Karl Grathwohl, Großerlach – „Das Blaue Jahrbuch“ 1977
Die Angorakaninchenzucht ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Die neugewonnenen Mitglieder der Landesverbände haben sich zum größten Teil Normalhaarkaninchen zugelegt und züchten auf Farbe und Form. Der Grund für den Rückgang liegt einmal in der Überalterung des Züchterstammes und zum anderen darin, weil die Rohwollpreise in keinem Verhältnis zur heutigen Preissituation stehen. Vierzig Reichsmark bekam der Züchter bereits 1938 für ein Kilogramm 1. Sorte. Seit der Währungsreform sind aber die Preise für Angora-Erzeugnisse mindestens ein Dutzend Mal erhöht worden. Der Preis für die Rohwolle wurde aber nur sehr gering angehoben. Die Verarbeiter von Angorawolle haben alle groß investiert, der Angorazüchter aber konnte gerade seine Ställe modernisieren. Trotzdem ist die Wolleistung beim Angorakaninchen gestiegen. Die wenigen hundert Angora-Leistungs- und Herdbuchzüchter haben unter Mitwirkung der ALP- Stationen und der Wissenschaftler gute Arbeit geleistet. Dafür muss ihnen einmal öffentlich gedankt werden.
Die Wolle des Angorakaninchens hat die mehrfache Wärmekraft von Schafwolle. Wolle wärmt, weil in den Kräuselungen Luftbläschen sitzen. Das Angorawollhaar dagegen, nicht das Grannenhaar, ist innen hohl und hat einen Querschnitt wie eine Thermosflasche. Die wärmedämmende Luft ist in der Faser eingeschlossen. Außerdem ist Angorawolle die leichteste Naturfaser und hat ein extrem hohes Feuchtigkeitsaufnahmevermögen. Es ist z. B. dreimal höher als Baumwolle.
Die industrielle Verarbeitung war bisher jedoch schwierig, so dass Angorawolle meist nur zu groben Garnen versponnen werden konnte, z. B. für Gesundheitswäsche und Handstrickgarnen.
Diese Situation hat sich grundlegend geändert. Das Institut für Textiltechnik der Industrie für Textil- und Faserforschung Stuttgart, wissenschaftliche Institute an der Universität Stuttgart/Reutlingen haben ein neues Verfahren zur Verspinnung von Angorawolle entwickelt. Mit diesem Spinnverfahren kann Angorawolle bis zu einer Feinheit von Nm 150 (150 Meter Garn wiegen 1 Gramm) industriell versponnen werden. Patente in 35 Ländern sind angemeldet. Drei deutsche Spinnereien produzieren bereits. Schon 1973 wurde dieses Projekt eingeleitet und bedurfte seither hoher Aufwendungen für Entwicklung neuer Anlagen und für die Sicherung der Rohstoffversorgung.
Das Feingarn Angora/Trevira wird in einem abgewandelten Cora-Verfahren ausgesponnen und gestattet Feinheiten zwischen Nm 80 und Nm 150. Trotz dieser hohen Feinheiten erhält das Garn durch das Trevira Monofilament die notwendige Stärke, die in der Verarbeitung erforderlich ist, und garantiert einwandfreie Laufeigenschaften der Garne auf Web-, Wirk- und Strickmaschinen. Das spiralförmig um das Fasergut gesponnene Filament verbessert die Abrieb- und Pillwerte entscheidend, denn die Fasermischung mit den glatten Angorafasern ist von den Trevira-Filamenten so eingebunden, dass sie sich auf die Dauer nicht herausarbeiten kann. Artikel aus Feingarn Angora/Trevira sind dadurch waschmaschinenfest bei 40 Grad Celsius. Trotz der extremen Feinheiten der verwendeten Garne haben daraus gewebte oder gestrickte Stoffe besonders gute Eigenschaften: weicher Griff, hohe Wärmeisolation und leichtes Gewicht. Für den Textilmarkt eröffnen sich hierdurch völlig neue Möglichkeiten. Erstmals kann superfeine, aber doch warme Angora-Unterwäsche hergestellt werden. Besonderes Interesse zeigt die Industrie für moderne Ski- und Sportunterwäsche, die nicht mehr aufträgt, sowie für feine Hemden- und Blusenstoffe, die wärmer sind als Wolle. Für leichte, besonders weiche und warme T-Shirts, Rollis und Pullis, gewebte und gewirkte Herrenhemden, extrem leichte Herrenanzüge, sehr dünne Strumpfhosen, Strümpfe und Socken.
