Hilfe wir vergiften unsere Kaninchen!

Gesundheitsschädigende Baustoffe und Desinfektionsmittel

Prof. em. Dr. Curt E. W. Sprehn, Celle

Der Begriff „Gift" ist an sich für jedermann verständlich, und doch ist es sehr schwierig, eine exakte Definition für ihn zu geben. Derselbe Stoff, der sich einmal als gänzlich unschädlich erweist, ja für den Aufbau des Körpers notwendig ist, kann ein andermal als Gift wirken, je nach der Menge und der Konzentration, in der er verabreicht wird, oder nach der Art und Weise seiner Verabreichung. So können z. B. Kochsalz, die Kalisalze, Eisensalze oder Salzsäure, in großen Mengen oder in starker Konzentration verabreicht, als Gifte wirken, so kann auch z. B. das indifferente Wasser, direkt in die Blutbahn gespritzt, zum Giftstoff werden und die roten Blutkörperchen auflösen. Allgemein bekannt ist ja auch die Tatsache, dass die gleiche Substanz, die einmal als nützliches Heilmittel angewendet wird, ein andermal als Gift wirken kann, je nachdem in welcher Menge es dem Körper einverleibt wird. Daher ist die Definition für Gift nach H. Fühner immer noch die beste, die aussagt: „Gift ist jeder Stoff (Substanz), sobald er durch Wirksamwerden seiner chemischen, physikalisch-chemischen oder physikalischen Kräfte unter Ausschluss grob-mechanischer Kraft auf die Lebensvorgänge eines Individuums schädigend einwirkt."

Auf Nahrungsgifte, also Giftstoffe durch Aufnahme von Giftpflanzen oder pilzbefallenem Futter, soll hier nicht eingegangen werden, ebenfalls nicht auf Arzneimittelvergiftungen und auch nicht auf die gelegentlich wohl auch einmal vorkommenden absichtlichen Vergiftungen durch böswillige Verabreichung von Giftstoffen. Besprochen sollen hier nur werden die im allgemeinen wenig beachteten Möglichkeiten, dass beim Stallbau und auch bei der Anwendung hygienischer Maßnahmen, die ja vorbeugend den Gesundheitszustand der Tiere schützen sollen, durch Unachtsamkeit oder durch Unkenntnis der in ihnen liegenden Gefahren zuweilen Vergiftungen direkt verursacht werden können.

Beim Stallbau kann die Verwendung von giftigen Farben, besonders von Bleifarben, zu Vergiftungen führen. Giftig sind auch Farben, die Arsenik (Schweinfurter Grün), Chrom, Barium, Antimon, Kupfer, Kadmium, Kobalt, Molybdän, Nickel, Quecksilber, Wolfram, Zink oder Wismut enthalten.

Das Ablecken solcher Farben, ebenso wie das Benagen von mit diesen Farben gestrichenen Holzteilen, kann Anlass für Vergiftungen werden. Statt solcher Farben verwende man besser Anilinfarben. Bleifarben, die besonders häufig verwendet werden und daher auch besonders oft Ursache von Vergiftungen sind, bestehen aus Bleioxyd (PbO), eventuell unter Zusatz von Bleisulfat (Pb SO4), so z. B. die gelbe Malerfarbe-Massicot, die Bleiglätte mit rötlichem Farbton, das Bleiweiß und die Mennige (Pb304), die als rötlicher Rostschutzanstrich für Eisenteile benutzt wird. Solche Bleivergiftungen äußern sich als akute Vergiftungen durch Speichelfluss, Aufblähung, Verstopfung, steifer Gang, dann Schwäche, Atembeschwerden und Tod. Bei mehr chronischen Vergiftungen sieht man Abmagerung, Schwäche, Kolikanfälle, Erregungszustände und Lähmungen. Erwähnt sei hier auch der giftige Zaponlack, ein hochwertiger Nitrozelluloselack, der zum Überziehen von Metallen gegen Oxydation verwendet wird. Er wird aus dem giftigen Halogen-Kohlenwasserstoff-Tetrachloräthan (C2H2C14) gewonnen.

