Dr. G. Schwenkenbecher, in „Das Blaue Jahrbuch“ 1977

Die Zucht und Haltung von Kaninchen verlangt einige besondere Kenntnisse in den Grundbegriffen der Hygiene, Ernährung und Vererbungslehre, ohne die ein erfolgreiches Arbeiten nicht möglich ist. Gerade auf diesen Gebieten begegnet man aber in Züchterkreisen oftmals sehr seltenen Auffassungen. Nicht nur der junge, sondern auch der alte Züchter schwört auf seine „Erfahrung", die er vielfach für sich behält und damit mehr oder weniger auf eigene Faust loszüchtet und dann alle Kinderkrankheiten durchmachen muss. Diese wären durchaus vermeidbar, wenn sich die Züchter zusammensetzen würden, um gemeinsam alle Erfahrungen auszutauschen. Eine gewisse Aufgeschlossenheit greift immer mehr um sich, was nur zum Vorteil der Allgemeinheit sein kann. Leider muss man aber auch feststellen, dass eine allgemeine Unkenntnis noch vorhanden ist, ja, dass es sogar einige wenige Züchter gibt, die jeder neuen Erkenntnis in der Kaninchenzucht skeptisch und argwöhnisch gegenüberstehen und dann auch noch der Meinung sind, dass Institute, Universitäten und Lehranstalten keine Ahnung von Kaninchen hätten. Wissenschaftliche Arbeiten können nur auf Anregung der großen Züchterzahl aufgenommen werden, um dann in unserer Fachzeitschrift zur Veröffentlichung zu kommen. Daneben lesen wir Ergebnisse aus dem In- und Ausland, die uns in der Arbeit weiterbringen. Die Kaninchenzüchter sollten sich deshalb neuen Erkenntnissen nicht verschließen, sie aufnehmen und ausprobieren. Vielleicht stellen sie dann doch eines Tages fest, dass dieses Wissen doch zum Nutzen für ihre eigene Zucht war.

Für das Wort „Hygiene“ gibt es zahlreiche, mehr oder weniger komplizierte Definitionen. Unter Hygiene versteht man in der Tierhaltung das Fernhalten von äußeren Einflüssen auf das Tier, die seine Gesundheit und seine Lebenskraft in irgendeiner Weise schädigen können. Zu diesem Einfluss zählen nicht nur die Fütterung, sondern auch der Stall mit allen seinen Unbilden und Infektionserregern sowie das Klima, der Transport, die Behandlung u. a.

Eine völlig keimfreie Umwelt kann es nicht geben. Sie wäre auch den Tieren nicht zuträglich, weil sie sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen müssen, um Widerstandskraft zu haben und lebenskräftig zu bleiben. Hygiene sollte deshalb optimal sein, d. h. so gut wie es unter den gegebenen, sicher oft verbesserungswürdigen Verhältnissen des einzelnen Zuchtbetriebes möglich ist. So ist es natürlich einfacher, einen Stall in Ordnung zu halten, bei dem auf einmal alle Tiere eingesetzt und dann nach einer gewissen Zeit alle den Stall räumen, wie wir es heute bei der wirtschaftlichen Geflügelmast oder auch Legehennenhaltung kennen.

Schwieriger wird es, Hygienemaßnahmen durchzuführen in einem Stall, der laufend belegt ist. Die Unterbringung vieler Tiere verschiedenster Altersstufen auf engstem Raum öffnet stets die Entstehung und Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen. Es

kann daher gar nicht ausbleiben, dass jeder Kaninchenzüchter früher oder später mit Krankheitskeimen in Berührung kommt. Oft genug entscheidet der Zeitpunkt, zu dem eine Krankheit oder Seuche erkannt wird, über das Schicksal der gesamten Zucht, und nicht wenige Züchter können damit ihr Hobby, weil sie über eine ausgebrochene Krankheit nicht Herr werden konnten, verlieren.

Hinzu kommt noch, dass durch die Konzentration gewisser Tierzahlen auf relativ kleinem Raum sich in enormen Mengen Viren, Bakterien u. a. Mikroorganismen zur tödlichen Gefahr für die Tiere anhäufen können.

Krankheitskeime werden umso widerstandsfähiger und angriffslustiger, je mehr sich das Tier mit anderen Umweltfaktoren wie Kälte oder Zugluft auseinandersetzen muss. Bestimmte Krankheiten werden auch von bestimmten Erregern verursacht. Dazu kommt, dass in der Regel mehrere Faktoren zusammentreffen und ein geschwächtes Tier sich nicht nur mit harmlosen Erregern, sondern mit seiner schlechten Umwelt auch noch auseinandersetzen muss.