Die neuen Feinangora-Artikel fusseln nicht mehr, filzen nicht und sind wie gesagt – maschinenfest bei 40 Grad Celsius. Da Angorawolle die feinste und leichteste Naturfaser ist, wiegen Artikel aus Angorafeingarn extrem wenig. Stoffe für Freizeitkleidung können fast um ein Drittel leichter gewebt oder gewirkt werden als bisher. Ein Unterhemd aus diesem Garn wiegt nur 65 Gramm gegenüber 150 Gramm eines vergleichbaren bisherigen Angora-Unterhemdes. Wegen des sehr geringen Materialverbrauchs kann die teure Angorawolle erstmals auch preislich konkurrieren.
Für die Herstellung von Angorafeingarn wird als Halbfabrikat ein spezielles Vorgarn benötigt. Hierbei werden hohe Qualitätsansprüche an die Angora-Rohwolle gestellt, wie Faserlänge, Faserstärke, Fasergleichmäßigkeit, Sauberkeit, Grannen-, Kurzhaar- und Filzanteil.
Drei Spinnereien sowie eine Vorgarnspinnerei betreiben gemeinsam mit Hoechst die ständige Weiterentwicklung der Garne, ihrer Anwendungsmöglichkeiten sowie die erforderlichen Marketing-Aktivitäten.
Entscheidende Voraussetzung für den industriellen Erfolg von Angora-Feingarn ist ein ausreichendes Angebot hochwertiger Angora-Rohwolle als Rohmaterial. Für 1982 hat das Institut für Textiltechnik die Weltproduktion für Angora-Feingarn auf ca. 12 000 Tonnen jährlich geschätzt. Unter Berücksichtigung des Chemiefaseranteils werden somit ca. 7 000 Tonnen Angora-Rohwolle 1. Sorte benötigt. Die heutige Weltproduktion von ca. 400 Tonnen reicht nicht entfernt aus, diesen Bedarf zu decken.
Für den Angorazüchter und viele, die an der Angorazucht interessiert sind, ergibt sich daraus: Die Angorazucht rentiert sich wieder. Während bei der seitherigen internationalen Sortierung von einem Tier 60 bis 65 Prozent 1. Sorte geerntet werden kann, fallen nach der Sortierung der Rohstoffgesellschaft Deutsche Angorawolle GmbH ca. 90 Prozent 1. Sorte an. Die Angorakaninchen müssen zwar jetzt fünf- bis sechsmal im Jahr geschoren werden, also alle 60 bis 73 Tage; diese Mehrarbeit macht sich aber bezahlt. Wenn heute 64,- DM für 1 Kilogramm 1. Sorte bezahlt werden, dann bedeutet dies mehr als diesen Betrag, weil die Wolle keine 6 cm, sondern nur noch 3 bis 4 cm lang sein muss. Der Filzanteil wird bedeutend zurückgehen, denn die Verfilzung der Tiere tritt erst ab der 10. Woche ein. Auch entfällt die bisher bei schlechter Absatzlage übliche Warenrücklieferungsverpflichtung, der Ankauf der Angorawolle erfolgt ausschließlich gegen bar. Selbstverständlich erhält ein Züchter, wenn er das wünscht, auch Ware aus diesem Feingarn. Weiter hat sie die Sortierarbeit wesentlich vereinfacht, denn bei der Rohstoffgesellschaft Deutsche Angorawolle GmbH gilt folgende Sortierung:
Sorte I reinweiß, peinlich sauber und ohne Filz, länger als 30 mm DM 64,-
Sorte II reinweiß, peinlich sauber und ohne Filz, 10-30 mm lang DM 28,-
Sorte III reinweiß, peinlich sauber, Kurzfaser unter 10 mm und sauberer Filz DM 8,-
Sorte IV Schmutzwolle und Schmutzfilz DM 6,-
Bei ordnungsgemäßer Vorsortierung werden keine Sortierkosten berechnet. Während der nächsten drei Jahre sind die Preise fest vereinbart und werden von der RDA garantiert.
