Dr. Heinrich Niehaus, Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht, Celle
„Das Blaue Jahrbuch“ 1957
Ein wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Haltung von Kaninchen ist die Beschaffung billigen Grundfutters. Dabei können auch die „Unkräuter“, die dem Landwirt und Gartenbesitzer oft großen Schaden und Kummer bereiten, einen nützlichen Beitrag leisten.
Da der Begriff „Unkraut" relativ ist, also keine genau festzulegende Pflanzengruppe umfasst, habe ich das Wort in Anführungsstriche gesetzt. Streng genommen kann sogar jede Kulturpflanze zum „Unkraut“ werden, wenn sie sich am falschen Ort befindet (z. B. Blumen im Getreide, Getreide im Garten). Andererseits können manche „Unkräuter“ durchaus erwünscht und nützlich sein, wenn sie an der richtigen Stelle, in günstigen Mengen und in geeigneten Pflanzengemeinschaften vorkommen (z. B. Löwenzahn, Wegerich, Würz- und Heilkräuter im Wiesengras und im Heu).
In den folgenden Ausführungen sollen nun einige derjenigen Pflanzen behandelt werden, die gelegentlich oder überwiegend als schädliche „Unkräuter“ auftreten, als Futter für Kaninchen aber eine positive Bedeutung besitzen. Der zur Verfügung stehende Raum gestattet leider nur die Besprechung einer beschränkten Artenauswahl. Der allen Kaninchenzüchtern bekannte Löwenzahn, auch Kuh-, Ketten- oder Pusteblume genannt (Taraxacum officinale Web.), ist ein Leckerbissen für Kaninchen. Er wird in beliebiger Menge aufgenommen und ist besonders als leichtbekömmliche Nahrung für säugende Häsinnen sehr zu empfehlen. Die Blattrosetten mit den sich später entwickelnden gelben Blüten treiben bereits im zeitigen Frühjahr aus. Sie liefern dem Kaninchenhalter vielfach das erste Frühlingsgrünfutter, sind auf Wiesen und Weiden, an Wegerändern und Böschungen weit verbreitet und werden zweckmäßigerweise durch Abstechen der Wurzel geerntet. Etwa anhaftende Bodenteilchen schaden den Kaninchen nicht. Löwenzahn wird am besten im frischen Zustande gereicht. Zur Trocknung und Heugewinnung ist die sehr saftreiche Pflanze weniger geeignet.
Eine Heubereitung aus dem ersten im Frühjahr anfallenden und nicht in sehr großen Massen zur Verfügung stehenden Grünfutter wäre auch zu schade. In einigen Gegenden, z. B. in Holland, wird eine Kulturform des Löwenzahns auch garten- und feldmäßig angebaut. Massenerträge sind bei der niedrigwüchsigen Pflanze jedoch nicht zu erwarten.
Außer dem Löwenzahn ist auch der Wegerich als beliebtes Kaninchenfutter bekannt. Er kommt insbesondere an Wegrändern und auf Grasplätzen oft massenhaft vor und kann, wie der Löwenzahn in frischem Zustande verfüttert werden. Von den verschiedenen Wegericharten sind der breitblättrige (Plantago major L.), der mittelblättrige (P. media L.) und der schmalblättrige (P. Lanceolata L.) die bekanntesten.
Zu den besten Wildfutterpflanzen für Kaninchen gehört die Brennessel (Urtica). Die mehrjährige große Nessel (U. dioica L.), die eine Höhe von 60 bis 100 cm und mehr erreicht, wächst hauptsächlich an Zäunen, Gräben, Gebüschen und Waldrändern bzw. auf Lichtungen, während die einjährige kleine Nessel (U. urens L.) auf Schutthalden, an Wegerändern und im Garten gedeiht, wo ausreichende Mengen an Bodennährstoffen, insbesondere Stickstoff, zur Verfügung stehen. Da Stickstoff zum Aufbau des Eiweißes benötigt wird, ist der relativ hohe Eiweißgehalt der Brennnessel verständlich.
