Hans Schäble, Landwirtschaftsoberlehrer, Wemding – „Das Blaue Jahrbuch“ 1963

Wenn unsere Kleintierzucht und unsere Züchterarbeit weiterleben und weitergedeihen soll und mit ihr unsere Vereine eine Aufwärtsentwicklung erfahren sollen, so bedürfen wir der Jugend.

In früheren Jahren dachte man vornehmlich daran, Jugendliche für die Kleintierzucht zu gewinnen, um die Mitgliederzahl der Vereine zu heben und damit für den Fortbestand der Kleintierzüchteridee zu sorgen. Heute geht es nicht mehr, zumindest nicht mehr allein um dieses Ziel, heute geht es dabei vor allem um die Rettung des Menschen selbst.

Wenn es um die Rettung des Menschen geht in seinen seelischen und geistigen Bereichen, so ist es vor allem die Jugend, die dieser Rettung und Hilfe bedarf. Sie ist in ihrer Unreife besonders gefährdet durch die reizüberflutenden Einflüsse unserer Zeit. Sie ist aber auch bildungsfähig und bildungsbedürftig und noch guten Einflüssen zugänglich.

So lautet die brennende Frage unserer Tage: Wie retten wir den Menschen, insbesondere den jugendlichen vor der Hast und Gier unseres Zeitalters, wie retten wir ihn letzten Endes vor sich selbst? Wir müssen also einmal Diagnose stellen! Rettung setzt Gefahren voraus, die erkannt werden müssen. Rettung verlangt Maßnahmen, die diese Gefahren bewältigen.

Diese Aufgabe ist ein Erziehungs- und Bildungsauftrag, und zwar nicht von untergeordneter Bedeutung, und auch wir Kleintierzüchter haben unseren Teil dazu beizutragen. Es ist eine Aufgabe, die vor allem in der Jugendarbeit, in den Jugendgruppen seine besondere Bedeutung erhält, so auch in den Jugendgruppen unserer Kleintierzuchtvereine.

Dass wir unsere Jugend berufstüchtig machen, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Wir freuen uns, wenn sie an den Arbeitsstätten praktisch zugreift und ordentlich verdient. Aber damit ist ihre Lebensaufgabe nicht erschöpft. Es ist ebenso wichtig, dass der Jugendliche fähig ist, seine Freizeit sinnvoll zu gestalten, um sich täglich für einige Stunden freizumachen, um sich dann und wann dem Trubel der Zeit zu entreißen, damit sich die körperlichen und geistig-seelischen Kräfte an natürlichen und damit wahren, echten Bildungsgütern entfalten können.

Allzu gern verurteilt man leichterhand unsere heutige Jugend und unterschiebt ihr einen Mangel an seelischen und moralischen Kräften. Bedenke man doch, wie unsere Jugend heute mit äußeren Reizen überflutet wird!

Tag und Nacht hämmert der Lärm der Maschinen und Motoren an ihren jungen Nerven. Die Hast des Alltags verschließt früh ihre noch in der Entwicklung begriffenen Kräfte. Sensation, Radio, Fernsehen, nervenkitzelnde Filme, grelle Lichtreklame, lauttönende Schallplatten, Musikboxen usw. überbeanspruchen, und dies sogar noch nach Feierabend, ihre Sinne und das Zentralnervensystem. Vielgestaltige, zweideutige Lektüre reizt ihre Phantasie und macht sie zügellos. Vom Strom der Zeit erfasst, treiben die Jugendlichen oft ruhelos und haltlos von einer Vergnügungsstätte zur anderen, jagen auf und in modernen Verkehrsmitteln in rasendem Tempo durch die Lande, ohne die Landschaft überhaupt gesehen zu haben. Immer diktiert die Zeit, stets regiert die Hast. Muße und Besinnlichkeit kennen sie nicht. So gleiten sie wie im Taumel von einem Tag in den anderen hinüber, schauen täglich noch gieriger aus nach Sensation und Abenteuerlust, schweifen in die weite Ferne, sind beflissen in Mode, Tanz und Filmstars, ohne aber das Nächste – sich selbst zu kennen.

