Dr. med. Werner Wein „Das Blaue Jahrbuch“ 1989
Auf der 18. Bundes-Kaninchenschau in Stuttgart 1987, der größten Ausstellung der Welt, waren rund 37000 Tiere ausgestellt, davon 4363 Zwergkaninchen in fast 50 verschiedenen Rassen. Eine imposante Zahl! Nicht nur eingeschränkte Haltungsbedingungen, geringerer Zeitaufwand für die Betreuung der Zwerge und geringere Futterkosten haben dies bedingt, sondern zunehmend die große Liebe von Alt und Jung zu diesen kleinen, liebenswerten Kerlchen. Durch ihr meist gutmütiges Wesen erfreuen sie jedes Züchterherz. Der Zucht dieser kleinsten Kaninchenrassen sollen meine Ausführungen dienen. In 30 Jahren habe ich mich dieser Zucht intensiv gewidmet. Viele positive, aber auch negative Erfahrungen habe ich in dieser Zeit gewonnen. Deshalb glaube ich, dass ich diese zum Wohle der Zwergkaninchenzucht weitergeben sollte.
Die Entstehung der Zwerge
Bevor ich mich der eigentlichen Zucht zuwende, möchte ich einige Bemerkungen über die Entstehung der Zwerge vorausschicken. Dr. Niehaus (Unsere Kaninchenrassen / Band II) unterscheidet hauptsächlich zwei Zwergformen. Die erste Form ist auf das Zusammenwirken mehrerer Erbanlagen, die das Wachstum hemmen (Prof. Nachtsheim, Bd. 1), und auf eine fortlaufende Auslese der kleinsten Tiere zur Zucht entstanden. Diese Tiere besitzen keinen ausgesprochenen Zwergfaktor. Sie sind etwas größer und kräftiger als die uns bekannten Ausstellungs- oder Typenzwerge und weisen nur in angedeuteter Form deren typische Merkmale auf. Die zweite Form, bereits als Typenzwerg erwähnt, ist zunächst gleichfalls auf einige das Wachstum hemmende Erbanlagen, zusätzlich aber noch auf eine Mutation, eine sprunghafte Veränderung im Erbgut, zurückzuführen. Diese Zwerge sind deutlich durch einen großen Kopf mit breiter Stirn- und Schnauzenpartie (Katzenkopf), leicht vorstehende große Augen, kurze Ohren, mittelkräftige Läufe sowie durch einen kurzgedrungenen Körperbau charakterisiert. Sie vererben in einem unvollkommenen regressiven Erbgang nach den Mendelschen Gesetzen. Sie können nur in spalterbiger Form gezüchtet werden; die reinerbige Form ist nicht lebensfähig und uns als Kümmerling bekannt. Beide Formen sind im Erscheinungsbild (Phänotypus) und Erbbild (Genotypus) verschieden. In der Erbformel wird der Zwerg mit den Buchstaben Dwdw bezeichnet, abgeleitet von dem englischen Wort Dwarf = Zwerg.
In der Bundesrepublik werden zurzeit folgende Zwergrassen gezüchtet: Hermelin, rot- und blauäugig; Widderzwerge, weiß-, rot- und blauäugig; Farben- und Widderzwerge verschiedener Rassen, Zwerg-Rexe und Langhaarzwerge.
Zwergkaninchen unterscheiden sich ausgesprochen durch ihren Typ von den großen Rassen und durch ihren eigenständigen, temperamentvollen und kecken Charakter. Sie sind größtenteils sehr zahm, können aber oft durch falsche Behandlung sehr bissig werden.
Voraussetzungen für die Zucht
Um in jedem Fall zu einem Erfolg zu kommen, müssen auch in der Zwergkaninchenzucht neben Ausdauer und Liebe zum Tier einige Voraussetzungen gegeben sein. So gestaltet sich die Zucht der Zwergkaninchen, von einigen Ausnahmen abgesehen, genauso wie die der großen Rassen. Sie ist weder leichter noch schwieriger. Erfolgversprechend züchten kann man nur mit gesunden Tieren, in gesunden Ställen, bei gesicherter Futtergrundlage und entsprechenden Hygienemaßnahmen. Sind diese gegeben, kann der Züchter mit gutem Gewissen die Zucht beginnen, wenn bereits vorher ein geeigneter Platz zum Aufstellen des Stalles gefunden werden konnte.
