Priv.-Doz. Dr. P. Schley
Justus-Liebig-Universität Gießen, Zentrum für kontinentale Agrar- und Wirtschaftsforschung, Sektion Tierzucht und Tierhaltung
„Das Blaue Jahrbuch“ 1979
Dem Kaninchenhalter stellt sich nicht selten das Problem, Kaninchen ohne Muttermilch aufzuziehen. Meistens sind Erkrankung oder Tod der Häsin der Grund des plötzlichen Milchausfalls. Bei Jungtieren guter Abstammung wird der zu erwartende Verlust als besonders schmerzlich empfunden. Der verantwortungsvolle Züchter wird deshalb nichts unversucht lassen, um seinen Jungtieren zu helfen. Das bekannte Rezept, ungesüßte vitaminisierte Kondensmilch mit Wasser 1:1 verdünnt und in „Liebesperlenfläschchen“ verabreicht, hat nur bei älteren Nestlingen Aussicht auf Erfolg, zumal der Schnuller in seiner Form und Konsistenz den Anforderungen nicht genügt.
Natürliche Milch
Kaninchenmilch ist sehr nährstoffreich und weist einen Trockensubstanzgehalt von mehr als 30% auf. Über die Inhaltsstoffe der Kaninchenmilch liegen eine Reihe von Mitteilungen vor. Ausführlich geht Tegtmeyer in einem 1964 im Blauen Kaninchen-Jahrbuch erschienenen Beitrag auf die Zusammensetzung der Milch ein, wobei auch ältere, bis in das Ende des vorigen Jahrhunderts zurückliegende Publikationen Berücksichtigung finden. Tegtmeyer konnte feststellen, dass Fett- und Eiweißgehalt in der Milch relativ stark variieren, während sich Milchzucker- und Mineralstoffanteile weitgehend konstant verhalten. Um eine Übersicht über den Nährstoffgehalt der Kaninchenmilch geben zu können, werden die Angaben und Analysenergebnisse einzelner Autoren in der folgenden Tabelle 1 zusammengestellt.
Wie aus Tabelle 1 hervorgeht, kommt die Mehrzahl der Autoren zu gleichlautenden Ergebnissen. Protein- und Fettgehalt bewegen sich etwa im selben Bereich (10-15 %). Auffällig ist der niedrige Anteil von Lactose. Insgesamt kann festgestellt werden, dass in Anlehnung an die natürliche Milch für den herzustellenden Milchaustauscher folgende Richtwerte anzustreben sind: 30% Trockenmasse, 11-14% Protein, 11-14 % Fett und 1,5-2,5 % Lactose sowie 2,3-2,5% Aschegehalt.
Eindeutige Unterschiede zu anderen Nutztieren ergeben sich in der Zusammensetzung des Milchfettes, wo hohe Anteile der mittelkettigen Capryl- und Caprinsäure sowie Linolsäure ermittelt wurden. Der Gehalt an der sehr leichtverdaulichen Caprylsäure ist etwa 20mal höher als im Butterfett.
Kolostralmilch zeichnet sich nach Untersuchungsergebnissen von Lebas (1971, 1975) durch höheren Trockensubstanzgehalt und höheren Fettgehalt aus. Zwischen dem 7. und 21. Tag bleibt die Milchzusammensetzung relativ konstant. Die festgestellten Veränderungen dürften aber für die Rezeptur des Milchaustauschers von untergeordneter Bedeutung sein, zumal im späteren Laktationsstadium befindliche Mütter zugesetzte Neugeborene mit gleichem Erfolg aufziehen. Die Verabreichung von Kolostralmilch an die Jungtiere aus Gründen der Immunkörperversorgung ist auch nicht zwingend notwendig, da beim Kaninchen aufgrund der durchlässigen Ausbildung der Placenta die notwendigen Abwehrstoffe bereits vor der Geburt dem Jungtier mitgegeben werden.

Milchaustauscher
Kaninchen ohne Muttermilch aufzuziehen, ist bisher mit unterschiedlichem Erfolg in der sogenannten Handaufzucht gelungen. Sowohl auf Kuhmilch aufbauende Ersatzmilch als auch rein synthetisch zusammengesetzte Milchnahrungen wurden erprobt. Handelsübliche Milchpulver enthalten, aber hohe Anteile an Milchzucker (Lactose), die den Gehalt an Proteinen übertreffen. Da bei der Zubereitung des Milchaustauschers Kaninchenmilch als Modell zu dienen hat und andere Bedarfswerte kaum zur Verfügung stehen, ergeben sich allein für die Einstellung der erforderlichen Dünnflüssigkeit Schwierigkeiten, wenn ein Proteingehalt von 10 % bei 30% Trockensubstanz angestrebt wird. Der Lactosegehalt – hohe Lactosegehalte hemmen die Bereitschaft zur Nahrungsaufnahme und verursachen Durchfall – würde um ein Vielfaches höher liegen als erwünscht. Bei jungen Saugkaninchen ist die Lactosetoleranz aber recht hoch, so dass handelsübliche Magermilchpulver durchaus Verwendung finden können. Besser geeignet ist für diesen Zweck freilich Lactose reduziertes Milchpulver, das über ein spezielles Gel-Trennungsverfahren gewonnen wird (z. B. von Fa. Semper, Stockholm).
