das Tiermaterial, das für eine wirtschaftliche Fleischkaninchenzucht von größter Wichtigkeit ist.
Welche Eigenschaften und Merkmale ein zur Erzeugung von Kaninchenfleisch eingesetztes Tier haben soll, ist schon oft gesagt und beschrieben worden. Und trotzdem ist gerade hier noch kein sichtbarer Erfolg zu verzeichnen. Für die Wirtschaftlichkeit in der Fleischkaninchenzucht sind frohwüchsige und gesunde Tiere mit guter Futterverwertung Voraussetzung. Leider sind diese Tiere noch selten. Obwohl an Tierzuchtinstituten, Bundes- und Landesanstalten und bei den Landwirtschaftskammern Leistungsprüfungen in vielfältiger Art durchgeführt wurden, ist eine Verbesserung des Tiermaterials auf breiter Ebene noch nicht erkennbar.
Zur Rassewahl wäre folgendes zu erwähnen: Obwohl unsere Hellen Großsilber die Weißen Neuseeländer zum Teil in der Frohwüchsigkeit übertreffen und auch widerstandsfähiger und viel unempfindlicher gegen Krankheiten sind, züchte ich dennoch selbst Weiße Neuseeländer. Ich bin der Auffassung, dass durch die am Anfang der Fleischkaninchenzucht hektische Entwicklung das Weiße Neuseeländer-Kaninchen nur überzüchtet wurde. Kreuzungszuchten als Endprodukt für die Fleischerzeugung werden erst dann erfolgreich sein, wenn die reinrassigen Ausgangstiere allen Voraussetzungen entsprechen. Dabei bedarf es nicht nur züchterischer Erfahrung, sondern auch viel Platz zur Durchführung der Versuche. Eine genaue Aussage, welche unserer Wirtschaftsrassen am geeignetsten ist, kann bis heute noch gar nicht gemacht werden.
An den Angorazüchtern können wir uns ein Beispiel nehmen. Was da geleistet wurde ist in unserer Kaninchenzucht einmalig. Diese Leistungen wurden nur erreicht, weil auf breiter Basis gearbeitet wurde. Es wäre daher unbedingt notwendig, dass die Leistungsprüfungen für Normalhaarkaninchen nicht nur in den Anstalten, sondern in der gleichen Weise wie in der Angorazucht durchgeführt würden.
Die Meinung, dass in der Fleischkaninchenzucht nur vermehrt zu werden braucht, ist irrig. Ohne eine Zuchtlenkung, bei der das Tiermaterial immer weiter verbessert werden muss, kann es auf die Dauer keinen Erfolg geben. Aber ohne die notwendige Erfahrung und Kenntnis in der Kaninchenzucht werden unüberwindliche Schwierigkeiten mit Sicherheit auftreten. Man kann eben nicht mit der Fleischkaninchenzucht beginnen, wenn es schon an den primitivsten Grundlagen fehlt.
Ein besonderes Problem ist die Krankheitsanfälligkeit, die sich durch die massive Haltung der Tiere auf engem Raum er- gibt. So ist zum Beispiel der Schnupfen zu nennen, der durch eine mangelnde Klimatisierung sehr stark begünstigt wird.
Dazu kommt eine unspezifische Darmerkrankung, die ebenfalls erhebliche Verluste unter den Tierbeständen verursacht. Das bis jetzt noch fehlende geeignete Tiermaterial und die Aufzuchtverluste durch Krankheit haben so manchen Fleischkaninchenzüchter zum Aufgeben gezwungen. Dazu kommt das bis heute noch ganz und gar ungelöste Absatzproblem. Um es genau zu sagen: Man fing mit der Fleischkaninchenzucht zu unvorbereitet an. Eine mehr oder weniger sachliche Werbung hat der ganzen Sache mehr geschadet als genutzt. Trotz dieser bisherigen Entwicklung bin ich nach wie vor überzeugt, dass für die Fleischkaninchenzucht auch in Zukunft gute Chancen bestehen. Freilich werden sich die getäuscht sehen, welche glaubten, durch die Kaninchenzucht ohne viel Arbeit viel Geld zu verdienen. Doch die Produktion von Kaninchenfleisch ist harte Arbeit und nur noch wenig ein Hobby.