Und doch scheint mir, dass in unserer Jugend alle die inneren Kräfte schlummern, die man ihr so gerne abspricht. Diese müssen aber sorgsam geweckt und gefördert werden.

Hier tatkräftig einzugreifen, ist ein dankbares Aufgabenfeld für unsere Jugendgruppen, dies auch innerhalb der Kleintierzüchtervereinigungen. Es kommt darauf an, wem es gelingt, die jugendlichen, aufgeschlossenen und bildsamen Seelen zu gewinnen. Die Reize der modernen Vergnügungswelt sind stark genug, um sie in den Bann zu schlagen.

Welche Wege aber wollen wir, die verantwortungstragende Generation in den Reihen der Kleintierzüchter beschreiten? Welche Anziehungspunkte haben wir unserer Jugend noch zu bieten?

Wir müssen alles daransetzen, wenigstens einen Teil der Jugend für unsere Sache zu gewinnen, um damit der vertechnisierten Massenwelt einen Gegenpol entgegenzustellen. Es ist eine ernsthafte Angelegenheit vom medizinischen wie vom psychologischen Standpunkt aus, die Jugendlichen einer sinn- vollen Freizeitgestaltung zuzuführen, um sie der Vermassung zu entreißen, um sie in die Stille zu führen, damit sie sich dort 138 entspanne. Jeder Mensch, und besonders der junge, der sich entwickelnde Mensch, braucht Entspannung und Zerstreuung, soll er sich im Wirrwarr unserer Tage nicht verirren und nicht der Managerkrankheit zum Opfer fallen. Zerstreuung aber ist mehr als ein bloßes Abwenden vom Alltag, Zerstreuung bedeutet Ruhe finden, heißt Kräfte sammeln für neue Aufgaben, ist ein Hineinhorchen in die eigene Seele. Nur so kann sich ein fester Charakter bilden und der junge Mensch zur Persönlichkeit reifen. Zerstreuung verlangt also Stille und Beschaulichkeit. Wir werden sie nie auf die Dauer in der modernen Vergnügungswelt finden. Die Stille, die der Mensch von heute braucht, kann ihm nur die Natur bescheren.

Es geht also um das große Problem „Mensch und Natur", "Jugend und Natur". Hat unsere Jugend noch eine Beziehung zu ihr? Weiß sie noch um die vielseitigen Werte, die der Mensch in früheren Zeiten aus dem Umgang mit der Natur und mit der Schöpfung zog und die ihn heimatlich verwurzelten?

Es geht nicht um eine romantische Naturschwärmerei, sondern um ein sehr realistisches, handfestes Erziehungsprinzip.

