Von Björn Hedman, Mantorp, Schweden – „Das Blaue Jahrbuch“ 1993
Die Das Kaninchen war in den baltischen Ländern bis in die 50er Jahre dieses Jahrhunderts ohne jede Bedeutung. Diese Tiere waren natürlich nicht unbekannt, aber die Landwirtschaft lieferte Fleisch, Häute und Wolle ausschließlich von Rindern, Pferden, Schweinen und Schafen. Der Export dieser Naturprodukte ins Ausland war vor dem letzten Krieg ganz bedeutend wie auch von anderen Erzeugnissen der Landwirtschaft. Erst die Besetzung durch die Rote Armee und die nachfolgende Zwangskollektivierung gegen Ende des Zweiten Weltkrieges richteten auch in der Landwirtschaft des Baltikums große Schäden an.
Wie allgemein bekannt, besteht das Baltikum aus den erst kürzlich wieder unabhängig gewordenen drei Staaten Estland, Lettland und Litauen. Historisch betrachtet wurde das Baltikum in den letzten 800 Jahren von wechselnden fremden Mächten beherrscht: Vom Deutschen Orden, Polen, Schweden, Rußland, dem „III. Reich“ und der Sowjetunion. Nur in der kurzen Zeitspanne zwischen den beiden Weltkriegen waren Estland, Lettland und Litauen wirklich unabhängige Staaten.
Die Sprache der Esten ist verwandt mit derjenigen der Finnen und unterscheidet sich vollständig von den Sprachen der Letten und Litauer, die ihrerseits miteinander verwandt sind. Letten und Litauer können mit einiger Mühe einander verstehen. Als Hilfsmittel zur Verständigung der drei Völker untereinander dient oft die russische Sprache, eine Folge der langen Herrschaft Russlands über das Baltikum.
Die Kaninchenzucht in den baltischen Ländern ist eng mit derjenigen in der ehemaligen Sowjetunion verbunden. Eine systematische Kaninchenzucht wurde in der Sowjetunion erstmals mit dem ersten Fünfjahresplan nach der Oktoberrevolution eingeführt. In erster Linie fanden dabei Zuchttiere aus Deutschland Verwendung wie Deutsche Riesen, Chinchilla und Schecken. Später kamen auch Helle Großsilber dazu. Im Laufe der Jahre wurden diese Rassen jedoch völlig verändert durch die Einkreuzung von Riesenkaninchen, weil man durchweg ein möglichst hohes Gewicht anstrebte. So entstanden auch die Benennungen Sowjetische Chinchilla und Sowjetische Marder.
Im sowjetischen Bewertungssystem gibt es für das Gewicht 30 Punkte, für den Rassetyp 10 Punkte und den Pflegezustand eben- falls 10 Punkte. Die übrigen 50 Punkte verteilen sich über neun verschiedene Forderungen an Körper und Fell. Zur Bewertung der Körpergröße dient der Quotient aus Brustumfang und Körperlänge des Kaninchens.
1935 kaufte der Staat an die 38 Millionen Kaninchenfelle auf. Während des Zweiten Weltkrieges ging die Zucht jedoch stark zurück und erreichte erst 1953 wieder ihren alten Stand. Um 1950 begann man auch im Baltikum die Kaninchenzucht auf breiterer Basis, doch waren die Anfänge noch recht bescheiden. Die Tiere wurden mit Heu, Gartenerzeugnissen und Ästen gefüttert. Die Häsinnen gaben 2-3 Würfe im Jahr und die Jungen blieben lange bei der Häsin.
In den 60er Jahren wurden viele Kaninchenrassen aus anderen Sowjetrepubliken eingeführt. Bevorzugt wurden folgende Rassen: Weiße Riesen, Graue Riesen, Sowjetische Chinchilla, Schecken, Schwarzbraune, Kalifornier, Blauwiener, Silber, Widder und Weiße Wollkaninchen.
Diese Rassen sind alle ziemlich groß und gleichförmig, was Form und Kennzeichnung anbelangt. Die Grundlage der Riesenkaninchen sind Belgische Riesen. Ihr Gewicht soll etwa 5 kg betragen. Die Sowjetischen Chinchilla sind ein Kreuzungsprodukt aus Kleinchinchilla und Weißen Riesen. Sie existieren seit Anfang der 60er Jahre und sollen ebenfalls etwa 5 kg wiegen.
Die sowjetische Form der Schecken soll etwa 4,5 kg wiegen. Eine interessante Rasse sind die Schwarzbraunen, die aus Belgischen Riesen, Blauen Wienern und Weißen Riesen entstanden sind und aus der Tatarischen Republik importiert wurden. Ihre Farbe ist dunkelbraun mit einem dunklen Schleier, die Unterwolle ist bläulich und die Deckhaare sind sehr dicht. Ihr Gewicht beträgt 5 kg. Angeblich gedeihen sie im Baltikum besser als in ihrem Ursprungsland. Sie wiegen etwa 5 kg.
