Emil Falk, Dombach/Taunus – „Das Blaue Jahrbuch“ 1973
Das Angorakaninchen wird mit Recht als die wirtschaftlichste Kaninchenrasse bezeichnet. Ist es doch das einzige Kaninchen, das bereits zu Lebzeiten, wegen seiner wertvollen Wolle, einen Erlös bringt.
Besonders in Notzeiten, während und nach den beiden Welt- kriegen, wurde es oft als das Schaf des kleinen Mannes bezeichnet. Durch seine Bescheidenheit in Haltung und Fütterung konnte es überall gehalten werden, wo die Voraussetzungen dafür gegeben waren.
Die Neueinrichtung von Angorazuchten sollte in erster Linie in Form von kleinen Zuchten erfolgen, wobei die gesicherte wirtschaftseigene Futtergrundlage die Hauptvoraussetzung ist, um später eine Rendite zu gewährleisten. Wer das gesamte Futter für seine Tiere kaufen muss, kann aus seiner Zucht keinen wirtschaftlichen Nutzen erzielen. Lieber klein anfangen und groß aufhören als umgekehrt. Es ist auf jeden Fall leichtfertig, ohne Kenntnisse in der Haltung von Tieren im Allgemeinen und in der Angorahaltung im Besonderen ein größeres Kapital zur Anlage eines Farmbetriebes aufzuwenden, um sich dadurch eine Existenz zu schaffen. Die Arbeit für eine Angorazucht ist eine sehr schöne und für einen Tierfreund ideale Aufgabe; sie darf aber neben dem Beruf nicht zur Last werden und muss immer eine nutzbringende, sinnvolle Freizeitgestaltung bleiben, die Erholung und Entspannung bringt.
Der Rohertrag an „Wollgeld“ ist dem eines guten Schafes gleichzusetzen. Man merke: Wenige Tiere gut gehalten, bringt einen größeren Nutzen als viele Tiere schlecht gehalten. Sauberkeit ist das erste Gebot für den Angorazüchter, wenn er seine Wolle gut bezahlt haben will.
Irgendwelche Futterrezepte auszuarbeiten und sie für allgemein verbindlich zu erklären, ist unzweckmäßig, weil die dem einzelnen Züchter zur Verfügung stehenden Futtermittel fast immer hinsichtlich ihrer Art und Menge verschieden sind.
Nicht nur in der Kaninchenzucht, auch in jeder anderen Tierzucht bildet die Fütterung das Kernproblem. Wenn man zehn Kaninchenzüchter fragt, wie sie ihre Tiere füttern, dann kann es sein, dass man zehn verschiedene Antworten bekommt. Das beweist die vielen Möglichkeiten, die diese Frage offen lässt.
Ferner ist die Fütterung auch eine finanzielle Frage. Will man billig füttern, wird man das Angorakaninchen in der Hauptsache mit jenen Futtermitteln ernähren, die der eigene Garten, die Küche und der Keller, die Bekannte, Verwandte oder Nachbarn liefern. Die Erfassung und Zubereitung dieser Futtermittel macht natürlich etwas Arbeit und Mühe. Wer über eine gut gefüllte Brieftasche verfügt und nicht an eine Rendite in der Angorazucht denkt, kann seine Tiere fast ausschließlich von Handelsfutter ernähren, das heute in reichlichem Maße vom Handel angeboten wird. Wir wollen es deshalb jedem Kaninchenzüchter selbst überlassen, welcher Art der Fütterung er den Vorzug gibt. Die Grundregel heißt: „Füttere mäßig, aber regelmäßig."
In der Kaninchenzucht und -haltung können nur Erfolge erzielt werden, wenn für eine sachgemäße Unterbringung der Tiere gesorgt wird. Ein zweckmäßiger Stall ist geradezu die Voraussetzung für eine gedeihliche Zucht. Von dem Verlag dieses Buches und unserer Fachzeitschrift „Deutscher Kleintier- Züchter" (DKZ) Oertel & Spörer, 7410 Reutlingen, Postfach 35, ist eine Broschüre über zweckmäßige Kaninchenställe für fast alle örtlichen Verhältnisse zu beziehen, die dem Züchter reichlich Anregung für den Stallbau gibt. Diese kleine Ausgabe lohnt sich in jedem Fall.
