Fr. C. Schaedtler, Rotterdam – „Das Blaue Kaninchen Jahrbuch“ 1958
Seit 1920, mit Ausnahme der traurigen Kriegsjahre natürlich, besuchte ich sämtliche prominenten deutschen Schauen in Ost und West, und wo ich auch in Deutschland als Allgemeinrichter mehrere Male auf großen Schauen mit richtete, mag mein Urteil bei meinen deutschen Zuchtfreunden und Preisrichtern Interesse finden.
Außer in Holland und Deutschland bin ich auch in England, Frankreich, Belgien und Luxemburg als Allgemeinrichter anerkannt und möchte daher meine Kritik von einer mehr internationalen Warte aus geben und mir hier und dort einen kleinen Seitensprung erlauben, soweit in anderen Ländern ganz abweichende Zuchtziele bestehen. Selbstverständlich kann ich mich hier nur kurz fassen, aber es besteht ja immer mal wieder Gelegenheit, auf einige Rassen oder Gruppen näher einzugehen.
Die Deutschen Riesen sind, was Größe, Gewicht, Knochenstärke (Katzentritt) der Läufe anbelangt, sowie Ohren und Ohrenstellung. in der Welt führend. Holland hat sich schon seit den 20er Jahren ganz der deutschen Zuchtrichtung (Typ und Figur) angepasst und in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg viele hochwertige Tiere in Kaninchengrau, Dunkelgrau und Weiß importiert. Auch in Holland werden heute lange, schwere, verhältnismäßig trockene, starkknochige Riesen gezüchtet, wenn auch die verbesserte Urfarbe das Hasengrau mit rotbrauner Decke in gleichmäßiger Schattierung und sattblauer Grundfarbe in Körperlänge und Ohren meist nicht ganz befriedigt. Flämische Riesen, wie sie im Ausland heißen, werden in Holland in acht und in Amerika in sechs Farbenschlägen gezüchtet.
Die Achillesferse der deutschen Riesenzucht ist die Wamme. Es hat sich nämlich auch in Deutschland herausgestellt, dass man lange, schwere Stämme – Junghäsinnen bestimmt wammenlos oder mit kleinster Schwalbennest-Wamme antreffen kann. Der deutsche Standard ist mit „schiefe oder Doppelwamme“ unter den leichten Fehlern viel zu tolerant. Schiefe, doppelte, gedrehte oder Beinwammen sind in Holland Ausschlußfehler und die Richter haben darauf wie die Schießhunde zu achten! Es ist weiter bedauerlich, dass man die Farben nicht getrennt in Eisengrau, Kaninchengrau und Hasengrau klassiert und richtet. Dies würde der Farbenreinheit zugutekommen und die vielen scheußlichen, undefinierbaren Farben mit harter, flockiger Schattierung, die wir heute so oft sehen, würden von der Bildfläche verschwinden. Figur, Größe und Gewicht sind also Weltklasse, aber was Wammenbildung und Farbenreinheit betrifft, steht den Züchtern noch ein dankbares Arbeitsfeld offen. Am Rande sei bemerkt, dass England nur einen Farbenschlag kennt, nämlich Stahlgrau; die Tiere werden mit hellem Bauch mit blauer Grundfarbe gezüchtet. In der Größe liegen sie einige Pfund unter den deutschen, holländischen. belgischen und französischen Tieren (11-12 engl. Pfund) und kommen auch in den Ohren nicht mit.