Die Holzschutzmittel sind ebenfalls mit Vorsicht zu verwenden, besonders das Karbolineum, in dem das krebserzeugende 3,4 Benzpyren und das Methyl-Cholanthren als giftige Komponenten enthalten sind, die sich auch im Teer und Pech finden. Harmloser, wenn auch ebenfalls giftig, ist das Holzschutzmittel Xylamon, ein Kohlenwasserstoffgemisch. Beide Mittel sollte man nur als Außenanstrich bei Kaninchenstallungen verwenden und stets erst gut eintrocknen lassen, ehe man Tiere in den Stall setzt. Auch auf das als Wachs- und Harzersatz verwendete Perna (Perchlornaphthalin) sei hier hingewiesen so wie auch auf Teer, etwa in Form von Teerpappe, auf Bitumen, Erdwachs (Ozokerit), Erdharz und alle teerhaltigen Kittsubstanzen und Bodenplatten.

Vorsicht ist auch bei den vielen neuartigen Kunststoffen angezeigt, die sich heute anbieten. Es handelt sich bei ihnen um abgewandelte organische Naturstoffe oder aber auch um völlig neuartig (synthetisch) aufgebaute organisch-chemische Stoffe mit wertvollen technischen Eigenschaften. Bei der Verwendung aller dieser Kunststoffe, sei es als Baustoffe oder als Wachs- oder Harzersatzstoffe, ist größte Vorsicht geboten.

Sie sind auf der Grundlage von Aldehyden, Ketonen, aromatischen Kohlenwasserstoffen (Benzol, Teer) usw. aufgebaut und zunächst alle „giftverdächtig". Besonders gefährlich ist es, sie so zu verwenden, dass die Kaninchen sie benagen können.

Bei der Anwendung von Desinfektionsmitteln, also chemischen Stoffen zur Entseuchung von Kaninchenstallungen nach einem Ausbruch einer ansteckenden Krankheit oder auch zur Vorbeuge einer Infektion, können leicht Vergiftungen bei unseren Kaninchen entstehen, wenn nicht mit der notwendigen Sachkenntnis und Sorgfalt bei der Anwendung der Desinfektionsmittel vorgegangen wird. Vor jeder Stalldesinfektion müssen natürlich die Tiere aus dem Stall entfernt werden, und sie dürfen erst wieder in ihn eingesetzt werden, wenn das verwendete Desinfektionsmittel nicht mehr in Substanz in ihm enthalten und der Stall wieder absolut trocken ist.

Schon der oft angewendete Ätzkalk (CaO) oder die Kalilauge (KOH) bzw. Natronlauge (Na OH), diese meist in Form einer 2%igen wässerigen Lösung von Ätznatron in Schuppen angewendet, können bei unsachgemäßem Arbeiten zur Vergiftungsursache werden. Wenn beim Wiedereinsetzen der Tiere in den desinfizierten Stall noch Reste des Desinfektionsmittels in ihm sich befinden, kommt es zum Anätzen der Lippen und der Mundschleimhaut, und es können Speichelfluss und Schlingbeschwerden auftreten. Auch Chlorkalk (Kalziumchlorid-hypochlorit: CaOCl2) darf stets nur im leeren Stall verwendet werden, da bei seiner Anwendung elementares Chlor frei wird und so zu Chlorvergiftungen bei Tieren führen kann (Reizung, Ätzung, Entzündung bis zur Nekrose der Schleimhäute der Atmungswege, aber auch Lungenödem und nachträglich sekundäre Schädigung des Herzens). Dass bei der Anwendung von Blausäure in Form von Zyan (CN2), einem reizenden Gas, das äußerst giftig für Mensch und Tier ist, zur Entwesung von Stallungen (Zyklon A und Zyklon B) äußerste Vorsicht am Platze ist, bedarf kaum der Erwähnung, da sie ja nur in seltensten Fällen und dann nur von einem Fachmann durchgeführt werden wird.