Gesunde Tiere
Was verlangen wir als Züchter von einem gesunden Tier? Zunächst eine robuste Gesundheit, gekoppelt mit einer guten Kondition, ein lebhaftes, aber keinesfalls nervöses Benehmen, ein klares Auge, ein glattes, glänzendes, fest am Körper anliegendes Fell, eine trockene Nase, blassrosa Schleimhäute (zu erkennen am sichersten an der Augenbindehaut), saubere Ohren und einwandfreie Geschlechtsorgane. Auf den ersten Blick sollte auch der Geschlechtscharakter des Tieres zu erkennen sein.
Der Stall
Zu einer erfolgreichen Zucht gehört auch ein vorschriftsmäßiger Stall, in dem sich die Tiere wohl fühlen und fortpflanzen können. Für eine Einzelbucht sieht der Verband der Kaninchenzüchter für die Zwerge ein Mindestmaß von 60×75×55 cm vor. Der Stall als ständiger Lebensraum der Tiere kann aber auch für die Zwerge nicht groß genug sein. Je größer er ist, umso mehr können Licht und Luft eindringen. Allzuviel Sonne, Wind und Regen müssen jedoch ferngehalten werden. Tiere in großen Buchten fühlen sich wesentlich wohler und sind viel lebendiger. Sie können sich selbst auch viel sauberer halten, da sie dann meist Kot und Urin in einer Ecke absetzen. Einer Infektion durch Kontakt mit dem eigenen Kot wird dadurch entgegengewirkt.
Von besonderem Interesse für alle Züchter sollte der Aufzucht- stall sein. Er besteht, so wie ich ihn in den letzten Jahren vorteilhaft benutzte, aus drei hintereinander liegenden Buchten, die durch Herausnahme der Trennwände in eine einzelne Bucht verwandelt werden können. Eine der beiden Trennwände sollte ein Schlupfloch haben, das je nach Notwendigkeit geöffnet oder geschlossen wird. Solange die Jungtiere im Nest liegen, steht der Häsin die ganze Bucht zur Verfügung. Sobald die Jungtiere für längere Zeit das Nest verlassen und der Mutter dauernd nachstellen, wird ihr durch das Einlegen der Trennwand mit dem Schlupf- loch nur eine Bucht zugewiesen. Ein einmaliges Einlassen der Häsin pro Tag zum Säugen der Jungtiere genügt. Erfahrungsgemäß verlässt die Häsin nach dem Säugen bald wieder die Jungtiere ohne Zögern. Die Trennung der Häsin von den Jungtieren hat den Vorteil, dass beide Teile mehr Ruhe haben und sie nicht mehr das den Jungtieren zugedachte Futter wegfressen kann. Außerdem besteht sonst noch die Gefahr, dass die Häsin verfettet und nicht mehr trächtig wird. Das gleiche Verfahren kann man natürlich auch mit einem großen Zweibuchtenstall durchführen.

1,0 Hermelin Rotaugen, Landes-Clubschau Westfalen-Lippe, Eickelborn 1986, 96,5 Pkt. E (Robert Laufer, Ostbevern-Brock). Foto: Huf
Auch kann man die Häsin in jede freie, gesäuberte Bucht extra setzen. Nur muss es immer dieselbe sein, keineswegs darf der gemeinsame Geruch der Mutter und der Jungtiere durch die Trennung verloren gehen.
Gesicherte Futtergrundlage
Ohne eine gesicherte Futtergrundlage kann eine erfolgreiche Zucht nicht durchgeführt werden. Sie wird sicherlich von Fall zu Fall verschieden sein. Ein kleiner Teil der Züchter wird, aus welchen Gründen auch immer, alle Futtermittel kaufen müssen, der größte Teil jedoch wird sich vorwiegend auf eine eigene Futterbasis stützen können. Ohne Kraftfutter ist aber in der Zucht nicht auszukommen. Bei dem heutigen hohen Stand der Rassezucht würde der Züchter bald mit der Kondition seiner Tiere in Rückstand geraten.
