Werner Pockrandt, Hannover-Herrenhausen „Das Blaue Jahrbuch“ 1962

Die Grundlage jeder Zucht ist unsere Zuchthäsin. Ohne sie gibt es kein neues Leben im Stalle. Es ist eine müßige Frage, untersuchen zu wollen, ob vielleicht der Rammler nicht eine größere Bedeutung als die Häsin habe. Wohl kann ein Rammler dank seines vermehrten Einsatzes eine größere Zahl von Nachkommen haben als die Häsin, die im Jahre ja nur ein- oder zweimal zur Zucht eingesetzt werden kann. Trotzdem sind es immer nur die von der Häsin in unserem Stalle geworfenen Jungtiere, deren Entwicklung wir mit kri- tischen Augen betrachten und die uns die Ausstellungstiere, die Zuchttiere und die Schlachttiere liefern sollen. Wir werden im Folgenden daher unser Augenmerk vorwiegend auf die Zuchthäsin zu richten haben und die Probleme ihrer Haltung und Pflege im Jahresablauf näher betrachten müssen. Und da hat jeder Monat seine eigenen Fragen, auf die versucht werden soll, eine Antwort zu finden.

Im Januar

haben die Zuchttiere ihre Beurteilungen durch den Preisrichter auf den großen Schauen hinter sich. Nun müssen sie zur Zucht eingesetzt werden. Welche Häsin soll nun zur Zucht eingesetzt werden? Da unsere Tiere ja reinrassig sein sollen und die erfolgreiche Zucht nur auf gesunden Zuchtstämmen basieren kann, muss auch unsere Zuchthäsin diese beiden Voraussetzungen erfüllen. Die Bewertungskarte sollte nie Grundlage für die Zucht sein, sondern nur die Richtschnur für die richtige Verpaarung. Selbst wenn Rammler und Häsin mit je 95 Punkten bewertet wurden, kann die Nachzucht daraus unbefriedigend ausfallen. Die Nachzucht ist nämlich nicht nur das Produkt aus Rammler und Häsin, sondern beide bringen von den Vorfahren her bereits gute und schlechte Erbanlagen mit. Aber selbst der große Abstammungsnachweis gibt über diese Erbanlagen keine oder nur geringe Auskunft. Also musste der Züchter die gesamte Zuchtfamilie von Rammler und Häsin kennen, damit er beurteilen kann, ob die Zuchttiere zusammenpassen, ob sie sich ergänzen, ob der eine Partner das bringen wird, was dem anderen noch fehlt usw. Es sollte also zur Gewohnheit werden, die Zuchttiere nicht nach der Bewertungskarte auf der Schau zu kaufen, sondern nach Beurteilung der Zuchtfamilie im Stalle des Züchters.

Was wir von der Zuchthäsin ferner verlangen, ist Fruchtbarkeit und gute Milchleistung. Beides kann erblich sein, wird aber auch durch die Fütterung bedingt. Will eine Häsin nicht trächtig werden, so kann es zweierlei Gründe haben: Die Häsin hat zu wenig Futter bekommen, ist stark abgemagert, es erfolgt keine Ausstoßung von befruchtungsfähigen Eiern (Hungersterilität).

Die Häsin ist zu stark gefüttert worden, die Eierstöcke sind zu stark verfettet und eine Ausstoßung befruchtungsfähiger Eier kann nicht mehr erfolgen (Verfettung). Mäßiges Füttern (möglichst ohne Kraftfutter!) ist also vor dem Zuchteinsatz zu empfehlen. Auch ein gewisses Mindestalter muss eine Häsin erreicht haben, ehe sie zur Zucht eingesetzt wird. Es sollte nicht unter 9 Monaten liegen.