Auch unsere Kleintiere gehören zu dieser Natur. Es sind Lebewesen, Geschöpfe, die wir wohl durch züchterische Ein- griffe formen und beeinflussen, nicht aber mittels technischer Hilfsmittel ins Leben rufen können. So lässt uns der Umgang mit ihnen immer wieder Neues entdecken, zeigt uns züchterisches Gelingen und Versagen, weist uns Ordnungen auf und stellt uns vor unumgängliche Lebensgesetze. Das Nachdenken, Forschen, Entdecken und tiefe Erleben im Bereich der Natur schenkt uns Kleintierzüchtern so viele Stunden echter Freude und gesunder Entspannung. Gerade um dieser Werte willen müssen wir den heutigen jungen Menschen erfassen, sein Herz für die Schönheiten der Schöpfung öffnen und seine Seele mit Natürlichkeit und echtem Glück füllen. Dort im Reich unserer Tiere, im Umgang mit der unverfälschten Natur kann sich Körper und Geist erholen und neu beleben. Da wird der Feierabend wirklich zur Feier, zur Zeit der Muße, zum harmonischen Ausgleich gegenüber dem Arbeitstag inmitten der vertechnisierten Welt. Während die anderen passiv der aufgeputzten Vergnügungswelt zuströmen und dabei ihre letzten Reserven des Tages vergeuden, steht der Kleintierzüchter aktiv in seinem Tierreich und sammelt dabei Arbeits- und Lebenskräfte für den kommenden Tag, sogar fürs ganze Leben. Wir können aber unsere Jugend nicht nur durch Belehrungen und viele Worte von diesen Werten überzeugen. Es müssen Taten sein, die für sich sprechen. Unsere Jugend braucht Vorbilder, die ihr erstrebenswert erscheinen, denen nachzueifern sie ihr natürlich ausgeprägter Nachahmungstrieb und ihre Abenteuerlust zwingen. In der Erziehungsarbeit ist die Erziehungsmacht des Vorbildes und Beispiels bekannt und gewertet. Sie liegt vor allem in der Kraft der „Anschauung" begründet. Der Grundsatz der Anschaulichkeit aber wäre aus dem Bereich der Pädagogik wohl kaum mehr wegzudenken. Anschauung ist ein Erfassen eines Dinges, einer Sache mit den Sinnen. Das gesamte Geistesleben eines Menschen beruht auf Sinnesbetätigung, und hierbei erhält die Aufnahme über das Auge den Vorrang. Das, was mit allen Sinnen aufgenommen wurde, schreibt sich in die jugendliche Seele tief ein und wird zu einem starken und nachhaltigen Erlebnis. Klare Anschauungen bereichern das oft noch recht dürftige Vorstellungsleben und weiten den verhältnismäßig engen Erfahrungskreis der Jugendlichen. Soll der Jugendliche für die Kleintierzucht gewonnen werden, so ist es von besonderer Bedeutung, dass vor allem die mitten in der Züchterarbeit Stehenden und Erfahrenen dem Jugendlichen als nachahmenswerte Vorbilder vor Augen stehen. Deren Einstellung zum Tier, ihre mit- reißende Begeisterung für die Kleintierzucht und die vorbildliche Pflege und Haltung ihrer Tiere und die damit verbundenen züchterischen Erfolge sollen es vor allem sein, die den jungen Menschen fesseln. Sie können aber auch, falls dies nicht in vorbildlicher Weise geschieht, den jungen Menschen für immer aus unserem Kreis verweisen. Besonderer Wert muss daher auch auf eine gute Gestaltung der Vereinsarbeit gelegt werden.

Es muss für uns ältere Züchterkollegen eine Selbstverständlichkeit sein, die jungen Zuchtfreunde mit Rat und Tat zu unterstützen. Wir müssen ihnen beim Ankauf von Tieren auch einmal finanziell entgegenkommen. Sehr schön finde ich es, wie es immer wieder in lobens- und nachahmenswerter Weise praktiziert wird, den jungen Züchtern bei der Aufnahme in den Kleintierzuchtverein ein Tierpaar zum Geschenk zu machen. Oftmals sind es nämlich die Eltern, die die Jugend vom Eifer für die Kleintierhaltung in der Form distanzieren, dass sie den Ankauf von Tieren verbieten. Ein erstmals geschenktes Tier werden sie aber gewiss nicht zurückweisen. Und der Anfang wäre gemacht! Auch die Arbeit innerhalb der Jugendgruppen muss auf Grund der psychologischen und pädagogischen Bedeutung der Anschaulichkeit sehr anschaulich gestaltet werden. Ein lehrreicher, spannender und auch fröhlicher Vereinsabend, der sich an Kopf und Herz, an Verstand und Gemüt wendet, wirkt immer anziehend und wird so zu einem nachhaltigen Erlebnis werden.

