Dr. Ursula Koetter, Burgdorf-Otze „ Das Blaue Jahrbuch“ 1984

Die wirksame Bekämpfung von Krankheiten setzt die Kenntnis vom Bau der Organe und ihrer Funktion voraus. Das ist in der Regel Aufgabe des Tierarztes. Da wir aber schon aus Kostengrün- den nicht ständig einen Tierarzt zu Rate ziehen wollen, sind wir als Tierzüchter darauf bedacht, unsere Kaninchen artgemäß und richtig zu versorgen und dadurch gesund zu erhalten.

Erkrankungen der Verdauungsorgane gehören zu den häufigsten und wirtschaftlich schwerwiegendsten Krankheiten der Kaninchen. Auch bei guter Haltung können sich durch äußere Einflüsse plötzlich Störungen oder Anzeichen für Krankheiten bemerkbar machen, die rasch zu empfindlichen Verlusten führen, wenn der Züchter nicht in der Lage ist, sie rechtzeitig zu erkennen und erste Abhilfemaßnahmen zu ergreifen.

Dazu sollte er wenigstens in groben Zügen den Ablauf der Verdauungsvorgänge kennen. Das Aussehen der Verdauungsorgane ist dem Züchter durch Schlachtungen meist bekannt. Er kommt dadurch ganz nebenbei zu anatomischen Kenntnissen, die ihm viel nützen können, sofern er sich dafür interessiert. Auch bietet das Aussehen der Eingeweide sehr gute Anhaltspunkte für den Gesundheitszustand des ganzen Tierbestandes; deshalb sollte bei jedem Schlachttier der Inhalt der Bauchhöhle kurz überprüft werden.

Die Verdauung der Nahrung beginnt bereits in der Mundhöhle. Das Kaninchen hat normal 28 Zähne, davon sind 22 Backenzähne, 4 große Schneidezähne und 2 kleine Stiftzähne im Oberkiefer. Damit wird das Futter sorgfältig zerkleinert. Mit dem schleimhaltigen Speichel mehrerer Drüsen (Ohrspeicheldrüse, Unterkieferdrüse und Unterzungendrüse) zu einem schlüpfrigen Brei vermischt, gelangt die Nahrung durch das Abschlucken in die Speiseröhre. Das ist ein muskulöser Schlauch, der durch Zusammenziehen und Ausdehnen den Speisebrei zum Mageneingang weiterleitet.

Im Magen wird das Futter, sobald es hineingelangt, übereinandergeschichtet und verweilt dort mehrere Stunden. Die Magensäfte, die sich in der drüsigen Schleimhaut des Magens bilden, durchdringen während dieser Zeit die Nahrung von der Wand aus und beginnen mit der Verdauung und Verflüssigung.

Auch die Magenwand hat Muskelfasern, die durch leichtes Zusammenziehen und Erschlaffen den angedauten und verflüssigten Speisebrei zum ersten Dünndarmabschnitt, dem Zwölffingerdarm, treibt. Hierbei werden die Futterschichten zum ersten Mal durchmischt. Der Magenausgang, auch Pförtner genannt, wird durch einen kräftigen Ringmuskel gebildet, der immer nur kleine Mengen Speisebrei in den Dünndarm eintreten lässt.

Der Kaninchenmagen hat nur ein relativ geringes Fassungsvermögen, so dass das Tier mehrmals am Tage Futter aufnehmen muss. Man hat festgestellt, dass Kaninchen innerhalb von 24 Stunden 70-180 kleine Mahlzeiten zu sich nehmen, die teilweise nur 1-2 Minuten dauern. (Niehaus, Blaues Kaninchen-Jahrbuch 1975). Die alte Regel, immer nur so viel zu füttern, wie das Tier in kurzer Zeit auffrisst, kann deshalb nur bei mehrmaliger Fütterung angewendet werden. Sie gilt weiterhin für leichtverderbliche Futterstoffe wie Weichfutter, junges Grünfutter u. a. Die moderne Pellet-Fütterung kommt dem natürlichen Verhalten des Kaninchens, die Nahrungsaufnahme über viele Stunden zu verteilen, eigentlich recht gut entgegen.

