Von Peter Hoefer, Obmann für Angorazucht im ZDK
„Das Blaue Jahrbuch“ 1989
Zunächst ein wenig Geschichte in Kurzform: Das Angorakaninchen gehört zu den ältesten Rassen der Hauskaninchen. Wie alle unsere vielfältigen Kaninchenrassen, so stammen auch unsere Angorakaninchen vom Wildkaninchen ab. Das langwachsende Haar ist durch eine „Mutation" entstanden. Unter einer „Mutation“ ist das plötzliche Auftreten von Merkmalen zu verstehen, die konstant auf die Nachzucht vererbbar sind. Leider ist uns nicht überliefert, wann und wo diese Mutation stattfand. Man weiß lediglich, dass im Jahre 1723 von englischen Seeleuten einige Kaninchen mit langem Fell nach Bordeaux in Südfrankreich gebracht wurden. Welche Haarfärbung diese Tiere besaßen, ist ebenfalls unbekannt. Es wird jedoch angenommen, dass es wildfarbige Kaninchen waren, weil zu dieser Zeit fast alle Kaninchen die wildgraue Färbung hatten. Diese Anfangstiere hatten auch keinerlei Rassenmerkmale, wie wir sie heute kennen -Ohrbüschel, Stirnbüschel, Backenbart, Büschelbildung unter den Vorder- und Hinterläufen. Der Unterschied zu den normalen Kaninchen bestand eben darin, dass das Fell am Rumpf sehr langhaarig war. Englische Züchter ihre Vorliebe zu allen außergewöhnlichen Formen ist auch heute noch bekannt – arbeiteten mit diesen langhaarigen Tieren und schufen im Laufe der Zeit die sogenannten „Rassemerkmale“. Im Jahre 1777 kamen erste „Angorische“ oder „Englische“ Kaninchen nach Deutschland, hier wurden sie damals auch „Seidenhasen“ genannt. 1885 wurden auf einer Kaninchenausstellung in Chemnitz auch Angorakaninchen gezeigt. Auf Grund der sehr langen Wolle weckte es unter den Züchtern doch sehr schnell Interesse. Die wertvollsten Ausstellungstiere hatten eine Wolllänge von 25 cm. Der Name „Angora“ weist nicht auf die Herkunft der Rasse hin, sondern ist von dem Wort Angorismus = Verlängerung des Haares abgeleitet. Vielleicht standen auch die langhaarigen Ziegen bei der Namensgebung Pate, die bei uns als „Angoraziegen" bekannt sind.
Die Zucht
Vor Zuchtbeginn und vor der Anschaffung von Angorakaninchen sollte sich der Züchter Gedanken machen, ob er Angorakaninchen nur zu Ausstellungszwecken züchten will oder ob er mit den Tieren Leistungszucht betreiben möchte. Ich gehe davon aus, dass der künftige Angorazüchter bereits Erfahrungen in der Kaninchenzucht gesammelt hat, bevor er sich der Angorazucht zuwendet. Sollen Ausstellungstiere gezüchtet werden, ist auf die Bewertungspositionen Körperform und Rassemerkmale besonders zu achten. Wird aber gesteigerter Wert auf das ureigenste Zuchtziel der Angorakaninchenzucht gelegt, dann sollten die Standardpositionen Wolle, Ausgeglichenheit und besonders die Struktur die stärkere Beachtung finden. Bereits mit der Auswahl der Zuchttiere beginnt die Zucht. Von erfahrenen Herdbuch- oder Leistungszüchtern sollte man die Zuchttiere möglichst an deren Stallanlagen erwerben. Bei dieser Gelegenheit kann man sich auch gleich die Elterntiere und die Geschwister der zu kaufenden Tiere ansehen. Auch kann man sicherlich noch manchen wertvollen Tipp über die Angorazucht von einem erfahrenen Züchter erhalten. Wer