Die Häsin muss beim Decken aufnahmewillig (heiß) sein. Die Hitze äußert sich verschieden, oft durch das Durcheinanderwühlen der Einstreu, durch Zerren am Draht, durch Knurren, Springen und Beißen nach der futtergebenden Hand, zuweilen auch durch Bauen eines „blinden" Nestes, das sogar mit Wollerupfen begleitet sein kann. Sicherstes Kennzeichen ist der geschwollene und gerötete Geschlechtsteil (Scheide). Eine Häsin lässt sich nicht immer gleich decken. Manche Züchter versuchen dann, die Häsin festzuhalten; sie lassen sie unbeaufsichtigt beim Rammler im Stall, oder sie greifen zu dem Mittel des „Schwanzhochbindens". Alles das ist unnatürlich und daher abzulehnen. Die Natur hat es so eingerichtet, wenn die Eier aus den Eierstöcken in die Tragsäcke gelangt sind, kann die Häsin befruchtet werden. Erst dann ist sie auch aufnahmebereit. Und dann genügt der einmalige Deckakt vollauf, um eine genügende Anzahl von Eiern zu befruchten. Bei widerwilligem Zulassen bleibt die Befruchtung zumeist aus oder führt nur zur Befruchtung einer sehr geringen Zahl von Eiern, die noch nicht abgestoßen wurden. Ist die Häsin jedoch auf keinen Fall aufnahmebereit, so sollte man es nach 3 bis 5 Tagen lieber noch einmal versuchen.

Es gibt zuweilen auch „kalte Naturen" unter den Zuchthäsinnen. Man kann sie in den frei gemachten Rammlerstall sperren, da der Rammlergeruch anregend wirken kann. Auch die Verfütterung von Petersilie- und Sellerieblatt oder -knollen hilft zumeist. Auch geringe Mengen „Yohimvitol“ aus den Apotheken regen den Sexus an.

Nach dem Deckakt ist zu empfehlen, den Rammler abzuwehren oder aus dem Stall zu nehmen, die Häsin jedoch durch beruhigendes Streicheln einige Minuten in ruhiger Stellung verharren zu lassen. Dadurch werden Verkrampfungen gelöst und eine schnellere Verteilung des Samens bis zu den Eiern ermöglicht.

Im Februar

wird der Züchter wissen wollen, ob seine Häsin trächtig ist. Er macht die Probe mit dem „Nachdecken" und lässt die Häsin nochmals zum Rammler. Eine trächtige Häsin wird den Rammler nun abwehren und sich nicht oder nur sehr widerwillig decken lassen. Diese Deckprobe kann also nicht immer eine absolute Gewissheit geben; sie kann einer trächtigen Häsin u.U. sogar schaden. Nicht allein, dass die trächtige Häsin beunruhigt wird, es kann durch das Nachdecken sogar zu Doppelbefruchtungen kommen, weil es möglich ist, dass in einer Tragsackhälfte bereits die Föten entwickelt sind, während die andere jedoch befruchtungsfähige Eier enthält. Doppelbefruchtungen führen meistens zum Verwerfen oder zum Doppelwerfen im Abstande der Zeit, die seit dem ersten und zweiten Deckakt vergangen ist, wobei fast immer beide Würfe eingehen und zuweilen auch die Häsin.

Der Züchter wird auch durch tägliche Beobachtung feststellen können, ob seine Häsin trächtig ist. Oft beginnt die Häsin nach 1 1/2 Perioden (ca. 15 Tagen) mit dem Nestbau und Wollerupfen. Das ist gewöhnlich das Zeichen dafür, dass sie nicht trächtig ist. Baut die Häsin jedoch erst 10 Tage vor dem Wurftermin ein Nest, so verspürt sie bereits Leben und ist trächtig. Manche Züchter tasten die Häsin ab, indem die linke Hand das Tier an den Ohren hält und die rechte Hand den hinteren Bauch massierend abfühlt. Bei einiger Übung kann man die Föten in den Tragsäcken fühlen und oft sogar genau deren Zahl feststellen.

Der Wurfakt ist immer ein bedeutendes Ereignis im Stalle des Züchters. Wer Glück hat, kann ihn am Tage beobachten; zumeist erfolgt das Setzen jedoch in den Nacht- und frühen Morgenstunden. Die Jungtiere werden einzeln ausgestoßen und auf den Rand des vorbereiteten Nestes gesetzt. Die Mutter sitzt dabei breit auf dem Nestrande und hilft zuweilen als eigene „Hebe-Amme" mit. Sie leckt nicht die Jungtiere ab, sondern befreit sie aus der Hüllblase (Nachgeburt), indem sie dieselbe auffrisst. Ebenso werden alle Blutspuren an Einstreu und Körper sauber abgeleckt, selten jedoch die Jungtiere selbst. Erst nach Säuberung von Tier und Streu deckt die Häsin die Jungtiere, die in die Vertiefung des Nestes fallen sollen, sanft mit der zarten Wolle zu. Junge Häsinnen werden beim ersten Geburtsakt oft irritiert und setzen die Jungen neben das Nest in den Stall, wo sie der Gefahr einer Unterkühlung ausgesetzt sind und eingehen können. Sehr erregte Häsinnen können beim Auffressen der Nachgeburt auch den Jungtieren zuweilen mehr oder weniger schwere Verletzungen zufügen.