Fütterungstechnik
Zur Fütterung selbst ist zu sagen, dass diese zweimal täglich, früh und abends, vorgenommen werden soll, wenn möglich stets zu gleicher Zeiten und von ein und derselben Person. Geschieht dies nicht, sind die Tiere oft sehr hungrig, und es kommt dann durch übermäßige Nahrungsaufnahme zu einer erhöhten Belastung des Magen-Darm-Kanals im Sinne einer Magenblähung oder eines Trommelbauches. Sollten mehrere Personen sich die Fütterung teilen, dann muss unbedingt eine Absprache über Fütterungs- zeiten und Futtermenge untereinander erfolgen. Das Futter soll in Bezug auf Eiweiß, Vitamine, Kalk und Spurenelemente stets ausgewogen sein. Gutes Heu und Wasser sollen den Tieren immer zur Verfügung stehen. Bei einer einmaligen Fütterung pro Tag sollte gegen Abend gefüttert werden, da Wildkaninchen erst zu dieser Zeit den Bau verlassen, um auf Futtersuche zu gehen.
Die Stallhygiene
Die erste Bedingung, um in der Zucht erfolgreich zu sein, ist die Stallhygiene. Hier ist vorbeugen besser als heilen. Ist erst einmal eine Kaninchen krank, dann ist es schwer zu kurieren. Maßnahmen zur Verhütung müssen rechtzeitig getroffen werden. Durch eine achttägige intensive Reinigung der Bucht ist sie bereits zu 75% desinfiziert (Hans Widmer, Kaninchenzucht). Der Reinigung sollte dann in gewissen Zeitabständen eine Desinfektion zur Vernichtung der Krankheitskeime folgen. Gleichzeitig sollten auch alle Geräte wie Besen, Schaufeln, Kratzer, Futternäpfe, Futter- raufen und Trinkgeräte desinfiziert werden. Fliegen, Mücken, Ratten und Mäuse müssen von den Stallungen ferngehalten wer- den. Einige Desinfektionsmittel seien genannt: Sagrotan, Eimeran, Euphagol und Lysoform. Eine der wichtigsten Maßnahmen ist, erkrankte Tiere sofort in einem Krankenstall abzusondern und sie stets zuletzt zu füttern.
Die Zuchttiere
Die Zuchttiere müssen in ihrem Erscheinungsbild würdige Vertreter ihrer Rasse und bei Beginn der Zuchtsaison in bester Verfassung sein. Dies setzt die Haltung in einem gesunden Stall, richtige Fütterung und Pflege voraus. Kranke Tiere sind keine Zuchttiere. Beide Tiere müssen zuchtreif, d. h. körperlich und geschlechtlich voll entwickelt sein. Das ist bei der Häsin mit 6-8, beim Rammler mit 8-10 Monaten der Fall. Der Rammler ist in der Zucht besonders wichtig, er übertrifft im Hinblick auf die Zahl der Nachkommen bei weitem die Häsin. Die Zuchtdauer bewährter Alttiere beträgt beim Rammler 6-8, bei der Häsin 4-6 Jahre, auch wenn deren Kondition und Fruchtbarkeit mit den Jahren nachgelassen haben. Bei der Häsin ist, besonders von oben betrachtet, auf ein gut abgerundetes Becken zu achten, und dass ihre Mutter bisher eine gute Milchleistung aufzuweisen hatte.
Zusammenstellung der Zuchtpaare
Um zu einem Erfolg in der Zucht zu kommen, muss man sich viele Gedanken über die Zusammenstellung der Zuchtpaare machen. Ziel dieser Überlegung ist, mindestens den Eltern gleichwertige oder bessere Tiere zu züchten. Hierbei spielt der Begriff des Ausgleichens der Merkmale in den Positionen eine wichtige Rolle. Was dem einen Kaninchen in einer der Positionen fehlt, muss das andere Tier in dieser Position besonders deutlich aufweisen. Zuchttiere müssen mindestens mit „gut“, besser mit „sehr gut“, bewertet sein und aus einem gut durchgezüchteten Stamm stammen. Vorsicht ist geboten, mit hochbewerteten Tieren zu züchten, die im Erscheinungsbild hervorragend, im Erbbild minderwertig sind. Sie stammen meistens aus einem Wurf, in dem sich die Jungtiere in ihrer Qualität deutlich voneinander abheben. Diese versagen oft in der Zucht. Zuchttiere sollten nicht aus schwachen Würfen stammen. Im Gegensatz zu den großen Rassen gehen die Erfahrungen bei den Zwergen in letzter Zeit leider dahin, dass die Häsinnen nur noch durchschnittlich 2-3 Jungtiere werfen. Unser Bestreben sollte es daher sein, besonders bei der Auswahl der Zuchttiere darauf zu achten.
