Jochen Weishaar, Baunatal „Das Blaue Jahrbuch“ 1987
Das Jahr des Kaninchenzüchters ist geprägt von seinem Hobby. Es ist zweifellos eine sehr sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Beschäftigung heißt aber auch Arbeit. Diese Arbeit verteilt sich mit unterschiedlicher Intensität über alle 12 Monate des Jahres. Mit diesem Beitrag sollen die monatlich anfallenden Arbeiten – aufgezeigt und mit einigen Anmerkungen beschrieben werden. Zu bedenken ist dabei, dass eine deutliche Abgrenzung der Monatsarbeiten schon auf Grund des unterschiedlichen Klimas in unseren Breiten kaum möglich ist. Ein weiterer Grund ist die starke Abhängigkeit der Kaninchenzucht von den Witterungseinflüssen. Zwingen uns die Witterung und das Klima die Fütterung danach auszurichten, so sind es zusätzlich die Ausstellungstermine, die die Zucht und Aufzucht beeinflussen. Alle diese Gründe zeigen, dass die folgenden Ratschläge nur Anregungen sein können die von jedem Züchter auf seine persönlichen Verhältnisse umgesetzt werden müssen.
Januar
In der älteren Literatur wird der Januar als ein ruhiger Monat bezeichnet. Nun, davon kann heute keine Rede mehr sein. Viele Landesverbände führen ihre Landesmeisterschaft in diesem Monat durch. Die Vorbereitung, sprich Dressur der Tiere für diese Schauen sollte bereits dem Ende zugehen. Das letzte Schaufertig- machen ist noch zu erledigen. Die Krallen sollten mindestens 14 Tage vor der Einlieferung geschnitten werden. Diese Großschauen sind eine der letzten Möglichkeiten, den Bestand an Zuchttieren aufzufüllen. Zur Blutauffrischung sind Häsinnen Rammlern vor- zuziehen. Werden die Häsinnen nicht bereits gedeckt gekauft, so sollten sie ebenso wie neue Rammler vor dem Zuchteinsatz erst 2 bis 3 Wochen an die neue Umgebung gewöhnt werden. Bei den großen Rassen sind oft schon die ersten Jungtiere in den Nestern. Sie bedürfen einer besonderen Pflege. Für reichlich trockene Einstreu sollte stets gesorgt werden. Trockene Kälte schadet den Tieren nicht. Gefährlich dagegen ist feuchte Kälte und Zugluft. Handelsübliche Vitamine fördern die Entwicklung der Jungtiere und helfen den demnächst einzusetzenden Zuchttieren. Die Fütterung ist der kalten Jahreszeit anzupassen. Die Grundlage bilden Heu, Preßfutter und Wasser. Dabei schadet es nichts, wenn das Wasser einmal gefrieren sollte. Grünzeug, Möhren, Rüben und Weichfutter sind vor dem Gefrieren zu schützen, auf jeden Fall dann, wenn es die Tiere nicht gewöhnt sind. Sind die Alttiere daran gewöhnt, so ist gefrorenes Futter für sie keine Gefahr. Bei Jungtieren, die gerade zu knabbern beginnen, ist Vorsicht geboten.
Februar
Abgesehen von den Bundes- und einigen überregionalen Schauen ist die Schausaison beendet. Wer noch Zuchttiere benötigt, ist auf diese Ausstellungen angewiesen oder muss auf die Anzeigen im DKZ zurückgreifen. Gute Pflege und eine abwechslungsreiche Fütterung für die bereits vorhandenen Jungtiere und die Zuchttiere sollten selbst- verständlich sein. Zusätzlich zum Grundfutter können trockene oder eingeweichte Zuckerrübenschnitzel gereicht werden. Bei der Trockenfütterung sind die Mengen klein zu halten, da die Schnitzel im Magen aufquellen. Gute Dienste leisten Futterhaferflocken. Sie werden von den Jungtieren lieber genommen als Preßfutter. Noch nicht gedeckte Zuchthäsinnen können jetzt zum Einsatz kommen. Sollte bei ihnen die Haarung bereits begonnen haben, so ist es besser, diese erst zu Ende kommen zu lassen. Die Haarung schwächt die Kondition der Häsinnen oft so, dass es nicht ohne Folgen für die Nachzucht bleibt. Zur Beschleunigung der Haarung können ölhaltige Futtermittel wie Sojaschrot und Leinsamen verfüttert werden. Zum Decken wird grundsätzlich die Häsin zum Rammler gebracht und nicht umgekehrt.