In den Deutschen Riesenschecken ist Deutschland ebenfalls führend. Auch von dieser Rasse wurden in den 20er Jahren mehrere Spitzentiere nach Holland importiert, außerdem gingen viele gute Tiere nach Nordamerika, deren Nachzucht heute noch Aufsehen erregt. Lobenswert bei den DRSch. sind die kapitale Größe, die schönen Ohren, ihre Stellung und die oft hervorragenden „reinen“ Gesichter mit scharf abgegrenzter Ohrenfärbung. Auch die Aalstriche sind oft zu loben. Neben vielen Spitzentieren mit schöner, offener Seitenzeichnung in der Größe von zwei- bis fünf-DM-Stücken sieht man leider auch Tiere mit klatschiger Seitenzeichnung, die dem Standard nicht entsprechen und oft trotzdem viel zu hoch bewertet werden, weil man zwischen feiner und klatschiger Zeichnung ungenügend in Punkte abstuft. In Holland wird auf offene Seitenzeichnung sehr geachtet und Tiere mit klatschiger Zeichnung stark gedrückt oder ausgeschlossen. Amerika verlangt mindestens zwei Seitenflecke und duldet, wie ich auf neu veröffentlichten amerikanischen Fotos sah, auch Tiere mit Seitenflecken so groß wie ein kleines Taschentuch. Wenn ich auch vor den herrlich reinen Gesichtern, den Ohren und den kohlrabenschwarzen Aalstreifen größte Achtung habe, so möchte ich doch vor einem zu starken Putzen warnen. Ein guter Richter ist fähig, ein gutes Tier mit einigen weißen Stichelhaaren richtig zu beurteilen.
Nachdem die weißen Riesen qualitativ zurückgegangen waren, konnte man in den letzten Jahren erfreulicherweise wieder Tiere von höchster Klasse bewundern. In Holland fordern wir für die weißen Riesen die gleichen Bedingungen wie für die Deutschen Riesen für Gewicht und Ohren, und es werden viele Tiere in höchster Vollendung gezeigt.
Deutsche Widder, die Bulldoggen unserer Kaninchen, stehen im Durchschnitt nicht mehr auf dem hohen Niveau wie in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. So ist es auch bei uns: Die schönen, markanten Köpfe mit den ausgesprochenen Kronen fehlen bei vielen Rammlern, der Kinnknoten sitzt nicht auf dem richtigen Fleck und kann nur, als Kehlwamme bezeichnet werden. Figürlich sind sie teils recht gut, wenn auch oft zu lange Tiere Preise erhalten. Lobenswert sind die starken Läufe, die nun mal zum Deutschen Widder gehören. Auch hier wieder das heikle Thema „Wamme“. Bei keiner Rasse sieht man so viele entartete, schiefe, doppelte und verdrehte Wammen, wie bei den Deutschen Widdern. Das gleiche gilt für Holland, wo wir jetzt endlich im Standard schärfer durchgreifen wollen. Bei den Farben herrscht die gleiche Unklarheit wie zum Teil bei den Deutschen Riesen. Auch hier wäre es richtig, die Farbenschläge getrennt zu richten. Dies würde der herrlichen Typenrasse nur zugutekommen. Lobend muss ich hier die Schweiz erwähnen, wo alle Farben säuberlich getrennt werden und wo besonders die Zucht in Schwarz- und Madagascar gescheckt auf der Höhe ist.
Englische Widder. Es ist lobenswert, dass es überhaupt noch Englische Widder gibt. Durch den Tod meines Freundes H. Pettenpohl ging leider wieder ein guter alter Stamm verloren. Auch im Stammland England ist ihre Zahl beschränkt, die jährliche Klubschau bringt nur ca. 25 bis 30 Tiere. Vielen deutschen Tieren fehlt es an Vitalität, Masse und Behaarung, hier wäre ein Blutaustausch wünschenswert. Mit der Verherrlichung von Ohrenlänge und Breite kommen wir hier nicht weiter, auch die Ohrensubstanz muss da sein! Holland hat heute wieder einige beachtliche Züchter, die durch Verpaarung deutscher und englischer Stämme lobenswerte Stämme aufgebaut haben.
Die Meißner Widder sprechen immer noch sehr an. Es will mir vorkommen, dass in der DDR augenblicklich besseres Material zu finden ist als in der Bundesrepublik. In Holland wird die Rasse in einigen Exemplaren gezüchtet, in anderen Ländern bekam ich sie nie zu Gesicht.