Angorazüchter werden will, muss bestrebt sein, durch eine sorgfältige und planmäßige Auswahl die Zuchttiere so auszuwählen, dass man Nachkommen erhält, die in allen Merkmalen die Elterntiere möglichst noch übertreffen. Jeder züchterische Erfolg hängt wesentlich von einer besonderen Befähigung für diese Zuchtwahl ab. Besonders gilt dies für die Herdbuch- und Leistungszucht, bei der es weniger auf äußere Merkmale, sondern vielmehr auf die Erzüchtung gesunder, leistungsfähiger und erbfester Tiere ankommt. Um ein guter Angorakaninchenzüchter zu werden, sind vor allem Erfahrungen in der Kaninchenhaltung sowie Kenntnisse der Vererbungs- und Züchtungslehre erforderlich. Dem Anfänger in der Angorazucht möchte ich empfehlen, mit 2 oder 3 Tieren zu beginnen. Wer aus einer anerkannten Herd- buch- oder Leistungszucht die ersten Tiere nach abgeschlossener Woll-Leistungsprüfung erwirbt, hat schon den Vorteil, gute Leistungstiere zu erhalten. Jedes Angorakaninchen, das eine solche Prüfung absolviert, erhält nach Abschluss der Prüfung ein vom zuständigen Landesverbands-Angoraobmann unterschriebenes Zeugnis (Leistungsnachweis), das über die erbrachten Leistungen Auskunft gibt. Ebenfalls sind darauf die Leistungen der Eltern, Groß- und Urgroßeltern vermerkt. Beginnt der Neuling mit wenigen Tieren, gewöhnt er sich leichter an die mit der Angorazucht verbundenen Arbeiten und wird sie sorgfältiger und gründlicher ausführen. Bei einer größeren Zahl von Tieren werden ihm die noch nicht vertrauten Arbeiten evtl. Schwierigkeiten bereiten. Die züchterischen Arbeiten dürfen nicht zur Last werden, sondern sollen dem Züchter Freude bereiten, also ein echtes ,,Hobby" sein, ein sehr „lebendiges Hobby“. Den Kauf der ersten Zuchttiere vom Kaufpreis abhängig zu machen, möchte ich nicht empfehlen. Gute, ausgeprüfte Angorakaninchen mit vollständigem Abstammungs- und Leistungsnachweis (Zeugnis) sind sicherlich etwas teurer als ungeprüfte Tiere, bieten aber die Gewähr, mit leistungsfähigen Tieren die Zucht beginnen zu können.
Wie sollen nun die Zuchttiere aussehen?
Die Erbmerkmale werden dem Jungtier zu gleichen Teilen vom Vater- und Muttertier mitgegeben. Trotzdem ist der Einfluss des Vatertieres höher einzuschätzen, weil es ja mit mehreren Muttertieren verpaart wird und somit seine Erbmerkmale an eine wesentlich größere Zahl von Jungtieren weitergibt. Dem Vatertier (Rammler) ist also die größte Beachtung zu schenken. Der Zuchtrammler soll eine gute Woll-Leistung erbracht haben. Vor allem ist auf einen möglichst geringen Filzanteil zu achten; er muss also eine gute Wollstruktur besitzen. Er muss besonders kräftig und vital sein. Man muss sofort den Rammlertyp mit gedrungenem, kräftigem Kopf erkennen. Auf einen breiten Rücken und ein gut gerundetes Becken ist zu achten. Die Vorderläufe müssen gerade aufstehen und die Ohren aufrecht, wie eine römische „V“ getragen werden. Körperliche Mängel dürfen nicht vorhanden sein. Im Stall ist der Rammler möglichst weit entfernt von den Häsinnen unterzubringen. Sicht- und Geruchskontakt mit den Häsinnen beunruhigen den Rammler zu sehr, so dass er in seiner Leistungsfähigkeit nachlässt.
