Dr. Heinrich Niehaus – „Das Blaue Jahrbuch“ 1986
Einleitung
Aus dem umfangreichen Stoffgebiet der Tierernährung und Fütterung können in diesem räumlich begrenzten Artikel nur Teilgebiete angesprochen werden. Ich will dabei versuchen, einen groben Überblick über die Zusammensetzung des Futters zu geben und die Bedeutung verschiedener Nährstoffe sowie der verwendeten Fachausdrücke zu erklären.
Jeder tierische Organismus hat fortlaufend Bedarf an zahlreichen Nährstoffen, die mit dem Futter zugeführt werden müssen. Diese Nährstoffe und die darin enthaltene Energie werden für einen gesunden Ablauf der Lebensvorgänge (Erhaltung der Körperwärme, Verdauung, Blutkreislauf, Wachstum, Erzeugung von Fleisch, Fett, Milch, Wolle, Nachkommen u. a. sowie andere körperliche Leistungen und psychische Vorgänge) benötigt.
Ein großer Teil der Nahrung stammt aus pflanzlichen Produkten. Kaninchen sind als Pflanzenfresser (Herbivoren) fast aus- schließlich auf pflanzliche Kost angewiesen, wenn man von der Säugezeit absieht. Die grüne Pflanze ist, im Gegensatz zum Tier, in der Lage, mit Hilfe von Lichtenergie organische Stoffe aus anorganischen Bausteinen aufzubauen und damit die Ausgangsprodukte für die Ernährung der Tiere zu erzeugen. Organische Stoffe werden von Lebewesen (Organismen) erzeugt; anorganische, mineralische Stoffe kommen aus der nicht lebenden Natur. Bisher sind über 50 für die Tierernährung notwendige organische und anorganische Nährstoffe bekannt. Darunter gibt es eine größere Anzahl, die nur in sehr geringen Mengen benötigt werden.
Chemische Zusammensetzung des Futters
Für eine gezielte und möglichst optimale Fütterung sind neben Kenntnissen über den jeweiligen Futterbedarf der Tiere Kenntnisse über die Zusammensetzung des zur Verfügung stehenden Futters erforderlich.
Weender Analyse
(Die Weender Analyse wurde im 19. Jahrhundert von Wilhelm Henneberg und Friedrich Stohmann an der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Weende, Göttingen, entwickelt. Sie ist bis heute das Standardverfahren zur Analyse von Futtermitteln und ermöglicht eine systematische Bestimmung der Inhaltsstoffe, die für die Fütterung von Nutztieren von Bedeutung sind.)
Die Futtermittelanalyse (Analysis: Zerlegung, Untersuchung) nach Weender bietet die Möglichkeit, einen groben Überblick über die Zusammensetzung eines Futtermittels zu erhalten.
A. Frischsubstanz, Trockensubstanz und Wasser
1. Frischsubstanz ist das zu untersuchende Ausgangsprodukt.
2. Trockensubstanz (Tr.S.) wird durch dreistündige Trocknung der Frischsubstanz bei 105° C ermittelt. Sie umfasst sowohl die organischen als auch die anorganischen Bestandteile.
3. Die Differenz (Unterschied) zwischen Frischsubstanz und Trockensubstanz wird als Rohwasser bezeichnet. Rohwasser deshalb, weil darin außer Wasser noch andere flüchtige Stoffe enthalten sein können. Die Trockensubstanz dient nun als Ausgangsprodukt für die Ermittlung der darin enthaltenen Nähr- und Begleitstoffe.
B. Rohprotein
Rohprotein (Roheiweiß) wird nicht direkt bestimmt, sondern aus dem Stickstoffgehalt (N) der Trockensubstanz errechnet. Das erfolgt durch Multiplikation des nach dem dänischen Chemiker Johan Gustav Christoffer Thorsager Kjeldahl (* 1849; † 1900) bestimmten N- Gehaltes mit dem Faktor 6,25, da Eiweiß im Durchschnitt 16 % N enthält und 100 % 16 den Wert 6,25 ergibt. Nun enthält Rohprotein im allgemeinen noch N-haltige Stoffe, z. B. Amide, die nicht eiweißartig sind. Deshalb haben Albert Stutzer *1849; † 1923 und Ferdinand Barnstein *1861; † 1947 um 1901 eine Methode zur Bestimmung des Reineiweißes entwickelt, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann.
