Von Erwin Besenfelder, Ravensburg in „Das Blaue Jahrbuch“ 1990
Vorbemerkung
Der Kaninchenschnupfen beschäftigt nach wie vor Züchter und Ausstellungsleitungen. Ich habe mich deshalb intensiver mit der Literatur zu diesem Thema beschäftigt (s. Literaturverzeichnis am Ende der Abhandlung). Wichtige Hinweise erhielt ich auch von meinem Sohn Urban Besenfelder, der selbst Jungzüchter war und nach seiner Approbation als Tierarzt zurzeit an seiner Dissertation am Lehrstuhl für Molekulare Tierzucht an der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitet. Ich werde versuchen, die Thematik verständlich darzustellen. Was ich allerdings nicht kann, ist, die tierärztlichen Fachausdrücke für Erreger in die deutsche Sprache zu übersetzen, was mancher Züchter sicher wünschenswert fände. Es handelt sich bei Namen und Bezeichnungen von Erscheinungsformen und Erregern des Kaninchenschnupfens um Fachausdrücke, die sich einfach nicht ins Deutsche übersetzen lassen.
Erscheinungsformen und Erreger
Für den Kaninchenschnupfen gibt es verschiedene Ausdrücke, die das gleiche Krankheitsbild kennzeichnen: infektiöser oder bösartiger Schnupfen, bösartiges Schnupfenfieber, bösartiges Katarrhalsfieber der Kaninchen, Kaninchenstaupe, Brustseuche, influenzaartige Kaninchenseuche, Schnüffelkrankheit der Kaninchen, Rhinitis infectiosa, Rhinitis purulenta, infektiöse Kaninchenpneumonie, Kaninchen-Septikämie, Pasteurellose, Snuffles und Contagious catarrh.
Die Vielzahl der Bezeichnungen deutet auf verschiedene Formen des Krankheitsbildes hin, das jedoch immer mit den klinischen Erscheinungen des Kaninchenschnupfens verbunden ist. Dieses äußere Erscheinungsbild der Krankheit lässt jedoch keinen Schluss auf die jeweilige Art des Kaninchenschnupfens zu. Nach Kötsche-Gottschalk ist der ansteckende Schnupfen des Kaninchens ein Symptomenkomplex, der mehrere unter ähnlichen Erscheinungen verlaufende Erkrankungen verschiedener Genese zusammenfasst. Als Erreger des Schnupfens werden von Kötsche- Gottschalk genannt:
a) Pasteurella cunikuliseptica bruinous
b) Bordetella bronchiseptica
c) Hämophilusarten
d) Mykoplasmen
e) Viren
f) andere im Atmungstrakt vorkommende Bakterienarten.
Als Keimarten für den Kaninchenschnupfen werden neben Pasteurella multocida (P.m.) und Bordetella bronchiseptica (B.b.) weitere 15 mögliche Erreger aufgeführt, u. a. Erreger, die zur Coligruppe gehören.
Neben diesen Erregern kann Schnupfen auch durch eine katarrhalische Entzündung der Nasenschleimhäute bedingt sein. Ursache dieser Nasenkatarrhe sind überwiegend Umwelteinflüsse (vgl. Knorr-Wenzel, S. 169). Weiter wird als Ursache für den Kaninchenschnupfen genannt Vitamin-A-Mangel, der durch entsprechende Fütterung – gutes Heu, Grünfutter, Karotten und Möhren, behoben werden kann. Möglich sind auch Allergien beim Kaninchen, die sich ebenfalls durch Niesen zeigen z. B. bei Empfindlichkeit der Nasenschleimhäute gegen den Staub in Fertigfutter.
Schon diese Vielfalt an Erregern und Ursachen zeigt auf, dass der Kaninchenschnupfen überaus schwierig zu beurteilen ist. Dementsprechend sind auch die Wirkungen des Schnupfens auf die Tiere verschieden beschrieben. Hippe spricht davon, dass bis zu 50 % der Zuchttiere in erkrankten Beständen im Laufe eines Jahres aufgrund von Atemwegserkrankungen ersetzt werden müssen. Kaninchenschnupfen als Todesursache wird überaus schwankend in einer Breite zwischen 4,2 % und 53 % aller Todesfälle angegeben, bei denen Kaninchenschnupfen zumindest am Tod der Tiere beteiligt war.
Danach soll nach diesen Erhebungen von Hippe die Erkrankung in 20 bis 50 % der konventionellen Kaninchenhaltungen auftreten. Hippe vertritt die Auffassung, dass die Pasteurella multocida die dominierende Rolle beim Auftreten des ansteckenden Schnupfens spielt. In Fällen von Nasenausfluss fand Löliger in allen Fällen Pasteurella multocida.