Die Bewertungsrichtlinien des ZDK für alle Kaninchenrassen sowie die Fachzeitschrift DKZ gehören unbedingt in die Hand eines jeden Züchters, wenn er Freude und Erfolg mit seiner Kaninchenzucht haben will. Fehler, Enttäuschungen und die damit verbundenen finanziellen Verluste bleiben dem Züchter dadurch weitestgehend erspart.
Maßgebend sei aber nicht nur der Rechenstift, sondern auch die Liebe zum Tier. Die starken Schwankungen in den Ausgaben über die Wollleistungen des Angorakaninchens in der Kaninchenzüchter- Fachpresse veranlassten das Institut für Kleintierzucht an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale und die Lehranstalt für Kleintierzucht in Kiel-Steenbek, mit den ersten Angora- Wolleistungsprüfungen (ALP) zu beginnen. Die Jahre von 1935 bis 1938 dienten dazu, geeignete Methoden und Richtlinien zur Durchführung der ALP auszuarbeiten. Zu den Anstalten in Halle/Saale und Kiel-Steenbek kamen später noch Prüfungsanstalten in Hamm (heute Unna-Königsborn), Krefeld-Großhüttenhof, Ohlau-Baumgarten, Kitzingen/Main, Stuttgart-Hohenheim, die Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht in Celle und ab 1959 die ALP-Station für Hessen in Darmstadt, die 1965 an die Hessische Landesanstalt für Leistungsprüfungen in der Tierzucht in Neu-Ulrichstein verlegt wurde, hinzu.
Auf Anregung der Anstalten wurden Vereins-, Kreis- und Herdbuchschurkontrollen eingeführt und die Angora-Wolleistungsprüfungen auf eine breitere Basis gestellt. Die Organisation in den Kreis- und Landesverbänden wurde weiter ausgebaut. Durch die laufenden Veröffentlichungen der Schurergebnisse und deren Auswertung in der Fachpresse stieg das Interesse an diesen Leistungsprüfungen ständig.
Ab 1952 bemühte sich die Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht (BFAK) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) zu einer einheitlichen Ausrichtung der Prüfungsanstalten im Bundesgebiet zu kommen. Diese neuen Richtlinien traten am 1. Dezember 1957 in Kraft. Die DLG übernahm auch die Zusammenfassung und Auswertung der Prüfungsergebnisse aller Anstalten und deren Veröffentlichung.
Man war bemüht, die Prüfungstiere auf allen Anstalten unter möglichst gleichmäßigen Bedingungen zu halten.
Auf Anregung der BFAK in Celle gingen alle Anstalten im Bundesgebiet zur Dreivierteljahresprüfung über. Die vierte Schur wird errechnet, indem man die Ergebnisse der drei Schuren zusammenzählt und durch 3 teilt. Die Bewertung der Wolle erfolgt nicht mehr nach der absoluten Menge, sondern nach der Wollwert-Richtzahl (WRZ) und der Wollwert-Endzahl (WEZ).
Im Jahre 1946 wurde in Frankfurt a. M. das Kaninchenherdbuch gegründet. Die Angorazüchter des Herdbuches waren verpflichtet, die ALP regelmäßig zu beschicken. Diese neue Einrichtung wurde durch die ALP sehr gefördert. Die straffe Organisation der Herdbuchzüchter sowie die ganz auf Leistung ausgerichtete Zucht der Angorakaninchen ließen die Leistungen nach Errichtung des Herdbuches stark ansteigen. Der durchschnittliche Wollertrag der Prüflinge auf den ALP-Stationen lag 1938 zwischen 300 bis 400 g. 1958 betrug die Durchschnittsleistung schon 600 g je Tier. Bis 1968 wurde der Durchschnitt aller geprüften Tiere auf fast 1000 g gesteigert. Während in manchen Zuchten von Anfängern mit Mühe gerade 600 bis 700 g Wolle im Jahr erzeugt werden, weisen die Herdbuchzuchten bereits Jahresleistungen von 1000 bis 1500 g nach. Die Notwendigkeit der ALP wird durch diese Beispiele anschaulich vorgeführt und die Steigerung der Wirtschaftlichkeit erneut unter Beweis gestellt.
Da die Zuchtarbeit eine nützliche Freizeitbeschäftigung ist, können unsere Züchterorganisationen nur aus Kleinzuchten bestehen. Diese aber sind in Zeiten, in denen der Rohwollabsatz Schwierigkeiten bereitet, besonders krisenfest. Diese Haltungs- weise, die keine Großzuchten kennt, macht erst eine sorgsame Pflege, eine für jedes Tier sinnvolle Fütterung und eine sorgfältig durchgeführte Schurkontrolle möglich. Nur auf diesem Wege ist der höchstmögliche Zuchterfolg gewährleistet bei gleichzeitiger Verbesserung der Wollqualität und der Erhaltung von Gesundheit und Fruchtbarkeit der Tiere. In gewissen Zeitabständen müssen die Erkenntnisse der Wissenschaft zunutze gemacht und der ständig fortschreitenden Entwicklung Rechnung getragen werden.
