Von Josef Singer, Bad Feilnbach – „Das Blaue Jahrbuch“ 1998

Vieles wurde in den letzten Jahren über das etwas andere Bewertungssystem, die sogenannte A-B-C-D-Bewertung, geschrieben. Von den Befürwortern alles vielleicht etwas überschwänglich, von den Gegnern viel Unverständliches und von einigen Schreibern sogar Unvernünftiges.

Da wir in Bayern seit 1989 bei mehr als 10 großen Schauen, von 4000 bis 12000 Tieren, natürlich mit eingeholter Genehmigung des ZDK, die A-B-C-D-Bewertung versucht und auch durchgeführt haben, erlaube ich mir hier meine Gedanken darüber niederzuschreiben.

Seit Jahrzehnten hört man immer und überall Aussteller und Züchter, die sich darüber beschweren, wenn sie nun bei dieser oder jener Schau einen anderen Preisrichter gehabt hätten, sähe die Vergabe der Meisterschaften wohl ganz anders aus. Da man uns bei der Europaschau in Wels, Österreich, 1987, ein A-B-C-Modell vorgestellt hatte und dieses auch angewandt wurde, kam uns in Bayern der Gedanke, da wir ja nur 4er-Zuchtgruppen innerhalb des ZDK-Gebiets kennen, die Zuchtgruppenbewertung auf vier Richter auszudehnen. Das heißt also, die Bürde der Verantwortung bei der Vergabe von großen Zuchtgruppenpreisen auf 4 Männer (oder Frauen) zu verteilen. Das ewige Reklamieren müsste doch damit aufhören, denn nun habe jeder Aussteller die vier gleichen Richter, und somit sei die Chancengleichheit hundertprozentig gegeben. Dies war der erste Aspekt, so zu verfahren.

Aber nun kommt für mich das Hauptanliegen in der ganzen Angelegenheit. Die vier Richterkollegen bauen vor der Bewertung ihre Richtertische so auf, dass sie während der ganzen Bewertungstätigkeit ständig in Blick- und Sprechkontakt sind. Dieses ermöglicht eine ununterbrochene Abgleichung in einzelnen Positionen im Zweifelsfalle. Gerade in den Positionen Körperform und Bau sowie Fell haben wir oft bei gleichen Tieren erhebliche Abweichungen. Dies wird nun hier besser, nicht von heute auf morgen, aber in absehbarer Zeit, wenn sich alles nach und nach eingespielt hat. Die 4 Richter sind ein Team bis zur Abgabe ihrer Bewertungsunterlagen. Aber nur wenn man gewillt ist, miteinander zu sprechen und sich auszutauschen, wird die gemeinsame Arbeit von Erfolg gekrönt sein.

Das Argument der Gegner, dass die Richterkollegen gegeneinander ausgespielt werden, entbehrt jeglicher Grundlage. Hier sehe ich genau das Gegenteil, denn hier ist nicht die Einzelperson wichtig, sondern die 4er-Gruppe. Der eingeteilte Obmann betreut drei Gruppen à vier Personen, also zwölf Richter. Da diese drei Gruppen auf engem Raum zusammen sind, ist auch der Obmann immer präsent, er ist immer da, wenn man ihn braucht. Die ewige Ruferei nach den Obleuten hört auf, seine Weisungsberechtigung kann ständig in Anspruch genommen werden.

Und nun zur Praxis. Die moderne Computertechnik macht es möglich, die Bewertungskarten so auszudrucken, dass jeder Richter sofort seine ihm zugedachten Karten erhält. Der erste Richter am Tisch erhält zudem die Ummeldungen und verteilt diese auf Anfrage an die Kollegen. Es ist auch sehr wichtig, dass alle Zuchtgruppenkarten am Tisch aufliegen, um bei Ummeldungen und Unstimmigkeiten nachzusehen. Dies hört sich alles kompliziert an, ist es aber nicht. Wichtig ist auch, dass alle vier Richter etwa im gleichen Bewertungstempo liegen, um sich beim Vorstellen einer neuen Rasse oder eines neuen Farbenschlages darüber genauestens abzusprechen. Ist die Bewertung abgeschlossen, setzt sich das ganze Team an einen Tisch, sortiert die Einzelkarten in der Reihenfolge der Käfignummern ein und beginnt dann mit dem Eintragen auf die Zuchtgruppenkarten. Jeder Richter unterschreibt dann ein Viertel der Sammlungskarten und garantiert damit, dass er die Einzeltiere richtig eingetragen und auch richtig addiert hat.

Die Preisverteilung wird ebenfalls wie eh und je unter Mithilfe des jeweiligen Obmanns abgeschlossen.

Das Ganze erfordert keinen größeren Zeitaufwand und kostet auch keine Mark mehr. Seit Jahrzehnten versucht der DPV auf Bundesebene mit großem finanziellem Aufwand ein einheitlicheres Bewertungsergebnis herbeizuführen. Der Erfolg ist mäßig. Bei der nächsten Bundesschau im Dezember 97 in Nürnberg, bei der erst malig die A-B-C-D-Bewertung angewandt wird und etwa 200 deutsche Preisrichter an die Arbeit gehen, wird darüber entschieden, ob wir in Zukunft in den einzelnen LV so verfahren dürfen oder nicht.

Entscheidend wird auch sein, wie die vier Kollegen einer Gruppe, die ja immer aus vier verschiedenen Landesverbänden sind, untereinander zusammenarbeiten. Dann wird sich zeigen, ob es ein sogenanntes Nord-Süd-Gefälle gibt oder ob wir alle an einem Strang ziehen. Die Züchter werden es uns danken. Die Reklamationen bei bayerischen Großschauen sind, was die Bewertung an- belangt, auf ein Minimum gesunken. Einige Unbelehrbare werden wir wohl nie überzeugen können.

Eine Frage, die auch immer wieder aufgetaucht ist: Was passiert, wenn zwei Tiere mit identischen Täto ausgestellt werden. Hier ergibt sich kein Unterschied zur herkömmlichen Bewertung. Sitzen beide in einer Zuchtgruppe, wird dieses beim Eintragen der Punkte auf die Sammlungskarte sofort bemerkt. Sitzt das Tier aber in einer anderen Zuchtgruppe, konnte es ja bisher auch nur im fertigen Katalog festgestellt werden.

Wenn man heute innerhalb des großen Zentralverbandes alle aktiven Züchter abstimmen lassen würde, hätten wir ab 1.1.98 die moderne Art der Gruppenbewertung. So bleibt mir nur zu hoffen und zu wünschen, dass die A-B-C-D-Bewertung in Nürnberg seine Feuertaufe besteht und es jedem Verband somit freigestellt wird, diese anzuwenden.

Und dies immer aus dem Aspekt heraus, dass dies dem Züchter und Aussteller und unserer guten Sache dienen möge.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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