Lothar Thormann, Waldheim – „Das Blaue Jahrbuch“ 2003
Die Separatorkaninchen werden zunehmend gehalten und sind auf Ausstellungen immer mehr präsent. Für Anfänger und Einsteiger in der Rassezucht mit Interesse an einer kleinen Rasse im oberen Gewichtsbereich sind die sandfarbigen Separator wegen ihrer Besonderheiten sehr zu empfehlen. Aber auch für anspruchsvolle Züchterfreunde besitzt diese Rasse genügend Anreize, in relativ kurzer Zeit hochwertige Tiere für die Ausstellungswettbewerbe zu züchten. Kommt noch das Interesse an weniger auffälligen, pastellfarbenen Deckfarben hinzu, dann dürfte die Entscheidung für diese schöne Rasse nicht allzu schwer fallen.
Und das ist sie, die 1. Besonderheit der Separator: ihre reizvolle Deckfarbe in Sandbraun, zart abgetönt mit fehfarbigen Abzeichen in Anlehnung an die beiden Ausgangsrassen Marburger Feh und Thüringer. Auf den ersten Blick erkennt der Betrachter zumeist nicht die Schönheit dieser Farbkombination. Meine Frau verglich, als ich neben unsere Stammrasse Hermelin Blauauge die Separator in den Stall brachte, spontan das Sandbraun mit der Farbe eines ausgedienten Scheuerlappens. Auch in Rassebeschreibungen vergleicht man die Separator-Deckfarbe fälschlicherweise mit der von schmutzigem Flusssand. Abgesehen davon, dass es geologisch vielerlei Varianten von Flusssand gibt, verleiht das Adjektiv „schmutzig“ einer Rasse nicht gerade ein vorteilhaftes Kennzeichen.
Nun zur 2. Besonderheit dieser Rasse: Wir wissen, dass es keine einfach zu züchtenden Kaninchenrassen gibt, weil jede ihre Eigenheiten hat und damit bestimmte Feinheiten in den einzelnen Positionen vorhanden sind. Von Rasse zu Rasse gibt es hierbei unterschiedliche Schwierigkeiten in der Zuchtdurchführung. Die Separator zählen jedoch zu den Rassen, die relativ schnell die Zuchtaufgaben erkennen lassen und deren Lösung doch nicht allzu schwierig erscheint.
Bei der Gewinnung neuer Vereinsmitglieder, insbesondere von Jugendlichen, gehören Separator unbedingt zu den geeigneten und damit empfehlenswerten kleinen Rassen. Das gilt vor allem dann, wenn Interesse besteht an weniger auffällig gezeichneten und pastellartig gefärbten Tieren. Nicht zuletzt sind in der heutigen Zeit immer mehr Rassen gefragt, die in der Stallhaltung weniger empfindlich gegenüber Verschmutzung durch Einstreu oder Futterreste sind. Das zeitaufwändige Putzen vor Ausstellungen entfällt weitestgehend und verkürzt somit das Schaufertigmachen. Für berufstätige Züchterfreunde ist das ein nicht zu übersehender Umstand. Unsere Separator werden aber noch interessanter, wenn wir ihre herausragende und für eine Kaninchenrasse bisher einmalige genetische Eigenschaft, in unserer Betrachtung nunmehr die 3. Besonderheit, hervorheben: ihre hochgradige Reinerbigkeit! Das bedeutet: die überdeckbaren (rezessiven) Anlagen „bcd“ sind bei dieser Kombinationsrasse in reinerbiger Form vorhanden. Hinzu kommen noch die Anlagen für „nichtwildfarbig“ (g) und der Grundfaktor „A“ für die Ausbildung der Fellfarbe.
Die Erbformel der Separator ohne Wildfarbigkeitsfaktor lautet demnach: „Abcdg“.

1,0 Separator aus der Zucht von D. Lippert, Geringswalde/Sa. Der Rammler zeigt in der Position Kopf und Ohren hervorragende Merkmale. Foto: Lothar Thormann, Waldheim/Sa
Neben den Separator ohne Wildfarbigkeitsfaktor gibt es genetisch sandfarbige Kaninchen mit dem Erbfaktor „G“. Diese Tiere besitzen die bekannten Abzeichen für Wildfarbigkeit, wie z. B. die Kinnbackeneinfassung, eine weiße Bauchdecke und die weiße Unterseite der Blume. Die Erbformel „AbcdG“ beinhaltet diese Merkmale. Prof. Dr. H. Nachtsheim, der wohl verdienstvollste Wissenschaftler auf dem Gebiet der Genetik des Hauskaninchens, schuf bereits 1929 im Forschungsinstitut Berlin-Dahlem sowohl mit der theoretischen Züchtungskonzeption als auch danach mit der praktischen Herauszüchtung erstmalig sandfarbige Kaninchen. Er nannte sie „Dahlemer Sandfarbige“.