Mein Betrieb ist nicht groß; 12 Häsinnen habe ich zur Zucht eingestellt. Vorausschicken möchte ich, dass ich seit 1951 organisierter Kaninchenzüchter bin. Trotzdem ich mich nun etwa seit 8 Jahren mit der Fleischkaninchenzucht aktiv befasse, habe ich bewusst meinen Zuchttierbestand klein gehalten. Ich war mir von Anfang an im Klaren, dass ich nicht am Markt vorbei produzieren darf. Und dies war einer der größten Fehler, der von vielen Anfängern gemacht wurde. Das Resultat war eine Überproduktion, die Schlachtkörper konnten nicht verkauft werden. Und somit war das Interesse dieser Züchter an der Fleischkaninchenzucht wieder vorbei.
Leider ist es bis heute so, dass wir von einer marktorientierten Kaninchenfleischerzeugung noch weit entfernt sind. Ich habe mir im Laufe der Jahre einen festen Kundenstamm erworben. Er reicht schon weit über den so oft erwähnten Bekanntenkreis hinaus. Ich kann sogar eine ständige Aufwärtsentwicklung verzeichnen. Diese steigende Nachfrage erlaubt es mir nun auch, meinen Betrieb zu erweitern. Selbstverständlich sind auch mir Grenzen gesetzt. Ich meine damit, dass arbeitsmäßig die Belastung zu groß wird. Denn ich betreibe ja die Fleischkaninchenzucht nur als Nebenerwerb.
Meine Tiere, ob Zucht- oder Jungtiere, werden jede Woche gewogen. Durch das regelmäßige Wiegen der Jungtiere konnte ich schon beachtliche Erfolge in der Gewichtszunahme erzielen. Was wiederum bedeutet, dass ich das Mastendgewicht (2,8 kg) früher erreicht habe. Da ich meine Häsinnen bis zu viermal im Jahr werfen lasse, halte ich eine Gewichtskontrolle bei den Zuchttieren für erforderlich. Ich bin der Meinung, dass 4 Würfe im Jahr ohne weiteres vertretbar sind. Voraussetzung aber ist, dass die Häsin in guter Verfassung bleibt. Wenn ich irgendeine Veränderung oder eine Gewichtsabnahme bei einer Zuchthäsin feststelle, schließe ich sie vorübergehend von der Zucht aus. Mit 6 bis 8 Wochen werden die Jungtiere abgesetzt und tätowiert.
Ich werde auch bei einer noch größeren Tierzahl immer Wert auf die Tätowierung legen. Dies halte ich im Interesse einer Verbesserung der Zucht und somit der Rentabilität für erforderlich. Ebenso möchte ich aber nicht auf Ausstellungen verzichten. Trotz aller Wirtschaftlichkeit, die ohne Zweifel in der Fleischkaninchenzucht an erster Stelle stehen muss, sollen Leistung und Schönheit Hauptziel sein. Mir jedenfalls gefällt immer noch ein Weißer-Neuseeländer-Rammler mit 15 Punkten in Position Kopf und Ohr besser als ein Tier mit 14 oder sogar nur 13 Punkten.
Von großer Bedeutung ist eine peinlich genaue Zuchtbuchführung. Auch sollte auf die Schlachtausbeute geachtet werden. Diese ist noch sehr unterschiedlich und lässt eine Verbesserung ohne weiteres zu. Zur Fütterung ist zu sagen, wer Leistung haben will, muss auch auf Leistung füttern. Das von der Industrie angebotene Fertigfutter hat sich auf jeden Fall in der Praxis bewährt. Dass auf eine reichliche Versorgung der Tiere mit Trinkwasser zu achten ist, ist selbstverständlich.
Im Großen und Ganzen ist über Zuchtfragen, Haltungstechnik, Futter und Fütterung so viel geschrieben worden, dass es sich hier eigentlich erübrigt, darauf einzugehen. Wichtiger zu klären, erscheint mir das Absatzproblem. Wie ich schon erwähnte, vermarkte ich meine Tiere selbst und gebe sie direkt an den Verbraucher ab. Die geschlachteten Tiere werden ganz, aber ohne Kopf, in Plastikbeuteln zum Verkauf angeboten. Ich bin bis jetzt, vom großen Arbeitsaufwand abgesehen, ganz gut dabei gefahren. Ich möchte aber in Zukunft dazu übergehen, den Schlachtkörper aufzuteilen. Nach meiner Erfahrung werden Teilstücke, wenn sie attraktiv verpackt sind, vom Verbraucher bevorzugt gekauft.