Es ist meines Wissens nicht erwiesen, dass Häsinnen ihre Jungtiere mit dem Maul oder mit den Zähnen selbst ins Nest legen, wie es bei Hund und Katze bekannt ist. Wohl aber kann die Häsin die Jungen mit der Nase ins Nest schieben, aber nur dann, wenn sie auf dem Nestrande liegen.

Die Häsin wird sich für den Wurfakt immer eine dunkle und trockene Stelle im Stall aussuchen. Dafür sollte 10 Tage vor dem Wurfakt reichlich Einstreu im Stall vorhanden sein. Der Nestkasten wird gern angenommen und vermindert die Gefahr des „Neben-das-Nest-Werfens“ und setzt auch Verluste durch Unterkühlung (Erfrieren) herab.

Die Nestkontrolle soll bald nach dem Werfen erfolgen. Dazu wird die Häsin aus dem Stalle entfernt. Man stellt die Zahl der Jungtiere fest und verringert die Wurfstärke eventuell auf 5 bis 8 Tiere. Aber vor allem müssen tote Tiere, Krüppel und Schwächlinge aus dem Nest entfernt werden. Bei wertvollen Tieren bestehen keine Bedenken gegen die Verwendung einer Amme, wenn die Möglichkeit zu Verwechslungen ausgeschaltet wird.

Die Jungen werden nackt geboren. Dunkle oder gezeichnete Tiere lassen aber bereits die in der Haut liegenden Farben und Zeichnungen erkennen. Eine deutliche Haarentwicklung ist erst nach 5 bis 6 Tagen feststellbar. Die Nestkontrolle ist nach einigen Tagen zu wiederholen. Die Jungtiere müssen dick und prall im Nest liegen. Schlaffe und magere Jungtiere beweisen, dass die Häsin nicht genügend Nahrung hat. In solchen Fällen sollte man die Würfe nochmals verkleinern, denn mangelhaft ernährte Tiere werden stets anfälliger gegen Krankheiten sein. Die gute Milchleistung der Häsin ist erblich. Sie kann je- doch durch reichliche Gaben von Flüssigkeit gesteigert werden. Gleich nach dem Geburtsakt sollte man der Häsin lauwarmes Wasser, Milch, schwarzen Kaffee (nicht Bohnenkaffee) oder eine Milchsuppe anbieten. Manche Häsinnen lehnen die Aufnahme von Flüssigkeit ab, während die meisten gierig trinken, um den Verlust an Blutflüssigkeit auszugleichen. Beim Säugen legt sich die Häsin über das Nest. Die Jungen werfen sich mit ruckartigen Bewegungen empor und suchen die Zitzen. Die Saugwarzen, die beim ersten Saugen angesaugt werden, liefern stets ausreichend Milch. Bei Gesäugeentzündungen lehnt die Häsin das Säugen ab und bringt den Wurf in die Gefahr des Verhungerns. Bei zu großen Kraftfutter- und Vitamingaben kann die Häsin schnell wieder heiß werden und in ihrer Milchleistung nachlassen.

Bis zum 10. Tage sollen die Jungtiere ruhig im Nest liegen. Sie sind noch blind. Nach dem 10. Tage öffnen sich die Augen. Nun sind sorgfältige Kontrollen (besonders bei Kurzhaarrassen) notwendig. Zuweilen sind die Augenlider verklebt, die Augen öffnen sich nicht gleichmäßig. Verklebte Lider sind durch Waschen mit Kamille-Aufguss aufzuweichen. Ein vorsichtiger Druck mit dem Daumen der Hand öffnet das Auge schneller. Bleiben die Augen verklebt, so kann das Tier erblinden.