Leider gelangten Tiere dieser neuen Rasse außerhalb des Institutes nicht in die Hände von Freizeitzüchtern. Erst zwanzig Jahre später, nicht zuletzt bedingt durch den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen, veröffentlichte Nachtsheim 1949 in seinem bedeutsamen Werk „Vom Wildtier zum Haustier“ u. a. auch Details über die Herauszüchtung der sandfarbigen Kaninchenrasse.
Sinn und Zweck dieser Rasse war an sich nicht die Schaffung einer gelbbraunen Deckfarbe samt ihrer fehfarbigen schleierartigen Abzeichen. Die Reinerbigkeit oder besser gesagt die Rassereinheit der heutigen Separator sollte dazu dienen, die Reinerbigkeit anderer Farbrassen zu überprüfen und mögliche verdeckte Farbgene nachzuweisen. Diese 4. Besonderheit der Sandfarbigen stellt eine züchterische Möglichkeit dar, die Grundlage einer Rassezucht überhaupt, nämlich die Zuchtmethode Reinzucht zu gewährleisten und ihre Basis, die Rassereinheit von Zuchttieren, abzusichern.
In einem Erbgang kann man mit einer entsprechend großen Anzahl von Nachkommen alle überdeckbaren (rezessiven) Farbgene durch Kreuzung mit den Separator ermitteln und nachweisen. Gleiches kann man durch eine solche Kreuzung bei wildfarbigen Rassen in der Überprüfung ihrer Anlage für Nichtwildfarbigkeit erreichen. Über den Ablauf einer solchen Reinerbigkeitsprüfung in den einzelnen Farbrassen kann an anderer Stelle ausführlicher rückgefragt werden. Diese hochinteressante Gelegenheit, im Verlauf einer Zucht deren Reinheit und damit ihren vorschriftsmäßigen Verlauf zu überprüfen, wird leider in den Vereinen und Clubs wenig genutzt. Einer der Gründe hierfür ist der platzmäßige Aufwand einer Reinerbigkeitsprüfung und das Auftauchen von Nachzuchttieren mit Fehlfarben, die nur für die Schlachtung aufgezogen werden müssten.
Es stellt sich nun die Frage, ob anderswo in Zuchtverbänden des benachbarten Auslandes die sandfarbige Kaninchenrasse in den Standards Eingang gefunden hat. Schließlich sind die Erkenntnisse von Nachtsheim gewichtig genug, um auch über die Landesgrenzen hinaus Interesse zu wecken.
Damit kommen wir zur 5. Besonderheit einer Rasse, die bei uns zu Unrecht weniger verbreitet ist als manche andere Kleinrasse. Die Separator haben eine überaus interessante Entstehungsgeschichte. Sie wird zu einer regelrechten Rasse-Story, wenn man ihren Weg in einigen europäischen Ländern verfolgt. Begonnen hatte es, wie bereits erwähnt, mit Prof. Nachtsheims Neuzüchtung 1929. Die neue sandfarbige Testrasse kam nicht über die Grenzen des Dahlemer Instituts hinaus – mit ein Grund für ihre unzureichende Verbreitung in der Züchterschaft.
In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelang es dem Niederländer G. Brinks, Rotterdam, unabhängig von Nachtsheims sandfarbigen Kaninchen eine gleichfarbige Rasse mit dem Namen „Beige“ zu züchten. Am 1. Mai 1940 erfolgte die Anerkennung und die Aufnahme in den niederländischen Standard. In Großbritannien entstand das sandfarbige Kaninchen wie in Deutschland Ende der 20er-Jahre. Zufall oder Zusammenarbeit mit Prof. Nachtsheim? Fragen, die bis heute noch nicht beantwortet sind und eine Nachforschung lohnen würden, um Näheres herauszufinden. Die englischen „Beige“ konnten sich aber nicht gegen so genannte Pelzrassen durchsetzen, die seinerzeit das Sagen hatten und im Kürschnergewerbe hoch gehandelt wurden. Nach zehn Jahren verschwanden die Sandfarbigen wieder auf den Britischen Inseln. Erst vierzig Jahre später führten englische Züchter sandfarbige Kaninchen aus den Niederlanden ein. Sie gaben der Rasse gleich einen neuen, und wie ich finde, sehr treffenden und hübschen Namen: Isabella!
