Karl Schmidt, Hannover – „Das Blaue Jahrbuch“ 1965
Die Mehrzahl unserer Mitglieder in den Vereinen und Verbänden, soweit sie sich mit der Haltung und der Aufzucht von Kaninchen noch aktiv beschäftigen, dürften ihre Liebhaberei ohne jeden finanziellen Hintergedanken betreiben. Das bedeutet, dass ihnen weder der Erwerb an wertvollen Siegestrophäen noch die finanzielle Ausbeute aus dem Verkauf von Tieren den Auftrieb gibt, sich mit der Kaninchenzucht zu beschäftigen. Ihnen liegt die Liebe zum Tier so im Blut, dass sie unbedingt ein friedliches, freundliches Lebewesen betreuen müssen. Wes- halb soll es nicht das Kaninchen sein? Es ist so reizend anzusehen, es ist geduldig, auch als Spielkamerad der Kinder, es ist genügsam und erhebt keine besonderen Ansprüche und verlangt nicht besondere Sorgfalt oder Pflege. Es ist ein Stück Leben am Haus und im Garten. Es dankt dem Menschen seine Fürsorge durch sein stilles Wesen und erfreut sich bei allen Familienangehörigen gleicher Beliebtheit.
Unsere Lieblinge bieten vielen Menschen die Möglichkeit einer intensiven Beschäftigung mit dem Tier und bedeuten eine schöne und erholsame Feierabendgestaltung. Dieses Hobby kann den naturverbundenen Menschen ganz erfüllen. Für dieses Hobby ist der Züchter bereit, Einschränkungen und Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen. Für seine Tiere ist er bereit, Opfer an Zeit, Opfer an Arbeit und finanzielle Opfer zu bringen. Es ist dann immer eine bedauerliche Erscheinung, dass ein Züchter verzweifelt, weil seine Tiere einen Schaden erleiden, weil sie an Krankheiten zugrunde gehen oder weil sie kümmern und nicht den Erwartungen entsprechen. Damit die Ergebnisse jedoch den Züchter zufriedenstellen, müssen die Zuchten nach besonderen Richtlinien und Voraussetzungen auf einer breiten Basis aufgebaut werden, die eine Gewähr dafür bietet, dass die Züchter keine Enttäuschungen erleben. Die Zuchten sollen nicht nur gesunde Tiere hervorbringen, sie sollen auch eine stetige Aufwärtsentwicklung und ein ständiges Besserwerden erkennen lassen.
Hier gibt es also auch Aufgaben für den kleinen Züchter, die dazu führen müssen, dass die Zuchten auf besondere Leistungen oder auf besondere Merkmale und Eigenschaften aus- gerichtet werden. Dieser Aufgabe werden und können sich nicht alle Züchter widmen; es werden immer nur einige sein, die bestrebt sind, Zuchtstämme und Familien mit besonders wertvollen Eigenschaften herauszuzüchten. Es darf nicht nur auf die standardgemäßen Forderungen in Bezug auf Größe, Gewicht, Fell, Farbe oder Zeichnung gesehen werden, nein, es sollen auch Blutlinien herausgezüchtet werden, die bezüglich ihres züchterischen Wertes und ihrer Nutzeigenschaften besonders ansprechend und wertvoll sind. Für manchen kleinen Züchter liegt darin der sichere Weg zu dem Erfolg in seiner Zucht, nicht allein in Bezug auf die Verbesserung seiner Rasse, sondern auch darin, dass ein kleiner oder größerer finanzieller Erfolg aus einer planmäßig gelenkten und systematisch aufgebauten Zucht möglich ist.