Sowohl in Figur und Größe als auch in der Silberung und im Fell sind die Hellen Großsilber hervorragend und es freut mich, dass man stark auf gleichmäßige Schattierung achtet, wie das auch in Holland der Fall ist. Die Schweiz verlangt bekanntlich dunkle Ohren und dunkle Schnauze, denen sich die übrigen Extremitäten anpassen. Helle Großsilber werden auch in Luxemburg in hoher Qualität gezüchtet. Wie die Decke aus weißgespitzten Grannen und kurzen und längeren Spitzen besteht und die Grund- und Zwischenfarbe Blau sein soll, muss man den leidigen durchgehenden weißen Haaren noch mehr zu Leibe rücken. Über die hohe Qualität der Hellen Großsilber habe ich oft lobend in der Auslandspresse geschrieben. England war in dieser Rasse (7-10 engl. Pfund) mal auf der Höhe, ist aber heute stark im Absteigen. Im Stammland Frankreich werden sie in guter Qualität gezeigt, hier vor allen Dingen im Gebiet von Haut- und Bas-Rhin und La Moselle; die Schattierung ist dort etwas dunkler als in Deutschland und Holland.
Deutsche Großsilber sind wieder schön im Kommen, doch können sie in den ansprechenden runden Linien mit ihren hellen Vettern noch nicht ganz konkurrieren. In Holland rangieren die mittel- und dunkelschattierten Großsilber, in eigenen Klassen natürlich, friedlich mit unter dem Sammelnamen Großsilber.
Groß-Chinchilla. Was Gewicht und Figur anbelangt, sehr ansprechend. Wir haben die sogenannte „tote Zone“ zu den kleineren Brüdern etwas größer bemessen und fangen für Groß bei 4 kg an (4-5); bei Klein bei 2,25, wo wir bei 3 kg aufhören. Die Erhöhung von 2 auf 2,25 kg Minimum ist dem deutschen Standard angepasst. Man sieht viele gut schattierte Tiere, aber auch zu helle kommen noch recht viel vor und müssten dementsprechend schärfer angefasst werden. Große Wammen, zu kurze und zu harte Behaarung und helle Binden oder gar helle Läufe sind weitere Fehler, die ausgemerzt werden müssen. Dies gilt ebenso für England und Holland. Wie ich sie dort sah und in der Endplatzierung mit richten durfte, stand die Chinchilla- Giganta-Zucht nicht mehr auf der Höhe.
Blaue Wiener, meine erste Rasse! Ausgezeichnet in Figur und Größe, aber sehr unterschiedlich in der Deckfarbe. Der deutsche Standard sagt wörtlich: „tiefgesättigt, kräftig dunkelblau bis stahlblau mit gutem Glanz.“ Wir sehen aber auf allen deutschen Schauen ein sehr unterschiedliches Blau, vom ganz hellen Taubenblau bis zum schönen Stahlblau. Schlimmer ist es aber, dass diese, entgegen dem Standard, oft farblich vollkommen gleich bewertet werden. Wir in Holland züchten sie schon seit Jahrzehnten in einer Nuance, nämlich in Dunkelstahlblau und haben sogar Mühe, dass sie nicht schwarz- blau werden. Der Kampf gegen die Wamme könnte intensiver sein; es lassen sich Stämme züchten, die bei einem Gewicht von 4 kg und mehr in der Halspartie „trocken“ sind. Meine ersten Blauen Wiener bezog ich 1912 von der damals bekannten „Kanone“ Emil Barth, Geithain (Sachsen). Der Vorsitzende des Bremer KZV, Joh. H. Bente, war in meinen Bremer Lehrjahren (1911 bis 1913) mein Kaninchenzucht- Lehrmeister.
Schwarze Wiener werden in Holland in hervorragender Qualität gezüchtet. Die deutschen Weißen Wiener sind einmalig. Selten schön die Figuren und die Ohren, hervorragend teils die Felle. Auf größeren Schauen kann ich aus den Rammler-Klassen Dutzende herausholen, die im Ausland mit oder an der Spitze marschieren. Das wäre bei den Häsinnen auch der Fall, wenn sie nicht oft die üblen Wammen hätten. Was Gewicht anbelangt, rangieren bei uns Weiß und Blau in den gleichen Grenzen, mit 3,5 kg als Minimum. Komischerweise ist der Wiener in England unbekannt. Auch in Amerika ist er nur wenig anzutreffen.