Ebenso wie die Pferde können Kaninchen nicht erbrechen. Werden die Tiere in hungrigem Zustand mit leicht gärenden (z. B. jungem Klee) oder quellenden (z. B. Trockenschnitzel) Futtermitteln überfüttert, kann es zu tödlicher Magenüberladung kommen, die in Ausnahmefällen sogar zum Reißen der Magenwand führt. Sorgfalt und Pünktlichkeit bei der Fütterung sind deshalb wichtig.

Erst wenn der Pförtner den Mageninhalt schubweise in den Zwölffingerdarm entlässt, beginnt hier die eigentliche Verdauung. Hier münden die Ausführungsgänge der Galle und der Bauchspeicheldrüse, deren Säfte helfen, Fett, Eiweiß und Kohlehydrate aufzuspalten, flüssig zu machen. Diese gelösten Nährstoffe werden dann im weiteren Verlauf des Dünndarms von der Darmwand aufgesogen und an das Blut abgegeben. Der Dünndarm bei Kaninchen ist recht lang und nimmt etwa zwei Drittel der gesamten Darmlänge ein, die nach Angaben von Niehaus 4-6 m beträgt. Der Blutkreislauf übernimmt also die vom Darm abgegebenen Nährstoffe und transportiert sie dorthin, wo sie gebraucht werden, zur Erzeugung der Körperwärme, zu Wachstum und Erhaltung von Muskeln, Knochen und Hautgewebe. Dabei verfügt der Körper über Einrichtungen zur Speicherung von überschüssigen Nährstoffen, z. B. die Fettpolster.

Das wichtigste Energiedepot, vergleichbar dem Tank im Auto, ist aber die Leber. Sie speichert überschüssigen Zucker, der aus den Kohlehydraten (Stärke) der Nahrung stammt, in Form von sogenanntem Glykogen. Dabei vergrößert sich ihr Umfang. Wer regelmäßig Zuckerrübenschnitzel füttert, kann diese Tatsache bei geschlachteten Tieren selbst beobachten.

Das von der Leber gespeicherte Glykon kann bei Bedarf wieder in Zucker umgewandelt werden. Die Speicherung oder die Abgabe des Zuckers ins Blut wird durch das Wechselspiel zweier Hormone reguliert:

Das von der Bauchspeicheldrüse produzierte Insulin bewirkt, dass überschüssiger Zucker in der Leber abgelagert wird. Das von der Nebenniere hergestellte Adrenalin kehrt diesen Vorgang wieder um. Verbraucht ein Tier infolge einer Stress-Situation mehr Zucker, als es durch die Nahrung aufnehmen kann, schüttet die Nebenniere vermehrt Adrenalin aus. Dieses Adrenalin gelangt über das Blut zur Leber und bewirkt dort die Umwandlung des Glykons in Zucker, der dann über den Blutkreislauf sofort für die Muskelarbeit zur Verfügung steht. Dieser Vorgang hat für das Wildkaninchen eine höchst lebenswichtige Bedeutung: Erschrickt das Tier z. B. durch das plötzliche Auftauchen eines Hundes, werden in der Leber die enormen Kraftreserven freigesetzt, die für eine plötzliche Flucht erforderlich sind.

Im Grunde unterliegen wir alle dieser Schreckreaktion im täglichen Leben, die auch Autofahrern unbewusst bei jedem Überholvorgang widerfährt, nur mit dem Unterschied, dass die bereitgestellten Zuckerreserven nicht durch die körperliche Anstrengung der Flucht wieder abgebaut werden, sondern sich im Körper anstauen und dadurch erst zum krankmachenden Stress werden.

Dasselbe geschieht, wenn wir unsere Kaninchen in einer Transportkiste zur Ausstellung bringen. Auf die ungewohnte Situation reagiert das Tier mit Angst, besonders wenn wir es in eine enge dunkle Kiste sperren! Die Angst setzt mehr Adrenalin frei, dadurch wird mehr Energie verbraucht, die Körpertemperatur steigt, es wird mehr Sauerstoff benötigt. Man kann sich vorstellen, wie rasch dieser Mechanismus in einer schlecht belüfteten Transportkiste, zumal im Sommer zu lebensbedrohenden Zuständen für das Kaninchen führt. Hinzu kommt, dass keinerlei Fluchtbewegung diese körperlichen Vorgänge wieder normalisieren kann. Die dadurch ausgelöste Veränderung des gesamten Stoffwechsels führt auch zu Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmflora, die für das Auftreten von Durchfallerkrankungen im Zusammenhang mit Ausstellungen und anderen Stresssituationen verantwortlich zu machen sind.