Innerhalb der Organisation der Kaninchenzüchter haben sich interessierte Züchter zu Interessengruppen zusammengeschlossen, um eine Höherzüchtung und Vervollkommnung des Zuchtmaterials in ihren Sparten zu erreichen. So haben sich die Herdbuchzucht, die Spezialzucht, die Angoraleistungszucht und die Fleischkaninchenzucht als Sparten der allgemeinen Zucht mit besonderen Aufgabengebieten herausgebildet. Allen diesen Sparten ist das Bestreben gemeinsam, durch strenge Auswahl (Selektion) der Zuchttiere für die Verpaarung eine Verbesserung des Zuchtmaterials unter Herausstellung und Festigung von besonderen erblichen Eigenschaften zu erreichen. Solche erblichen Eigenschaften sind für alle 4 genannten Abteilungen gleich wichtig und bilden somit ein einheitliches Zuchtziel. Angestrebt muss eine größere Wurfstärke werden. Zu erreichen ist sie nur durch die Auswahl hervorragender Vatertiere, die selbst aus größeren Würfen stammen. Sehr wichtig ist und bleibt das Aufzuchtvermögen und die Säugeleistung der Zuchthäsinnen. Ein weiteres ständiges Zuchtziel muss eine ständige Steigerung der Frohwüchsigkeit der Jungtiere sein. Eine dauernde Überwachung des gesamten züchterischen Geschehens ist notwendig. Sämtliche Beobachtungen, Aufzeichnungen und Kontrollen müssen auf dem Papier fest- gehalten werden, die Führung eines Einzelzuchtbuches ist unbedingt erforderlich.
Sehen wir uns die Sparte der Herdbuchzucht kurz gesondert an, so stellen wir fest, dass die Aufgabe, erbfeste Zuchttiere zu erzüchten, als Hauptziel gelten kann. Alle bewährten praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen über neuzeitliche Zucht- und Haltungsmethoden sind im Hinblick auf diese Hauptaufgabe zur Anwendung zu bringen. Das erzüchtete und verbesserte Zuchtmaterial sollte dazu berufen sein, bei interessierten Kaninchenzüchtern und Kaninchenhaltern als Ausgangsmaterial für eine wirtschaftliche Erzeugung von Fleisch, Fell und Wolle zu dienen. Bessere Leistungen bedeuten bessere Erfolge, und der Weg dahin führt nur über die Weitergabe und Verbreitung erbgesunden und erbfesten Zuchtmaterials und verbesserter Leistungstiere als Ausgangsmaterial für jede Leistungszucht. Aber auch der Zuchtanlage (Stallung usw.) wird Beachtung geschenkt und für die Unterbringung und Gesunderhaltung der Tiere ein strenger Maßstab angelegt. Stall, Streu und Futtergeräte müssen den neuesten Erfahrungen entsprechen und in einwandfreiem Zustand sein.
Neben der Führung des Einzelzuchtbuches wird vom Herdbuchzüchter die Führung eines Deck- und Jungtierzuchtbuches erwartet, aus dem die Kennzeichnung der Zucht- und Jungtiere, die Deck- und Wurfdaten, das Gewicht des Wurfes bei der Geburt und die Gewichte der Jungtiere, während der Säugezeit und beim Absetzen zu ersehen sind. Durch diese Kontrollen werden gleichzeitig die Milchleistung des Muttertieres ermittelt sowie die Anlage für Frohwüchsigkeit und Futterdankbarkeit festgestellt. Da sich diese Eigenschaften vererben können, sind sie ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger als die Festigung der Rassemerkmale. Auch der Wurfbreite ist Rechnung zu tragen, indem man möglichst nur Jungtiere auswählt, die selbst mindestens aus einem Sechserwurf stammen. Die Herdbuchzucht wird innerhalb des Zentralverbandes Deutscher Kaninchenzüchter nach den Bestimmungen des Kaninchen-Herdbuches der Landesverbände im ZDK vom 24. August 1962 einheitlich durchgeführt. Es gibt darin Vorschriften über Rassen, Stallung und Zuchteinrichtungen, über den Tierbestand, die Betriebsführung, die Anerkennung und Bezeichnung der Herdbuchzucht und deren Kontrollen. Ein umfangreicher Abschnitt enthält die Herdbuch-Körordnung sowie Sonderbestimmungen über Leistungs-Angorakaninchen und die Herdbuch-Schauform.