Freude an der Kleintierzucht setzt in erster Linie Kenntnisse um die Sache, nämlich: der Tiere, ihrer Fütterung, Haltung, Pflege usw. voraus. Die Besprechung dieser Probleme, der verschiedenen Rassen, deren Eigenarten und Besonderheiten schult die Beobachtungsgabe und Beobachtungsfähigkeit und übt die Sinne, vor allem das Sehorgan. Sind wir doch mehr denn je in Gefahr, unser ganzes Sinnen- und Vorstellungsleben dauernd von außen her durch eine gesteuerte Vergnügungsindustrie berieseln zu lassen, so dass wir schließlich für alles Schöne und Natürliche unempfindlich und stumpf werden. Diese Gefahr trifft vor allem die Jugend, die in ihrer Unreife noch nicht klar werten kann. Das Werden, Wachsen und Vergehen eines Lebewesens, einer Lebensgemeinschaft, eines biologischen Zeitraumes, die Behandlung grundlegender Fragen in der Züchtungslehre öffnen die jugendlichen Augen für die Gesetzmäßigkeiten in der Schöpfung und weist den Ju- auf.

Ratschläge in der Tierhaltung in gesunden und kranken Tagen, Tipps für Stallbauten und Buchten führen die Jugendlichen die richtige Ein- und Unterordnung des Menschlichen weiter in die praktische Züchterarbeit ein. Es gibt ungezählte Themen, die die Jugendarbeit in unserer Kleintierzucht interessant gestalten. Die Veranschaulichung der Themen durch Einsatz von technischen Hilfsmitteln wie Modelle, Filme, Bildwerfer dürften die Aufmerksamkeit der Jugend besonders fesseln und den Vereinsabend lehrreich, spannend und auch fröhlich werden lassen.

Vielleicht ist da und dort sogar Gelegenheit gegeben, einmal im Vereinsabend werktätig zu sein. Wir basteln einen Futtertrog oder eine Versandkiste. Ist dies aber durch das Fehlen der entsprechenden Räumlichkeiten nicht möglich, so zeichnen wir einen Stallplan, einen Plan für Buchten usw., um diese Werkstücke daheim fertigen zu können. Angefertigte Modelle werden mitgebracht oder bei Besichtigungen besprochen. Wer die Jugend so anspricht, wird bei ihr stets Eifer und Aktivität erfahren. Ein Fotowettbewerb innerhalb des Vereins „Die schönsten Tiere" bereitet den Jugendlichen nicht nur Spaß, sondern erfordert auch genaues Beobachten und etwas Schönheitssinn. Wer beobachten gelernt hat, der wird unzählige Schönheiten innerhalb der Natur und unserer Kleintierzucht entdecken und dem werden die Natur und unsere Kleintiere bald ihr Reich der Geheimnisse öffnen und ein nie versiegender Quell der Freude sein.

Der gemeinsame Besuch von Ausstellungen unter Leitung eines allseitigen mit den Rassen beflissenen Züchters übt die Kritikfähigkeit, fördert den Gemeinschaftssinn, die Kameradschaft und die Zusammenarbeit.

Besonders wichtig in der Jugendarbeit ist es, den Jugendlichen viel Gelegenheit zur Eigentätigkeit zu geben. Wenn jeder sich für das Gelingen des Vereinslebens mitverantwortlich fühlt, wird dem in diesem Alter so ausgeprägten Geltungsbedürfnis und dem überbetonten Selbstgefühl bei den Jugendlichen Rechnung getragen und ihnen somit wenig Gelegenheit gegeben, sich gegen Übergeordnetes aufzulehnen. Selbsttätigkeit weckt nicht zuletzt die Seelenkräfte, die seelische Aufgeschlossenheit und Aufnahmebereitschaft und bereichert so den Menschen auch innerlich.

Ist es uns gelungen, in unseren Jugendlichen die Liebe zu unseren Kleintieren und zur Natur zu wecken, werden wir sie gewiss als gute Züchterkameraden den Vereinen zuführen und erhalten. Denn: Was einer in der Jugend liebend aufgenommen, das reift erst im späteren Leben und trägt seine Früchte im hohen Alter.

Wer es versteht, in unserer Jugend echte und rechte Ideale zu wecken, erweist ihr wirklich einen wahrhaft großen Dienst an Leib und Seele.

Helfen wir mit, aus den Jugendlichen, die in unseren Reihen heranwachsen, sittlich starke und gesunde Menschen zu formen, so begehen wir eine politische Großtat im unpolitischen Feld. Denn unsere Jugend von heute ist die verantwortungstragende Generation von morgen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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