Karl Grathwohl, Ludwigsburg -„Das Blaue Kaninchen Jahrbuch“ 1959

Die Erkenntnisse, die bei der Herstellung vom Geflügelmischfutter gesammelt wurden, haben wesentlich dazu beigetragen, dass für unsere Kaninchen Preßfuttermischungen entstanden, die alles enthalten, was zur Erzeugung von Fleisch, Wolle und Fell notwendig ist.

Betrachtet man die Analyse der verschiedenen Fabrikate, so ist eine gewisse Ähnlichkeit in der prozentualen Zusammensetzung festzustellen. Auch die Preise dieser Futtermittel sind ziemlich einheitlich, wobei allerdings berücksichtigt werden muss, dass dieses Futter durch Fracht- und Lageraufschlag vom Herstellungsort in weiter entfernte Zonen ziemlich verteuert wird.

Die Landesverbände der Kaninchen-Züchter sind deshalb daran interessiert, dass in ihrem eigenen Verbandsgebiet eine Herstellerfirma existiert, damit hohe Frachtkosten vermieden werden.

Die Erfahrungen, die bisher mit diesem Preßfutter gemacht wurden hinsichtlich der Entwicklung der Embryos, der Wolleistung bei Angora, der Fleischbildung und der Frohwüchsigkeit der Jungtiere sind durchweg als gut bis sehr gut zu bezeichnen. Für Züchter, die ihre Freizeit für die Organisation opfern oder die in großen Städten wohnen und zum Grünfutterholen sehr viel Zeit benötigen, stellt dieses Futter eine große Hilfe dar. Es ist ihnen dadurch die Möglichkeit gegeben, ihre Zucht auch mit wenig Zeitaufwand zu betreiben.

Menschen, welche die Kaninchenzucht als Hobby betrachten und nicht mit dem Pfennig rechnen müssen, werden ebenfalls Abnehmer dieses Futters sein.

Angorazüchter, die hohe Wolleistungen erzielen wollen und beim Verkauf der Jung- und Zuchttiere entsprechende Preise verlangen, werden sich nur lobend über dieses Futter aussprechen. Vor Ausstellungen ist es oft noch notwendig, mit Kraftfuttergaben nachzuhelfen, um das verlangte Gewicht zu erreichen. In Bezug auf die Jungkaninchenmast liegen noch nicht genügend Erfahrungen vor. Aber auch auf diesem Gebiet sind gute Ergebnisse zu erwarten. Wichtig ist auch, dass zu diesem Futter Wasser als Tränke gegeben wird. Es ist deshalb durchaus verständlich, wenn Wissenschaftler dieses Alleinfutter als das Futter der Zukunft bezeichnen. In den Angora-Leistungsprüfungsanstalten der Bundesrepublik wird bereits ein bestimmtes Fabrikat dieses Alleinfutters verfüttert, und es wird interessant sein, dann nach einigen Jahren ein abschließendes Urteil zu hören.

Trotz dieser Vorteile dürfen die Nachteile und Gefahren nicht übersehen werden. Die Bundesrepublik ist ein Land, das auch in Bezug auf Futtermittel teilweise auf Einfuhr angewiesen ist, und betrachtet man die Zusammensetzung dieses Futters, so ist klar ersichtlich, dass etwa 25 % des Preßfutter importiert werden müssen. Wenn nun diese Einfuhren durch den Ausbruch eines Krieges in Frage gestellt oder doch wesentlich knapp werden, was bei unseren unsicheren Zeiten durchaus möglich ist, dann werden wir, wenn die Vorräte aufgebraucht sind, auf die wirtschaftseigene Futtergrundlage wieder zurückgreifen müssen. Das Futter, das in Garten und Küche anfällt und das an Böschungen, Feldwegen und vielen anderen Plätzen genutzt wird, darf nicht verloren gehen, nur deshalb, weil wir aus Bequemlichkeit zum Preßfutter übergegangen sind. Wir dürfen unsere Abfälle und Grünfutterplätze auch deshalb nicht aufgeben, weil die Abwechslung in der Fütterung notwendig und es nicht gleichgültig ist, ob die Futterkosten pro Tier und Tag 3 Pfennig oder 1 Pfennig betragen. Es ist auch der Fall, dass nicht alle Tiere Wasser zu sich nehmen. Bei Verfütterung von nur Preßfutter entsteht ein Bedürfnis nach Feuchtigkeit, das dann, wenn ein Tier kein Wasser nimmt, im Grünfutter enthalten ist.