Als Zutaten für eine brauchbare Ersatzmilch kommen eine ganze Reihe von Grundstoffen in Betracht. Berücksichtigt man ihre variierbaren Anteile, so ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten der Rezeptur. Zwei Punkte sollen aber besondere Beachtung finden:
1. Berücksichtigung der artspezifischen Besonderheiten des Milchfettes mit einem möglichst hohen Anteil an Capryl- und Caprinsäure und
2. die Berücksichtigung des Casein-Albumin/Globulin-Verhältnisses im verwendeten Protein.
Die Verwendung von Sahne oder gar Olivenöl ist für künstliche Kaninchenmilch ungeeignet, da sie den verdauungsphysiologischen Verhältnissen des jungen Kaninchens nicht entsprechen. Zu hoher Caseingehalt führt bei reichlicher Milchaufnahme, wie sie bei anzustrebender einmaliger Fütterung zwangsläufig gegeben ist, zu Verklumpungen im Magen. Demgegenüber gerinnt die natürliche Milch im Magen des Jungtieres zu einer weichen, cremigen Masse. Alle Bemühungen, die im Rindermilchprotein vorhandene Eiweißkomponente an das Milchprotein des Kaninchens anzugleichen, müssen deshalb darauf hinzielen, das Verhältnis zwischen Casein und Molkenprotein einzuengen. Dies lässt sich durch Zusätze von Molkenpräparaten erreichen, womit gleichzeitig eine Verringerung des Lactosegehaltes erzielt werden kann.
Der Verfasser erzielte befriedigende Aufzuchtergebnisse mit Gemischen aus 62,5% Trockenmagermilch und 37,5% Molkenprotein. Als Fettgrundlage diente ein spezielles Triglyceridgemisch der Capryl- und Caprinsäure, dem 17 % Sonnenblumenöl zugesetzt wurde. Der Mineralstoffbedarf wurde über eine im Handel befindliche wasserlösliche Mineralstoff- und Spurenelementevormischung für Kälber sichergestellt. Bezüglich der Vitaminzulagen wurde auf Multivitaminpräparate zurückgegriffen. Eine breitgefächerte Zusammensetzung weist das kaltwasserlösliche Vitaminkonzentrat 327/7 von La Roche auf. Als Bezugswert wurden 20 IE Vit. A pro ml Milch zugrunde gelegt. Die vollständige Zusammensetzung der verfütterten Diät geht aus der folgenden Tabelle hervor:
Anmerkung: Die Zugabe eines Breitbandantibiotikas ist zu empfehlen. Vom 1.-14. Lebenstag wird die Milch unverdünnt verabreicht. Ab 15. Tag wird 1:1 mit einer Milch gemischt, die die Positionen 2, 8, 9 und 10 nicht enthält..
Tabelle 2: Rezeptur für Milchaustauscher (1 Liter)

Trotz des reichen Sortiments an Inhaltsstoffen ist die Zubereitung des Milchaustauschers einfach. Die festen Bestandteile werden zusammen in Plastiktüten abgepackt und so vorrätig aufbewahrt. Ein Teil des Wassers wird mit den vorher angesetzten Vitaminlösungen in den Mixer gegeben, anschließend werden der Tüteninhalt sowie das restliche Wasser bei laufender Maschine zugesetzt; zuletzt wird das Öl zugegeben.
Fütterungstechnik
In den ersten Tagen erfolgt in der Regel keine freiwillige Saugerannahme. Den Tieren muss deshalb der Mund geöffnet werden. Das geschieht am zweckmäßigsten mit Daumen und Zeigefinger der haltenden Hand. Der Schluckreflex setzt nach Milchaustritt ein. Die Schluckzahl bewegt sich beim Saugakt an der Häsin zwischen 3/sec. und 4/sec. Bei der Handfütterung werden aber im Durchschnitt höhere Schluckzahlen erreicht. Die abgeschluckte Milchmenge ist bei der Handfütterung ebenfalls größer als beim natürlichen Saugvorgang. Verengte Austrittsöffnungen senken zwar die Abschluckmenge und verlängern die Fütterungszeit, üben aber zugleich einen geringen Reiz auf das Tier aus, so dass der notwendige Saugdruck am Gummisauger nicht erreicht wird. Um eine weitgehend mundgerechte Saugerform anbieten zu können, sind vom Verfasser verschiedene Modelle in mehreren Größen und Wandstärken getestet worden. Bewährt haben sich griffige, velourisierte Ausführungen (Anfertigung vom Gummiwerk Rex, Pfungstadt). Die Anbringung eines Schlitzes quer zur Mundrichtung erlaubt eine gewisse Regulierung des Milchaustritts, wenn die Lage des zu fütternden Tieres entsprechend geändert wird.
