Ohne Verfasser, in „Das Blaue Kaninchen Jahrbuch“1958
Die organisatorische Entwicklung der Kaninchenzucht ist verhältnismäßig noch jung. Obgleich über die Haltung und Züchtung von Kaninchen in Deutschland schon im 16. Jahrhundert durch die Deutsch- Ordensritter berichtet wird, ist mit einer Gemeinschaftsarbeit der Züchter erst 300 Jahre später begonnen worden. In der Kleintierzucht waren es die Geflügel- und Kaninchenzüchter, die als erste in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Erkenntnis, dass durch einen engen Zusammenschluss der Züchter eine bessere Weiterentwicklung der Zucht gegeben ist, für eine engere Zusammenarbeit zusammengetreten sind. Als ältester deutscher Verein für Kaninchenzucht ist der am 12. 4. 1880 gegründete Allgemeine Kaninchenverein Chemnitz zu nennen. Damit wurde der erste Baustein zu dem heutigen Gebilde der Organisation gelegt. In den folgenden Jahren bis 1892 ging die Organisationsentwicklung erst schrittweise durch Bildung einiger neuer Vereine voran.
Nachdem dann 1892 der Zusammenschluss der wenigen Vereine zu einem
Bund Deutscher Kaninchenzüchter
führte, setzte eine verstärkte Propaganda für die Kaninchenhaltung ein mit dem Ergebnis, dass dieser Bund bis zur Jahrhundertwende (1900) bereits schon 53 Vereine mit 1377 Mitgliedern umfasste. Es waren dies jedoch nicht alles Vereine, die sich nur mit der Kaninchenzucht befassten, sondern z. T. auch gemischte Vereine, die noch andere Gebiete der Kleintierzucht, insbesondere die Geflügelzucht mit betreuten. Aber auch schon damals war nicht alles eitel Freude, denn mancher dieser gemischten Vereine spaltete sich auf, ohne rasserein d. h. spezialisiert auf einem Fachgebiet zu bleiben. Einen ähnlichen Gang nahmen auch eine Anzahl von Kaninchenzüchtervereinen, aus denen sich dann recht bald die ersten Sondervereine (Clubs) für einzelne Kaninchenrassen gestalteten. Obgleich zu dieser Zeit erst einige wenige Rassen bekannt waren, bestanden bereits im Jahre 1896 die ersten Spezial-Clubs, die sich bis 1900 auf 6 beliefen. Diese erfassten die Rassen Angora, Belgische Riesen, Silber, Holländer und Englische Widder. Für die letzte Rasse, die in verschiedenen Gewichts- und Behangklassen gezüchtet wurden, gab es bereits zwei Spezial-Clubs. Im ersten Standard, erstellt durch den Bund Deutscher Kaninchenzüchter im Jahr 1893 waren als Rassen aufgenommen noch die Russen, Normantiener und Deutsche Kaninchen.
In den nächsten Jahren trat dann ein rapider Aufschwung und Zuwachs ein, sowohl mit weiteren Züchtungen (neuen Rassen) als auch durch die Bildung neuer Clubs und Vereine. Im Jahre 1906 hatte der Bund Deutscher Kaninchenzüchter bereits über 5000 Mitglieder mit über 200 Vereinen zu verzeichnen. Während anfangs die Spezial-Clubs sich nur mit einer bestimmten Rasse befassten, wie das ja eigentlich in ihrem Aufgabengebiet als selbstverständlich anzusehen ist, trat sehr bald schon eine Verwässerung mancher Clubs ein, indem sie durch Übernahme mehrerer Rassen die Gestalt eines gemischten Kaninchenzüchtervereins annahmen. Diese Entwicklung hat sich dann auch weiterhin fortgesetzt bis in die heutige Zeit hinein, so dass eine bestimmte Zielsetzung bei diesen gemischten Clubs eigentlich nicht mehr gegeben ist. Durch das Überschneiden der Tätigkeitsgebiete zwischen den Vereinen und den Clubs, die mehrere Rassen vertraten oder solchen, die nur dem Namen nach Clubs, sonst aber reine Kaninchenvereine waren und z. T. heute noch sind, entstanden häufig Differenzen, die sich bis in die jüngste Zeit hinein nicht sehr fördernd auf die Kaninchenzucht auswirkten.