Weiße Wollkaninchen wurden in verschiedenen Republiken der Sowjetunion gezüchtet. Die besten Tiere kamen ebenfalls aus der Tatarischen Republik. Ihr Gewicht beträgt etwa 5 kg, und sie geben im Schnitt 500 g Wolle im Jahr mit einer Maximallänge von 6 cm. Die übrigen erwähnten Rassen entsprechen den bekannten Kaliforniern, Blauen Wienern, Hellen Großsilbern und Widdern. Die Forderungen nach Fleisch und Fellen haben jedoch auch zu einer starken Mischung dieser Rassen geführt.
1950 gab es in Lettland ca. 120000 Kaninchen mit steigender Tendenz. Von 8000 Züchtern in den 60er Jahren stieg die Zahl der Mitglieder im Verband auf 10000 zu Beginn der 80er Jahre. Danach war die Anzahl der Mitglieder jedoch wieder rückläufig. Der Bestand an Kaninchen betrug auf den Kolchosen nur 10% des Gesamtbestandes. 90% waren also in privater Hand.
1979 wurde der „Lettische Verband der Kaninchenzüchter" gegründet. Das erste „Handbuch der Kaninchenzucht" in lettischer Sprache erschien 1981. Es handelte sich um eine Übersetzung aus dem Russischen. 1989 brachte die Sekretärin des Verbandes, Zaiga Viksne, ein neues Handbuch heraus. Es war eine Zusammenfassung aus verschiedenen russischen Büchern, enthielt aber auch Rassen, die in der Sowjetunion fast unbekannt waren. Die weitere Existenz des lettischen Verbandes ist heute jedoch sehr unsicher geworden, einmal wegen der bevorstehenden Privatisierung und wegen des lächerlich niedrigen Jahresbeitrages von nur drei Rubeln. Bis zu diesem Jahr finanzierte der Staat den Vorsitzenden des Verbandes, eine Sekretärin und zwei Schreibkräfte. Vertreter der verschieden Verwaltungsbezirke (Rayons) Lettlands treffen sich einmal im Monat, um gemeinsame Probleme zu diskutieren. Seit 1986 ist der lettische Verband zusammengeschlossen mit Imker-, Gemüse- und Gärtnerkooperativen zum „,Agrokooperativen Verein Lettlands".
Im Februar 1992 wurden die vom Staat bezahlten Mitarbeiter des Verbandes arbeitslos, da die Wirtschaftskrise Lettland zu rigorosen Sparmaßnahmen zwingt. Das Büro der Hauptverwaltung in Riga besteht jedoch noch, und das Geschäft mit Fleisch und Fellen läuft noch.
Nach den letzten statistischen Angaben von 1987 lieferten die drei baltischen Staaten folgende Mengen an Kaninchenfleisch (Lebendgewicht): Litauen 1400 Tonnen, Lettland 800 Tonnen und Estland 180 Tonnen.
Estland war nie ein großer Produzent von Kaninchenfleisch, und die Zucht von Kaninchen war dort den Pelztierfarmen zugeordnet.
Litauen ist also der größte Produzent von Kaninchenfleisch unter den baltischen Ländern. 1960 gab es dort an die 200000 Kaninchen, 1991 ca. 740000. Die Züchter haben in den 44 Verwaltungsbezirken ihre örtlichen Organisationen. Die beiden wichtigsten sind in Kedainiai nördlich von Kaunas und in Krelinga nahe bei Klaipeda (Memel). Die litauischen Kaninchenzüchter haben keine zentrale Organisation. Es existiert kein einziges Handbuch über Rassekaninchenzucht in litauischer Sprache. Mit der Zucht beschäftigen sich vorwiegend ältere Leute. Mischungen der verschiedenen Rassen sind sehr häufig.
Estland betreibt, wie erwähnt, keine intensive Rassekaninchenzucht, und es gibt dort auch keine organisierten Züchter. Handbücher für Kaninchenzucht existieren nur in russischer Sprache, die für die Esten sehr schwer zu lernen ist. Ein großes Hindernis für die Entwicklung der Zucht. Der zentrale Konsumverband steuert den Handel mit Kaninchenerzeugnissen und die Versorgung mit Futtermitteln.
Dem derzeitigen Mangel an Fleisch und Fellen in Rußland können sicher am ehesten die baltischen Länder abhelfen.
Wie in allen Staaten des ehemaligen Ostblocks, befinden sich auch die Verhältnisse in Estland, Lettland und Litauen in revolutionärem Wandel. Die alten, zentral gesteuerten, staatlichen Organisationen verschwinden, freie marktwirtschaftliche Verhältnisse nach westlichem Muster sind im Entstehen. Davon wird sicher auch die organisierte Rassekaninchenzucht im Baltikum profitieren. Der Kontakt zur Züchterwelt der westeuropäischen Länder wird dabei sicher eine große Rolle spielen.
Die Adresse des lettischen Kaninchenzüchtervereins lautet: SIA „,Trusis", 1. Vors. Frau Zaiga Viksne, Marias iela 10, 226011 Riga/Lettland.