Gleich unterschiedlich sind auch die Befunde, die bei Untersuchungen von Nasenabstrichen klinisch gesunder Kaninchen erhoben wurden. Während bei Untersuchungen von klinisch gesunden Kaninchen P.m. in keinem Fall angetroffen wurde, waren bei anderen Untersuchungen von Nasenabstrichen unter klinisch gesunden Kaninchen 69 % P.-m.-Träger. Dies hat u. a. zur Ansicht geführt, dass Pasteurellen als harmlose Bewohner der oberen Luftwege weit verbreitet vorkommen und zu keinem Kranhheitsausbruch führen, wenn nicht äußere ungünstige Bedingungen dazukommen. Nach Löliger, Alberti und Matthes sind, die aus den Nasen und Nebenhöhlen erkrankter Tiere isolierten aeroben Bakterienarten mit Ausnahme von P. m. nach Zahl und Art stets die gleichen gewesen, wie sie in den Atmungsorganen von klinisch und morphologisch gesunden Tieren gefunden werden konnten. Nach den Feststellungen der gleichen Autoren unterscheidet sich das aerobe Bakterienspektrum bei schnupfenkranken Tieren qualitativ nicht von dem gesunder Tiere. Zusammenfassend müssen wir deshalb davon ausgehen, dass zwar ein größerer Teil unserer gesunden Tiere frei von P. m. ist, dass jedoch ein erheblicher Anteil ebenfalls der gesunden Tiere ein aerobisches Bakterienspektrum in Nasenabstrichen aufweist, das nur deshalb nicht zum Erscheinungsbild des Schnupfens führt, weil die Widerstandskraft der Tiere und die äußeren Einflüsse (Umwelt) eine Vermehrung der Bakterien nicht zulassen.
Widerstandskraft (Immunsystem) und Umwelteinflüsse
Von uns Menschen weiß man, dass wir in unserem Leben viele kleine Infektionen durchmachen, diese jedoch überwinden und damit gerade unser Immunsystem aufbauen. Warum sollte es bei unseren Kaninchen anders sein?
a) Haltung in der Zuchtanlage
Für die Züchter, insbesondere von großen und mittleren Rassen, ist es eine absolute Voraussetzung, wenn sie im darauffolgenden Herbst oder Winter mitreden wollen, dass sie spätestens an Weihnachten und im Januar die ersten Würfe im Nest liegen haben. Ganz abgesehen davon, dass diese Zuchtsaison gegen die Natur läuft, bedingt die Zucht im Winter Umstände, die im Sinne der Themenstellung von ausgesprochenem Nachteil sind. Bei kalten bzw. sehr kalten Wintern, die wir immer wieder bekommen, besteht die größte Gefahr für das Erfrieren der Jungtiere beim Werfen der Häsin. Um Verluste wegen Erfrierens der Jungtiere zu vermeiden, dichten die Züchter ihre Zuchtanlagen gegen Kälte 74 nach allen Seiten ab. Die Buchten, in denen die Häsinnen werfen sollen, werden noch zusätzlich verhängt, um einen Wärmeverlust zu vermeiden. Einige Züchter können ihre Zuchtanlagen sogar beheizen. Die Folgen sind abzusehen: zu hohe Luftfeuchtigkeit, schlechte Ventilation in Innenstallungen, zu hoher Ammoniakgehalt in der Stall-Luft und Staub führen zur vermehrten Sekretion der Nasenschleimhäute und bieten so den stets anwesenden Mikroorganismen günstige Voraussetzungen, sich zu vermehren. In Massentierhaltungen mit Tier- und Erregerkonzentrationen kann es durch wiederholte Passagen zu Virulenzsteigerungen fakultativ bösartiger Bakterien kommen. Löliger, Alberti und Matthes führen wie Hippe als ursächliche Faktoren klimatische Einflüsse sowie das aus dem zersetzenden Urin sich bildende Ammoniak als verantwortlich für das Auftreten des Kaninchenschnupfens an, weil diese Faktoren eine Reizung der Schleimhäute der Tiere und gleichzeitig eine Vermehrung von P. m. und B. b. fördern. Mängel in der Fütterung oder Haltung, Parasitenbefall, (Kokzidiose) oder Belastungen durch Transport können Faktoren sein, die zusätzlich zu einem Zusammenbruch der natürlichen Resistenz führen. Durchbrechen die Keime die Abwehrschranken des Körpers, dann kommt es zu einer sehr schnellen Vermehrung, und sie überschwemmen in riesiger Zahl den Organismus.