Deutsche Kaninchen. Wir hatten sie so nett in Hasengrau, Kaninchengrau und Eisengrau bei unseren grauen Wienern. Leider wird ihre Zahl immer weniger. Es wäre zu wünschen, dass sich deutsche Züchter wieder um die Herauszüchtung dieser netten Farbenschläge bemühen.
Rote Neuseeländer. Wenn man gute amerikanische, englische und holländische Rote Neuseeländer gesehen hat, kann man sich für die verbleichten, rotgelben Tiere mit hellen Backen und Läufen nicht mehr begeistern. Was Stämme an Erbmasse nicht haben, können sie nicht weiter vererben. Da gibt es nur eins: stark pigmentierte Tiere zu importieren und durch Rückkreuzung die Zucht zu verbessern.
Japaner. In keinem Lande der Welt werden so viele und so gute Japaner gezüchtet wie in Deutschland. Sehr schade ist es, dass man nicht alle Züchter unter einen Hut bringen kann, und sich auf Zebrazeichnung mit geteilten Ohren-, Kopf-, Brust- und Läufezeichnung konzentriert. Dann wäre das „Japaner-Paradies“ auf Erden da. Die Farben sind ja in Deutschland teils herrlich, und man sieht schon Tiere, welche sich dem internationalen Standardgedanken mit 90 bis 95% nähern. Ausländer sind immer wieder begeistert! Lobenswert ist, dass die weißen Krallen wieder tabu sind. Deutsche Züchter einigt Euch damit Ihr diese Vorrangstellung behaltet!
Rheinische Schecken sind entzückend, das finden auch immer wieder die vielen Schaubesucher. In den 20er Jahren traten mehrere rheinische Züchter unter Herrn Boers mit 20-25 Tieren an und siegten in beiden Alttierklassen. Die Holländer machten damals das Rennen in den Jungtierklassen mit Nachzucht aus deutschen Tieren. Im Ganzen waren es 55 Stück. Ich sah nie eine bessere Kollektion! Viele der heutigen Tiere sind zu klatschig in der Seitenzeichnung, außerdem fehlen „die 5 bis 8 Flecke auf jeder Seite, nicht zu groß und unter sich freistehend“, wie der Standard es so richtig sagt. Auch in der Schweiz fand diese hübsche Rasse einen dankbaren Boden. In England sah ich sie seit vielen Jahren nicht mehr.
Alaska sind in Deutschland wie in Holland von ganz hervorragender Klasse.
Havanna sind figürlich recht gut. Farblich waren die deutschen Havanna schon mal viel besser. Vielleicht könnte sich der deutsche Standard etwas präziser ausdrücken. Die Engländer und wir verlangen eine Deckfarbe wie bittere Schokolade. Sie ist gegen Licht und andere Einflüsse nicht so empfindlich wie das hellere Braun und sieht auf seiner tiefblauen Grundfarbe recht hübsch aus. In Farbe haben sowohl England als auch Holland das Ideal erreicht. Ich richtete vor einigen Jahren u. a. die Havanna auf der Dairy Show in London und musste feststellen, dass viele Tiere reichlich klein waren. Die Gewichtsskala ist in Holland und Deutschland gleich; England geht eventuell auf 2,25 kg herunter.
Thüringer begeistern mich auf allen deutschen Schauen immer wieder; sie sind in Typ und Farbe teils hervorragend. In allen Positionen folgten wir der deutschen Musterbeschreibung, auch in der Deckfarbe. Die Schweiz dagegen verlangt eine mehr rötlich-gelbe Deckfarbe. Gerade der gleichmäßige (hauchartige) Schleier auf der Decke gibt die richtige Farbe, der Sommergams1) im Übergang ähnlich. Holland hat heute auch einige Spitzenzüchter, die mit recht gutem Material antreten können.