Zur Zeit der Zuchtbenutzung ist der Rammler kräftig zu füttern, aber nicht zu mästen. Der Körperbau der Häsin ist gestreckter als der des Rammlers. Ihr Kopf erscheint etwas länger, wie auch der ganze Körperbau nicht so wuchtig ist. Auf ein breites, gut abgerundetes Becken und eine breite Brust ist besonders zu achten. Eine ruhige und gutmütige Häsin ist einem nervösen und scheuen Tier immer vorzuziehen. Beachtung schenken sollte man auch den Saugwarzen (Zitzen). Schon die Anzahl der Zitzen ist sehr verschieden. In meiner Zucht notiere ich die Anzahl der Saugwarzen aller Tiere auf den Stallkarten, auch von den Rammlern. Schon mancher Besucher hat beim Studium meiner Stallkarten von den Rammlern still gelächelt, wenn er die Eintragung der Zitzenzahl bemerkte. Dass aber auch der Rammler die Veranlagung zur Zitzenzahl vererbt, leuchtet den meisten erst nach einigem Nachdenken ein. Nach eigenen Beobachtungen schwankt die Zitzenzahl zwischen 7 und 11. Auch scheint ein gewisser Zusammenhang zwischen der Zahl der Saugwarzen und dem Aufzuchtvermögen der Häsin zu bestehen. Bei der Schur ist besonders darauf zu achten, dass keine Saugwarze verletzt wird. Die kleine Wunde heilt zwar schnell wieder zu, aber wenn die Spitze verletzt oder abgeschnitten ist, vernarbt die Milchdrüse und fällt als Milchspender aus. Die Häsinnen sollen gut gefüttert, aber nicht gemästet werden. Eine verfettete Häsin wir nur schwer oder gar nicht trächtig. Die Tiere in guter Zuchtkondition zu halten, ist Aufgabe des Züchters. Eine Häsin mit einem guten Aufzuchtvermögen sollte so lange wie möglich in der Zucht benutzt werden. Zur Zucht eignen sich nur gesunde, gleichmäßig entwickelte Tiere, die eine abgeschlossene Jahreswolleistung aufzuweisen haben. Auch ist besonders auf sogenannte Jungtierkrankeiten zu achten. Anhand eines gut geführten Zuchtbuches ist es nicht schwer, die gesündesten Tiere zur Weiterzucht auszuwählen. Je strenger der Maßstab hier angelegt wird, desto besser ist dies für die künftige Zucht.
Den Zeitpunkt des Zuchtbeginns bestimmt nicht nur das Alter des Tieres, sondern vielmehr dessen körperliche Entwicklung. Nicht voll entwickelte Tiere erleiden, falls sie zur Zucht eingesetzt werden, eine Unterbrechung der körperlichen Entwicklung, die sich nicht nur für das Tier selbst, sondern auch für die Nachzucht nachteilig auswirkt.
Der Beginn der Zucht mit Angorakaninchen ist nicht an eine bestimmte Zeit gebunden. In meiner Zucht habe ich festgestellt, dass die Bereitschaft zum Decken für die Häsin kurz nach der Schur am größten ist. Der Rammler ist am deckfreudigsten, wenn die Schur vor 2-3 Wochen war. Häsinnen werden durch die Schur offenbar stark erregt und nehmen dann den Rammler willig an. Jahreszeitlich ist es im Frühjahr am günstigsten. Ein eiserner Zuchtgrundsatz sollte auch sein, dass niemals 2 Tiere mit dem gleichen Fehler verpaart werden – hier würde der Fehler nur noch mehr verstärkt. Die Zuchttiere sollten sich in Fehlern und Vorzügen immer ergänzen, damit die Nachzucht möglichst besser wird als das Elternpaar.
Die Haltung
Das Angorakaninchen benötigt unabdingbar eine saubere Unterbringung als Voraussetzung einer ordnungsgemäßen Zucht und Wollgewinnung. Die Haltung der Tiere bestimmt im Wesentlichen mit die Qualität der Wolle. Die Stallfläche für Angorakaninchen sollte möglichst 80×80 cm betragen, und die Buchten sollten eine Höhe von etwa 55 cm aufweisen, damit die Tiere genügend Luft und Licht bekommen. Den Stall tiefer als 80 cm zu bauen, halte ich für unpraktisch, da man bei der Reinigung und Desinfizierung die hintersten Ecken nur schwer erreichen kann. Auch werden die Tiere in tieferen Stallungen scheu und flüchten in die hinterste Ecke. Für Zuchthäsinnen ist ein Doppelstall zu empfehlen, um den Jungtieren möglichst viel Bewegungsraum zu geben, was die Entwicklung der Jungtiere günstig beeinflusst.