C. Rohfett
Rohfett wird durch Extraktion (Herausziehen) mit Ätherextrakt, in dem Fette löslich sind, gewonnen. Rohfett kann neben dem Reinfett noch andere in Äther lösliche Stoffe z. B. Harze, Wachse, Farbstoffe u. a. enthalten.
D. Rohfaser
Als Rohfaser bezeichnet man den in Laugen und Säuren unlöslichen fett-, stickstoff- und aschefreien Rückstand. Rohfaser besteht aus Cellulose, Pentosane, Lignin u. a.
E. Stickstofffreie Extraktstoffe
Sie umfassen alle Stoffe, die bei den Analysevorgängen nicht erfasst wurden, z. B. Zucker, Stärke, Glykogen u. a. Ihre Bestimmung erfolgt rechnerisch und ist die Differenz aus dem getrockneten Ausgangsprodukt und der Summe der erfassten Stoffe. Nun wird der Nährwert des Futters nicht durch den Gehalt an Rohnährstoffen, sondern durch den Anteil der verdaulichen Nährstoffe bestimmt. Dabei spielen auch die durch diese Methode nicht erfassten Wirkstoffe und Mineralstoffe ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Verdaulichkeit der im Futter enthaltenen Rohnährstoffe wird durch Verdauungsversuche oder auf chemischem Wege ermittelt. Beim Kaninchen mangelt es auf diesem Gebiet noch an statistisch abgesicherten Unterlagen. Schlolaut (1984) hat die von verschiedenen Autoren ermittelten Werte zusammengestellt. Auf eine Wiedergabe muss im Rahmen dieses Artikels verzichtet werden.
Nach einer anderen Einteilung ergeben sich folgende Bestandteile:
Wesentliche Futterbestandteile:
A. Kohlenhydrate
B. Fette
C. Eiweißstoffe
D. Wasser
E. Mineralstoffe
F. Wirkstoffe
Davon sollen die mit A, B und C bezeichneten etwas ausführlicher behandelt werden.
Kohlenhydrate
Die verschiedenen Kohlenhydrate werden in der Fachliteratur mit dem Sammelbegriff „Saccharide, Zucker“ bezeichnet, weil sie aus Zuckermolekülen aufgebaut sind und im Verdauungstrakt auch wieder zu Einfachzucker abgebaut werden.
Die Einfachzucker (Monosaccharide), von denen der Traubenzucker und der Fruchtzucker am besten bekannt sind, können ohne Veränderung durch die Darmwand in das Blut gelangen.
Die übrigen, z. B. Rohr- und Rübenzucker (Disaccharide) sowie Stärke, Inulin, und Zellulose (Mehrfachzucker, Polysaccharide) müssen mit Hilfe von Fermenten zu Einfachzuckern abgebaut werden, bevor sie die Darmwand passieren können.
Stärke (Amylum), die relativ leicht verdaulich ist, kommt in konzentrierter Form u. a. in Getreidekörnern und Kartoffelknollen vor. Sie dient dem Organismus in erster Linie zur Erzeugung von Energie, z. B. zur Erhaltung der Körperwärme, der Muskelarbeit u. a. Ein Teil des mit der Nahrung zugeführten Zuckers wird als Reserve in Form tierischer Stärke (Glykogen) hauptsächlich in der Leber gespeichert oder, bei Überangebot, zu arteigenem Fett aufgebaut. Um eine Verfettung der Tiere zu vermeiden, sollte der Züchter deshalb den Anteil des Futters an Getreidekörnern und den daraus hergestellten Produkten sowie von Kartoffeln nicht zu hoch ansetzen.
Das u. a. in Topinamburknollen vorkommende „Inulin“ (nicht zu verwechseln mit dem Hormon der Bauchspeicheldrüse „Insulin“) ist in dieser Form von Kaninchen nur geringfügig mit Hilfe von Bakterien verdaulich. Die Verfütterung von Topinamburknollen ist deshalb nur ab Weihnachten zu empfehlen, wenn das Inulin in den Topinamburknollen weitgehend zu Fruchtzucker abgebaut worden ist (vgl. Niehaus, 1983).