Der Deckakt
Der Deckakt vollzieht sich auch bei den Zwergrassen schnell und komplikationslos. Vor der Vollziehung sind die Geschlechtsorgane der Tiere zu inspizieren. Der Rammler ist jederzeit in der Lage, unabhängig von der Jahreszeit, die Häsin zu befruchten. Letztere dagegen ist nur bereit, den Rammler anzunehmen, wenn sie brünstig oder hitzig ist. Dies ist jedoch nur in bestimmten Zeitabständen der Fall. Dabei ist ihr Scheideneingang geschwollen und gerötet. In den Monaten März bis Ende September lassen sich die Häsinnen am willigsten decken. Ein einmaliger Sprung des Rammlers reicht völlig, um einen Befruchtungserfolg zu erzielen, da von ihm tausendfach mehr Samenfäden abgegeben werden als reife Eier zur Befruchtung vorhanden sind. Helle Ställe sind für einen Befruchtungserfolg von größerer Bedeutung. Wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr des Rammlers durch eine fremde Häsin sollte der Deckakt an einem anderen dafür geeigneten Ort stattfinden, z. B. in einer großen Kiste, die danach schnell gesäubert und desinfiziert werden kann.
Günstigster Zeitpunkt zum Belegen dürfte der Mittwoch oder Donnerstag sein. Die Häsin wirft dann am Samstag oder Sonntag. Dem Züchter ist an diesen beiden Tagen Gelegenheit gegeben, den Wurf zu beobachten. Gleichzeitiges Belegen mehrerer Häsinnen ist zu empfehlen, da dann die Möglichkeit besteht, bei unterschiedlicher Wurfzahl nach vorheriger Markierung der Jungtiere in den Würfen ausgleichend zu wirken. Letzteres Verfahren dürfte bei den Zwergkaninchen wegen der geringen Tierzahl im Wurf kaum notwendig sein. Die Häsin wird meistens zum Rammler gebracht. Auch der umgekehrte Weg ist denkbar und erfolgversprechender, da der Rammler durch den Transport weniger irritiert ist als die oft sehr ängstliche Häsin.
Die Trächtigkeit
Die trächtige Häsin ist während der Tragzeit in einem hellen und großen Wurfstall unterzubringen. Licht, Luft und Bewegungsfreiheit sind für die Gesundheit des Muttertieres von großer Bedeutung. Die Fütterung während der Tragzeit sollte in den ersten 14 Tagen nicht verändert werden, in der zweiten Hälfte jedoch reichlicher und vollständiger sein, da die Jungtiere in dieser Zeit stärker wachsen und zum Aufbau mehr Eiweiß, Phosphor und Kalk benötigen. Die Trächtigkeit der Häsin führt zu einem Stimmungsumschwung, zu verstärkter Unruhe, zum Scharren (ein angeborener Urinstinkt des Kaninchens zum Nisthöhlenbau) und zu einem ständigen Durchwühlen der Einstreu. Bringt man sie zum Rammler, beißt sie diesen unter Jammern ab. Das sicherste Zeichen ist das vorsichtige Abtasten ihres Leibes in der zweiten Trächtigkeitswoche durch die geübte Hand des Züchters. Hierbei fühlt sie bei bestehender Trächtigkeit die heranwachsenden Jungtiere. Ein Nestbau mit Haarauszupfen in der Mitte der Trächtigkeit spricht für eine Scheinträchtigkeit.
Der Wurfakt
Zwergkaninchen werfen wie ihre großen Verwandten meist komplikationslos. Die Häsin ruht am Wurftag öfters lang ausgestreckt in ihrem Stall. An diesem Tag frisst sie kaum. Kurz nach dem Beginn der Wehentätigkeit setzt sich die Häsin so über das Nest, dass sie mit ihrem Maul die Scheide erreichen kann. Unter verstärkter Wehentätigkeit presst sie ein Jungtier nach dem anderen aus dem Geburtskanal. Hin und wieder ist eine Häsin gezwungen, mit den Zähnen wegen der Größe der Jungtiere nachzuhelfen. Entlang der Nabelschnur tastet sie sich mit den Lippen bis zum Bauch des Jungtieres vor und beißt kurz davor die Nabelschnur durch. Die Mutterkuchen werden aufgefressen. Sie enthalten bestimmte Stoffe, die die Milchsekretion anregen. Die erste Milch nennt man Erstmilch oder Kolostralmilch. Sie ist reich an Eiweiß, Vitaminen, an Karotin und Fettkörnchenkugeln sowie weißen Blutkörperchen. Erhalten die Jungtiere diese Erstmilch nicht, gehen sie ein. Diese Erstmilch reinigt zusätzlich den Jungtierdarm.