Mit „Darmflora“ bezeichnet man die Anwesenheit bestimmter Bakterienarten, die vorwiegend in den ersten Abschnitten des Dickdarms, Blinddarm und Grimmdarm, für den bakteriellen Aufschluss der in Magen und Dünndarm noch nicht verdauten Futterstoffe sorgen. Hier hat der beim Kaninchen besonders stark und lang ausgeprägte Blinddarm besondere Funktionen.

1. Mit Hilfe von Zellulose-Bakterien wird die Rohfaser aufgeschlossen, das ist der Hauptbestandteil der pflanzlichen Zell- wände.

2. Andere Bakterien können aus nicht vollwertigem Pflanzeneiweiß hochwertiges Bakterieneiweiß aufbauen, das den Kaninchen durch einen sehr sonderbaren Vorgang wieder zugänglich wird.

3. Eine weitere nützliche Tätigkeit bestimmter Darmbakterien, (Niehaus, Blaues Kaninchen-Jahrbuch 1975) besteht im Aufbau lebenswichtiger Vitamine der B-Gruppe und von Vitamin K 2.

Wenn diese Vitamine nicht ausreichend im Futter vorhanden sind, wird diese eigene Vitaminproduktion notwendig für das Leben und die Gesundheit der Tiere.

Wie aber gelangt das Kaninchen zur Auswertung dieser wichtigen Nährstoffe? Im letzten Teil des Dickdarms (Grimmdarm und Mastdarm) ist die Verdauung ja weitgehend abgeschlossen. Der Darminhalt wird nur noch durch Aufsaugen des Wassergehaltes eingedickt, zu festen, runden Kotballen geformt und ausgeschieden.

Eine natürliche Erklärung finden wir bei Niehaus, Blaues Kaninchen-Jahrbuch 1975. Eine früher für anormal und krankhaft gehaltene Eigenart des Kaninchens, das „Kotfressen", ist seit langem als natürlich und für die Gesundheit der Tiere notwendig erkannt worden und findet sich beim Wildkaninchen und anderen Hasentieren sowie bei Nagetieren wie Ratten, Mäusen, Eichhörnchen usw. ebenfalls.

Allerdings werden nicht die festen Kotballen aufgenommen, die sich im Stall ablagern, sondern ein spezieller, aus dem Blinddarm stammender weicher Kot, der über ein Drittel des gesamten Kotes ausmacht, wird von den Kaninchen wieder aufgenommen.

Der Blinddarmkot ist kleiner geperlt, weich und mit Schleim überzogen und wird in zusammengeklebten, wurstähnlichen Gebilden abgesetzt. Er wird etwa 6-7 Stunden nach der letzten Mahlzeit, beim Hauskaninchen gegen Mitternacht, ausgeschieden und deshalb auch Nachtkot genannt. Das Kaninchen nimmt den Blinddarmkot direkt vom After auf und schluckt ihn unzerkaut ab. Bei Schlachttieren kann man diese Kotperlen im Eingangsteil des Magens feststellen, wo sie einige Stunden in ursprünglicher Form verweilen, dann langsam zerfallen und dem Magenausgang zuwandern. Damit werden sie der Verdauung wieder zugeführt und ihre Nährstoffe vom Körper aufgenommen.

Auffallend ist der hohe Eiweißgehalt und die enorme Anzahl von Bakterienkeimen im Blinddarmkot. Das Kaninchen bildet mit diesen Bakterien eine Lebensgemeinschaft auf Gegenseitigkeit, die man Symbiose nennt. Seine Gesundheit hängt stark von der richtigen Zusammensetzung dieser Bakterienkultur im Darm ab.

Jede ungewohnte Einwirkung von außen wie Transporte, Nässe und Kälte können Störungen dieses empfindlichen Gleichgewichts verursachen. Eine ungünstige Veränderung der Darmflora ist meist der Anlass für die gefürchteten Durchfallerkrankungen, die schon manchen Kaninchen-Mastbetrieb zum Aufgeben gezwungen haben.