Die Zellulose, Bestandteil der pflanzlichen Zellmembran und der verholzten Pflanzenteile, ein aus zahlreichen Zuckermolekülen zusammengesetztes Kohlenhydrat (Polysaccharid), ist schwer zersetzbar. Ihre Verdaulichkeit ist bei Kaninchen im Verhältnis zu der bei Wiederkäuern relativ gering. Sie entspricht in etwa der beim Schwein und Huhn (Nehring, 1955) und ist nach Furrer (1966) in erheblichem Maße von der Art der Zellulose abhängig. Die Verdaulichkeit der Zellulose wird ferner durch den Gehalt an Lignin (Holzstoff), Suberin u. a. negativ beeinflusst. (Suberin ist ein pflanzliches hydrophobes Biopolymer, das in Zellwänden eingelagert ist. Suberinisierte (verkork) Zellen finden sich sowohl im Periderm als sekundärem Abschlussgewebe als auch in unterirdischen Pflanzenorganen) Das Ganze wird als Rohfaser bezeichnet. Ältere, stark verholzte Gräser sind deshalb von Kaninchen weitgehend unverdaulich.
Die Bedeutung der Rohfaser liegt bei Kaninchen nur sehr bedingt in ihrem Nährwert; sie dient vielmehr in erster Linie als Ballast zur Füllung von Magen und Darm, zur Anregung der Darmtätigkeit und zum Aufsaugen schädlicher Gase und giftiger Substanzen. Man spricht von einer diätetischen Wirkung. Da Rohfaser zwar das Volumen des Futters erhöht, die Nährstoffkonzentration aber verringert, wirkt sich ein zu hoher Gehalt nachteilig auf die Versorgung mit den Nährstoffen aus. 12-14 % Rohfaser in der Trockensubstanz werden für Jung- und Hochleistungstiere als günstig angegeben. Während der Zuchtruhe kann man durch einen höheren Rohfaseranteil einer Verfettung vorbeugen. Im Übrigen mangelt es noch an exakten Versuchen über den optimalen Gehalt an Art und Menge der Rohfaser bei den verschiedenen Alters- und Größenklassen sowie den unterschiedlichen Leistungsanforderungen.
Relativ arm an unverdaulicher Rohfaser sind Blattpflanzen, junge Gräser und Hackfrüchte. Zu den an Rohfaser reichen Futterstoffen gehören Heu und besonders Stroh. Zusammensetzung, Zeitpunkt des Schnittes und die Art der Trocknung spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Abbau des verdaulichen Anteils der Zellulose erfolgt hauptsächlich im Blinddarm durch Fermente bestimmter Bakterien.
Fette
Fette bestehen chemisch aus Verbindungen des dreiwertigen Alkohols Glyzerin mit Fettsäuren. In Abhängigkeit von der Art der Fettsäuren gibt es zahllose sowohl in der Konsistenz (hart bis flüssig) als auch in der Wirkungsweise unterschiedliche Fette (z. B. Rindertalg, Schweineschmalz, Kaninchenfett, Fischtran, Pflanzenöl). Fette kommen hauptsächlich bei Tieren vor, aber auch lebende Pflanzenzellen enthalten Fette, meist in geringer Dosierung. Besonders fettreich sind die Samen der Ölpflanzen (z. B. von Sonnenblume, Raps, Rübsen, Mohn u. a.). Hiervon sind besonders die Samen der Sonnenblume eine beliebte und wertvolle Beigabe zum Kaninchenfutter. Es sind besonders die lebensnotwendigen „ungesättigten“ Fettsäuren, welche die Gesundheit fördern und glänzende Felle bewirken können.
Bedeutung der Fette für das Tier
1. Fette sind konzentrierte Energieträger. Ihr Energiegehalt ist etwa 24-mal so hoch wie der der Kohlenhydrate (s. Tab. 1). Da Tiere überschüssige Nährstoffe in Fett umwandeln und als Depotfett ablagern können, ist Fett als Reservestoff besonders für solche Tiere geeignet, die längeren Nahrungsmangel überstehen müssen. Als Beispiele seien Kamele (Fetthöcker), Breitschwanzschafe (Fettschwanz) und zahlreiche andere Wildtiere, die zum Herbst Winterspeck ansetzen, genannt. Bei Hauskaninchen, die auch im Winter ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden können, ist eine Verfettung weder im Winter noch in anderen Jahreszeiten erwünscht. Bei Zuchttieren wirkt sich ein starker Fettansatz nachteilig auf Paarung, Trächtigkeit und Wurf aus, wie ja allgemein bekannt sein dürfte. Verfettete Tiere nehmen schlecht auf, bringen meist nur wenige, meist übergroße Junge zur Welt, die schwere Geburten verursachen. Auch bei den Schlachtkörpern von Kaninchen wird in unserer Überflussgesellschaft ein nur mäßiger Fettansatz gewünscht. Schließlich erfordert die Bildung von Fett einen mehrfach höheren Futteraufwand als die von Eiweiß (Fleisch).
