Heidrun Eknigk, Finsterwalde – „Das Blaue Jahrbuch“ 2011

Ohrenlänge bei allen Rassen messen? Es wird gegenwärtig viel diskutiert, ob es angebracht ist, bei allen Rassen die Ohrenlänge zu messen. Vielen Zuchtfreunden und auch einigen Preisrichtern sträuben sich bei diesem Gedanken die Haare.

Es soll hier ein Beispiel aus jüngster Zeit als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen dienen und vielleicht überzeugen, dass das Messen der Ohrenlänge keine Willkür gegenüber den Züchtern und Preisrichtern darstellt.

Ein Zuchtfreund erwarb im vergangenen Jahr eine hoch bewertete Häsin einer kleinen Rasse, ein Tier, das als Rammler(!) durch die Bewertung ging, weil seine phänotypische Erscheinung einem männlichen Tier entspricht. Vorzügliche Rassemerkmale und eine äußerst dichte Behaarung sind dem Tier eigen, auffällig ist nur die geringe Ohrenlänge. Das Messen der Ohren ergab allerdings eine Länge von nur 8,5 cm bei einem Idealgewicht von bis zu 3,25 kg. Den Namen des Züchters und der Rasse nenne ich nicht, um nicht den Verkäufer des sonst sehr ansprechenden Tieres in Verruf zu bringen.

Praxis in vielen Ländern Europas und früher in den neuen Bundesländern

Jeder Zuchtfreundin, jedem Zuchtfreund in den fünf östlichen Bundesländern ist es noch bekannt und war jedem vertraut, dass die Ohrenlänge bei Tieren aller Rassen gemessen wurde. In vielen ausländischen Verbänden, die Mitglied im Europäischen Verband für Geflügel-, Tauben-, Vogel-, Kaninchen- und Caviazucht sind, ist das Ohrenmessen ein fester Bestandteil im Zucht- und Bewertungswesen. Es wäre also keine Boshaftigkeit der Standardkommission, wenn die Ohrenlänge für alle unsere Rassen festgeschrieben würde, statt es auf die Widder- und Zwergrassen sowie auf jene Rassen, die im Standard eine Bewertungsposition „Kopf und Ohren“ aufweisen, zu begrenzen.

Ohrenlänge muss zur Körperlänge des Tieres passen

Die ausdrückliche Position „Kopf und Ohren“ könnte durchaus den Eindruck suggerieren, dass die Ohren zum Kopf und nicht zum Körper passen sollten. Aber weit gefehlt, denn noch immer haben die Ohren bei der überwiegenden Zahl der Rassen zur Körperlänge des Tieres zu passen. So steht es ganz klar im Standard auch bei jenen Rassen geschrieben, bei denen keine gesonderte Position zur eigentlichen Ermittlung der Ohrenlänge verpflichtet.

Ich zitiere solche Hinweise einmal wahllos und anhand von nur drei Rassen:

KISch: „Die Ohren sind fest im Gewebe und entsprechen in ihrer Länge dem Körper.“

MF: „Die Ohren sind sehr stabil im Gewebe und sollen in der Länge zum Körper passen."

KIS: „Die Ohren sind offen, gut abgerundet, kräftig im Gewebe und in der Länge zum Körper passend.“

Der geschätzte Leser möge sich bitte im Standard überzeugen, bei welchen stehohrigen Rassen diese Forderung zu Ohrenhaltung, Ohrstruktur und Länge der Ohren in der Position 2 den Typ unterstreicht und bei welchen Rassen diese Kriterien die Rassemerkmale ansprechen.

Um bei diesen drei Beispielen zu bleiben, unterstreicht das Ohr beim Kleinsilber und bei der Kleinschecke den Typ und ist beim Marburger Feh ein Rassemerkmal.

Der Messstab ist das zuverlässige Maßwerkzeug

Es gibt eine kleine Faustregel, welche die Ohrenlänge passend zur Körperlänge in das Verhältnis 1:4 setzt. Kleinrahmige Tiere in den Rassen werden positiv berücksichtigt, indem bei der Festlegung der Ideallänge kleine Abweichungen berücksichtigt werden.

Manche Züchter meinen, die Ohrenlänge messen zu können, indem sie die Ohren umfassen und die Handbreite das Längenmaß ergibt. Dies ist ein Irrtum, denn nicht jede Hand ist von Mensch zu Mensch gleich breit und zudem wird der Ohrenansatz nicht erfasst. Deshalb ist das Maß aller Dinge der Messstab.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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