Phenole und ihre Derivate sind beliebte Desinfektionsmittel. Das alte Phenol, die Karbolsäure (C6H5OH) spielt als Desinfektionsmittel keine Rolle, aber die Kresolseifenlösung, das Lysol und die Chlor-Kresolseifenlösungen Sagrotan, Valvanol, Parachlorsol, Bacillol usw. sind heute noch gute Desinfektionsmittel und Wundantiseptika. Die Kresole C6H4(CH27 OH und die als „Teeröle, mit Harzseife emulgiert" im Handel befindlichen Phenolderivate werden auch heute noch als Stalldesinfektionsmittel benutzt, da sie billiger als die oben erwähnten Chlorkresole sind. Sie sind aber auch erheblich giftiger als jene und nur mit großer Vorsicht anzuwenden.

Zu den Stalldesinfektionsmitteln müssen auch die Schädlingsbekämpfungsmittel (Insektizide) gerechnet werden. Sie werden in der Kaninchenzucht heute häufiger angewendet als früher, nachdem wir wissen, dass die Myxomatose durch blutsaugende Insekten, besonders durch Mücken übertragen wird, die Stallungen also in gefährdeten Bezirken frei von Mücken gehalten werden müssen. In Betracht für diese Zwecke kommen heute nur noch die modernen Kontaktinsektizide, besonders

1. das DDT Dichlor-diphenyl-trichlormethyl-methan (bekannte Präparate: Certox, Geigy 33, Gesapon, Gesarol, Gesolit, Lauseto, Multoxan, Mux, Neocid u. a.);

2. das DFDT Difluor-diphenyl-trichlormethyl-methan (Gix);

3. das Hexachlorzyklohexan (als HEH oder HEE bezeichnet) C6H6C16 666 (bekannte Präparate: Dasselin, Denix, Dexan, Fliegetten, Gammexan, Hexacid, Hexaverm, Hexit, Hexon, Jacutin, Nexen, Pexusanol, Synthol.

Neben diesen drei Insektiziden kommen auch Gemischte von DDt und HCH in den Handel, so z. B. Dimuxan, Duolit, Ektolit, Flisin, Multanin 50 und andere. Eine vierte wichtige Kontaktinsektizidgruppe sind die E-Mittel: E 605, Bladan, Mintacol, Parathion, Potasan und andere. Es sind alles Phosphorester, die sehr wirksam, aber auch sehr giftig für Warmblüter sind und daher in der Kaninchenzucht nicht angewendet werden.

Alle diese Stoffe sind sehr wirksam gegen Insekten. Als lipoidlösliche Nervengifte, die durch die Gelenkhäute und Tarsen der Insekten direkt in ihre Nervenzellen eindringen, verursachen sie so eine irreversible (nicht rückgängig zu machende) Schädigung des Nervengewebes und damit den Tod der Insekten. Alle diese Mittel sind aber auch für den Warmblüter durchaus nicht ungiftig. Auf die besonders starke Giftigkeit der E-Mittel habe ich schon hingewiesen. Besonders Jungtiere sind aber auch recht empfindlich gegen DDT, DFDT und auch HCH. Niemals dürfen sie mit diesen Mitteln besprüht, falls sie in flüssiger Form angewendet werden oder eingepudert werden, falls das Mittel in Pulverform verwendet wird. Auch säugende Häsinnen dürfen nicht behandelt werden, da sich die Jungtiere sonst leicht durch Ablecken des Mittels vom Muttertier vergiften können.

Speziell ist zu sagen, dass DDT im Allgemeinen recht ungiftig ist, aber in wässeriger Emulsion ist doch eine Dosis von 0,275 g des Mittels pro kg Körpergewicht, durch den Mund aufgenommen für ein Kaninchen schon tödlich. Nach neueren Untersuchungen kann es auch in geringeren Dosen, die an sich noch keine Krankheitserscheinungen auszulösen vermögen, die Fruchtbarkeit der Häsinnen mehr oder weniger erheblich einschränken, wenn es längere Zeit hintereinander angewendet wird. Das DFDT, auch Fluorgesarol genannt, hat infolge seiner Fluorkomponente eine noch stärkere Giftigkeit. Das am meisten gebrauchte moderne Kontaktinsektizid, das Hexachlorzyklohexan, kommt in 4 Isomeren vor, von denen die Isomere die wirksamste, aber auch die giftigste ist. Sie entspricht in ihrer Giftigkeit etwa dem DDT, während ein übliches Isomeren-Gemisch von Hexachlorzyklohexan weniger giftig ist.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.