2. Fett besitzt ein relativ hohes Wärmehaltevermögen. Eine dicke Fettschicht im Unterhautbindegewebe ist deshalb besonders bei den im kalten Wasser lebenden Meeressäugetieren (Wale, Robben u. a.) lebenswichtig, ist aber auch bei Landtieren in der kalten Jahreszeit oder in kalten Regionen als Kälteschutz von großer Bedeutung.
3. Eine wesentliche Aufgabe der Fette und Kohlenhydrate ist die Lieferung von Energie für die Erhaltung der Körperwärme bei Warmblütern, der Muskelarbeit und anderer energetischer Prozesse bei den Stoffwechselvorgängen.
4. Fett ist wichtig für die Verwertung der fettlöslichen Vitamine (A, D, E und K).
5. Fette, besonders die pflanzlichen, sind Träger der essentiellen (wesentlichen) ungesättigten Fettsäuren (Linolsäure, Linolensäure, Arachidonsäure), die lebenswichtige Aufgaben bei den Stoffwechselvorgängen erfüllen und im tierischen Organismus nicht aufgebaut (synthetisiert) werden können.
Auf eine ausführlichere Darstellung zahlreicher weiterer Aufgaben der Fette im tierischen Organismus muss hier aus Platzgründen verzichtet und auf die einschlägige Fachliteratur, z. B. von Prof. Dr. Manfred Kirchgeßner *1929; † 2017 (TU München 1981) hingewiesen werden.
Begriffserklärung und Maßeinheiten
Das Wort Energie ist vom griechischen Wort energeia (Wirksamkeit) abgeleitet worden. Energie ist ein abstrakter Begriff. Wahrnehmen und messen können wir nur die verschiedenen Erscheinungsformen der Energie, z. B. Wärme, chemische, elektrische kinetische Energie, Kernenergie u. a. Vereinfacht kann man sagen: Energie ist die in einem Körper oder System vorhandene Fähigkeit, Arbeit zu leisten (vgl. Kirchgessner, 1981). Da alle Energieformen leicht in Wärme umzuwandeln sind, ist ihre Messung stets durch Wärmemessung möglich. Früher wurde u. a. die Kalorie (cal), von calor, Wärme, als Energieeinheit verwendet. Die moderne Bezeichnung Joule (J), sprich dzul, beginnt, sich in zunehmendem Maße durchzusetzen. Da die Bezeichnung cal oder J bei der Bewertung von Nahrungs- und Futtermittel eine wichtige Rolle spielen, erscheint eine kurze Erklärung der Zusammenhänge erforderlich.
Eine Kalorie (cal) ist die Wärmemenge, die erforderlich ist, um 1 g Wasser von 14,5 °C auf 15,5 °C zu erwärmen. In der Ernährungslehre wird die wärmebildende Fähigkeit von Nahrungsmitteln im Allgemeinen nach Kilokalorien (kcal) oder Kilojoule (kJ) bewertet.
Ein Joule (J) ist die Energiemenge, die notwendig ist, um 1 kg Masse bei einer Beschleunigung von einem Meter Sekunden- pro Quadrat zu bewegen (1 J = 1 kg m² s2). Wer mit dieser Definition ohne weitere Erklärung wenig anfangen kann, der möge sie vergessen und nur die folgenden Zahlen zur Kenntnis nehmen:


Mit Hilfe dieser Zahlen sind Umrechnungen von Kalorien in Joule und umgekehrt leicht möglich. Es sei noch erwähnt, dass in der älteren Literatur noch der Begriff Gesamtnährstoffe verwendet wird. Ihre Berechnung erfolgt aus den verdaulichen Anteilen der in dem betreffenden Futter enthaltenen Nährstoffe. Dabei werden Eiweiß, stickstofffreie Extraktstoffe und Rohfaser mit 1,0, das Fett mit 2,3 multipliziert. Ihre Summe sind die Gesamtnährstoffe. Da der Begriff „Gesamtnährstoffe" heute kaum noch verwendet wird, kann auf eine ausführliche Erläuterung verzichtet werden. Das gilt auch für die Bezeichnung „Stärkeeinheiten“, die bei Wiederkäuern verwendet wird.