Da die Brennnessel verhältnismäßig frühzeitig verholzt und dadurch an Futterwert erheblich einbüßt, sollte sie stets in jungem Zustande geerntet werden. Wegen der störenden Brennhaare wird sie frisch von Kaninchen nur ungern gefressen. Man lässt sie deshalb vor der Verfütterung abwelken oder gibt sie in fein zerschnittener Form ins Weichfutter. Bei der Ernte der Brennnessel werden zweckmäßigerweise Handschuhe übergezogen.
Die Brennnessel ist ganz besonders als hochwertiges Trockenfutter für den Winter zu empfehlen. Infolge ihrer stattlichen Größe lassen sich lohnende Mengen verhältnismäßig leicht einsammeln. Die Trocknung erfolgt am besten auf Gestellen. Bei der Bodentrocknung fallen die feinsten und hochwertigsten Blättchen leicht ab und gehen verloren. Junges, gut gewonnenes Brennnesselheu kann im Winter einen wesentlichen Teil des Kraftfutters ersetzen. Für die organische Substanz in hochwertigem Brennnesselheu wurde eine Verdaulichkeit von 60,5% nachgewiesen. Jedem Kaninchenhalter ist deshalb anzuraten, von dieser wertvollen und billigen Futterquelle reichlich Gebrauch zu machen.
Das aus Südamerika stammenden Knopf- oder Franzosenkraut (Galinsoga parviflora Cav.), das sich in Gärten und auf Ackern, an Zäunen und Wegen in beängstigender Weise ausbreitet, kann erfreulicherweise mit gutem Erfolg als Kaninchenfutter verwendet werden. Die Verfütterung erfolgt in frischem Zustande. Zur Trocknung ist dieses sehr saftreiche Kraut nicht besonders geeignet. Da die zahllosen schon frühzeitig keimfähigen Samen beim Verfüttern leicht abfallen und in die Stallstreu geraten, ist eine Entkeimung des Düngers durch Anlage von Mistpackungen zu empfehlen. Bei der Stapelung von frischem Dünger entstehen Temperaturen bis zu 70 Grad Celsius und mehr. Dadurch werden Unkrautsamen und Krankheitserreger abgetötet.
Es ist erstaunlich, dass die wegen ihres Stachelkleides von anderen Tieren gemiedene Ackerdistel (Cirsium arvense Scop.) von Kaninchen nicht verschmäht wird. In frischem Zustande veranlasst sie die Kaninchen zwar auch zu einer gewissen Zurückhaltung, angewelkt oder getrocknet stellt sie aber ein ausgezeichnetes und nährstoffreiches Kaninchenfutter dar (für die organische Substanz wurde eine Verdaulichkeit von 86,3 % ermittelt). Sie breitet sich oft in zusammenhängenden Flächen auf Wiesen und Weiden aus und ist nur schwer auszurotten, weil ihre Wurzelstöcke tief in den Boden eindringen und weil sie ferner vom Weidevieh gemieden – ihre Samen ungestört zur Reife bringen kann. Jeder Landwirt und Gartenbesitzer wird deshalb froh und dankbar sein, wenn der Kaninchenzüchter ihm bei der Niederhaltung dieses „unsterblichen“ Unkrautes behilflich ist. Die Ernte erfolgt am besten durch Abstechen der Wurzel mit einem Spaten oder kräftigem Messer.
Richtig getrocknet ergibt die Distel auch ein hochwertiges Winterfutter. Die Trocknung der saftreichen, mit einer relativ dicken Haut versehenen Pflanze erfordert einige Sorgfalt und Erfahrung. Lockere Lagerung, häufiges Umschichten und trockenes Wetter führen jedoch zum Erfolg. Bei unsachgemäßer Trocknung werden die Pflanzen durch Schimmelbildung leicht unbrauchbar.