Für das zweite und dritte Vertragsjahr wird ein Zuschlag in Höhe der Steigerung der allgemeinen Lebenshaltungskosten gezahlt. Der Zuschlag wird unter Zugrundelegung der vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden berechneten Steigerung der allgemeinen Lebenshaltungskosten für einen mittleren 4-Personen-Arbeitnehmerhaushalt im Jahresdurchschnitt gegenüber dem Durchschnittswert des Vorjahres errechnet. Die Mindestlieferung der Sammelstelle an die Zentrale in Weilheim beträgt 15 Kilogramm. Bei Lieferung von mehr als 30 kg werden die Versandkosten von der RDA übernommen, wenn der Züchter, die von der RDA zum Selbstkostenpreis zur Verfügung gestellte besondere Schutzverpackung verwendet. Die Zahlung der nach Maßgabe des Abnahme- und Liefervertrags angelieferten Angorawolle erfolgt rein netto durch Verrechnungsscheck unmittelbar an den Züchter. Lieferungen, die in der 1. Monatshälfte bei der RDA eingegangen sind, werden am Monatsletzten abgerechnet und bezahlt. Lieferungen, die in der 2. Monatshälfte bei der RDA eingegangen sind, werden am 15. des Folgemonats abgerechnet und bezahlt. Die gelieferte Angorawolle bleibt bis zur vollen Bezahlung Eigentum des Züchters. Im Übrigen gelten die gesetzlichen Bestimmungen. Der Autor des Beitrages ist bald 50 Jahre Angorazüchter, war 30 Jahre Preisrichter und über 20 Jahre Geschäftsführer der Angora-Wollverwertung EGmbH Ludwigsburg. Er kennt die Situation auf dem Angora-Wollmarkt und weiß, dass ein solches Angebot den Angorazüchtern noch nicht gemacht worden ist. Es war ein stetes Auf und Ab der Preise. Ich erinnere mich an den tiefsten Stand mit RM 18,- und an den höchsten mit 80,- DM. Alle diejenigen Angorazüchter, die der Zucht treu geblieben sind, bitte ich, nur noch mit ihren besten Tieren zu züchten, weil die Nachfrage nach Tieren nun einsetzen wird. Es wird nun über das Gebiet der Bundesrepublik ein Netz von Sammelstellen entstehen, weil die Forderung von mindestens 15 kg nur wenige Züchter erfüllen können.
Die Angorazucht wird neu aufblühen, aber auch die Bewertungsbestimmungen müssen einer Revision unterzogen werden, weil Ausstellungstiere der Allgemeinen Klasse bei einer Wolllänge von unter 4 cm mit „nicht befriedigend" bewertet werden. Da eine solche Wolllänge jedoch über 60,- DM für das Kilogramm bringt, kann von „nicht befriedigend" nicht mehr die Rede sein. Bei den ALP-Stationen wird ja auch anders sortiert wie bei den Ankaufsfirmen. Das Zuchtziel wird sich nicht ändern: „Ein mittelgroßes Kaninchen von guter Körperform und fester Konstitution im Wirtschaftstyp, mit ausgeprägten Rassemerkmalen, das dauernd reichlich Wolle eines hohen Gebrauchswertes bei geringstem Arbeitsaufwand erzeugt, futterdankbar und mastfähig ist und ausreichende Fruchtbarkeit mit gutem Aufzuchtvermögen verbindet. Eine Kombinationszüchtung auf reichlich Büschelbildung am Kopf, starkem Fußbehang und gute Wollerträge nach Menge und Qualität ist praktisch möglich und dementsprechend auch als Zuchtziel eines Wirtschaftstieres in Liebhaberhand und für Ausstellungen festgelegt."