b) Haltung auf Ausstellungen
Insbesondere bei den großen Landes- und Bundesschauen muten wir unseren Tieren einen langen Transportweg zu. Die Kaninchen stehen bis zu 5 Tage und mehr in den Ausstellungskäfigen. Sie sitzen Gitter an Gitter mit fremden Tieren, mit der Folge, dass bei ihnen eine bis dahin nicht bekannte Unruhe einsetzt. Diese Unruhe wird vermehrt durch die ständige Anwesenheit von Personen im Ausstellungsraum und den Besucherstrom. Dabei prüft noch jeder sachverständige Besucher im Käfig nach, ob das Tier auch die auf der Bewertungskarte notierten 19,5 oder 20 Punkte für die Körperform verdient hat. Wenn überhaupt ausreichend gefüttert wird, ist diese Fütterung grundverschieden zu der im eigenen Stall. Dabei können schon Fütterungsunterbrechungen, wie sie bei Ausstellungen vorkommen, und die Verwendung von anderem Futter bei der höchst empfindlichen mechanischen Verdauung der Kaninchen und der sensiblen Darmflora gefährlich, wenn nicht tödlich sein. So z. B. die Verfütterung von Grünfutter bei Jungtierschauen oder Rüben im Winter, wenn die Tiere zu Hause an diese Futtermittel nicht gewöhnt sind. Das äußere Erscheinungsbild spricht diesbezüglich am letzten Ausstellungstag eine eigene Sprache. Wir sehen Tiere mit abstehenden Schenkeln in einer Ecke ihres Käfigs kauern mit mattem Fell. Die Vitalität des Tieres, die noch bei der Bewertung augenfällig war, ist verschwunden. Hinzu kommt die Unvernunft vieler Aussteller, die ihre Kaninchen innerhalb kurzer Zeit mehrmals zu Ausstellungen schicken, und die sich dann, wenn die Tiere bei der letzten Ausstellung wegen feuchter Nase und verklebten Läufen mit „O. B.“ von einer Bewertung ausgeschlossen wurden, beschweren. Neben der Gefahr der Ansteckung bei Schauen ist die Gefahr des Zusammenbruchs des Immunsystems der Tiere mit danach auftretendem Schnupfen genauso groß, mitbedingt durch lange Transportwege.
Behandlung des Kaninchenschnupfens
Es gibt bis heute keine zuverlässige und gesicherte Möglichkeit einer nachhaltigen Behandlung schnupfenkranker Tiere. Hippe hat 76 festgestellt, dass 11 P.-m.-Stämme aus Kaninchen empfindlich gegenüber verschiedenen Arten von Antibiotika waren, dass dagegen die meisten P.-m.-Stämme gegenüber Sulfonamiden resistent waren. Entscheidend ist hierzu wohl die Feststellung von Löliger, Alberti und Matthes, dass bei den Kaninchen in aller Regel die Nebenhöhlen des Kopfes von den Bakterien befallen sind und diese Nebenhöhlen durch jedwegliche medizinische Behandlung nicht erreicht werden können und dass deshalb auch die Nebenhöhlen nicht ausheilen. Somit bleiben die Bakterienherde in den Nebenhöhlen immer erhalten, die dann jederzeit die Ursache für einen Rückfall sein können. Ein Abfluss des ohnehin sehr dicken käsigen Eiters aus den Nebenhöhlen ist wegen der Enge des einzigen Verbindungsweges zwischen Nasenhöhle und Nebenhöhle dem Aditus nasomaxillaris nicht möglich. Einmal erkrankte Tiere bleiben deshalb Keimträger und damit Ursache für die Schnupfenerkrankung anderer Kaninchen.
Literatur Kötsche/Gottschalk: Krankheiten der Kaninchen und Hasen, VEB Gustav-Fischer-Verlag, Jena, 1972.
Knorr/Wenzel: Kaninchenkrankheiten, 5. Auflage. VEB Deut scher Landwirtschaftsverlag DDR, Berlin, 1983.
Löliger/Alberti/Matthes: Beitrag zur pathologischen Anatomie und Histologie des ansteckenden Schnupfens der Kaninchen. Aus der Tiermedizinischen Abteilung der Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht, Celle. Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 1979, Nr. 6, Seite 126-131.
Wilhelm Hippe: Untersuchungen zur Ätiologie des ansteckenden Schnupfens der Kaninchen unter besonderer Berücksichtigung von Pasteurella multocida. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades bei Fachbereich Veterinärmedizin und Tierzucht der Justus-Liebig-Universität zu Gießen.