Im März

haben die Jungtiere ein Alter von ca. 3 Wochen erreicht. Wenn die Häsin genügend Milch hat, sollen die Jungen bis dahin ruhig und prall im Nest liegen. Sie verlassen es nur zum gelegentlichen „Austreten". Nun beginnen sie aber am Leben im Stalle Anteil zu nehmen, sie beginnen auch mit der Futteraufnahme. Die Hauptnahrungsquelle bleibt jedoch die Muttermilch, denn sie enthält alle Nähr- und Aufbaustoffe, welche der heranwachsende Körper zum Aufbau benötigt. Gut gesäugte und wohlgenährte Tiere werden gegen Krankheiten kaum anfällig sein. Je länger die Häsin zum Säugen befähigt ist, umso besser und gleichmäßiger wird sich die Entwicklung der Jungtiere gestalten. Ein Absetzen der Jungtiere wäre mit 4 Wochen möglich, birgt jedoch die Gefahr in sich, dass die entwöhnten Jungtiere noch nicht widerstandsfähig genug sind und an Kokzidiose oder anderen Erkrankungen der Verdauungsorgane kümmern oder eingehen.

Wenn die Jungtiere mit dem Fressen beginnen, ist die Häsin möglichst abwechslungsreich zu füttern. Durch gutes Heu, durch kräftiges Weichfutter oder reine Kraftfuttergaben wird nichts verdorben.

Sollte der Wurf aus irgendeinem Grunde eingegangen sein, so kann die Häsin nach 2 bis 3 Tagen wieder zum Rammler gebracht werden. Bei gedeckten Häsinnen lässt die Milchabsonderung nach und hört bald auf, es treten keine nachteiligen Folgen ein. Trotzdem sollte auf Gesäugeverhärtungen geachtet werden.

Da der Züchter den Wurf tätowieren lassen muss, ist die Ausstellung des Deckscheines vorzunehmen. Der Deckschein wird dem Zuchtbuchführer des Vereins eingereicht, der die Eintragung ins Vereinszuchtbuch vornimmt, die Tätonummern auf dem Deckschein vermerkt und den Deckschein dem Tätowiermeister des Vereins übergibt.

Im April

wird die Tätowierung vorgenommen werden müssen, denn bei größeren Würfen oder dann, wenn die Häsin ein weiteres Mal zur Zucht eingesetzt werden soll, muss das Absetzen der Jungtiere erfolgen. Die Tätowierung soll ja immer noch er- folgen, solange die Jungtiere bei der Mutter sind. Sie sollten 8 bis 10 Wochen bei der Mutter bleiben. Je länger sie den Vorteil der Muttermilchaufnahme genießen, desto gesünder werden sie heranwachsen. Selbst mit einem Vierteljahr und älter werden sie noch versuchen, an dem Born der Mutter zu ihrem Recht zu kommen. Erst nach der Tätowierung dürfen sie abgesetzt werden.

In diesem Alter können sie bereits ohne Muttermilch auskommen. Die Wochen nach dem Absetzen sind aber stets eine kritische Zeit. Ausschließliche Grünfütterung ist hier vom Übel, auch die ausschließliche Verabreichung von Weichfutter. Gutes Heu ist die beste Grundlage der Jungtieraufzucht, anderes Futter sollte im Wechsel dazugegeben werden. Die ausschließliche Fütterung mit Preßfutter nebst Wasserzugaben hat keine nachteiligen Folgen. Das Preßfutter enthält im Allgemeinen alle zum Aufbau des Körpers notwendigen Bestandteile. Wer jedoch sparsam wirtschaften will, sollte es wenigstens in geringen Mengen als Beifutter verwenden, denn was am Jungtier in der Zeit des Wachstums und Körperbaues versäumt wird, lässt sich später schlecht nachholen. Kräftiges Futter im Entwicklungsalter führt zu einer kräftigen Gesamtentwicklung der Jungtiere.

Die Häsin selbst wird kurze Zeit nach dem Absetzen der Jungtiere am willigsten wieder aufnehmen und kann daher sofort zum Rammler gebracht werden. Sie ist abgesäugt und wird bei guter Fütterung einen guten zweiten Wurf bringen können.

Da unsere Häschen gern gesellig bleiben, bringt man die Jungtiere zu zweien oder dreien in Buchten unter. Man sollte jedoch bereits jetzt die Trennung nach Geschlechtern vor- nehmen.

Im Mai

wird es reichlich Grünfutter geben. Ausschließliche Verfütterung von Grünfutter ist immer noch mit einigen Gefahren verbunden. Vor allem muss das Grünfutter immer frisch sein. Bei längerer Lagerung geht es in Gärung über. Man merkt es daran, dass es sich warm oder sogar heiß anfühlt. Die Gärstoffe im Grünfutter führen oft zu Verdauungsstörungen (Durchfall, Trommelsucht usw.). Also darf man nur so viel Grünfutter auf Vorrat besorgen, als wirklich benötigt wird.

