Dr. G. Schwenkenbecher, Unna-Königsborn – „Das Blaue Jahrbuch“ 1960

Mit dem Tag der Geburt beginnt die Aufzucht der Jungtiere. Einige Stunden nach dem Werfen ist die Nestkontrolle durchzuführen. Diese erstreckt sich auf die Feststellung

1. der Wurfgröße, d. h. der Zahl der Jungtiere

2. des Gewichts,

3. der Beschaffenheit der Jungen

Besitzt man einen Wurfkasten, so wird zweckmäßigerweise der ganze Kasten aus dem Stall genommen. Die Beschaffenheit der Tiere ist in diesem geöffneten Kasten leicht zu übersehen, indem der ganze Wurf gewogen und gleichzeitig dabei die Wurfzahl festgestellt wird. Alle diese Ergebnisse müssen sorgfältig notiert werden, weil sie allzu leicht vergessen werden.

Besitzt der Züchter keinen Wurfkasten, so empfiehlt es sich, bei der Nestkontrolle die Häsin aus dem Stall zu nehmen, um in aller Ruhe die frisch geborenen Tiere zu zählen, zu wiegen und ihren Zustand zu überprüfen. Sind von den Jungtieren einige nicht in Ordnung, so sind sie sofort auszumerzen.

Diese Nestkontrolle ist in den ersten drei bis vier Wochen ungefähr zwei- bis dreimal wöchentlich durchzuführen. Gut genährte Tiere erscheinen prall und rund, während schlecht genährte matt aussehen und eine runzelige Haut zeigen. Entscheidend für die ersten Aufzuchtwochen ist die Säugefähigkeit der Häsin, da die Jungtiere in dieser Zeit ausschließlich Muttermilch erhalten. Es empfiehlt sich, den tragenden Häsinnen schon vor der Geburt täglich etwas Wasser zur Verfügung zu stellen. Diese Tränke gibt man ihnen in der Art, dass sie das Wasser mittags haben und dass sie ihren Bedarf in längstens einer Stunde befriedigen können. Diese Tränke hält man während der Säugezeit auf alle Fälle bei. Sollte die Säugeleistung des Muttertieres nicht voll befriedigen, so kann man den Häsinnen auch frische Milch oder Milch von anderen Tieren aber nur in frischem Zustand zur Verfügung stellen.

Die Wurfstärke soll bei den Wildkaninchen nach Angaben aus der Literatur rd. 6 Jungtiere betragen, bei unseren Hauskaninchen ist sie durch die Domestikation in den meisten Fällen weit höher. So kennen wir alle Würfe von 8 bis 10 Tieren, ja auch noch größere. Im Allgemeinen besitzen unsere Kaninchen 8 bis 11 Saugwarzen, meistens 8, so dass theoretisch stets eine Zahl von 8 Jungtieren aufzuziehen wäre. Wir wissen aber, dass die vorderen Brustwarzen weniger milchergiebig sind. Überhaupt ist die Milchleistung bei unseren Kaninchen recht unterschiedlich. Wir haben aber insofern züchterisch schon sehr viel geleistet, als wir stets wieder von den Häsinnen Nachzucht gezogen haben, die ihre Jungtiere möglichst gleichmäßig und gesund aufgezogen haben. Es werden im allgemeinen jedoch nur so viel Jungtiere der Mutter belassen, wie sie gut aufziehen kann. Diese Zahl wird in erster Linie von der milchspendenden Zitzenzahl bestimmt.

In der Praxis lässt man oft mehrere Häsinnen gleichzeitig decken, um so die Möglichkeit zu haben, die überzähligen Jungtiere aus starken Würfen den schwächeren Würfen anderer Mütter zuzuteilen. Man muss natürlich diese zugesetzten Jungtiere vorher kennzeichnen und sich genaue Aufzeichnungen darüber machen.

Der Häsin nur 3 bis 4 Jungtiere zu belassen in der Meinung, eine besonders kräftige Nachzucht zu erhalten ist nicht mehr zeitgemäß. Diese Aufzucht können wir bei einer Wirtschaftlichkeit in unserer Kaninchenhaltung nicht mehr durchführen, weil wir einfach nicht reich genug sind, um uns dieses leisten zu können. Außerdem zeigen die Jungtiere aus größeren Würfen später eine in etwa gleichlaufender Entwicklung als die Tiere aus kleineren Würfen. Weiterhin haben wir bei einer größeren Zahl von Jungen viel eher die Möglichkeit, eine bessere Auslese zu treiben. Da heute auch die Schlachtkaninchenhaltung eine verstärkte Rolle spielt und die Züchter auf die Einnahmen aus dieser Haltung mit angewiesen sind, muss ein größerer Wert auf höhere Wurfzahlen gelegt werden.

Nach drei Wochen werden die Jungtiere wiederum gewogen, um an ihrem Gewicht Aufschlüsse über die Säugeleistung der Mutter zu bekommen. Bei diesem Wiegen findet gleich eine Auslese der Jungtiere statt. Bis zu diesem Alter bleiben auch die Jungtiere im Allgemeinen im Nest. Diese Nestruhe ist für das Wachstum außerordentlich wichtig. Nach dieser Zeit sollten wir die Jungtiere, die nun das Nest verlassen, schon langsam an die Futteraufnahme gewöhnen, indem wir ihnen eiweißreiches Heu, frisches Grünfutter und auch Kraftfutter zur Verfügung stellen. Sie werden nach

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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