Früher kannte man als Baumaterial für die Ställe nur Holz und Stein. Heute werden aber auch sehr gute Fertigställe angeboten aus vielerlei Materialien. Für den Züchter sind moderne Ställe mit Kotschubladen eine große Erleichterung, da sie schnell und gründlich zu reinigen sind. An den Stallboden muss man für die Angorazucht ganz besondere Anforderungen stellen. Die Haltung auf Stroh oder sonstigem Einstreumaterial ist zwar die natürlichste, macht aber die meiste Arbeit, und die Tiere sind nicht immer sauber zu halten, da sie sich mit Kot oder Urin beschmutzen. Hier empfiehlt sich die Haltung der Angorakaninchen auf Rosten, die beispielsweise aus Holz, Kunststoff, Draht oder Gitterstäben gefertigt sein können. In meiner Zucht gab ich jahrelang den Drahtrosten aus 19-mm-Geflecht den Vorzug. Auch habe ich vor Jahren die Kunststoff-Leisten probiert – die trotz einer aufgerauten Oberfläche immer noch zu glatt waren. Auch waren diese Kunststofflatten zu breit, so dass besonders der Urin nicht richtig abfließen konnte. Zu Anfang meiner Zucht benutzte ich Holzroste, die sich nicht bewährt hatten, weil sie sich mit Urin vollgesogen haben und die Tiere dann meistens feucht saßen. Auch wurden die Roste von den Tieren stark benagt. Seit 1987 habe ich die neuesten Roste aus Kunststoff in der Erprobung. Dies sind Kunststoffwaben in einer Größe von 25×25 cm, die mittels eines Steckverschlusses zu Rosten in beliebiger Breite und Länge zusammengesetzt werden können. Mit einer normalen Säge werden diese dann auf das genau benötigte Maß zurechtgeschnitten. Der dabei entstehende Abfall kann für den nächsten Rost wieder angesetzt werden, so dass doch nur ganz wenig Abfall entsteht. Meine anfänglichen Bedenken, dass die Kunststoffroste von den Tieren benagt werden, hat sich nicht bestätigt. Diese Roste lassen sich leicht und schnell reinigen, da die Stege konisch gearbeitet sind und der Kot dadurch leichter durchfällt. Gegenüber den Drahtrosten haben die Kunststoffroste auch noch einen entscheidenden Vorteil: Kein Rosten mehr, und die Tiere sitzen auf dem Kunststoff wärmer als auf Drahtrosten. Auf diesen Rosten können wunde Läufe und Durchtreten der Läufe weitgehend vermieden werden.
Zu jedem Stall gehört eine Futterraufe. Ob diese an der Stalltür von außen oder innen angebracht ist, ist wohl nicht so wichtig. Achten sollte man darauf, dass die Jungtiere nicht in die Raufe gelangen können und sich verletzen. Man kann auch die Wand zwischen zwei Buchten als Raufe bauen. Diese Form hat den Vorzug, dass sehr viel Rauhfutter (Heu) in der Raufe untergebracht werden kann. Bei dieser Bauart sind auch Verletzungen völlig ausgeschlossen, weil die Tiere nicht in die Raufe gelangen können. Gefüllt wird diese Raufe von vorne und wird mit der Stalltüre geschlossen. Diese Art von Raufen hat sich in meiner Zuchtanlage seit Jahren bestens bewährt. Ein Futternapf mit breitem Wulst aus glasiertem Steingut gehört in jede Bucht. Diese Futternäpfe sind innen glatt, so dass man sie gut reinigen kann. Eine Tränke vervollständigt die Inneneinrichtung einer Bucht für Angorakaninchen. Ob man sich für eine zentrale Anlage mit Beiẞ- oder Nippeltränken