Die Frage, ob nasses Grünfutter schädlich ist, kann verneint werden. Regennasses Gras schadet nicht. Treten dennoch Schäden irgendwelcher Art auf, so kann es daran liegen, dass die Kokzidiose eingeschleppt wurde. Man hüte sich auch davor, Gras und Löwenzahn von den Wegrändern oder von Grasflächen zu nehmen, die auch den Hunden als Auslauf dienen. Oft werden mit solchem Grünfutter die Eier des Hundebandwurmes in den Stall gebracht. Diese Eier entwickeln sich im Darm zu Lebewesen, die die Darmwand durchbrechen und sich im Körper als erbsengroße Finnen ansiedeln. Sie vergiften den Körper des Kaninchens und führen zu Fresslust, Abmagerung und bei schwächlichen Tieren auch zum Tode. Finnenbefallene Tiere können ohne weiteres nach der Schlachtung noch verwandt werden, nachdem die Finnen entfernt wurden, Man sollte aber solches Fleisch nur gut gekocht oder gut durchgebraten auf den Tisch bringen.

Hat die Häsin erneut aufgenommen, hat man ihr dieselbe Betreuung wie beim ersten Werfen angedeihen zu lassen.

Etwa 10 Tage vor dem Werfen ist der Stall zu säubern und reichlich mit frischer Einstreu zu versehen.

Im Juni

werden die Jungtiere des ersten Wurfes bereits eine Größe erreicht haben, aus der man Schlüsse für das weitere Wachstum und die Zuchteignung ziehen kann. Da man nicht alle Jungtiere zur Zucht einsetzen kann, könnte man nun bereits an einen Sonntagsbraten denken und einige Tiere auf Mast setzen. Die Auswahl wird sich vor allem auf die Tiere erstrecken, die jetzt bereits erkennen lassen, dass sie farblich nicht gut kommen werden oder an denen jetzt bereits körperliche Fehler zu erkennen sind. Verstärkte Gaben von Press- und Kraftfutter sind für sie erforderlich. Jedoch wird die Mastfütterung nicht über den 5. Lebensmonat hinausgehen dürfen, wenn sie nicht unrentabel werden soll, denn bei zunehmendem Wachstum müssten die Kraftfuttergaben ja auch erhöht werden.

Junghäsinnen kann man bis zu 5 Monaten zusammen in einer Bucht halten, dann sollten auch sie einzeln gesetzt werden. Bei Rammlern (oder bei gemischtem Verhältnis) sollte man dies bereits mit 4 Monaten tun.

Wenn dem Züchter gutes Gras- oder Weideland zur Verfügung steht, muss er an die Beschaffung von Heu für die Winterfütterung denken. Das gemähte Gras soll schnell trocken werden. Einzelne Regengüsse schaden ihm nicht. Durch längeren Dauerregen werden aber viel Nährstoffe ausgewaschen. Wenn das Heu erst gelb oder braun wird, ist es fast wertlos oder nur noch als Ballastfutter oder als Einstreu zu gebrauchen. Zu empfehlen ist das Aufbringen des Grases auf Holzgerüste, das „Reutern", und zwar besonders bei hartstengeligem Grase (Klee, Luzerne usw.) Das Silieren von Grünfutter ist auch zu empfehlen, denn dabei werden alle Nährstoffe im Futter erhalten. Besonders soll noch auf den Wert der Brennnessel angewelkt oder als Trockenfutter hingewiesen werden

Im Juli

tritt allmählich eine ruhigere Zeit in der Zucht ein. Die zweiten Würfe sind in der Entwicklung begriffen; die ersten Würfe haben die kritische Zeit überstanden oder sind bereits als Jungmastkaninchen den Weg allen Fleisches gegangen. Die heiße Zeit bedingt aber, dass den Tieren stets frisches Wasser angeboten werden soll. Soweit noch nicht geschehen, müssen jetzt Futterkohl (Markstammkohl) und Steckrüben für den Frühwinter gepflanzt werden. Auch Topinambur liefert bis spät in den Herbst gutes Beifutter. Manche Züchter werden mit ihrer Häsin auch noch einen dritten Wurf wagen wollen. Das soll nicht unbedingt empfohlen werden. Eine kräftige Häsin ist ohne weiteres dazu in der Lage; man sollte ihr jedoch dann eine längere Ruhepause gönnen. Solche Spätwürfe werden höchstens noch als Weihnachtsbraten genutzt werden können. Natürlich können auch sie noch wertvolles Zuchtmaterial bringen können, das aber erst spät im nächsten Jahre zur Zucht eingesetzt werden kann.