Eiweißstoffe (Proteine)
Eiweißkörper sind hochmolekulare aus Aminosäuren aufgebaute Verbindungen. Sie enthalten ebenso wie die bereits behandelten Kohlenhydrate und Fette Kohlenstoff (C), Sauerstoff (O) und Wasserstoff (H), darüber hinaus aber auch Stickstoff (N) und meist auch Schwefel (S), in wenigen Fällen auch Phosphor. Aus der Zusammensetzung der Eiweißkörper ist zu erkennen, dass sie nicht aus Kohlenhydraten und Fetten gebildet werden können. In den Proteinen werden regelmäßig 20 verschiedene Aminosäuren gefunden. Davon wurden für Mensch und Ratte 8 Aminosäuren als essentiell (wesentlich) festgestellt. Diese müssen deshalb immer in den benötigten Mengen mit der Nahrung zugeführt werden. Essentielle Aminosäuren sind solche, die im Organismus nicht in einer für das Wachstum ausreichenden Menge gebildet werden können. Es handelt sich um die Aminosäuren
Isoleucin Threonin
Leuzin Methionin (schwefelhaltig)
Lycin Phenylalanin
Tryptophan Valin
Der Bedarf an essentiellen Aminosäuren ist bei den einzelnen Tierarten verschieden. Kaninchen können zwar, hauptsächlich im Blinddarm, mit Hilfe von Bakterien Aminosäuren aufbauen (Eiweißveredlung), sind aber offenbar doch nicht unabhängig von der Zusammensetzung des Nahrungseiweißes, speziell von dem Vorhandensein essentieller Aminosäuren. Da das Nahrungseiweiß im Verdauungstrakt zu Aminosäuren abgebaut wird, ist der Aminosäuregehalt des Gesamtfutters dabei ausschlaggebend.
Vorkommen des Eiweißes
1. in allen lebenden Zellen. Leben ist an Eiweiß gebunden.
2. in den Muskeln (Fleisch) der Tiere, im Gehirn, in den verschiedenen Organen (Leber, Lunge, Milz u. a.).
3. Relativ reich an Eiweiß sind die Hülsenfrüchte (Leguminosen), zu dem auch die zahlreichen Arten der Schmetterlingsblütler (Papilionaceen), z. B. Erbsen, Bohnen, Wicken, Linsen, Lupinen u. a., gehören. Als Depot ist Eiweiß besonders in den Samen der genannten Pflanzen enthalten. Sojaschrot ist ein beliebtes von den Kaninchen gern gefressenes eiweißreiches Beifutter. Auch als Grünfutter angebaute Hülsenfrüchte, z. B. verschiedene Kleearten, Luzerne, Wicke u. a. sind wertvolle eiweißreiche Futterpflanzen. Die besondere Bedeutung der genannten Pflanzen für die Bodenfruchtbarkeit liegt in der Fähigkeit, den freien Bodenstickstoff mit Hilfe der in den Wurzelknöllchen befindlichen Knöllchenbakterien zum Aufbau von Eiweiß zu verwenden, das sie dann später an die Pflanze weitergeben. Diese Pflanzen benötigen deshalb auch – abgesehen von der ersten Zeit der Knöllchenbildung – weniger Düngerstickstoff als andere Pflanzenarten.
Die Bedeutung des Eiweißes ist z. T. schon aus den vorherigen Angaben zu erkennen.
1. Eiweiß ist ein unentbehrlicher Bestandteil der lebenden Zellen und deshalb als Nährstoff unentbehrlich.
2. Es hat ferner Stütz- und Schutzfunktion, z. B. im Bindegewebe, Haut, Haaren, Federn u. a.
3. Es ist nicht nur ein Bestandteil der Muskeln, sondern besitzt auch wichtige Funktionen bei der Kontraktion (Zusammenziehen) und damit für alle Bewegungen.