Bei den Häsinnen, die werfen müssen, können Nistkästen in die Buchten gestellt werden. Es reicht aber auch, wenn die Türen der Buchten mit Pappe oder ähnlichem teilweise abgedeckt werden. Das obere Fünftel sollte zur Belüftung offen bleiben, da schlechte Luft in den Buchten den Tieren weniger zuträglich ist als einige Minusgrade. Bei älteren und erfahrenen Häsinnen stört trockene Kälte ohnehin nicht beim Werfen.
April
Die Zucht ist in vollem Gange. Die Jungtiere springen im Stall herum. Die ersten von ihnen werden bereits abgesetzt. Diese Tage und Wochen können hin und wieder kritisch werden. Beim Absetzen sollte stets die Häsin in einen anderen Stall gesetzt werden und die Jungtiere in dem gewohnten Stall verbleiben. Die Säugezeit und die ersten Wochen nach dem Absetzen entscheiden nicht unwesentlich über die spätere Güte der Jungtiere. Nützlich ist es, wenn die Jungtiere etwas Futterkalk bekommen. Dem Trinkwasser wird eine Prise Salz zugesetzt, um fehlende Mineralstoffe auszugleichen. Mit etwa 10 Wochen werden die Jungtiere einzeln gesetzt. Die abgesetzten Häsinnen werden entsprechend ihrem körperlichen Zustand wieder gedeckt. Sehr gute Säugerinnen sind oft in schlechter Verfassung. Sie sollten bei guter Fütterung erst einige Tage Ruhe erhalten. Den Tieren und ganz besonders den abgesetzten Jungtieren muss täglich Heu gereicht werden. Ein ausgezeichnetes Beifutter sind Unkräuter wie z. B. Brennesseln. Sie haben einen hohen Nährstoffgehalt und sind dem Kraftfutter gleichzusetzen.
März
Der März, so sagen die älteren Züchter, ist der Monat der Zucht. Sicher hat dies seine Berechtigung. Die Jungtiere wachsen in das erste Grünfutter hinein. Vorsichtiger Umgang mit dem frischen Grün ist ratsam. Es ist sehr eiweißhaltig und führt besonders bei Jungtieren leicht zu Eiweißvergiftungen. Wer langsam und vorsichtig mit dem Grünen beginnt und stets gutes Heu dazu- gibt, bleibt weitgehend von Jungtierverlusten verschont. Wichtig ist die genaue Beobachtung der Jungtiere. Vor dem Einsatz der Grünfütterung sollten die Wintervorräte an Rüben, Möhren und Kartoffeln weitgehend aufgebraucht sein. Sie werden nach dem ersten Grünfutter nur noch widerwillig angenommen. Kartoffeln sollten sorgfältig entkeimt werden. Allerdings gilt auch hier die Frage der Gewöhnung. Ich verfüttere die Kartoffelschalen der ganzen Nachbarschaft so, wie ich sie bekomme, mit Keimen und Schmutz, ohne je Tierverluste dadurch gehabt zu haben. Der März bietet die letzte Gelegenheit zur Renovierung der Ställe. Wenn die Jungtiere auseinander gesetzt werden müssen, ist es dazu zu spät. Für die ersten Würfe ist es an der Zeit, die Deckscheine auszufüllen und abzugeben.