Im August und September

findet die Zuchtzeit normalerweise ihr Ende. Auch die Häsinnen werden nicht mehr so schnell und regelmäßig heiß wie zu Beginn des Jahres. Die Fütterung bietet jetzt keine Schwierigkeiten, denn Feld und Garten liefern an Grün- und Abfallfutter mehr als genug. Die Tiere, die farbmäßig nicht befriedigen, können weiterhin abgeschlachtet werden. Im Oktober sollte man der Häsin die Winterruhe gönnen, damit sie frühzeitig im kommenden Jahr wieder zur Zucht eingesetzt werden kann. Wenn sie jedoch in der Zeit der Winterruhe zu viel Fett ansetzt, nimmt sie später nicht oder auch schlecht auf. Darum muss sie in der Fütterung knapp gehalten werden. Aber auch die für die Ausstellung bestimmten Tiere sollten nicht überfüttert werden, damit sie nicht aus der Form gehen, zu massig werden und unschöne Wammen bekommen. Die Jungmastkaninchen werden weiterhin regelmäßig geschlachtet. Der Garten bringt noch immer so viel verwertbare Futterabfälle, dass die Kraftfutterbeigaben gering gehalten werden können.

Im November

werden die ersten Ausstellungen beginnen. Man kann jetzt die Güte der Nachzucht einer Häsin bereits in Form, Fell und Farbe erkennen und sucht die besten Tiere zur Bewertung aus. Öfteres Kämmen des Haarvlieses oder Bürsten mit einer harten Bürste bewirkt bessere Durchblutung des Haarbodens und erzeugt dichteres Fell. Die Sauberhaltung der Tiere verbindet sich mit öfteren Stallsäuberungen. Man sollte sich die wöchentliche Stallreinigung zum Grundsatz machen. Bei vorwiegender Heufütterung ist das Reinigen nur alle 14 Tage erforderlich.

Jetzt ist es Zeit, sich auf die Winterfütterung umzustellen. Der Anteil von Heu, Rüben und Weichfutter wird nun immer größer werden und das letzte Grünfutter (später Kohl) allmählich ganz verdrängen. Die Schlachtzeit hält weiter an, und manches Jungtier wird auch an den Handel oder an Bekannte abgegeben werden können.

Der Dezember

setzt den Schlusspunkt unter die Zucht. In den Ställen sollte sich nur noch der Bestand befinden, der zur Erhaltung der Zucht notwendig ist, vielleicht auch noch die Tiere, die auf den großen Schauen gezeigt werden sollen, die verkauft oder erst später geschlachtet werden können. Nicht die Futterfrage, sondern die Stallfrage zwingt uns zur Reduzierung der Tiere, denn nun muss jedes ausgewachsene Tier seine eigene Bucht haben.

Besonders eifrige Züchter werden auch bereits die Zuchthäsin wieder zum Rammler lassen, wenn ihnen an frühen Winterwürfen gelegen ist und sie futter- und stallmäßig dazu in der Lage sind, solche Frühwürfe ohne Schaden durchzubringen.

So folgt ein Zuchtjahr auf das andere. Die Freude am Gedeihen der Tiere und das Leid um Rückschläge in der Zucht wohnen aber dicht beieinander. Auch der erfahrenste Züchter kann nicht immer das Züchterglück erzwingen. Manch ein Züchter kommt erst nach vielen Jahren zu der rechten Einstellung, dass nicht der materielle Wert die Zucht ausmacht, dass nicht allein die Ehrenpreise den rechten Züchter kennzeichnen, dass nicht der köstliche Kaninchenbraten auf der Festtafel die Hauptsache ist, sondern dass es allein die Beschäftigung mit dem Tier ist, die uns mit Besitzerstolz erfüllt, die uns Freude vermittelt und uns mit köstlicher Zufriedenheit ganz ausfüllen kann und die unserem Leben neben allen Errungenschaften der Technik und Kultur doch noch eine besinnliche und beschauliche Note zu geben vermag.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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