Die Hasen sind farblich und was Schmetterling anbelangt zum Teil sehr schön, auch die Farbe der Läufe ist bei den guten Tieren zu loben. Dem Gros fehlt es aber an Größe, Länge und Adel. Ich richte jedes Jahr den holländischen Hasenklub und muss sagen, dass wir in den letzten Positionen stärker sind, wenn wir auch mit dem Stammland England nicht konkurrieren können. Aber selbst in England fehlt heute oft die oberste Spitzenklasse; durch den Tod oder in Ruhestand getretene Züchter verlor England einige seiner besten. Die Tiere meines alten Freundes Heinrich Hannsen habe ich gut gekannt. Tempi passati, leider! Erfreulich ist es, dass ich auch in Straßburg und Metz recht schöne Hasen mustern konnte. Bei den Kleinchinchilla, welche sich im Typ recht schön gehalten haben, sieht man dieselben Fehler wie bei den großen Vettern: Zu wenig oder zu gleichmäßige Schattierung, helle Binden oder Läufe und zu kurze oder zu dünne Behaarung. Wammen sollte man hier überhaupt nicht sehen, vor allen Dingen nicht bei den Junghäsinnen.
Die Marburger Feh sind figürlich weniger ausgeglichen wie die Havanna und Alaska. Die deutsche Standardbeschreibung „mit einem leicht bräunlichen Schleier überzogen“ ist wohl schuld daran, dass die Deckfarbe so uneinheitlich ist. Ich kann auf jeder Schau Tiere bezeichnen – international gesehen, die farblich prima sind und solche, die zu sehr ins Gelbbräunliche gehen. Die Engländer und wir wollen die letzten gelbbraunen Farbbestände möglichst ausmerzen und sehen ungerne braune Nasen, Ohren und Schwänze. Nach dem deutschen Standard ist ein gänzliches Fehlen des bräunlichen Schleiers ein schwerer Fehler. In der Praxis ist dies aber nicht der Fall, sonst könnte ich ja meine zarthellblauen Tiere nicht finden, die auch hoch in den Punkten lagen. Man bedenke, dass sowohl der Gris Perle de Hal der Belgier sowie das Schweizer Feh ein etwas anderes Zuchtziel haben, wenn auch der Ursprung aller derselbe war in -verschiedenen Ländern.
Die Luxkaninchen nennen wir Luchskaninchen. Eine Hochburg entdeckte ich in Westfalen, aber auch in der DDR scheint es einige herrliche Exemplare zu geben.
Perlfeh gibt es zu wenige, um sich ein Urteil erlauben zu können. Wir züchten sie auch, sowohl mit hellem wie mit dunklem Bauch, aber leider gibt es bei uns nur wenige gute Züchter. Die Schweiz ist mit ihrem Schweizer Feh hier wohl führend.
Bei den Kleinsilber stehen bestimmt die Schwarzen an der Spitze. Hier sehen wir die markanten, viereckigen Köpfe, die verhältnismäßig kurzen Ohren und den kurzen, gedrungenen Körper mit schöner Hinterhand. In Mittel- und Dunkelschattiert oft hervorragendes Material, das überall in der Welt antreten kann. Die in Holland so beliebten hellen Schattierungen sieht man in Deutschland fast kaum. Die Gelben und Braunen sind meistens in Körper und Ohren weniger typisch, den Gelben möchte man oft eine Intensivierung der gelben Farbe wünschen. Helle Brüste und oft auch helle Schenkel sind an der Tagesordnung. Die Braunen sind farblich recht gut, die Blauen und Havannasilber nur in einigen Exemplaren. In meiner Heimat werden vor allen Dingen die Blauen in allerbester Qualität gezüchtet.