Nach Beendigung der Geburt säugt die Häsin ihre Jungen zum ersten Mal, reinigt danach das Nest von Blutspuren und bedeckt die Jungtiere mit ausgerupfter Wolle aus dem Umfeld der Zitzen. Dadurch werden die Zitzen freigelegt und es gelingt den Jungtieren diese schneller zu finden.
Nach dem Wurfakt ist die Häsin meistens sehr durstig; frisches Wasser sollte ihr auch bei Grünfutter zur Verfügung stehen. Vor der Vornahme einer Geburtshilfe mit einem Wehen anregenden Hormon mittels einer Spritze durch den Züchter möchte ich warnen. Erst wenn durch eine Untersuchung eine Beckenausgangsverengung ausgeschlossen ist, kann die Geburt eingeleitet werden. Sonst könnte in Folge dieser Hormonspritze eine Gebärmutterruptur erfolgen, an deren Folgen die Häsin mit Sicherheit verendet. Nach den neuesten Erkenntnissen, sondern die Zitzen der säugebereiten Häsin einen Duftstoff aus, der den Jungtieren das Auffinden der Warzen noch schneller ermöglicht.
Der Nistkasten
Die Zucht mit einem Nistkasten ist in der Zwergkaninchenzucht von großem Vorteil. Er kommt den Kaninchen als Nisthöhlenbauer in der freien Wildbahn weitgehend entgegen und wird deshalb sehr gern von den Häsinnen angenommen. Die wenigen Jungtiere liegen eng beieinander und wärmen sich gegenseitig.
Wärme ist für das Wachstum der Nestlinge sehr wichtig und schützt sie besonders im Winter vor dem Erfrierungstod. Bei sehr strenger Kälte kann man den Kasten auch aus der Bucht nehmen und ihn in einen warmen Raum bringen. Stets zu gleicher Zeit wird er täglich einmal wieder für kurze Zeit zum Säugen in die Bucht gesetzt. Dieses Verfahren klappt fast ausnahmslos. Der Nistkasten erleichtert ohne Beunruhigung des Muttertieres die Nestkontrolle und das Saubermachen des Stalles. Damit sich die Häsin an den Kasten gewöhnt, stellt man ihn ca. 8 Tage vor dem Wurf in den Wurfstall.

1,0 Farbenzwerge, schwarz, Landes-Clubschau Westfalen-Lippe, Eickelborn 1986, 96Pkt. E (Nölke, Letmathe). Foto: Huf
Steht der Häsin kein Nistkasten zur Verfügung, baut sie meistens in einer von ihr bevorzugten Stallecke ein Nest. Ein Ver- streuen der Jungtiere im Stall ist hierbei möglich, so dass der Züchter gezwungen wird, selbst einzugreifen und ein Nest zu bauen. Auch ein Nistkasten verhindert nicht immer, dass möglicherweise ein Jungtier frei im Stall gefunden wird. Es kommt vor, dass beim Abspringen der Häsin vom Nest am Schlupflochrand ein noch an einer Zitze hängendes Jungtier nicht abgestreift wird. Daher sind laufende Kontrollen in dieser Hinsicht notwendig.
Die Nestkontrolle
Bevor die Nestkontrolle durchgeführt wird, sollte sich der Züchter mit unparfümierter Seife die Hände waschen. Danach öffnet er, nachdem er die Häsin aus der Bucht genommen hat, vorsichtig das Nest und beginnt mit der Herausnahme der Jungtiere. Dabei stellt er die Anzahl der Tiere fest. Diese legt er zunächst in einen bereitgestellten Behälter (praktisch ein alter Hut). Anschließend tastet er das Nest aus und entfernt eventuell tote Tiere oder Geburtsrückstände. Nach Besichtigung der Jungtiere legt er die gesunden wieder in das Nest zurück und deckt dieses gut ab. Auch im Stall verstreute Jungtiere legt man wieder in das Nest. Sollten sie ausgekühlt sein, erwärmt man sie vorher langsam in der warmen Hand. Verkrüppelte oder lebensuntüchtige Jungtiere werden beseitigt, notwendigerweise eine Überzahl reduziert. Der Häsin belässt man nur so viele Jungtiere, wie sie Zitzen hat. Bei Zwergkaninchen kommt eine Reduzierung kaum in Frage, da meistens nur 3-4 Tiere geboren werden. Haben sich die Jungen im Nest beruhigt, setzt man die Häsin, nachdem man sich vergewissert hat, dass sie bei der Geburt keinen Schaden erlitten hat, wieder zurück. Um sie vom Nest abzulenken, reicht man ihr gleichzeitig einen Leckerbissen.