Zu den beliebten und nährstoffreichen Kaninchenfutterpflanzen gehört ferner die altbekannte Gemeine Quecke (Triticum repens L.), die als schwer auszurottendes Unkraut in Äckern und Gärten, Wiesen und Weiden weit verbreitet ist. Sowohl die Blätter als auch die unterirdisch wachsenden Rhizome können frisch oder getrocknet mit gutem Erfolg als Kaninchenfutter verwendet werden. Ein Absammeln von stark verunkrauteten Äckern nach dem Pflügen und Eggen und anschließende Trocknung dürften sich lohnen.
Der Rainfarn (Tanacetum vulgare L.), eine an Wegen, Böschungen und Eisenbahndämmen verbreitete Pflanze, die an ihren dichten goldgelben Doldentrauben zu erkennen ist, kann dem Kaninchenhalter ebenfalls eine einträgliche Futterquelle sein. Der Rainfarn besitzt einen angenehmen aromatischen Geruch. Als Beifutter wird er von Kaninchen frisch und besonders getrocknet geschätzt. Er enthält wurmwidrige Bestandteile, deren Konzentration aber im Allgemeinen zur Abtötung von Magen- und Darmwürmern nicht ausreicht. In mäßigen Mengen gereicht, soll er Verdauungsstörungen verhindern, im Übermaß gegeben ein abtreibende Wirkung besitzen.
Die Schafgarbe (Achillea millefolium L.) ist wie der Rainfarn an Wegen und Böschungen, aber auch auf Wiesen und Grasplätzen zu finden. Mit ihren fein gefiederten Blättern und weißen Blüten dürfte sie wohl allen Kaninchenzüchtern bekannt sein. Sie enthält bittere Stoffe, ätherische Öle und ähnliche Bestandteile wie die Kamille. In kleinen Mengen soll sie deshalb eine diätetische Wirkung ausüben.
Gutes Winterfutter lässt sich auch aus der Saat-Wucherblume (Chrysanthemum segetum L.) gewinnen, die mit ihren gelben Blüten oft massenhaft in schwachen Getreidebeständen zu finden ist. Sehr wertvoll ist ferner die Gänse- oder Saudistel als Sommer- und Winterfutter. Als schwer auszurottendes Unkraut kommt sie z. T. in größeren Mengen auf Äckern, in Gärten, auf Wiesen und in Gebüschen vor. Am bekanntesten sind die Kohlgänsedistel (Sonchus oleraceus L.) und die Ackergänsedistel (S. arvensis L.)
Von den zahlreichen weiteren „Unkräutern", die als Kaninchenfutter geeignet sind, seien noch genannt: Bärenklau, Beifuß, Kreuzkraut, Gänsefingerkraut, Giersch, Huflattich, Spörgel, Weiße Taubnessel, Gänseblümchen, Weidenröschen, Ackerminze, Mohn, Stein- oder Honigklee, Wegwarte, Ackerwinde, Vogelmiere, Knöterich, Gundermann, Wiesenknopf, Ackergauchheil. Die Gänsefußgewächse werden außer der Melde und dem stinkenden Gänsefuß von Kaninchen gefressen. Besonders beliebt ist der Gute Heinrich oder Dorf-Gänsefuß. Die breiten, saftigen Blätter der hochwachsenden Klette werden von Kaninchen leider nicht angenommen. Heidekraut wird zwar gefressen, ist aber vor allem im Winter sehr nährstoffarm. Auch der Besenginster ist nur in mäßigen Mengen als Beifutter zu verwenden; sein Nährstoffgehalt ist nicht sehr hoch; die Verfütterung der Samen soll schädlich sein.
Die als „Giftpflanzen" bekannten Unkräuter, z. B. Hahnenfuß, Fingerhut, Hundspetersilie, Nachtschatten, Kronwicke u. a. m. bedeuten für die Kaninchen normalerweise keine Gefahr, da sie meist instinktiv gemieden bzw. nur in so geringen Mengen angenommen werden, dass sie keine sichtbaren Schädigungen hervorrufen.