Erfahrene Züchter stellen immer wieder fest, dass jeder Stall eine bestimmte Leistungskurve durchmacht. So gibt es oft Schwierigkeiten, weil man sich alle möglichen Krankheiten und Infektionserreger aus verschiedenen Betrieben zusammengekauft hat, mit denen sich die anderen Tiere erst auseinandersetzen müssen. Eigene Tiere besitzen eine bestimmte Flora von Mikroorganismen, in denen sie geboren und aufgewachsen sind. Gegen diese sind sie immun, so dass sie sich mit diesen Erregern kaum infizieren können.

Man muss natürlich auch damit rechnen, dass bei unseren verschiedensten Stalltypen bauliche Mängel hinzukommen können, die die Zucht mit Kaninchen erschweren.

Werden Kaninchen schon länger in ein und demselben Betrieb gezüchtet, so entwickelt sich zwischen der Umwelt mit ihren Krankheitserregern ein gewisser Gleichgewichtszustand.

Klappt in manchen Jahren die Zucht ausgesprochen gut, so stellen wir fest, dass dann der Züchter nachlässig wird. Stimmt dann noch die Versorgung mit Futter und Wasser reibungslos, meint er, nun den Stall kürzer in Augenschein zu nehmen. Er beobachtet nicht mehr so genau, ob seine Tiere fressen, ob sie evtl. Durchfall o. a. haben, d. h. er wird mit der Zeit „betriebsblind“. Das Gleichgewicht wird dann zuungunsten der Tiere gestört; diesen Zustand bezeichnet man als „Stallmüdigkeit“. Augen eines Zuchtkollegen sehen oft mehr als der Besitzer seiner Tiere.

Der Erfolg einer Zucht liegt in gemeinsamen Überlegungen mit zugänglichen verständigen und offenen Zuchtkollegen. Um in der Zucht seinen Stand zu halten oder sogar noch vorwärtszubringen, bedarf es nur weniger Dinge wie Reinigung,

Desinfektion und die Ungezieferbehandlung.

Reinigung ist die halbe Desinfektion. Jede geräumte Bucht sollte unbedingt vor der Neubelegung gründlich desinfiziert werden. Da sich nun aber Schmutz, vor allem jene Partien, auf denen der Schmutz haftet, nicht so ohne weiteres desinfizieren lassen, muss dieser Schmutz erst einmal per Hand beseitigt werden. Dabei ist es nötig, diesen Schmutz mit viel Wasser und evtl. einem Einweichmittel zu behandeln, ehe man ihn überhaupt entfernen kann. Warmes bzw. heißes Wasser ist natürlich besser als kaltes. Man erreicht damit eine gewisse Keimabtötung. Bei gründlicher Reinigung wird eine Keimverminderung um 90 Prozent erzielt. Die Keime werden aber nicht abgetötet, sondern nur abgeschwemmt. Das Abtöten folgt dann anschließend durch die Desinfektionsmittel. Bei Beginn der Desinfektion mit chemischen Mitteln sollen Stall und Boxen trocken sein.

Bei den Desinfektionsmitteln ist zu unterscheiden zwischen solchen, die nur Wurmeier abtöten, und solchen, die Bakterien, Viren und Pilze vernichten. Die ersten sind in der Regel auf Schwefelkohlenstoffbasis aufgebaut wie z. B. Dekaseptol, Lysococ und viele andere. Boxen und Buchten dürfen aber erst dann wieder belegt werden, wenn das Desinfektionsmittel vollkommen abgetrocknet ist.

Für das Abtöten von Bakterien, Viren und Pilzen werden meist Präparate angewandt, die auf Formalin- oder auf Jodbasis aufgebaut sind, wie Incidin, Lysovet, Lomasol u. a.

Es hat sich bewährt, dass man von Zeit zu Zeit die einzelnen Desinfektionsmittel wechselt, um eine Resistenz der Keime zu verhüten.

Um Kokzidiose zu verhindern, ist es unbedingt notwendig, die Kotschubladen regelmäßig zu reinigen. Eine Verwurmung tritt u. a. dann ein, wenn nicht rechtzeitig und regelmäßig etwas dagegen unternommen wird. Mit ihr ist immer eine schlechtere Futterverwertung verbunden; außerdem werden die Tiere geschwächt, so dass sie leicht von anderen Krankheitserregern überfallen werden. Außerdem kommt es zu Magen-Darm-Störungen, zur Schädigung der Schleimhaut und damit natürlich zur Schwächung des Gesamtorganismus.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es kaum möglich ist, ein für alle Betriebe und alle Ställe passendes Hygieneprogramm aufzustellen. Deshalb sollen im Folgenden noch einmal die wichtigsten Grundsätze herausgestellt werden:

1. Nur völlig einwandfreies Tiermaterial darf die Basis einer Zucht bilden. Dabei kommt es nicht nur auf das Erscheinungsbild und den Gesundheitszustand der Tiere an, sondern auch auf ihre erbliche Konstitution. Etliche Erbkrankheiten treten erst im fortgeschrittenen Lebensalter in Erscheinung. Zur Konstitution eines Tieres gehört auch die Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krankheiten und Seuchen.