Die Englischen Schecken haben in Deutschland bessere Zeiten gekannt. Zahlenmäßig enttäuschen sie nicht, aber in der Zeichnung sind sie sehr unterschiedlich. Unreine Gesichter und unscharfe Ohrenbegrenzung verlangen wie überall in der Welt – die größte Aufmerksamkeit der Züchter. Der deutsche Standard sagt: „Die Seitenflecke sind klein, einzeln freistehend und bedecken die Lenden- und Schenkelpartie“. Wie oft aber sieht man Tiere mit Ketten wie Bienenschwärme und zu gebundene Rumpfzeichnung, die gleich hoch bewertet wurden wie hochfeine und edel punktierte Tiere? Sprechende, farbenreine Erbenzeichnung bleibe die Parole. An den Richtern liegt es, hier die Hebel anzusetzen und den Weg zu zeigen. Mein alter Freund Friedrich Joppich hat im Laufe der letzten Jahre mehrere Male auch in dieser Hinsicht seine Weisungen gegeben. Es gibt erstklassige Englische Schecken in Deutschland, man möge ihre Zahl vermehren und schärfer die Spreu vom Hafer trennen. Das Stammland England, Holland und die Schweiz verfügen immer noch über recht gute ESch. Es will mir vorkommen, dass die Holländer in der Vor- und Kriegszeit mit am meisten gelitten haben. Zahlenmäßig sind sie da, aber es fehlt oft an der Qualität. Ich zweifle nicht daran, dass die Ausdauer und das Können des deutschen Holländerzüchters diese ansprechende Rasse wieder hochbringen wird. Mein Freund L. H. Hamaker erzählte mir, dass er auf seiner Amerikareise recht schöne Holländer gemustert habe. In England, Holland (in 13-14 Farbenschlägen) und in der Schweiz gehört der Holländer noch immer zu den beliebtesten Rassen.
Im Typ sind die deutschen Lohkaninchen recht schön, leicht gedrungen, mit schöner Hinterhand und kurzen, fleischigen, gut behaarten Ohren. Auch der Faktor Lohe ist meistens genügend vorhanden. In Nasenlöcherbegrenzung, reinen Köpfen und vor allen Dingen an der hohen breiten Brust ist noch vieles zu bemängeln. Schwarze Querstreifen über die Hinterläufe stellten wir vor Jahren als schwere Fehler heraus, so dass sie heute vollkommen verschwunden sind. Die Zeichnungsbegrenzung (Reinheit) und die hohe breite Brust wussten wir in Holland so zu verbessern, dass die Engländer nach dem Kriege mehrere Male Tiere ankauften, um diese Positionen im Urlande zu verbessern. Im Typ wurden viele unserer Tiere reichlich schmal, so dass die Richter wieder schärfer vorgehen müssen. Typ und Lohe sind bei den deutschen Tieren also recht gut; Zeichnung und Brust verlangen die ganze Aufmerksamkeit.
Marder. Die seltenen und netten Tiere, die man sieht, sprechen immer wieder an. Die Empfindlichkeit der hübschen Farbe scheint mit die Ursache zu sein, dass sie in vielen Ländern nur in kleiner Zahl gezüchtet werden. In Amerika, England und Holland werden sie auch mit weißer Montierung und hellem Bauch gezüchtet und gezeigt. Ich glaube, Deutschland züchtet als einziges Land die Russen mit kleiner Maske, die nur den Oberkiefer bedeckt. Man sieht daher oft recht kleine Masken, anstatt die großen, eiförmigen, die in anderen Ländern das Standardideal darstellen. Das Tier, quasi mit der Schnauze in ein Teergefäß getaucht, gibt also das Wunschbild des Auslandes. „Der Körper leicht gedrungen", sagt der deutsche Standard, „schlank und gestreckt, ein rehartiger Typ“ verlangen sowohl der englische als auch der holländische Standard. Im Gewicht liegen wir auch noch ein halbes Pfund niedriger. Lobenswert ist die schöne Hinterhand der deutschen Tiere, die in England und Holland zum Teil sehr eckig sind. Wir züchten sie in Schwarz, Blau und Havannabraun.