Da die Tiere bis zur physischen Leistungsgrenze Milch trinken, muss die Fütterung oft abgebrochen werden. Bei zu hoher Milchaufnahme (>20% des Körpergewichts) lässt die Trinklust am folgenden Tag spürbar nach. Die Kondition des Tieres ist für die Nahrungsaufnahme von größter Bedeutung. Die Verfassung der Mutter vor der Geburt ist offenbar für den Aufzuchterfolg ebenso von Wichtigkeit. Unterkühlung belastet nicht nur den Energiehaushalt, sondern führt auch zu Appetitverlust und Nahrungsverweigerung.
Lebendgewichtsentwicklung
Mit der oben angegebenen Milchrezeptur lassen sich befriedigende Aufzuchtergebnisse erzielen. Z. B. wurde folgender Fütterungsversuch angestellt: Von 4 gleichzeitig anfallenden Würfen mit insgesamt 30 Jungtieren der Rasse Weiße Neuseeländer wurden 12 noch nicht gesäugte Jungtiere von ihren Müttern getrennt und von Hand gefüttert. 18 Tiere verblieben bei den Müttern. Im Abstand von 7 Tagen wurde gewogen und ein Gewichtsvergleich bis zum Alter von 4 Wochen vorgenommen (siehe Tabelle 3).
Tabelle 3:
Lebendgewichtsentwicklung mutterlos aufgezogener Kaninchen im Vergleich zu natürlich aufgezogenen Wurfgeschwistern.

Wie aus Tabelle 3 hervorgeht, entwickelten sich die mutterlos aufgezogenen Tiere gut und wiesen gegenüber ihren mit Muttermilch versorgten Geschwistern keine erheblichen Gewichtsrückstände auf. Solche waren auch nur Ende der 2. und 3. Lebenswoche statistisch abzusichern. Auffällig ist die größere Streuung der Körpergewichte in der natürlichen Aufzuchtgruppe, was durch die Benachteiligung schwächerer Wurfgeschwister beim Saugakt zu erklären ist. Zu erwähnen ist, dass die natürlich aufgezogenen Jungtiere ein besser entwickeltes Haarkleid aufwiesen. Von den mutterlos aufgezogenen Tieren starben 2, aus der Gruppe der natürlichen Aufzucht ging 1 Tier zugrunde.
Abschließend kann festgestellt werden, dass die Möglichkeit besteht, Kaninchen von Geburt an ohne Muttermilch aufzuziehen. Die mutterlose Aufzucht ist aufgrund der nur einmal täglichen Fütterung für den geschickten Praktiker durchaus realisierbar. Insbesondere empfiehlt sich die mutterlose Aufzucht, wenn es gilt, gesunde Bestände aufzubauen. Dies hat Aussicht auf Erfolg, wenn die Jungtiere sofort nach eingeleiteter Geburt von der Häsin getrennt werden. Ältere Nestlinge mutterlos zu versorgen, gestaltet sich im Übrigen wesentlich einfacher. Da die Mutter-Kind-Beziehung beim Kaninchen sehr locker ist, bereitet die Umstellung auf die fremdartige Milchnahrung keine Probleme.
Literatur:
Coates, M. E., Gregory, M. E., und Thompson, S. Y. (1964): The composition of rabbit's milk. Br. J. Nutr. 18, 4,
Lebas, F. (1971): Evolution de la composition du lait en cours de traite. Anna- les Zootechnie 20, 1, 189–191
Lebas, F. (1975): Le jeune sous la mere et son sevrage. Le lapin de chair ses be- soins nutritionnels et son alimentation pratique, Paris 4, 43-48
Schley, P. (1976): Untersuchungen zur künstlichen Aufzucht von Hauskaninchen. Habilitationsschrift, Gießen
Tegtmeyer, M. (1964): Milch- und Säugeleistung des Kaninchens, Blaues Kaninchen-Jahrbuch, Verlag Oertel + Spörer, Reutlingen,
Venge, O. (1963): The influence of nursing behaviour and milk production on early growth in rabbits. Anim. Behav. 11, 4,









