Seit 1984 wählen die Mitglieder der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) eine Rasse des Jahres. Mit dem Meißner Widder ist erstmals eine alte, vom Aussterben bedrohte Kaninchenrasse im Jahr 2010 bedacht worden. Die offizielle Kür der Rasse des Jahres findet alljährlich auf der Grünen Woche statt. So auch vom 15. bis 24. Januar 2010 in Berlin, wo alle fünf anerkannten Farbenschläge (Havanna, Gelb, Blau, Graubraun und Schwarz) gezeigt wurden.

Die Besonderheit der Rasse und seiner fünf Farbenschläge ist die Silberung, mit der die Deckfarbe jeweils am ganzen Körper versehen ist. Diese Silberung war es, die bei der ersten Vorstellung dieser Rasse 1904 große Beachtung fand. Bis zu dieser Zeit galt der Grundsatz, dass die Silberfarbe nicht auf andere Kaninchenrassen übertragbar sei.

Der Herauszüchter Leopold Reck, gebürtiger Meißner, gelernter Kaufmann, später Buchhalter in Meißen, hatte mit dieser ältesten sächsischen Heimatkaninchenrasse diese Besonderheit geschaffen. Die Rasse wurde im Jahr der Vorstellung bereits in den Deutschen Einheitsstandard für Rassekaninchen aufgenommen. Sie führte aber immer ein Schattendasein und hatte auch Probleme, z. B. dadurch, dass sie 1907 ohne Begründung wieder aus dem Standard gestrichen wurde. Erst nach Drängen und Besichtigung der Zucht von Leopold Reck im Jahre 1907 überzeugten sich die Verantwortlichen vor Ort davon, dass diese Rasse voll durchgezüchtet war. Das führte bereits 1908 zur Wiederanerkennung.

Ansonsten ist über die Herauszüchtung wenig bekannt. Es waren in Deutschland die großen Widderkaninchen beliebt. Der Modetrend wechselte schnell zu den Silberkaninchen. Vom Züchter Leopold Reck wurde das Zuchtziel erarbeitet und mit dem Meißner Widder umgesetzt, das Silberfell auf eine etwas schwerere und größere Rasse zu übertragen. Das Zuchtziel, einen größeren Pelzlieferanten mit dem Silberfell des kleinen Silberkaninchens zu schaffen, wurde nach etwa 10 Jahren mit vielen Rückschlägen erreicht. Zuerst waren es nur Tiere des schwarzen Farbenschlages, bald wurden vom Erzüchter auch blaue und havannafarbene Meißner Widder herausgezüchtet. 1927 waren bereits alle fünf Farbenschläge dieser Rasse vorhanden.

Der Autor möchte besonders hervorheben, dass es zu dieser Zeit nicht nur um das Kaninchen als Fleischlieferant ging, sondern dass das Fell bis 1989 einen genauso hohen Stellenwert hatte. Die Pelzindustrie, besonders der Messestadt Leipzig, verarbeitete jährlich eine riesige Anzahl Kaninchenfelle. Sie wurden hervorragend hergerichtet und Imitate von Fuchs, Wildkatze und anderen wild lebenden Tieren von der Pelzindustrie hergestellt. Eine Initiative des Autors 1994, das Kaninchenfell als „nachwachsenden Rohstoff“ zu betrachten und so dieses wertvolle Produkt, das in der Rassekaninchenzucht und in der Kaninchenhaltung anfällt, zu nutzen, hatte leider nicht den erhofften Erfolg. Es wäre eine sinnvolle Rohstoffverwertung, die auch die Tierschützer akzeptieren würden, möglich gewesen.

Charakteristik und Zuchtziel

Neben den fünf Farbenschlägen mit Silbereffekt ist für den Meißner Widder charakteristisch, dass es sich um eine mittelgroße Rasse mit einem Normalgewicht von 4,5 kg und einem Höchstgewicht von 5,5 kg handelt. Der Kopf des Meißner Widders ist nicht so typisch ausgeprägt wie der Kopf der Deutschen Widder. Der Nasenrücken ist jedoch ramsig gebogen, in der Regel auch kräftig, während Stirn und Schnauzpartie breit sind. Der Behang (die Ohrenlänge) misst zwischen 36 und 42 cm Länge, wirkt aber auch hier etwas leichter als beim Deutschen Widder. Die Ohrmuscheln sind gut angesetzt. Sie werden hohl getragen und die Schalllöffel sind zum Kopf gerichtet.

0,1 Meißner Widder, schwarz (Foto: Dr. Golze)

Auch im Körperbau wirken die Meißner Widder weniger kompakt als die Deutschen Widder, obwohl sie in Brustbreite und Hinterpartie ähnliche Größen aufweisen. Sie sind im Rumpf leicht gestreckt, der Rücken geht in einer guten Wölbung in eine schön gerundete Hinterpartie über. Die Tiere stehen mittelhoch, breit und auf kräftigen Läufen. Die Farbe des Felles wurde bereits beschrieben. Es weist eine Länge von etwa 3 cm auf; die Begrannung ist gut und gleichmäßig. Darüber hinaus haben die Tiere ein gutes und dichtes Unterhaar. Die Häsinnen zeigen einen schnittigen Kopf. Es könnte in den beschriebenen Merkmalen bereits liegen, dass keine überzogene Kopfausprägung vorhanden ist, sondern die Tiere noch ausreichend weiblichen Charakter besitzen, was bei großen Rassen in einigen Ländern Europas heute gewünscht und gefordert wird, um die reproduktiven Leistungen der weiblichen Tiere zu erhalten.

Eigenschaften

Die Meißner Widder werden als sehr genügsam und lebhaft beschrieben. Sie zeigen eine gute Futterverwertung, gute Fruchtbarkeit und Aufzuchtleistung. Berichte der Züchter weisen darauf hin, dass die Häsinnen in der Lage sind, acht bis zwölf Junge problemlos aufzuziehen. Das Kaninchenfleisch wird als wohlschmeckend und sehr delikat bezeichnet.

Leider gibt es gegenwärtig nur in den alten Bundesländern einen aktiven Rasseclub der Meißner Widder und auch mehr Züchter als im Ursprungsgebiet. Es ist eigentlich erfreulich, dass sich eine Gruppe engagierter Züchter mit der Gründung der IG Meißner Widder im Jahr 2001 dieser seltenen Rasse angenommen hat. Es besteht auch die Hoffnung, dass sich diese Rasse über Deutschland hinaus verbreitet und demzufolge die Population vergrößert, da im aktuellen Europarassestandard die gesilberten Widderkaninchen unter der Bezeichnung „Meißner Widder“, „Beliér Meißen“ und „Lop of Meißen“ einen festen Platz gefunden haben. Es wäre sicher förderlich, wenn alle europäischen Zuchtverbände einheitlich die schöne Rasse „Meißner Widder“ anerkennen und fördern würden.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.