entscheidet oder eine Flaschentränke bevorzugt, muss jeder Züchter für sich entscheiden. Beide Arten haben ihre Vor- und Nachteile. Eine Tränke im Wassernapf möchte ich nicht empfehlen, weil die Tiere sich den Backenbart zu sehr verschmutzen und auch das Wasser sehr schnell verunreinigt wird. Die wenigste Arbeit macht wohl eine zentrale Wasserversorgung man füllt den Vorratsbehälter und alle Buchten sind versorgt. Noch komfortabler ist es, wenn das Wasser, automatisch von einem Schwimmer gesteuert, direkt aus der Wasserleitung kommt. Ich möchte auch die Nachteile einer solchen Tränkanlage nicht verschweigen: Bei kalkhaltigem Wasser können durch Ablagerun- gen die Nippel verstopfen. Der Züchter merkt es meistens erst, wenn das betreffende Tier kein Futter mehr aufnimmt. Dieser Nachteil entsteht bei einer Flaschentränke nicht, da man bei der täglichen Fütterung den Wasserverbrauch kontrollieren kann. Meist besteht eine Flaschentränke aus 500-ccm-Flaschen mit Gummistopfen. Bei einer größeren Anzahl von Buchten macht dies jedoch ziemlich viel Arbeit, weil alle täglich gefüllt werden müssen. Sind mehrere Tiere im Stall oder ist es sehr heiß, reicht eine Flasche auch vom Inhalt her nicht aus, um den Wasserverbrauch zu decken. Um die Nachteile der kleinen Flasche zu beseitigen, habe ich mir 1000-ccm-Flaschen mit Schraubverschluss gekauft. In den Schraubverschluss habe ich ein 8-mm-Loch gebohrt, in das ich ein Metallröhrchen mit 6 mm Durchmesser mit einer Gummidichtung befestigte. Das Röhrchen ist um etwa 45 Grad gebogen und an dem Ende, das in der Flasche steckt, etwas verringert, damit das Wasser nur tropfenweise entnommen werden kann. Diese Art von Tränkanlage hat sich in meiner Zuchtanlage sehr bewährt. Deshalb möchte ich sie auch weiterempfehlen. Bei Verwendung von Bodenrosten ist es erforderlich, dass der tragenden Häsin etwa eine Woche vor dem Geburtstermin ein Nistkasten in die Bucht gestellt wird. Dieser sollte mindestens 30 x 30 cm Grundfläche haben und auch mindestens 30 cm hoch sein. Das Einschlupfloch muss mindestens 15×15 cm sein und etwa 10 cm hoch vom Boden beginnen. Das hohe Einschlupfloch verhindert ein Herausfallen der Jungtiere. Wenn der Deckel aufklappbar ist, kann man ganz bequem die erforderlichen Nestkontrollen vornehmen.
Es versteht sich von selbst, dass eine moderne Zuchtanlage nicht nur für die Kaninchen optimal sein soll, sondern auch der Züchter und die Besucher sollen Freude an einer sauberen und ordentlichen Stallanlage haben. Ist die Stallanlage „pflegeleicht“ gebaut und eingerichtet, erleichtert es dem Züchter sehr die Arbeit des Sauberhaltens. Die Anlage eines ernsthaften Züchters soll niemals Anlass zu irgendwelchen Beanstandungen geben und sich auch optisch von den Ställen der „Kaninchenhalter“ abheben.
Die Verwertung
Unter den im Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter z.Zt. zugelassenen 61 Rassen mit zahlreichen Farbenschlägen ist das Angorakaninchen das einzige Kaninchen, das bereits zu Lebzeiten durch die regelmäßig stattfindenden Schuren einen wirtschaftlichen Nutzen abgibt. Unter, „Verwertung“ ist in erster Linie die Gewinnung der Wolle zu verstehen.