Erkrankungen der Verdauungsorgane

Kokzidiose

Die am meisten gefürchtete Kaninchenkrankheit, der früher oft mehr als die Hälfte der Jungtiere im Absetzalter zum Opfer fielen, war die Darm-Kokzidiose.

Erreger sind mikroskopisch kleine, einzellige tierische Parasiten, die sich in den Zellen der Darmwand vermehren, dort eine komplizierte Entwicklung durchmachen und schließlich als Dauer- form in einer Wachshülle mit dem Kot ausgeschieden werden. Diese „Oocyste“ genannte Dauerform reift im feuchten Stallboden in 2-3 Tagen zu einem ansteckungsfähigem Stadium heran und wird vom Kaninchen mit dem Futter wieder aufgenommen. Im Darm schlüpfen aus jeder Oocyste wieder 8 Kokzidienkeime. Sie dringen in die Darmzellen ein und zerstören sie. Dadurch wird die Darmwand in ihrer Funktion gelähmt, die Tiere magern ab, der Bauch wird durch Gärungsvorgänge aufgebläht, es stellen sich Verstopfungen oder schwere Durchfälle mit eigenartigem Geruch ein, die bei Jungtieren im Alter von 5-10 Wochen rasch zum Tode führen.

Mit diesem Problem mussten sich die Kaninchenzüchter jahrzehntelang herumschlagen. Heute hat die Kokzidiose ihre Schrecken verloren.

Bekämpfung

Hygienische Maßnahmen, Medikamente, Desinfektion, Trocken- und Sauberhalten der Stallböden oder Drahtgitterroste verhindern die ständige Wiederansteckung. Zeitiges Absetzen der Häsin, die Kokzidien-Träger sein kann, oder Abtrennung der Häsin außerhalb der kurzen Säugezeit vom Wurf verhüten, dass Jungtiere sich durch den Kot des Muttertieres infizieren.

Größere Bestände sind mit Sulfonamiden-Kokzidiostatica vor- beugend zu behandeln durch wiederholte mehrtägige Verabreichung im Trinkwasser.

Zur Desinfektion sind nur solche Mittel geeignet, die die Wachsschicht der Oocysten auflösen. Prof. Sprehn empfiehlt Euphagol VA wegen der guten Nachwirkung in der Einstreu und Unschädlichkeit für die Jungtiere. In der Liste der Vet.-Med. Gesellschaft sind Dekaseptol und Lysococ angeführt. Eine seltenere Art der Kokzidiose ist die Leber-Kokzidiose. Hier läuft die Entwicklung der Kokzidien in den Gallengängen ab.

Das Krankheitsbild ist sehr unbestimmt und zeigt Abmagerung und Verdauungsstörungen verschiedenster Art. Nachweis ebenfalls durch Kotproben möglich. Behandlung wie bei Darm-Kokzidiose. Beim geschlachteten Tier zeigen sich bis linsengroße grau- weiße Knötchen in der Leber.

Wurm-Erkrankungen

Eine weitere Gruppe tierischer Parasiten, die die Verdauungsorgane des Kaninchens befallen, sind die Eingeweidewürmer. Außer dem seltener auftretenden Kaninchenbandwurm handelt es sich überwiegend um verschiedene Arten kleiner Rundwürmer von 4-20 mm Länge, die die Magen- oder Darmschleimhaut befallen und dadurch die Magenwurm-Krankheit, die Darmfadenwurm-Krankheit, Älchen-Krankheit und Peitschenwurm-Krankheit verursachen.

Die reifen Eier werden laufend mit dem Kot ausgeschieden und erreichen im feuchten Stallboden schnell das ansteckungsfähige Larvenstadium. Wird eine Wurmkrankheit durch Neueinstellung infizierter Tier eingeschleppt, so kann rasch der ganze Bestand verseuchen, vor allem bei mangelhafter Hygiene. Befallene Tiere zeigen Abmagerung, Durchfall, Blutarmut und Wassersucht und gehen schließlich ein. Kotprobenuntersuchung von zugekauften Tieren und einwandfreie Stallhygiene sind die beste Vorsorge.