Die erste Nestkontrolle kann schon bereits nach 3-4 Stunden vorgenommen werden. In den folgenden 3-4 Tagen kontrolliert man täglich, später in größeren Abständen. Stets sollen die Jungtiere in einem warmen Nest, ruhig, mit vollem Bauch und gestrafftem Fell vorgefunden werden. Am 11. und 12. Tag wird eine Augenkontrolle durchgeführt. Verklebte Augenlider werden mit einem reinen Läppchen mit Wasser befeuchtet und vorsichtig auseinandergezogen, da sonst Augenkrankheiten bis hin zu einer Erblindung drohen. Kamillentee sollte man nicht mehr verwenden, da er zu Hornhauterweichungen führen kann. Bei sehr warmem Wetter vergesse man nicht ein Holzstück unter den Kastendeckel zu schieben, um eine bessere Luftzirkulation innerhalb des Nistkastens zu erreichen. Dies verhindert ein Schwitzen und eventuell eine darauf folgende Erkrankung der Jungtiere.
Das Unterlegen fremder Jungtiere
Das Unterlegen fremder Jungtiere wird zum Ausgleich der Neststückzahl vorgenommen. Das geschieht in der Weise, dass man z. B. mit der rechten Hand aus dem vollen Nest ein Jungtier erfasst, dieses in die linke Hand gibt und daraus in das fremde Nest gleiten lässt. Dadurch ist eine Geruchsübertragung von Nest zu Nest nicht möglich. Haben sich die Jungtiere wieder beruhigt, setzt man die Häsin zurück, nachdem man sie für diese Zeit aus der Bucht genommen hat. Inzwischen haben die fremden Jungtiere den Geruch des neuen Nestes angenommen. Mutter und Jungtiere erkennen sich ausschließlich am Geruch; geringe Größenunterschiede und Farbe spielen keine Rolle. Wittert die Häsin jedoch in ihrem Nest einen fremden Geruch, wird sie stutzig, zerreißt das Nest und tötet eventuell alle Jungtiere.
Die Jungtieraufzucht
Für den erfahrenen Züchter beginnt die Aufzucht der Jungtiere bereits in der Embryonalzeit. Wenn auch für ihn in dieser Zeit keine Möglichkeit besteht, direkt auf die Jungtiere einzuwirken, kann er durchaus auf ihre Entwicklung im Mutterleib über Pflege, Unterbringung und Fütterung der Häsin Einfluss nehmen. Hier machen sich ein gesunder Aufzuchtstall, richtige Ernährung des Muttertieres und Sauberkeit bezahlt. In der Nestzeit besteht für die Jungtiere bei normaler Ernährung durch die Mutter keinerlei Gefahr. Am Anfang dieser Zuchtperiode wird die Anzahl der Tiere, ihr Gewicht und ihre Beschaffenheit festgestellt. Gesunde Tiere liegen prall und rund im Nest. Liegen sie matt und unruhig darin, mangelt es an Muttermilchmenge. Durchschnittlich verlassen sie in 2½-3 Wochen ihr Nest. Eine längere Nestruhe und die sich im Nest entwickelnde Wärme sind für das Wachstum der Jungtiere sehr wichtig. Jungtiere verlassen bei mangelnder mütterlicher Ernährung das Nest eher und gehen frühzeitig auf Futtersuche. Von diesem Zeitpunkt an beginnt die Gefahr der Ansteckung durch Bakterien und Darmschmarotzer, besonders durch den Kot des Muttertieres im Bereich der feuchten Kotecke. Dieser ist möglichst täglich zu entfernen. Eine wöchentliche Reinigung des Stalles ist unbedingt notwendig. Jungtiere sind nicht futterfest. Zur Gewöhnung an die Futteraufnahme ist deshalb gutes Heu, frisches Grünfutter und Kraftfutter zu reichen. Grünfutter gibt man anfangs nur in kleinen Men- gen, am besten mit Heu vermischt. Die Häsin erhält während des Säugens ein reichliches und gehaltvolles Futter. Ein Ruheplatz für die Häsin ist wegen des dauernden Nachstellens der Jungtiere notwendig. Steht kein Aufzuchtstall mit Nistkasten zur Verfügung, erfüllen ein Raufendeckel oder ein angebrachtes Ruhebrett diese Forderung. Für das weitere Wohlbefinden der Tiere und ihre Entwicklung sind möglichst helle große Ställe bereitzustellen, da diese für die Entwicklung und das Wachstum von großer Bedeutung sind.