Das Angorakaninchen wird bereits im Alter von ca. 8 Wochen erstmals geschoren, dies ist die sogenannte Nestschur. Nach weiteren 13 Wochen erfolgt dann die Vorschur und später alle 13 Wochen eine Vollschur. Bei jeder Schur ist die Wolle peinlichst genau zu sortieren und zu wiegen. Die Ergebnisse der Vorschuren sind ein vorzügliches Hilfsmittel zur Selektion der Kaninchen. Treten doch bereits bei dieser Schur innerhalb eines Wurfes manchmal erhebliche Unterschiede in der Wolleistung auf. Auch ist in diesem Alter bereits eine gute Beurteilung der Körperformen möglich. Die Schur der Angorakaninchen kann auf vielerlei Art erfolgen. Am bekanntesten sind bei uns die Hand- und die Maschinenschur. Züchter mit kleinen Tierbeständen bevorzugen meist die Handschur. Dazu benötigt man eine scharfe Handschere, möglichst mit gerundeten Spitzen, oder eine Spezial-Angoraschere. Letztere gibt es auch noch mit angearbeitetem Bügel, die eine gleichmäßigere Schur ermöglichen sollen und Verletzungen vermeiden helfen. Für einen etwas größeren Tierbestand ist die Schur mit einer elektrischen Maschine empfehlenswert. Als Scherköpfe benutze ich in meiner Zucht 2-mm, 1-mm und 3-mm-Schneideköpfe. Angorakaninchen, die mit der Maschine geschoren wurden, sehen sauber und glatt aus, ohne Abstufungen zu zeigen. Ein allgemein- gültiges Schema, wie eine Schur zu bewerkstelligen ist, gibt es nicht. Jeder Züchter hat da seine besondere Technik entwickelt, mit der er am besten zurechtkommt. Eine genaue Beschreibung der einzelnen Techniken innerhalb dieses Artikels ist nicht möglich.
Dies würde den Rahmen zu sehr ausweiten. Dann kennt man noch das „Rupfen“, das hauptsächlich in unserem Nachbarland Frankreich gehandhabt wird. Nach einem solchen Rupfen sieht das Tier erbarmungswürdig aus. Diese Methode ist schon aus Gründen des Tierschutzes abzulehnen. In der Frühzeit der Angorazucht wurde die Wolle auch durch das regelmäßige Auskämmen gewonnen. Damals waren die Angorakaninchen allerdings längst nicht so dichtwollig wie heute. Man legte Wert auf möglichst lange Wolle. Längen von 25-30 cm wurden damals als ideal angesehen. Aus der damaligen Zeit rührt auch noch der Volksglaube, dass man Angorakaninchen täglich kämmen muss. In den letzten Jahren hat man auch die sogenannte „Chemieschur“ versucht. In diesem Verfahren wurde den Tieren je nach Körpergewicht eine chemische Substanz oral verabreicht, die das Längenwachstum der Haare beendet. Mir ist nicht bekannt, ob dieses Verfahren heute noch angewandt wird.
Bevor die Wolle zum Verkauf angeboten wird, muss diese peinlich genau sortiert werden. Die bisher am meisten verlangte Sortierung erfordert für Sorte I eine Länge von über 6 cm, für Sorte II 4-6 cm und für Sorte III 2-4 cm Länge. Die sortierte Wolle muss reinweiß und filzfrei sein. Für Filz gelten nochmals 3 Sortierklassen, je nach der Sauberkeit des Filzes. Das Berliner Institut für DIN-Normen arbeitet zurzeit an einer Neufassung dieser Klassifizierung der Rohwolle. Wie die neuen Sortierungsklassen aussehen werden, ist mir bis jetzt noch nicht bekannt.
In den letzten Jahren hat die Wolleistung der Angorakaninchen überdurchschnittlich zugenommen. Dies ist auf gute Haltungsbedingungen, optimale Nährstoffzuführung und eine konsequente Selektion der Zuchttiere zurückzuführen. Jahrzehntelang galt die Grenze von 2000 Gramm Jahreswollertrag als nicht erreichbare Traumgrenze. Auf einer Staatlichen Prüfstation für Angorakaninchen in Krefeld im Juni 1986 überwand eine Häsin aus meiner Zucht mit 2004 Gramm erstmals diese Grenze. Inzwischen haben mehrere Häsinnen diese Grenze übertroffen. Soweit also ein kleiner Überblick über die Angorazucht. Eine ausführliche Beschreibung der Angorakaninchenzucht findet der interessierte Leser in der Broschüre „Angorazucht heute“, die im Verlag Oertel + Spörer erhältlich ist.