Der erste Bund Deutscher Kaninchenzüchter war außerstande, der eintretenden Zersplitterung Einhalt zu gebieten und als einziger Großverband die Geschicke der Kaninchenzucht in den Händen zu be- halten. Bereits im 1. Jahrzehnt dieses Jahrhunderts erstanden weitere Verbände mit größerem und kleinerem Wirkungskreis. Erst nachdem sich diese Verbände in ihrer Arbeit mehr auf Landesebene (Landesverbände) begrenzten, trat im gesamten Zucht- und Ausstellungs- wesen ein neuer Aufschwung ein. Durch diese Dezentralisation kam es jedoch so weit, dass fast alle diese Verbände eigene Satzungen sowie Ausstellungs- und Bewertungsrichtlinien erstellen, so dass von einer einheitlichen Bearbeitung der Rassen nicht mehr die Rede sein konnte. Bei den Spezial-Clubs waren die gleichen Bestrebungen zu verzeichnen. Mit Ausnahme einiger weniger Rassen, wie z. B. der auch die Hasen kamen dann Englischen Widder und Blauen Wiener hinzu die eine Ausweitung ihrer Tätigkeit auf internationaler Basis zu erreichen suchten, entstanden viele Clubs und Clübchen, die keinerlei Bedeutung über die Ortsgrenze hinaus besaßen. Diese Zersplitterung, die sich dann erst recht hinderlich für die Gesamtorganisation in den Weg stellte, insbesondere dann, wenn es galt, Bewertungsrichtlinien für die Beurteilung der Tiere auf den Ausstellungen nach einheitlichen Gesichtspunkten aufzustellen, hat viele heftige und persönliche Fehden, auch bis in die Fachpresse hinein, gebracht. Das blieb in der Folgezeit deshalb lange so, dass in den einzelnen Zuchtgebieten recht unterschiedlich sowohl in der Zucht als auch in der Bewertung der Tiere gearbeitet wurde. Eine etwas klarere Linie trat ein durch den Zusammenschluss der Landesverbände in Preußen zum
Preußischen Landesverband,
der als starke Organisation dann dem Bund Deutscher Kaninchenzüchter gegenüberstand. Letzterer, der sich neben Ortsvereinen usw. auch mit Einzelmitgliedern ohne Ortseinschränkung befasste, verlor damit seine führende Stellung. Manche Fusionsbestrebungen beiderseits wurden durch die Kurzsichtigkeit einiger persönlicher Auffassungen zu nichts, bis sich dann (der erste Weltkrieg tat sein Übriges dazu) im Jahre 1924 der Reichsbund Deutscher Kaninchenzüchter bildete. Es standen sich damit als Gegner gegenüber der alte Bund und der Reichsbund, der eine viel größere Mitgliederzahl aufzuweisen hatte. Auch auf das Ausstellungs- und Preisrichterwesen hatte diese Zweiteilung noch immer einen recht nachteiligen Einfluss. Von seitens der Preisrichtervereinigungen wurde das stets und ständig betont und von dieser Seite alle Anstrengungen gemacht, wenigstens in der Bewertung der Rassen eine Einigung zu erzielen. Im Jahre 1921 war es möglich, dass der Deutsche Preisrichterverband für Kaninchenzucht gegründet wurde in dem alle Richtergruppen und Vereinigungen aus beiden Lagern Aufnahme fanden. Seine neutrale Stellung, die übrigens manche Brücke zur Wiedervereinigung der Züchter geschlagen hat, wurde auch in der Satzung besonders verankert, indem dort festgelegt wurde, dass sich der Deutsche Preisrichterverband den bestehenden Züchterorganisationen gegenüber solange neutral verhält, bis eine Einheit in der Züchterorganisation geschaffen ist.
Diese kam dann zwangsläufig durch die Maßnahmen der Gleichschaltung im Dritten Reich, als der Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e.V., Sitz Berlin, gebildet wurde, dem alle bisherigen Verbände unterstellt und für die einzelnen Fachgebiete der Kleintierzucht die Reichsfachgruppen geschaffen wurden. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen in jener Zeit, wie z. B. Begrenzung der Rassen, Förderung nur einiger weniger sog. Wirtschaftsrassen, Umformung aller Rassen auf einen Einheitstyp, Schaffung eines deutschen Universalkaninchens usw., dürften den meisten heute noch organisierten Züchtern bekannt sein, so dass sich erübrigt, hier noch näher darauf einzugehen. Der zweite Weltkrieg hat dann auch diese gegen den Willen der Züchter getroffenen Anordnungen restlos zunichte gemacht. Zum Kriegsende 1945 blieb auch hier nur noch ein Chaos übrig, aus dem heraus dann unter kaum mehr vorstellbaren Verhältnissen die Arbeiten für den Aufbau der heutigen Organisation wieder aufgenommen werden konnten. Von dem einstigen stolzen Gebäude, in dem die Reichsfachgruppe 1945 noch 192 000 Mitglieder betreute, blieb ebenfalls nichts mehr übrig, so dass die ersten Wiederaufbauarbeiten in primitiven, behelfsmäßigen Unterkünften getätigt werden mussten. Bereits zu Ende 1945 wurden von einem kleinen Stab alter Mitarbeiter unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Jan Gerriets bei der alliierten Kommandantur in Berlin Anstrengungen für die Anerkennung einer neuen Organisation für die Kleingärtner und Kleintierzüchter gemacht mit dem Ergebnis, dass am 15. 1. 1946 dazu die Genehmigung erteilt wurde. Leider war es durch die Teilung Deutschlands nicht möglich, einen starken Zentralverband, alle Zuchtgebiete umfassend, zu schaffen, so dass dann eine Teilung der Züchter (110 000 auf die drei westlichen Zonengebiete und 82.000 auf den östlichen Teil Deutschlands) die unausbleibliche Folge war.