Da der Weg zur Herdbuchzucht nur von besonders qualifizierten Züchtern beschritten werden kann, bei denen gewisse Voraussetzungen für den Aufbau umfangreicher Zuchtanlagen und Zuchten gegeben sind, ist der Kreis der Herdbuchzüchter in den einzelnen Landesverbänden doch verhältnismäßig klein geblieben. Aus dem Bestreben heraus, diesen Kreis der Leistungszüchter zu vergrößern und sie an den aufgestellten Zuchtzielen mitarbeiten zu lassen, wurde versucht, jene Züchter zu erfassen, die sich auf die Zucht einer bestimmten Rasse konzentriert hatten. Solche interessierten Züchter gab es vor allem in den Spezialklubs und Sondervereinen bestimmter Rassen. Sie sollten als „Spezialzüchter" erfolgreiche Verbesserungsarbeit an „ihrer“ Spezialrasse leisten. Ihr Aufgabengebiet deckte sich in etwa mit dem der Herdbuchzüchter, nur waren die Bestimmungen gegenüber jenen für die Herdbuchzucht gelockert. Eine Spezialzucht konnte auch mit geringerem Aufwand an Tiermaterial und Zuchtanlagen und mit Rassen betrieben werden, die in der Herdbuchzucht nicht zugelassen waren, wenn auch das Ziel einer Verbesserung und Leistungssteigerung blieb. Im Augenblick ist die Stellung der Spezialzüchter noch etwas labil, da man innerhalb des ZDK geneigt ist, ihnen den Platz als Vorstufe für die Herdbuchzucht zuzuweisen. Damit könnte man die Spezialzüchter heute auch als „Herdbuch-Anwärter“ bezeichnen, die auf dem Wege zu einer geordneten Herdbuchzucht sind, ohne dass von ihnen in allen Fällen erwartet wird, dass sie diesen Schritt auch endgültig vollziehen.
Eine ganz besondere Stellung hat zu aller Zeit eine Kaninchenrasse angenommen, von welcher immer wieder betont wird, dass sie bereits zu Lebzeiten des Tieres einen Gewinn abwirft. Gemeint ist das Angorakaninchen, dessen Wolle auch heute noch gut bezahlt wird. Schon sehr früh hat man erkannt, dass eine dauernde Leistungskontrolle bei Angorakaninchen erforderlich ist, wenn man ein Absinken der Leistung vermeiden will. Diese Leistungskontrollen werden nach der Schurordnung des ZDK durchgeführt und erstrecken sich ausschließlich auf die Jahreswolleistung des Tieres. Die Jahreswollleistung richtet sich natürlich nach wichtigen Faktoren, deren Beachtung erforderlich ist, um eine Mehrleistung hervorzubringen. Sie ist verschieden nach Geschlecht und Gewicht des Tieres, nach Länge und Dichte des Haares und ganz besonders nach der Haarstruktur und kann durch Schmutz und Filzen beeinträchtigt werden. Hätte man vor dem Kriege eine Wolleistung von 400 g pro Jahr und Tier noch als ausreichend oder gar gut bezeichnet, so ist heute die doppelte Leistung notwendig, um ein Angorazuchttier überhaupt als brauchbar zu bezeichnen. Es ist in den wenigen Jahren nach dem Kriege durch schärfste Auswahl des Zuchtmaterials und durch strengste Überwachung der Leistungen, auf breitester Grundlage gelungen, Spitzenleistungen zu erreichen, bei denen von zahlreichen geprüften Angorakaninchen eine Jahreswollmenge von über 1000 g erreicht wurde. Die bisherige Spitzenleistung beträgt 1301 g.