In der regelmäßigen Stalldesinfektion hat sich Euphagol VA bewährt und wird von Prof. Sprehn ausdrücklich bei Wurmbefall empfohlen, da es die Eihüllen angreift und eine mehrtägige Nachwirkung hat, bei Grundreinigung auch Dekaseptol. Festgestellter Befall muss mehrmals behandelt werden, z. B. mit Thibenzol- Pulver, nach Angabe des Tierarztes und gleichzeitige Desinfektion in wöchentlichem Abstand.

Sehr häufig ist beim Kaninchen der Befall mit Pfriemschwanz (Passalurus ambiguus, Oxyuren), ein Rundwurm von 5-10 mm Länge und der Dicke eines Zwirnfadens, der seine Entwicklung im Blinddarm durchmacht. Nur Massenbefall führt bei Jungtieren zu Krankheitserscheinungen wie Durchfall, Trommelsucht und Abmagerung.

Am Blinddarm kann man schon von außen durch die Darmhaut kleine, weiße Fädchen erkennen. Man sollte deshalb bei jedem Schlachttier diese einfache kurze Kontrolle vornehmen.

Werden mehr als ganz vereinzelte Würmchen festgestellt, ist der gesamte Tierbestand mit Thibenzol zu behandeln. 10 kg Thibenzol (beim Tierarzt ca. 5,- DM) auf 100 kg Körpergewicht = ca. 30 Kaninchen einer kleinen Mittelrasse.

Folgende praktische Anwendung hat sich bewährt:

Die für Tierbestand und Lebendgewicht errechnete Menge Pulver wird am besten mit trockenen Haferflocken gut vermischt (ca. 1 gestrichener Esslöffel pro Tier). Dann wird die Mischung mit etwas Wasser feuchtkrümelig angemengt und vor einer Mahlzeit, wenn die Tiere hungrig sind, anteilmäßig (ca. 1 Esslöffel pro Tier) auf die gereinigten Futternäpfe verteilt. Auf die Weise ist leicht zu kontrollieren, ob die Kaninchen bis zur normalen Fütterung das Wurmmittel aufgenommen haben. Die Thibenzol-Anwendung ist nach 14 Tagen zu wiederholen. Danach ist der Stall sorgfältig zu reinigen und jede Woche mit Euphagol (Dekaseptol) auszusprühen.

Auch wenn eine Wurmkrankheit nur bei stärkerem Befall zu Verlusten führt, ist auch eine schwächere Infektion immer bedenklich, weil sie die Widerstandsfähigkeit gegen andere Krankheiten stark herabsetzt und wie die Kokzidiose am Ausbruch anderer schwerwiegender Erkrankungen oft mitbeteiligt sind.

Dysenterie-Durchfallerkrankungen

Als letzte Gruppe der Erkrankungen der Verdauungsorgane seien die in der Fachsprache der Tierärzte „unspezifische Dysenterie“ genannten Darmentzündungen unbestimmter Ursache erwähnt. Diese gehen meist mit Durchfällen einher und führen besonders in Großzuchten zu hohen Verlusten. Am stärksten betroffen sind Jungtiere im Alter von 5-6 Wochen, wie Professor Löliger in seinem Vortrag in Heilbronn (1981) berichtete.

Die Darmkokzidiose spielt bei diesen Durchfällen nur eine geringe Rolle. Vielmehr können Kolibakterien verschiedener Arten, die an sich normale Bewohner des Dickdarms sind und bei der Verdauung helfen, sich in Stresssituationen rapide vermehren und über den Dünndarm bis zum Magen hochwachsen. Dort rufen sie eine schwere akute Magen- und Darmentzündung hervor (Sprehn).

Bei der Funktion der Organe, über die Auswirkung von Stress-Situationen (Ausschüttung von Adrenalin) wurde bereits berichtet. Bei Jungtieren ist das frühe Absetzen vom Muttertier (meist mit 4 Wochen) und der Verlust der Muttermilch eine bedrohliche Situation (Stress), die nach einigen Tagen zur Durchfallerkrankung führt. Hoher Eiweißgehalt und wenig Rohfaser im Futter leisten der Krankheit Vorschub. In Anbetracht des Umstandes, dass den Jungtieren in diesem Stadium häufig hocheiweißhaltige Starterfutter (mit 20 % Eiweiß und nur 7-10 % Rohfaser) gereicht werden, ist hier ein Umdenken notwendig. Denn ein hoher Rohfaseranteil von 17-18 % und ein geringer Eiweißgehalt von nur 12 % im Futter können die Ausbreitung der Durchfälle verhindern. Ebenso wirkt sich eine Rationierung des Futters von der 4.-6. Lebenswoche auf 80 % der aufgenommenen Menge günstig aus.