Bedeutend weniger Arbeit hat man natürlich, wenn man die Tiere lebend an einen Händler verkauft. Doch werden die dafür gezahlten Preise die Produktionskosten kaum decken. Dazu kommt noch, dass der einschlägige Großhandel wenig Interesse an unseren Schlachttieren zeigt. Die zersplitterten Kleinangebote der Züchter reichen bei weitem nicht aus; deshalb auch die hohen Importe aus dem Ausland.
Um einer marktorientierten Kaninchenfleischerzeugung gerecht zu werden, ist ein Zusammenschluss von Züchtern auf regionaler Ebene erforderlich. Die sich auf vielen Gebieten vorteilhaft bewährte Genossenschaft ist aber nach meiner Ansicht für die Fleischkaninchenerzeugung nicht geeignet. Ich bin kein Gegner der Genossenschaften, da ich selbst Mitglied einer Genossenschaftsbank bin und deren Vorteile zu schätzen weiß. Obwohl ich in Bezug auf Genossenschaften keinerlei Erfahrungen habe, glaube ich doch, dass die Investitionen für Schlachthaus, Kühlanlagen, Verkaufsräume und Verkaufsstände (Wochenmärkte) sehr hoch sind. Auch würde eine Genossenschaft Fahrzeuge benötigen. Hinzu kämen noch Personalkosten, denn ohne hauptamtliches Personal kann eine Genossenschaft nicht arbeiten. Bis nun die Genossenschaft mit Gewinn arbeiten und dem Züchter für seine Tiere einen angemessenen Preis zahlen kann, können Jahre vergehen. Meine Bedenken müssen nicht unbedingt zutreffen, aber ich kann es mir nicht anders vorstellen.
Vielleicht aber würde uns ein anderer Weg weiterführen: Es gibt viele Kaninchenzuchtvereine, welche eine Gemeinschaftszuchtanlage haben. Ich glaube, dass sich diese Anlagen in der Praxis gut bewährt haben. So müsste es auch möglich sein, gemeinsame Mastanlagen zu schaffen. Meine Vorstellung geht dahin, dass auf Vereinsebene von den für die Fleischkaninchenerzeugung interessierten Züchtern zum Beispiel leerstehende landwirtschaftliche Gebäude oder ähnliches gepachtet werden. Ich glaube, dass dies im Bereich des Möglichen liegt.
Ein Pachtvertrag wäre jedenfalls abzuschließen. Die Stalleinrichtung könnte gemeinsam angeschafft oder sogar im Eigenbau erstellt werden.
Über die Arbeitseinteilung und alles andere (Gewinn und Verlustteilung) müsste eine Satzung erstellt werden. Sicher werden am Anfang noch Probleme auftreten, die heute noch nicht erkennbar sind. Aber ich glaube, dass die Vorteile überwiegen. So könnte sich auch der kleine Züchter an der Erzeugung von Kaninchenfleisch beteiligen, da eine Erweiterung seiner eigenen Anlage nicht mehr nötig ist. Die Tiere, die für die Mast bestimmt sind, werden mit 6 Wochen in die Gemeinschaftsanlage eingesetzt und verbleiben dort bis zum Mastende. Ob nun selbst vermarktet wird oder ob die Tiere lebend an einen Händler verkauft werden, müsste noch eingehend geklärt werden. Auf jeden Fall aber wäre die Möglichkeit gegeben, die Abnehmer regelmäßig mit einer größeren Menge Fleisch zu beliefern. Auch liegt es im Bereich des Möglichen, durch Zusammenarbeit eine raschere Verbesserung der Zuchttiere zu erreichen.
Nun, es sind Überlegungen; wie sie in der Praxis aussehen würden, weiß ich nicht. Ich jedenfalls wäre jederzeit bereit, mich an einer Gemeinschaftsmastanlage zu beteiligen. Ich möchte nochmals betonen, dass die Fleischkaninchenzucht auch in Zukunft rentabel sein wird. Es bleibt nur zu hoffen, dass alle Probleme, die bis jetzt noch ungelöst sind, einmal geklärt werden können. Nur sind uns Kaninchenzüchtern Grenzen gesetzt; man kann deshalb aber nicht sagen: wir wollen nicht!