Wenn die bisher erreichte Hochleistung bei den Angorakaninchen beibehalten und ein Leistungsrückgang vermieden werden soll, dann sollte es für jeden Angorazüchter selbstverständlich sein, dass er nur mit solchen Tieren seine Zucht aufbaut oder ständig zu verbessern sucht, deren Wolleistung geprüft und als hervorragend getestet ist durch die Kreisschurkontrollen oder die amtlichen Kontrollen der Landwirtschaftskammern (Herdbuchkontrolle) und die Leistungskontrollen auf den von der DLG anerkannten Angora-Leistungsprüfungsanstalten. Es dürfte auch jedem ernsthaften Angorazüchter klar sein, dass ohne diese Kontrollen seine Angorazucht nicht konkurrenzfähig ist und bleiben kann. Auch in die Sparte Herdbuchzucht kann ein Angorazüchter nur dann aufgenommen werden, wenn er seine Tiere einer Wolleistungsprüfung gemäß den Bestimmungen der DLG oder der ZDK-Schurordnung unterzogen hat. Angora-Herdbuchzüchter werden nur als solche anerkannt, wenn die Zuchttiere volle Leistungen erfüllt haben (Eigen-, Eltern- und Großelternleistungen).
Durch die starke Nachfrage nach weißem, fettarmem, leicht verdaulichem Fleisch erscheint es unbedingt erforderlich, neben der Wollerzeugung auch die Erzeugung von Kaninchenfleisch zu verstärken und zu verbessern. Es ist eine bekannte Tatsache, dass gerade das Kaninchenfleisch infolge seiner besonderen Eigenarten sehr leicht verdaulich und besonders als Krankenkost geeignet ist. Es zeigt sich immer wieder, dass die Nachfrage nach frischem Kaninchenfleisch in keiner Weise gedeckt werden kann. Die anfallenden geringen Mengen wer- den allgemein nur an Bekannte und Freunde abgegeben. Bei den durch den Handel angebotenen Kaninchen handelt es sich fast ausschließlich um tiefgekühlte Tiere aus dem Ausland, vornehmlich aus Dänemark. Es erscheint daher unbedingt notwendig, besonderen Wert auf die Herauszüchtung von Zucht- und Ausgangstieren für die Fleischkaninchenerzeugung zu legen. Den Herdbuch- und Spezialzüchtern bietet sich hier eine besondere Aufgabe, da die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Fleischkaninchenerzeugung dem Zuchtziel der Herdbuchzüchter entsprechen. Es gilt, auch innerhalb der Fleischkaninchen-Erzeugung eine starke Selektion der Ausgangs- und Zuchttiere vorzunehmen, um besonders gute Eigenschaften wie z. B. Wurfbreite, Frohwüchsigkeit und Frühreife des Fleisches in der Erbmasse fest zu verankern.
Auf staatlichen Prüfungsstationen sind bereits Prüfungen für Fleischkaninchen nach besonderen Richtlinien und Gesichtspunkten durchgeführt worden, die erste Erkenntnisse innerhalb der Fleischkaninchenzucht und -haltung erbracht haben. Wenn auch die vorläufigen Ergebnisse noch kein abschließendes Urteil ermöglichen, so kann aber doch schon mit Bestimmtheit gesagt werden, dass eine hohe Rendite in der Fleischkaninchenerzeugung erzielt werden kann. Es wird ohne weiteres möglich sein, von einer Häsin jährlich 3 bis 4 Würfe 118 mit ca. je 8 Jungtieren zu erzeugen, die im Alter von 10 bis 12 Wochen schlachtreif sind und als Jungmastkaninchen verkauft werden können.
Auf der 48. Wander-Ausstellung der DLG in Hannover wurden durch die Bundesforschungsanstalt Celle und durch die Arbeitsgemeinschaft „Fleischkaninchen“ im Bereich der Landwirtschaftskammer Hannover die Möglichkeiten einer intensiven Fleischkaninchenzucht und -haltung sowie die Herrichtung und Verpackung von Kaninchenfleisch demonstriert. Den Besuchern wurde in eindringlicher Weise gezeigt, welche Bedeutung der Kaninchenzucht beizumessen ist. Statistisches Material erläuterte die praktischen Leistungen, die sehr bedeutend waren.
Das Interesse an der Kaninchenzucht, besonders an der Woll- und Fleischerzeugung, wird in Zukunft immer noch stärker werden. Es gilt daher, gemäß den vorstehenden Ausführungen, die Voraussetzungen für einen sicheren Erfolg innerhalb der Deutschen Rassekaninchenzucht zu schaffen.