4. Als Bestandteil der Abwehrstoffe sorgt es für die Abwehr von Krankheitserregern und anderen artfremden Eiweißkörpern. Das ist z. B. beim Eindringen von Krankheitserregern lebens- wichtig. Bei Transplantationen (z. B. Herz, Nieren) ergeben sich dadurch jedoch Schwierigkeiten.
5. In den Enzymen besitzt es wichtige katalytische Funktionen. Katalysatoren sind Stoffe, die chemische Reaktionen beschleunigen, ohne selbst verändert zu werden. Sie wirken deshalb in kleinsten Mengen und sind für die gesamten Stoffwechselvorgänge unerlässlich.
Es sei noch erwähnt, dass jedes Lebewesen ein arteigenes Eiweiß besitzt, dessen Aufbau durch die Erbanlagen gesteuert wird und das gegen artfremdes Eiweiß Abwehrreaktionen auslöst.
Bei der Aufnahme von Nahrungseiweiß mit dem Futter finden jedoch keine Abwehrreaktionen statt. Hierbei wird das artfremde Nahrungseiweiß mit Hilfe von Enzymen in Aminosäuren zerlegt, die dann die Darmwand durchdringen und im Organismus wieder zu arteigenem Eiweiß aufgebaut werden.
Biologische Wertigkeit des Eiweißes
Dadurch wird der Grad der Ausnutzbarkeit des mit dem Futter zugeführten Nahrungseiweißes durch den tierischen Organismus zum Ausdruck gebracht. Der in Prozent angegebene Wert besagt, wieviel g Körpereiweiß durch 100g Nahrungseiweiß aufgebaut bzw. im intermediären Stoffwechsel ersetzt werden kann. Die Verwertung des Nahrungseiweißes durch das Tier hängt vom Gehalt an essentiellen Aminosäuren ab, die vom Körper nicht selbst gebildet werden können. Deshalb wird der Eiweißaufbau im Körper unterbrochen, wenn auch nur eine essentielle Aminosäure fehlt oder verbraucht ist. Die biologische Wertigkeit eines Eiweißes wird im Wesentlichen durch die Menge der relativ am geringsten vorhandenen Aminosäure bestimmt. Tierisches Eiweiß hat im Allgemeinen eine höhere biologische Wertigkeit als pflanzliches, weil es in seinem Aufbau dem Körpereiweiß anderer Tiere ähnlicher ist als pflanzliches Eiweiß. Die folgende Zusammenstellung gibt Auskunft über die biologische Wertigkeit einiger Futtermittel. Die Werte wurden durch Fütterungsversuche an Ratten und Schweinen gewonnen.
Tabelle 3:
Biologische Wertigkeit einiger Nahrungs- und Futtermittel*


Es sei bemerkt, dass die angegebenen Zahlen nur für bestimmte Voraussetzungen gelten, weil für verschiedene Leistungen (Wachstum, Wollbildung, Milchleistung, Erhaltung u. a.) unter- schiedliche Aminosäuremuster erforderlich sind. So hat sich z. B. eine Zugabe der schwefelsäurehaltigen Aminosäuren Methionin zum Industriefutter als leistungssteigernd bei der Wollproduktion von Angora-Kaninchen erwiesen (Schlolaut und Lange, 1973). Unterschiede in der biologischen Wertigkeit des Nahrungseiweißes ergeben sich auch zwischen den verschiedenen Tierarten. Die in Tabelle 3 aufgeführten Zahlenwerte können trotz der erwähnten Mängel wichtige Hinweise geben. Die Futtermittelindustrie ist bemüht, neue Erkenntnisse und Erfahrungen zur fortlaufenden Verbesserung der Futterqualität zu verwerten.
Züchter, die mehr oder weniger wirtschaftseigene Futterstoffe verwenden, sollten, soweit die Wertigkeit der zur Verfügung stehenden Futterstoffe nicht näher bekannt ist, eine vielseitige Fütterung anstreben.