Unter Verwendung der genetischen Erkenntnisse von Prof. Dr. Nachtsheim schufen die beiden Preisrichter J. Fingerland und V. Pem zwischen 1955 und 1960 sandfarbige Kaninchen im Mittelrassenbereich, die sie in ihrer tschechischen Landessprache einfach „Cesky lustic“ nannten. Wieder ein prosaischer Name, könnte man meinen, aber übersetzt bedeutet er so viel wie „Enträtselung“. Später fand die Rasse Eingang im Standard sozialistischer Länder und konnte damit auch zwischen Ostsee und Erzgebirge gezüchtet und ausgestellt werden. Die VKSK-Standardkommission gab der Rasse allerdings einen deutschen Namen, und fortan hießen die Cesky lustic auch mit Hinweis auf ihre Eignung als Testrasse „Tschechische Löser“. In der DDR wie auch in der Bundesrepublik befassten sich unabhängig voneinander fähige Züchterfreunde ebenfalls mit der Neuzüchtung sandfarbiger Kaninchen.

1,0 Separator, typischer Sohn des Geringswalder „Kopframmlers“, jedoch mit verbesserter Körperform und Deckfarbe. Züchter: L. Thormann, Wald- heim/Sa. Foto: L. Thormann, Waldheim
In der DDR galt O. Grützmann, Dessau, als Herauszüchter der „Sandfarbigen“. Er gab ihnen einen weniger klangvollen Namen, als es die Briten mit „Isabella“ taten, und nannte sie auch wegen ihrer Fähigkeit, genetisch die Spreu vom Weizen zu trennen, typisch deutsch „Separator“. Obwohl O. Grützmann mit Erfolg die Neuzüchtung ausstellte, kam es nicht zu einer Anerkennung. Die internationale Kommission zur Erarbeitung eines Ost-Standards, deren Vorsitzender der tschechische Herauszüchter J. Fingerland war, nahm stattdessen auch für die DDR verbindlich die „Löser“ als einzige sandfarbige Rasse auf. In der BRD waren es A. Schumann, Asendorf, der als Herauszüchter der sandfarbigen Rasse gilt, und H. Schmitt, Rodenbach, der in geduldiger Zuchtarbeit weitere genetische Versuche mit den Separator unternahm. Letzterer befasste sich mit der Zucht von Albinoseparator und Langhaaralbinoseparator, um die Palette der Rassen für Reinerbigkeitsprüfungen zu erweitern. Relativ spät, im Jahr 1989, wurden vom ZDK die Separator anerkannt und in den Standard aufgenommen. Gleichzeitig fanden die separatorfarbigen Widder und Farbenzwerge ihre Anerkennung im deutschen Standard.
In Österreich wurde der Rassestandard für Separator analog zum ZDK-Standard aufgenommen. Im französischen Standard 93 sind sandfarbige bzw. Beige-Kaninchen nicht enthalten. Auch im Standard 90 der Schweiz sucht man vergebens nach einer dementsprechenden Kaninchenrasse.
Der Europastandard hingegen übernahm die niederländische Rassebeschreibung und führt auch die Sandfarbigen unter dem Rassennamen „Beige“ und erwähnt, dass in verschiedenen Ländern die Rasse unter der Bezeichnung „Separator“ gezüchtet wird.
Zum Abschluss meiner Betrachtung sei mir gestattet, einige Erfahrungen über die Haltung der Separator im eigenen Stall darzulegen. Von meinen in fast vierzigjähriger Zuchtarbeit gehaltenen Zweitrassen in allen Gewichtsbereichen machen mir die Separator seit ein paar Jahren die größte Freude. In der Haltung völlig problemlos und als gute Futterverwerter geradezu einmalig, zeigen die Tiere in geräumigen Ställen ein außerordentlich lebhaftes Wesen. Obwohl besonders in der Winterzucht die Würfe häufig nur vier bis fünf Jungtiere haben, besitzen die Häsinnen ein sehr gutes Aufzuchtvermögen. Auch in den Ausschlacht-Ergebnissen bin ich jedes Mal überrascht von den keineswegs überfetteten, dafür mit viel Fleischanteil versehenen Schlachtkörpern. Ohne weiteres möchte ich die Summe dieser Vorteile bei Zucht, Haltung und Schlachtverwertung als die 6. Besonderheit bezeichnen. Damit ist das halbe Dutzend an Besonderheiten voll und müsste ausreichen, weitere Freunde für diese schöne Kleinrasse zu gewinnen.

Übrigens, meine Züchterfrau hat sich längst an die sandfarbige Fellfarbe unserer Tiere gewöhnt. Und wenn sie im Frühjahr die quicklebendigen Nestlinge ihre „Scheuerläppchen“ nennt, weiß ich, sie werden bei uns bleiben, die Separator!