Versuche in Neu-Ulrichstein von Schlolaut und Lange geben dafür folgende Erklärung: Zur Zeit des Absetzens mit 4 Wochen ist die Verdauungsfähigkeit der Jungtiere nicht voll entwickelt. Um den Entzug der Muttermilch zu ersetzen, nehmen die Tiere aber mehr Futter auf. So können unverdaute Nährstoffe aus den hochwertigen Starterfutter im Dickdarm zum Nährboden für krankmachende Coli-Keimarten werden, die sich dann massenhaft vermehren. Erschwerend kommt hinzu, dass die Stress-Situation, in der sich die abgesetzten Jungtiere befinden, ebenfalls den normalen Stoffwechsel stört. Das führt zu chemischen Milieuänderungen im Dickdarm vom schwach sauren zum alkalischen Bereich. Dadurch gewinnen ungünstige Bakterienarten die Oberhand. Infolge der einsetzenden Durchfälle verarmt der Körper rasch an lebensnotwendigen Mineralsalzen (Kalium und Natrium), was die Verdauungsvorgänge noch mehr in den ungünstigen pH- Bereich verschiebt.

Ähnliche Ursachen sind wahrscheinlich schuld an den häufig nach Ausstellungen auftretenden Durchfallerkrankungen, bei denen ja noch Infektionen von außen, Erkältungen usw. hinzukommen können.

Nach allem, was bisher ausgeführt wurde, muss einleuchten, dass hier Medikamente wie Antibiotika oder sulfonamidhaltige Kokzidiosemittel nicht zum Erfolg führen, da sie ihrerseits die geschädigte Darmflora schwer stören. Eine mehr behutsame Diätbehandlung führt meist besser (und billiger) zum Ziel. Die wichtigste Maßnahme ist der frühzeitige Ersatz der verlorengegangenen Mineralsalze, die in schweren Fällen vom Tierarzt in die Bauchhöhle injiziert werden müssen.

Vorbeugende Wirkung hat die rechtzeitige oder ständige Bereitstellung von Salzlecksteinen.

Vor allem darf das Trinkwasser nicht entzogen werden! Wer die Möglichkeit hat, kann das Trinkwasser für einige Tage durch Kamillen- oder Pfefferminztee ersetzen. Grün- und Saftfutter haben abführende Wirkung und sollten bis zur Gesundheit der Tiere weggelassen werden, danach kann man mit kleinen Mengen wieder beginnen.

Wichtig ist gutes Rauhfutter, gesundes Heu und Stroh, um die notwendige Rohfaser bereitzustellen. Die Pellet-Fütterung ist zu rationieren (30 g/kg Körpergewicht). Ein altbekanntes Mittel, um Durchfälle rasch zu stoppen, ist Targesin, eine chemische Eiweiß-Silber-Verbindung, die adstringierend und entzündungshemmend und heilend auf die Schleimhäute wirkt (Targesin wird beim Menschen u. a. zu Rollkuren bei Magenschleimhautentzündung verwandt). Man bekommt Targesin als braunes Pulver in der Apotheke (Verwendungszweck „für Tiere“ angeben).

2 g Targesin werden in 100 ml heißen Kamillentee oder abgekochtem Wasser gelöst. Von dieser Lösung gibt man jedem erkrankten Tier 1 Teelöffel voll ein (große Rassen bis 2 Teelöffel). Sogar schwere, schleimhaltige Durchfälle sind bis zum nächsten Morgen gestoppt. Die Tiere müssen dann mit der angegebenen Diät (s. Salzlecksteine) weiterversorgt werden, um wieder eine gesunde Darmflora aufzubauen, wobei die Gabe von frischen Zweigen, Weide, Eiche, Kastanie (Gerbsäure) gute Hilfe leisten.

Landesverband Hannoverscher Kaninchenzüchter Obmann für Schulungen,

Dr. Ursula Koetter

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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