Hermelin sind wieder herrlich im Kommen! Deutschland war im Jahre 1920 das erste Land, welches kleinste, typische, kurzohrige Hermeline herausbrachte, und Namen wie M. Walther (Offenbach a. M.), Michael Heinlen (Buchschlag/Frankfurt) und E. Krause (St. Ingbert), haben Weltruf in orientierten Kreisen. Viele hervorragende Tiere wurden in den 20er Jahren ins Ausland exportiert und halfen neue Wege bahnen für eine verfeinerte Zwergkaninchenzucht. Die Köpfe sind oft zu loben, wenn sie breitschnauzig und kugelförmig sind. Auf Einschnürung zwischen Schnauze und Backenpartie und gute Füllung zwischen den breitgestellten Augen (Schädelplatte), sowie auf geschlossenen Stand, der an der Basis prall zusammenstehenden Öhrchen muss sehr geachtet werden. Die kleinen Feinheiten muss man herausschälen, es soll ja keine gewöhnliche Einheitsware sein. Die Öhrchen sollen leicht abgerundet und fein in der Struktur sein. Hier fehlt es noch oft! Der Stand der Hinterbeine darf nicht kuhhessig sein eine Hermelinschwäche! Fell und Farbe sind oft prächtig. Möge das urdeutsche Blauauge bald wieder einen neuen Aufschwung erfahren. Wir haben sie in Holland auf einem Niveau, den Roten vollkommen ebenbürtig.
Auch die Rexe werden qualitativ besser. Sie hatten durch die Kriegsjahre anscheinend schwer gelitten. Am besten gefallen mir die Castor Rexe, die zum Teil eine herrliche Grund-, Zwischen- und Deckfarbe zeigen bei guter Flankendurchfärbung. Auch das Fell ist oft lobenswert. An zweiter Stelle kommen wohl jetzt die Chin Rexe, die sich überall sehen lassen können. Bis auf einige schwarze und Chin Rexe sieht man andere Farbenschläge kaum. Nach diesem Kriege richtete ich auf einer Dairy Show in London gewaltige Kollektionen Rexe und staunte über die hervorragende Qualität fast sämtlicher Farbenschläge. Leider nimmt man es in der Wammenfrage bei den Rexen dort nicht allzu genau, und große Wammen verunzieren die Konturen eines Rex nicht wenig. Holland verfügt in Weiß Rex über eine Spitzenklasse und in der Schweiz sah ich herrliche Castor Rexe. Auch im Urland Frankreich erlebt die Rexzucht wieder neuen Aufschwung.
Deutsche Angora. Fachleute und Eingeweihte wissen, wie oft ich mich schon lobend über die deutschen Angora geäußert habe und in der Auslandspresse darüber berichtete. In Größe, Figur, Qualität der Wolle, Kopf- und Fußbehang sind sie einmalig, man könnte hier mit Recht vom „Deutschen Wunder“ sprechen, was hier durch die intensive, verständnisvolle Zusammenarbeit zwischen Züchter (und deren Berater) und Wissenschaft zustande gebracht wurde. Ich wiederhole also gerne nochmals, dass Deutschland in der Angorazucht führend in der Welt ist und unter Beweis stellte, dass Schönheit und Leistung gut Hand in Hand gehen können. Ein Lob möchte ich meinen deutschen Zuchtfreunden nicht vorenthalten: Die Fellqualität Unterwolle und Dichte, auch in den Grannen liegt im Durchschnitt höher als in meinem Lande.
Möge diese, meine objektiv geschriebene Kritik in dem Sinne aufgefasst werden, wie ich sie geschrieben habe: Im Interesse einer erfolgreichen deutschen Rassekaninchenzucht und als Beitrag zu einer besseren internationalen Verständigung in Standardfragen.
Sommergams bezieht sich auf Gamswild (Gämse) während der Sommermonate und ist ein Begriff, der oft von Jägern und Naturliebhabern in alpinen Regionen verwendet wird.