Mai
Die Jungtiere sind ständig zu beobachten. Bei den frühen Würfen kann schon jetzt die erste Auslese getroffen werden. Fehlerhafte Jungtiere werden geschlachtet. Es lohnt sich nicht, auf ein Wunder zu warten. Die unnötigen Kosten an Futter für die fehlerhaften Jungtiere lassen sich sparen. Schon jetzt kann so mancher Punkt für spätere Bewertungen vom Züchter errungen werden. Die Jungtiere werden dazu auf den Tisch gesetzt und in Stellung gebracht, sie werden sozusagen dressiert. Noch nicht wieder gedeckte Häsinnen sollten jetzt zum Rammler gebracht werden. Grünfutter ist nun reichlich vorhanden und die Tiere sind in der Zwischenzeit auch daran gewöhnt. Trotzdem sollten die Heugaben niemals vergessen werden. Gleiches gilt für das Trinkwasser. Es ist irrig zu glauben, die Tiere würden bei der Grünfütterung nichts trinken. Wer Klee zur Verfügung hat, sollte nicht vor der Blüte verfüttern. Junger Klee vor der Blüte führt leicht zu Blähungen. Es ist außerdem an der Zeit an die Heuernte zu denken. Als Kaninchenzüchter sollten wir unser Heu vor dem Verholzen der Gräser einbringen. Unsere Tiere nehmen es dann lieber auf.
Juni
Nun dürften die ersten Würfe alle abgesetzt sein. Für die Entwicklung der Jungtiere ist es besser, wenn sie nach kurzer Zeit in Einzelbuchten untergebracht werden. Wo der Platz nicht reicht, können in entsprechend großen Buchten vorerst einmal zwei oder drei Jungtiere zusammen bleiben. Meine Erfahrung dabei ist, dass sich die Jungtiere unterschiedlicher Geschlechter besser vertragen, als wenn sie nach Geschlechtern getrennt werden. Wer den Jungtieren einen Freiauslauf überlassen kann, ist fein raus. Die ungehinderte Bewegung wirkt sich vorteilhaft auf die Körperform aus. Für künftige Ausstellungstiere hat es aber auch Nachteile. Die ungehinderte, freie Bewegung lässt die Tiere leicht wild werden. Das kann Nachteile bei der Bewertung zur Folge haben, da die Tiere nicht „dressiert“ sind.
Zuchttiere, die den gewünschten Ansprüchen nicht gerecht geworden sind, werden ausgemerzt. Häsinnen werden nach dem Absetzen noch etwa 14 Tage gemästet und dann geschlachtet. Ein sofortiges Schlachten ist unvorteilhaft, da das Milchgewebe noch in Tätigkeit ist.
Juli
Grünfutter ist noch immer ausreichend vorhanden. Auf keinen Fall aber darf das Heu besonders bei den Jungtieren fehlen. Aber Vorsicht mit frischem Heu. Es ist meistens noch nicht völlig durchgegoren und kann sehr gefährlich werden. Ist kein altes, vorjähriges Heu mehr vorhanden, so ist gutes Stroh besser als frisches Heu. Sehr unzuträglich für unsere Kaninchen ist große Hitze und direkte Sonneneinstrahlung. Letzteres sollte es eigentlich in keiner Stallanlage mehr geben. Gegen größere Hitze hilft das Besprengen des Fußbodens vor den Ställen mit Wasser. Im Juli sind die ersten Jungtierschauen. Ausgestellt werden können alle Jungtiere, die in den Monaten Januar bis einschließlich April geboren sind. Als Züchter und Aussteller sollte man sich aber sehr genau überlegen, ob es sinnvoll ist, diese Schauen mit zu jungen Tieren zu beschicken. In der Regel bleiben diese Ausstellungen bei sehr jungen Tieren nicht im Fell hängen. Es kommt zu einem kürzeren oder längeren Entwicklungsstillstand. Meistens sind diese Tiere dann für weitere und größere Aufgaben erst einmal aus dem Rennen. So gesehen kann es durchaus besser sein, darauf zu verzichten.
August
Es wird eng im Stall. In den Fachbüchern wird die Kastrierung der Rammler angeraten. Als Züchter kann ich darin keinen Sinn sehen. Gute Rammler sollen schließlich ausgestellt werden, und die nichts taugen gehen ohnehin den Weg in die Gefriertruhe. Sie werden halt etwas früher geschlachtet. Der Enge im Stall ist mit einer strengen Auslese leicht zu begegnen. Andererseits bieten die Ausstellungen die Möglichkeit des Verkaufs überzähliger Tiere. Bei einigen Züchtern hat es bestimmt mit der Nachzucht nicht wie gewünscht geklappt. Die sind oft froh, wenn sie relativ preiswert einige Tiere erstehen können. Wichtig ist es für die ernsthaften Züchter, dass sie sich vor dem Verkauf oder dem Schlachten entsprechende Aufzeichnungen über diese Tiere machen. Keiner kann bei der späteren Zusammenstellung der Zuchtpaare noch alle diese Dinge im Kopf haben. Wer für Weihnachten noch einige Schlachttiere haben will, sollte seine Häsinnen spätestens jetzt decken lassen. Noch spätere Würfe benötigen zu viel Winterfutter und außerdem lässt die Entwicklung zu wünschen übrig.