Eine sechs- bis achtwöchige Säugezeit wird von den Züchtern im Allgemeinen für richtig erachtet. Die Feststellung, wie lange eine Häsin säugt, kann man an den verklebten Haaren der Zitzen Umgebung erkennen. Für die nächste Zeit ist ein vorsichtiges Füttern nötig. Das Futter soll trotzdem kräftig und richtig zusammengestellt sein. Gegen Ende der Säugezeit lässt die Milchmenge nach. Die täglichen Futterrationen müssen langsam gesteigert werden, ab dem 6. Monat erhalten die Jungtiere aber nur ein Erhaltungsfutter. Beim Auftreten von Magen- und Darmerkrankungen spielt oft das Verfüttern von Rot- und Weißkohl, Rüben- und Salatblättern sowie junger Klee eine beachtliche Rolle.
Das Absetzen der Jungtiere
Das Absetzen der Jungtiere kann meiner Meinung nach ohne Schaden auf einmal vorgenommen werden. Sind im Wurf schwächliche Jungtiere, kann man diese allerdings noch einige Tage länger bei der Mutter lassen. Bis zur 12. Woche sind die Jungtiere im Aufzuchtstall zu belassen; die Häsin ist extra unterzubringen. Zu diesem Zeitpunkt trennt man die Jungtiere nach Geschlechtern. Rammler werden am besten schon allein gesetzt, während man die Häsinnen noch bis zum 5. Monat zusammen halten kann. In Einzelbuchten gedeihen die Jungtiere zweifelsohne besser.
Das Tätowieren der Jungtiere sollte noch vor dem Absetzen erfolgen. Ein längeres Zusammenlassen größerer Jungtiere mit der Mutter ist wegen Ansteckungsgefahr und den mit der Zeit enger werdenden Platzverhältnissen nicht ratsam. Zwergkaninchen werden schneller zuchtreif als die großen Rassen. In der gesamten Zeit der Jungtier-Aufzuchtsperiode sind die Tiere ständig zu beobachten, regelmäßig zu wiegen und ihre Entwicklung positiver oder negativer Art in das Zuchtbuch einzutragen.
Winterzucht
Viele Züchter der Zwergrassen betreiben Winterzucht. Das hat verschiedene Gründe. Viele Häsinnen sind im Spätherbst noch deckwillig und befinden sich nach einer längeren Ruhepause nach dem ersten und zweiten Wurf durch monatelange Fütterung mit frischem vitaminreichem Grün wieder in maximaler Verfassung.

1,0 Farbenzwerge, grau, Landes-Clubschau Westfalen-Lippe, Eickelborn 1986, 96,5 Pkt. Sieger (F. Entrup, Steinfurt). Foto: Huf
Gewichtstabelle der Zwerge

Ihre Fortpflanzungsorgane sind durch hormonelle Einflüsse auf die kommende Trächtigkeit noch gut vorbereitet. Die Jungtiere gedeihen gut, zeigen in ihrer Entwicklung keine nennenswerten Unterschiede und sind gegenüber den ersten Würfen oft vitaler und verlustfreier.
Der zweite Grund, in der kalten Jahreszeit zu züchten, liegt wohl in der Tatsache, dass die Ohren, die ja möglichst kurz gewünscht werden, mit Ausnahme der Widderzwerge durch Kälteeinwirkung um einige Millimeter kürzer werden (Modifikation). In Wirklichkeit ist die Länge aber in der Erbmasse (Genotypus) festgelegt. Für die Züchter größerer Rassen liegt in der Winterzucht ein weiterer Vorteil, indem ihnen laufend Fleisch für die Küche zur Verfügung steht.