2. Zugekaufte Tiere sollten unter Quarantäne stehen und während dieser Zeit ständig auf ihren Gesundheitszustand überprüft werden. Schon geringe Anzeichen einer Erkrankung sollten benutzt werden, die Tiere von der Zucht auszuschließen. Neu zugekaufte Tiere sollten stets wegen der Gefahr einer Übertragung als letzte von dem Tierhalter betreut und versorgt werden. Noch besser ist es, diese Tiere von einer anderen Person warten zu lassen. Empfehlenswert ist es auf jeden Fall, wenn sich diese betr. Person vor Betreten des Quarantäne-Stalles desinfiziert.

3. Sehr wichtig ist es, Jungtiere von den Alttieren möglichst bald zu trennen, um eine Übertragung von Krankheitserregern auszuschließen.

4. Es ist immer gefährlich, wenn Personen, die selbst Kaninchenzüchter sind, Räume und Stallungen betreten, in denen Jungtiere sind. Auf jeden Fall sollte ihnen nicht gestattet werden, kleine Tiere anzufassen.

5. Ratten, Mäuse und anderes Ungeziefer sollten von Kaninchenstallungen stets ferngehalten werden. Sie stellen immer eine Gefahr für Zuchtbetriebe dar. Unsere Stallungen sollten deshalb so gebaut sein, dass Nagetiere nicht in diese eindringen.

6. Boxen, Kotschubladen und auch Roste sollten möglichst wöchentlich gereinigt werden. Möglichst alle 3 bis 5 Jahre sind die Zuchtboxen bzw. Käfige zu erneuern bzw. gründlich zu renovieren, weil der scharfe Urin der Tiere einen ständigen Reiz auf die Atmungsorgane unserer Kaninchen ausübt. Bei Holzstallungen ist die Gefahr der Erkrankung der Atmungsorgane erhöht.

7. Eine Gesundheitskontrolle des gesamten Tierbestandes ist täglich notwendig. Dabei sind kranke Tiere und Kümmerer herauszunehmen und zu töten. Häufen sich die Todesfälle in einer Zucht, so sind die verendeten Tiere zur Untersuchung an ein Veterinäruntersuchungsamt einzusenden. Auch sollten erkrankte von gesunden Tieren möglichst umgehend isoliert werden. Stets sind die gesunden Tiere zuerst zu versorgen.

8. An die Desinfektion der Hände und der Schuhe sollte der Züchter vor Betreten seines Stalles denken.

9. Die Bekämpfung von Fliegen und deren Larven ist zu bedenken. Oftmals können Krankheiten und Seuchen von diesen übertragen werden.

10. Futter- und Tränkgefäße sollten stets sauber sein. Diese sind möglichst täglich zu reinigen, was bei Tränkgefäßen unbedingt notwendig ist. Eine Gefahr bedeutet es nach wie vor, Futter einfach in die Einstreu zu geben, weil mit Futter und Wasser Verunreinigungen und Krankheitskeime aufgenommen werden.

11. Für eine möglichst gleichbleibende Temperatur in unseren Ställen ist zu sorgen. Temperaturschwankungen können leicht Erkrankungen der Atmungsorgane hervorrufen.

12. Da unsere Kaninchen gerne bei Nacht fressen, sollte man sie in den Abendstunden genügend mit Futter versorgen. Anlagen sind nicht in der prallen Sonne zu errichten.

13. Da ammoniakhaltige Luft den Gesundheitszustand der Tiere negativ beeinflusst, ist für ständige Zufuhr von Frischluft zu sorgen. Gefährlich ist aber Zugluft für die Tiere.

14. Eine Überbelegung von Tieren in Ställen und Boxen fördert die Ausbreitung von Krankheiten und Parasiten. Außerdem schaffen zu viele Tiere eine zu hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

15. Tote Tiere sind sofort unschädlich zu beseitigen. Sie sind zu vergraben oder, wenn es sich um eine größere Zahl handelt, an Tierkörperbeseitigungsanstalten abzuliefern.

Mit diesen Hinweisen soll versucht werden, den Sinn für Hygiene und die einzelnen Zusammenhänge zwischen Umwelt und Krankheit unseren Kaninchenzüchtern klarzumachen. Diese Hinweise können nur einige Anhaltspunkte sein, die im Prinzip aber für alle ihre Gültigkeit haben. Es wird auch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, da es letzten Endes an jedem selbst liegt, was er aus seiner Kaninchenzucht macht.

Heute ist es nur undenkbar, dass man so nebenbei, d. h. mit dem kleinen Finger an der linken Hand, eine Kaninchenzucht betreibt, an der man Freude und auch einen gewissen Nutzen haben will.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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