Arno Dietrich Eppenbrunn – „Das Blaue Jahrbuch“ 1999

Wie immer wieder festzustellen ist, spielt die Spirochätose in der Kaninchenzucht eine nicht unbedeutende Rolle. Die Kaninchensyphilis, die bei manchen Züchtern auch unter der Bezeichnung Überhitzung bekannt ist, wird durch eine schraubenförmige Bakterie – Treponema pallidum var. cuniculi, hervorgerufen.

Die Übertragung der Erreger erfolgt in erster Linie durch den Deckakt, doch ist die Weiterverbreitung ebenso durch Beschnuppern und Belecken der Geschlechtsorgane möglich. Auch in Buchten, in denen nur weibliche Tiere gehalten werden, kann sich die Krankheit ausbreiten, wenn eine kranke Häsin darunter ist. Selbst in Gruppen von kastrierten Rammlern ist es möglich, dass die Spirochätose auf andere Tiere übertragen wird, wenn ein Tier infiziert ist.

Der Erreger der Kaninchensyphilis hat große Ähnlichkeit mit den Syphilis-Treponema des Menschen. Beide Keime sind aber grundsätzlich voneinander verschieden. Die Kaninchenspirochäte ist auf den Menschen nicht übertragbar, während umgekehrt Kaninchen nicht durch den menschlichen Syphiliserreger infiziert werden können.

Eine Ansteckung führt nach einer Inkubationszeit von 60 bis 120 Tagen zur Entwicklung charakteristischer Veränderungen an den Geschlechtsorganen und später auch an der Mundspalte, um den After herum und an den Augen. Oftmals wird im nasalen Augenbereich die Absonderung einer gelblichen, eiterigen Flüssigkeit tage- und wochenlang festgestellt, sofern noch keine Behandlung erfolgt ist. Die Krankheitsprozesse an den Geschlechtsorganen äußern sich zunächst beim Rammler in einer entzündlichen Rötung und Schwellung der Vorhaut, in einer Entzündung der Eichel oder in entzündlichen Veränderungen auf der Haut des Hodensackes. Bei der Häsin entwickelt sich eine Entzündung der Scheidenschleimhaut.

Anfangs lässt sich aus der Vorhautöffnung bzw. aus der Scheide ein wässriges Sekret ausdrücken, das später schleimig-trübe und schließlich eitrig wird. In der Folge treten hirsekorn- bis linsengroße verschorfte Knötchen auf, aus denen kleine nässende Geschwüre entstehen. Derartige Geschwüre sind dann auch für das zweite Stadium dieser Krankheit charakteristisch; sie finden sich außer den genannten Stellen gelegentlich auch am Gesäuge, am Ohrgrund oder an anderen Körperstellen. Die Spirochäten können auch in die Blutbahn gelangen, vom Blutstrom verschleppt werden und an einer entfernten Stelle des Körpers Geschwüre bilden dies nennt man das sogenannte Sekundärstadium.

Wenn chronische Prozesse vorhanden sind, zeigen Häsinnen, die in der Regel durch den Rammler angesteckt werden, am Geschlechtsteil vielfach Reizungen. Dadurch wird eine andauernde Hitzigkeit vorgetäuscht und die Häsin ist auch mehr oder weniger zum Deckakt bereit. Bei starker Erkrankung der Häsinnen habe ich festgestellt, dass eine Deckbereitschaft nur angetäuscht wird, da bedingt durch die schmerzliche Entzündung und das Verkleben der Schamlippen der Deckakt verweigert wird. Die Spirochätose führt nicht in jedem Falle zu Unfruchtbarkeit. Meine persönliche Erfahrung ist jedoch, dass eine hohe Zahl der infizierten Häsinnen nicht fruchtbar werden. Andererseits werden gesunde Würfe von kranken Häsinnen geboren.

Abb. oben: Spirochaeta cuniculi ca. 900fach vergrößert Abb. unten: Spirochätose der Häsin. Die untere Geschlechtsöffnung zeigt an der Übergangsstelle der Schleimhaut zur äußeren Haut Geschwürbildungen, die verkrustet sind, 1, 2 + 3. Auch an der Afteröffnung haben sich Spirochäten angesammelt, 4.