Der Eiweißbedarf ist in Abhängigkeit von der Eiweißqualität und der geforderten Leistungen verschieden. 14-16% im Fertig- Alleinfutter haben sich für Hochleistungstiere als günstig erwiesen. Bei Verwendung von wirtschaftseigenem Futter wird sich der Züchter in der Regel auf Erfahrungswerte stützen. Man darf davon ausgehen, dass wertvolles Grünfutter (z. B. Kleegras-Gemische, Luzerne, junges Topinamburkraut, Markstammkohl) Eiweiß in ausreichenden Mengen enthält. Bei Hochleistungstieren sind Zugaben von energiereichem Kraftfutter zu empfehlen. Hackfrüchte (Rüben, Möhren, Kartoffeln) sind eiweiß- und energie- ärmer als Grünfutter. Deshalb sind erhöhte Zugaben von eiweiß- und energiereichem Kraftfutter (am besten in Form von pelletiertem Industriefutter) erforderlich. Bei den Fütterungsmaßnahmen sollten der Gesundheits- und Ernährungs- und Entwicklungszustand der Tiere als Maßstab dienen.
Bedeutung des Wassers
Die Bedeutung des Wassers bei der Fütterung der Kaninchen wird häufig unterschätzt, vermutlich auch deshalb, weil es im Allgemeinen billig ist und in beliebigen Mengen zur Verfügung 110 steht. Es sei deshalb besonders betont, dass eine ausreichende Versorgung der Kaninchen mit Wasser eine unerlässliche Voraussetzung für eine optimale Entwicklung der Tiere, für Gesundheit und Leistungsfähigkeit darstellt. Dabei ist es von untergeordneter Bedeutung, ob das Wasser mit dem Grün- und Saftfutter oder/und als zusätzliche Tränke zur Verfügung gestellt wird. Wasser sollte den Kaninchen, besonders säugenden Häsinnen, auch bei Grünfütterung angeboten werden.
1. Wasser ist ein lebenswichtiger Nährstoff. 50-80% des Tierkörpers bestehen aus Wasser.
2. Wasser ist ein unentbehrliches Lösungs- und Transportmittel für die Nährstoffe und Stoffwechselprodukte.
3. Wasser ist ein wichtiger Temperaturregulator. Wenn Kaninchen auch keine Schweißdrüsen besitzen, so kann doch durch Wasserverdunstung durch die Haut und mit der Atemluft eine gewisse Abkühlung erfolgen. Der Wassergehalt des Tierkörpers ist bei Neugeborenen am größten, er geht dann mit zunehmendem Alter zurück.
Er beträgt etwa: 7-81% bei der Geburt
70-76% nach 10 Tagen und
65-68% bei erwachsenen Tieren
Der Wasserbedarf je kg aufgenommener Trockensubstanz beträgt bei Kaninchen im Durchschnitt etwa 3-4 kg. Temperatur und Luftfeuchtigkeit spielen dabei eine Rolle. In den warmen Sommermonaten ist der Wasserbedarf höher als im Winter.
Ein Wasserverlust von 10% kann den Tod eines Tieres herbei- führen. Eine Wasseraufnahme nach Belieben ist nicht schädlich. Kaninchen sollen häufig trinken, weil die Futteraufnahme und die Verdauung dadurch gefördert werden.
Anmerkung: Neben den hier behandelten Nähr- und Ballaststoffen spielen auch die Vitamine und Mineralstoffe, auf deren Darstellung hier aus Platzgründen verzichtet werden musste, bei der Ernährung der Kaninchen eine wichtige Rolle.
Literatur
Furrer, O. J.: Über die stoffliche und energetische Wirkung einiger Rohfaserkomponenten beim Kaninchen. Promotionsarbeit, Juris-Druck, Verlag Zürich 1966
Kirchgessner, M.: Tierernährung. 5. Auflage, DLG-Verlag- Frankfurt/M. 1982
Nehring, K.: Lehrbuch der Tierernährung und Futtermittelkunde. 5. Auflage, Radebeul und Berlin, Neumann Verlag 1955
Niehaus, H.: Verdauungsorgane und Verdauungsvorgänge bei Kaninchen. Das Blaue Kaninchen-Jahrbuch 1975, Verlag Oertel + Spörer, Reutlingen
Niehaus, H.: Topinambur, eine wertvolle Futterpflanze. Das Blaue Kaninchen-Jahrbuch 1983, Verlag Oertel + Spörer, Reutlingen Schlolaut, W.: Kompendium der Kaninchenproduktion, Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH, Eschborn, 1984
Schlolaut, W., Lange, K.: Der Einfluss von Methionin auf die Mastleistung und den Wollertrag von Kaninchen. Arch. Geflügelkunde. 37, 1973