Wir wissen auch, dass dieses Preßfutter in der Hand des Anfängers gesundheitliche Schäden wie Verfettung, Unfruchtbarkeit u. a. zur Folge haben kann. Bei der Rekordsucht auf höchste Wolleistung haben viele Tiere das Kontrolljahr nicht durchgehalten und sind infolge Eiweißvergiftung vorzeitig eingegangen. Und mancher Angorazüchter, der 1957 auf Grund der guten Rohwollpreise reichlich Preßfutter gegeben hat, hat nach dem Preissturz für Rohwolle seine Ausgaben und Einnahmen noch einmal überprüft.

Bei den Geflügelzüchtern gilt als Faustregel, dass ein Pfund Hühnerfutter mit dem Preis für ein Winterei gleichzusetzen ist. Beim Kaninchen ist ein solcher Vergleich nicht möglich. Als Tagesration werden pro Tier 40 g Preßfutter angenommen, die 2,5 Pfennig kosten. Gehen wir von einer mittelschweren Rasse aus, z. B. Helle Großsilber, und rechnen einschließlich Tragezeit der Häsin 6 Monate mal 40 Gramm, so gibt dies 180×2,5 Pf. 4,50 DM. Im Alter von 5 Monaten hat ein Jungtier dieser Rasse bei normaler Wurfstärke 3 kg Lebendgewicht, was einem Schlachtgewicht von etwa 2 kg entspricht. Das Pfund Kaninchenfleisch wird vom Händler mit 2,30 DM bezahlt, so dass, wenn das übrige Futter und die Arbeit nicht gerechnet wird, ein bescheidener Gewinn übrig bleibt. Dabei sind aber Abnützung der Ställe, Verluste und sonstige Unsicherheitsfaktoren nicht berücksichtigt.

Ich will dem Alleinfutter zugutehalten, dass Tiere, die mit diesem Futter aufgezogen werden, gegen Krankheiten nicht so anfällig sind, und eine sehr gute Konstitution aufweisen. Voraussetzung ist natürlich auch hier gesunde Elterntiere und saubere, genügend große Ställe. Wenn die zur Mast bestimmten Jungrammler im Alter von 3/2 Monaten kastriert werden, dann können die Tiere zusammengehalten werden, was die Fresslust sehr fördert. Die Haltung zu zweien, dürfte auch für die Jungkaninchenmast von Bedeutung sein, weil ein gewisser Futterneid besteht und weniger Ställe benötigt werden. Auf das Fell braucht keine Rücksicht genommen zu werden; die bei der Jungkaninchenmast anfallenden Felle sind sowieso nur Schneideware. Werden junge fehlerhafte Angorakaninchen auf Mast gesetzt, so erfolgt die Schlachtung entweder nach der 2. Jugendschur mit 5 Monaten oder nach der 1. Leistungsschur im Alter von 8 Monaten. Auf jeden Fall muss die Schlachtung sofort nach der Schur erfolgen.

Die eingangs gestellte Frage kann deshalb in der Weise bejaht werden, dass für tragende und säugende Häsinnen Preßfutter das gegebene Futter, jedoch nicht das Alleinfutter ist. Unsere bisherigen Futterreserven müssen weiter genützt werden. Nach Angaben von Statistikern sollen in der Bundesrepublik etwa 15 t Brot- und Brotreste, hauptsächlich von Schulkindern, auf den Müll wandern, um auf den riesigen Müllhalden der Städte Ratten als Nahrung zu dienen. Hier sind die Kinder nicht allein schuld, sondern die Eltern haben hier versäumt, ihren Kindern die Achtung vor dem Brot beizubringen. Diese 15 Tonnen könnten anders genützt und in Fleisch, Eier und Wolle verwandelt werden. In vielen Gärten und Baumwiesen wird das Gras nicht mehr gemäht, weil ihre Besitzer keine Verwendung dafür haben und niemand finden, die diese Flächen abmähen.

Durch die sich mehrenden Haltungsverbote sind auch viele Böschungen, Feldwege und Raine herrenlos und werden nicht mehr genützt. Oft lässt auch der Baumbestand nicht zu, dass man sie im Frühjahr abbrennt. Wir verweisen gern bei vielen Gelegenheiten auf die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kaninchenzucht und nehmen für uns in Anspruch, dass wir Werte aus Abfällen und sonst nicht genutztem Futter schaffen. Das muss auch so bleiben. Und solange das Pfund Preßfutter 30 Pfennig kostet, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, dass es die Abfälle der Küche und des Gartens, die Unkräuter und Industrieabfälle verdrängt.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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