Zu Beginn der Angora-Leistungsprüfungen konnten die Prüfungstiere ab dem 6. Lebensmonat und später schon ab dem 3. Lebensmonat in die Anstalten eingeliefert werden. Dadurch wurde eine frühere Einstellung in die Zucht erreicht. Durch die lange Prüfungsdauer hatten die Züchter sehr oft viel Geduld aufbringen müssen, bis die Häsinnen tragend wurden. Da die Einlieferung der Prüflinge ab dem 3. Lebensmonat keine Leistungsminderung zur Folge hatte, wurde von dem Leiter der Hessischen Landesanstalt für Leistungsprüfungen in der Tierzucht in Neu-Ulrichstein und nach der Auswertung der Prüfungsergebnisse dieser Anstalt durch Herrn Dr. Schepens empfohlen, die Dauer der Prüfung über einen Zeitraum von 5 Jahren auf nur eine Prüfungsschur von 90 Tagen zu verkürzen.
Nach den neuen DLG/ALP-Richtlinien, gültig ab Januar 1972, werden nur Wurfgeschwister zugelassen. Die Prüfungsgruppen müssen aus zwei Tieren bestehen; sie müssen gleichgeschlechtlich zusammengesetzt sein (vorrangig Rammler). Das Einlieferungsalter darf 10 Wochen nicht überschreiten. Die Woll-Leistungsprüfungen für Angorakaninchen werden als Eigenleistungsprüfung mit einer Prüfungsdauer von 5 Monaten durchgeführt. Zwei Durchgänge im Jahr sind möglich:

Die Auswertung und Reihung der Ergebnisse erfolgt, indem der Mittelwert je Durchgang und Anstalt als Bezugsgrundlage ermittelt wird (Plus- und Minusvarianten). Die Bewertung der Tiere wird auf Grund folgender Feststellungen vorgenommen: ermittelte Wollerträge in g sowie Angabe des Mittelwertes des Durchganges in der betreffenden Anstalt, die Errechnung des Jahresschurertrages durch Multiplikation des Prüfungsergebnisses mit 4; Sortierergebnisse: 1. Sorte, 2. Sorte, Filz.
Die Wollwert-Richtzahl ist ein Maßstab für den Wert der Wolle und bedeutet den Gesamt-Wollertrag, umgerechnet auf Sorte 1. Sie wird unter Berücksichtigung der Sorteneinteilung aus dem errechneten Jahres-Wollertrag wie folgt berechnet:
Sorte 1 in g mal 100%
Sorte 2 in g mal 75%
Filz in g mal 25%

Die Herdbuch- und Kreisschurkontrollen werden in Kürze auf die neuen ALP-Richtlinien umgestellt werden.
Die Züchter, die sich an den Schurkontrollen beteiligen, können die Ausstellungen nur in beschränktem Maße beschicken, da Schur- und Ausstellungstermin nur selten in Einklang zu bringen sind. Die Verkürzung der Prüfungsdauer bringt auch hier eine Erleichterung für den Züchter, da der Beginn der Schurkontrolle nicht mehr an festgelegte Termine gebunden ist. Die Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden in der Woche bringt ein verlängertes Wochenende. Die Pflege von Tieren schafft Entspannung und Erholung von des Tages Hast und Mühen, dem Rentner gibt sie eine sinnvolle Beschäftigung. Da- mit verbunden sind viele unschätzbare Werte, die unser Dasein beglücken und die wir nicht missen wollen.
Was die Verwertung der Wolle betrifft, so wurde nicht nur die Qualität der Garne, der Wäsche, der Decken und Stoffe verbessert, sondern in rastloser Werbung und Aufklärung wurde der Angora-Gesundheitswäsche ein immer größerer Interessentenkreis gewonnen. Letzten Endes aber und dies ist der schönste Lohn kann eine kleine Familie mit einem Bestand von 12 bis 15 Alttieren ihren gesamten Jahresbedarf an Wolle und Wäsche decken. Der einschlägige Handel bietet hier ein reichliches Angebot.