September
Wenn der zweite oder gar dritte Schnitt nicht mehr völlig verfüttert werden kann, gilt es, sich Gedanken über die Verwertung zu machen. Für die Trocknung müssen die letzten schönen Tage genutzt werden. Eine geplante Silierung hat noch etwas Zeit, wenn das Gras noch nicht zu hart geworden ist.
Die Ausstellungstiere benötigen jetzt eine besondere Pflege. Im Allgemeinen beginnt nun die Winterhaarung. Da kann der Züchter im eigenen Interesse helfen. Eine Fütterung mit ölhaltigen Sämereien verbessert ebenso die Felle, wie hin und wieder ein Vitaminstoß. Billiger, aber sehr wirkungsvoll ist das Kämmen oder besser Bürsten der Felle. Dazu ist eine möglichst harte Bürste zu verwenden. Das Fell wird gegen den Haarausfall gebürstet. Die abgestorbenen, losen Haare gehen heraus und gleichzeitig wird durch die Massage die Durchblutung der Fellhaut angeregt. Die Haarung ist schneller beendet und das Fell wird besser.
November
Die Hauptarbeit konzentriert sich in diesem und den folgenden Monaten auf die Ausstellungen. Dabei vergessen leider viele Züchter, dass die Tiere bei jeder Schau an Substanz verlieren. Wird dann von Schau zu Schau die Bewertung niedriger, so sind natürlich die Preisrichter schuld. Nicht bedacht wird, dass sich mit dem Substanzverlust auch die Güte der Tiere verschlechtert. Es ist besser, einmal eine Ausstellung auszulassen und den Tieren einige zusätzliche Tage Ruhe zu gönnen. Der olympische Gedanke ,,Dabei sein ist alles" ist nicht in jedem Fall richtig. Die Tiere danken die Ruhe ganz sicher mit besseren Noten bei der nächsten Schau. Für die Stallanlage ist es an der Zeit, sie winterfest zu machen. Besonders bei Holzställen können Spalten und Ritze entstanden sein. Sie müssen abgedichtet werden. Kaninchen sind bekanntlich sehr empfindlich gegen Zugluft.
Dezember
Im Dezember ist die günstigste Zeit zum Schlachten. Zu Weih- nachten sind Kaninchenbraten sehr gefragt. Die Felle sind in der Regel in einem guten Zustand und eignen sich zum Gerben. Sie müssen dazu auf Fellspanner aufgespannt werden. Übrigens, alle Felle sollten aufgespannt werden. Die schlechteren, nicht zum Gerben brauchbaren, können verkauft werden. Für die guten Felle sind die Frauengruppen, wenn kein Eigenbedarf besteht, immer dankbare Abnehmer. Natürlich werden nur Tiere ge- schlachtet, die nicht mehr ausgestellt werden sollen oder für die eigene Zucht nötig sind. Die großen Schauen bieten die Möglichkeit, den Zuchtstamm aufzufrischen. Sinnvoller ist es allerdings, die Zuchttiere am Stall zu kaufen. Nur dort kann man sich einen Gesamtüberblick über die Zucht verschaffen.
Jetzt ist es an der Zeit, sich Gedanken über die geplanten Paarungen zu machen. Je nach der Größe der Zucht sollten immer zuerst sogenannte sichere Paarungen gemacht werden. Sie bringen mit einiger Sicherheit die Ausstellungstiere für das kommende Jahr. Nebenbei können Versuchspaarungen laufen. Dabei weiß man nie, ob es passt. Im Zweifelsfall gibt es immer noch Schlachttiere.
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