Selbstverständlich gibt es für die Winterzucht einige Voraussetzungen. Der Außenstall muss stabil und seine Stalltüren müssen zu zwei Dritteln ihrer Größe abdeckbar sein. Kondensation und Zugluft im Stallinneren sind zu verhindern. Nistkästen sind hier besonders zu empfehlen. Ein lichter Innenstall mit einer Temperatur von 16 bis 19 Grad, bei der sich unsere Kaninchen am wohlsten fühlen, ist sicherlich von Vorteil. Die Häsin sollte älter und als zuverlässige Mutter bekannt sein. Stalleinstreu muss reichlich zum Nestbau vorhanden, die Fütterung reichlich und energiereich sein. Ständig ist auch Wasser zu reichen. Regelmäßige Vitamingaben wirken unterstützend.
In den kälteren Wintermonaten ist die Decklust der Häsin weitgehend vom Wetter abhängig. Die Zucht der Zwergwidder verlegt man allerdings in die Sommermonate, da durch die Sonnenwärme ein längeres Wachstum der Ohren zu erwarten ist, aber auch hier ist die endgültige Ohrenlänge in der Erbanlage von vornherein gegeben.
Zunehmende Gebissschäden
Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich noch auf zwei Beobachtungen hinweisen, die ich in letzter Zeit gemacht habe. Schon seit mehreren Jahren ist eine auffallende Zunahme von Gebissschäden festzustellen. Es handelt sich vorwiegend um eine Verkürzung des Oberkiefers (Brachygnathia superior), die bei hochgradiger Ausprägung zu einem starken Wachstum der Zähne führt und letzten Endes eine Futteraufnahme des Tieres unmöglich macht. Diese Verkürzung des Oberkiefers ist rezessiv vererbbar. Dem Züchter bleibt nichts anderes übrig, als auf eine strenge Auswahl der Zuchttiere zu achten. Diese sollten schon im Alter von 14 Tagen bereits eine normale Zahnstellung aufweisen. Eine Hilfe bei der Auswahl könnten die Beobachtungen des Zuchtfreundes Erwin Schalow sein, die er im DKZ Nr. 6/1987 unter dem Titel „Das Problem der langen Zähne“ veröffentlicht hat. Reinerbigkeitsprüfungen der Zuchttiere scheitern bei den meisten Züchtern, da bei diesem Auswahlverfahren dem einzelnen Züchter eine erhebliche Anzahl Buchten zur Verfügung stehen müssen.
Zu breite Ohrenhaltung
Die zweite Beobachtung betrifft die Ohrenhaltung der Hermelinkaninchen in letzter Zeit. Hier ist auffallend, dass bei einem Teil der Tiere eine breite Ohrenhaltung, die besonders gut am Stall und bei Bewegungen der Tiere beobachtet werden kann, in der Zucht Einzug gehalten hat. Die Ohrenstruktur dieser Tiere ist kräftig, der Ohrenansatz breiter als gefordert. Beim Lauschen sind oft die Ohren mit der Schallöffnung fast nach vorn gestellt. Dem gegenüber steht das von uns gewünschte typische Ohr. Dieses soll bei standardgerechter Länge eine mittelmäßige Ohrengewebsstruktur aufweisen, an der Spitze gut abgerundet und ohne Faltenbildung sein. Ein allzu breiter Ohransatz ist nicht erwünscht. Auf dem Richtertisch, das Tier in Positur gebracht, stehen die Ohren eng zusammen. Durch Haltung und den zuletzt beschriebenen Bau werden die eckigen Konturen eines Zwergkaninchenkopfes, mit einer breiten Schnauzen- und Stirnpartie, hervortretenden Augenwülsten und breiten Backen erst richtig unterstrichen.
Jeder Züchter sollte eifrigst bemüht sein, beide unerwünschte Erscheinungen in seiner Zucht abzustellen.
Zum Schluss meines Beitrages wäre es mein Wunsch, wenn meine Erfahrungen und Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen würden. Sie sollen zur Orientierung, zu einem guten Gelingen und zur Freude an der Zwergkaninchenzucht beitragen
Literatur:
Dr. H. Niehaus: Unsere Rassekaninchen, Band I und II, Verlag Oertel + Spörer
Prof. Nachtsheim: Vom Wildtier zum Haustier, 3. Auflage.
Erwin Schalow: DKZ 6/1987.
Dr. K. Dorn: Rassekaninchenzucht.










