Albert Maute, Bissingen/Enz „Das Blaue Kaninchen Jahrbuch“ 1959

Der Jugendarbeit wird in den Vereinen und Verbänden in letzter Zeit immer mehr Beachtung geschenkt. Viel Mühe machen sich die Jugendobleute und manche finanziellen Zuteilungen kommen den Jugendgruppen zugute. Deshalb wird auch oft die Frage laut, ob sich die ganze Jugendarbeit überhaupt lohne. Bei der Beantwortung der Frage soll nun die finanzielle Seite ganz außer Acht gelassen werden. Es soll vielmehr geklärt werden, ob und wieweit durch unser Tun bei den Kindern und Jugendlichen der Grundstein für die Liebe zum Tier und damit für einen kommenden Züchter gelegt werden kann. In den Vereinen sind nun die Verhältnisse sehr verschieden. Der eine Jugendobmann beschreitet instinktiv den richtigen Weg, beim andern will jedoch überhaupt nichts klappen, und er legt sich die Frage vor, woher dies wohl komme. Grundsätzlich sei hier gesagt, dass alle Arbeit umsonst ist, wenn nicht eine genaue Kenntnis der Psyche unserer Jugend vorhanden ist. Dem Jugendobmann darf also die ungenaue Erfahrung, die er im Umgang mit Kindern und Jugendlichen gewonnen hat, nicht genügen; er muss vielmehr wissen, welche Interessen die Kinder haben und wie sie zu Tieren überhaupt stehen. Da nun die Psychologie in dieser Hinsicht in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gewonnen hat, sollen in den folgenden Ausführungen die psychologischen Voraussetzungen unserer Jugendarbeit herausgestellt werden:

Das Interesse am Lebenden ist bei Kindern jeglichen Alters vorhanden, nur ist es auf Grund des Alters und des Geschlechts verschieden ausgeprägt. Zum besseren Verständnis soll nun eine Gliederung die Beziehungen der verschiedenen Altersstufen zum Tier herausstellen: Während in den ersten Lebensmonaten der Säugling nach Tieren greift, wie wenn sie Dinge seiner Umgebung wären, wird schon im Alter ab 11 Monaten das Tier instinktiv als eine Gefahr angesehen.

Ungefähr ab dem 3. Lebensjahr wendet sich das Kleinkind bewusst dem Tier zu als eine Art von Spielkamerad. Dabei kann diese gefühlsmäßige Hinwendung zum Tier oft stärker sein als zu einem menschlichen Spielkameraden (bei Hunden z. B.). Im Grunde sind es in diesem Alter spielerische und oft auch nachahmende Empfindungen, die das Kind zum Tiere ziehen.

Im Alter von 7-8 Jahren tritt bei den Kindern eine gewisse Versachlichung ein, die bei Knaben stärker ausgeprägt ist als bei Mädchen. Bei Letzteren sind es auch oft Gefühle der Liebe zum Tier, die das Handeln leiten.

Ab dem 9. Lebensjahr wandelt sich allgemein die Einstellung der Kinder zu den Tieren. Das Tier wird nun ein Gegenstand, dessen Lebensgewohnheiten bewusst beobachtet und analysiert werden. Die Kinder haben ab diesem Alter eine sachlich-fragende Haltung, die von dem Jugendleiter ausgenützt werden muss. Dies aber nicht in einer nur theoretisch dozierenden Weise, sondern durch Aktivierung und Betätigung aller Sinne. Besprechung der Tiere in dafür geeigneten (mustergültigen) Stallungen; Streifzüge durch Wald und Feld müssen im Vordergrund stehen. Die Kinder sollen ferner zur Tierpflege (zur eigenen Tierhaltung) angehalten werden, denn was gerade in diesem Alter versäumt wird, lässt sich später nicht mehr so schnell gut machen. Weiter werden die einzelnen Tierrassen festgestellt und wesentliche Merkmale aufgezeigt. Dieser Wissens besitz, der in diesem Alter erworben wird, bildet eine bleibende Grundlage für das ganze Leben.

Eine Sonderstellung nehmen die 12–14-Jährigen ein, weil in ihnen selbst nun psychische und physische Vorgänge sich anbahnen, die eine bessere Erkennung der Naturvorgänge ermöglichen. Wichtiges wird nun von Unwichtigem unterschieden. Die Fragen der Kinder dringen in die Tiefe. So ist nun gerade in dieser Altersstufe ein Verstehen der biologischen Vorgänge schon recht gut möglich.

Ganz besonders gute Voraussetzungen für die Jugendarbeit in der Kleintierzucht findet man bei den über 14jährige n. Diese sind nun in der Lage, die Natur, d. h. in diesem Falle die Tiere, ihr Verhalten und ihre Lebensweise zu verstehen. Durch die Tierzüchtung und durch die Beobachtung der Tiere werden die Jugendlichen manche Vorgänge im menschlichen Leben besser und auf feinere Art begreifen und ihnen verständnisvoller gegenüberstehen. Viele Türen werden ihnen damit aufgeschlossen.

So soll das Hauptbemühen und die Hauptarbeit den aus der Schule Entlassenen gelten. Ihnen beim Erwerb von Erfahrungen im Umgang mit Tieren, d. h. in der Tierpflege und in der Tierzucht zu helfen, ist Hauptaufgabe des Jugendobmannes. Daneben soll er aber auch nicht versäumen, schon unsere 9-10jährigen anzusprechen, denn gerade diese sind den Tieren gegenüber sehr aufgeschlossen und bei ihnen haftet das Gegebene und Vermittelte am besten.

Kleine Mädchen streicheln fasziniert ein Angorakaninchen

Fotografie 1958, KöMiKi Dresden N 54 Wunderlichstr.2

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.