Behandlung der Spirochätose

Wegen der hohen Übertragbarkeit der Spirochäten darf man die Tiere während der Krankheit nicht zur Zucht benutzen. Ist die Seuche erkannt, muss sofort behandelt werden. Die Behandlung spichochätosekranker Tiere ist nach Anweisungen des Tierarztes durchzuführen. Neben der Einspritzung von Medikamenten kommt auch eine örtliche Salbenbehandlung in Betracht. Bei dieser Therapie ist darauf zu achten, dass die Salbe – Spirosalbe, graue Quecksilbersalbe – gewissenhaft eine Woche hindurch täglich auf alle Hautdefekte, auf die haarlosen Hautbezirke um Geschlechtsorgane und After herum und auf die Schleimhäute der Geschlechtsorgane aufgetragen wird.

Die Behandlung ist auch dann nach dem Ende der einwöchigen Kur weiterzuführen, wenn in leichten Fällen bereits nach wenigen Behandlungen anscheinend eine Heilung eingetreten ist. Damit die Salbe einziehen und einwirken kann und nicht von den Tieren abgeleckt wird, empfiehlt es sich, die Behandlung unmittelbar vor dem Füttern vorzunehmen, so dass die Tiere dann während des Fressens abgelenkt sind. Sie verspüren dann nicht den Drang, die krankhaften Stellen zu belecken bzw. sich zu putzen.

Die bessere und wirkungsvollere Behandlungsmethode ist jedoch die Injektion mit einem geeigneten Präparat. Eines der ersten Injektionspräparate gegen diese Krankheit war das SOLUSAL- VARSAN, ein sehr gewebefreundliches Injektionsmittel, (bereits 1940). Heute hat man sehr wirkungsvolle Injektionspräparate u. a. das von der Firma BAYER hergestellte Serum – auch für Kleintiere geeignet – tardomyocel.

Die Injektion erfolgt subkutan (unter die Haut) oder tief intramuskulär. Die einmalige Dosierung führt zu einem therapeutischen Blutspiegel für drei Tage. Dadurch entfallen die bei Procain-Penicillin notwendigen täglichen Nachbehandlungen. Falls erforderlich, erfolgt die Nachbehandlung nach drei Tagen. Es ist bereits nach 3 Tagen festzustellen, dass die verkrusteten Geschwürbildungen und die nässenden Infektionswunden zurückgehen, ja in manchen Fällen bereits nicht mehr vorhanden sind. Eine Nachbehandlung nach 3 bzw. 7 Tagen ist in jedem Fall anzuraten.

Für die Zucht fallen erkrankte Tiere bis zur Ausheilung aus. Betroffene Häsinnen dürfen keinesfalls gedeckt werden. Erkrankte Rammler haben Deckverbot. Da die Kaninchensyphilis aber nicht nur durch den Deckakt übertragen wird, sondern auch das gegenseitige Beschnuppern die Weiterverbreitung der Erreger fördert, müssen kranke Tiere von gesunden streng getrennt werden. Erkrankte Tiere gehen aber keineswegs der Zucht verloren. Bei geeigneter Behandlung klingt die Kaninchen-Spirochätose etwa innerhalb von zwei Wochen ab. Wenn alle Geschwüre und Entzündungen abgeheilt sind, können die Tiere wieder züchterisch genutzt werden.

Selbstverständlich ist jedes Beschicken von Ausstellungen mit Kaninchen aus einem kranken Bestand verboten. Auch ist es nicht zu verantworten, dass fremde Kaninchen zum Decken in einen verseuchten Bestand gebracht werden, selbst wenn der Deckakt nach Erlöschen der Krankheit stattfinden soll. Um eine Einschleppung der Kaninchensyphilis in einen unverseuchten Bestand zu vermeiden, ist jede Häsin vor dem Deckakt auf das Vorhandensein geschwüriger Stellen am gesamten Genitalbereich zu untersuchen. Kranke Häsinnen sind zurückzuweisen.

Als vorbeugende Maßnahmen sind zu empfehlen:

1. Kein Tier in die Zucht einstellen, ohne sich vorher von der Gesundheit seiner Geschlechtsorgane überzeugt zu haben.

2. Es wird keine Häsin von einem Rammler gedeckt, die nicht vorher kontrolliert worden ist.

3. Jeder Züchter sollte sich zur Pflicht machen, seine Rammler von Zeit zu Zeit auf etwaige Infektion mit Spirochäten zu untersuchen

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.