Betrachtungen von Marheinz Koch, Hude i. O. – „Das Blaue Jahrbuch“ 1972
In diesem Jahr las ich in einer Oldenburger Tageszeitung eine Kleinanzeige, die mir in der Erinnerung haften geblieben ist. Darin hieß es etwa so: „500 DM Belohnung demjenigen, der mir mein gestohlenes Zuchtkaninchen wiederbeschafft.“ Natürlich war als Steckbrief die Tätonummer des wertvollen Tieres ebenso wenig vergessen wie die Anschrift des Besitzers.
Sollte uns diese Anzeige nicht zu allerlei Überlegungen anregen können? Zunächst stellt sie eine betrübliche Verlustmeldung dar. Einem passionierten Züchter ist durch diesen Diebstahl ein dicker Strich durch seine Planung gemacht worden. Nun klafft plötzlich eine gewaltige Lücke in seinem guten Tierbestand. Eine sehr bedauerliche Tatsache, die den Täter, als er gelesen hatte, wie teuer solch ein Zuchttier sein kann, den sonst so leckeren Braten bestimmt nicht hat schmecken lassen. Aber damit allein ist der Fall nicht abgetan.
Gewiss, eine hohe Belohnung
Unwillkürlich versuchen wir, uns den Züchter und seine Trauer vorzustellen. Ob wir das bereits getan hätten, wenn nur eine Belohnung von 20 DM ausgesetzt gewesen wäre? Doch wohl kaum. Aber 500 DM für ein kleines Kaninchen? Ja, wenn es sich um ein Pferd gehandelt hätte! Unsere Gedanken beschäftigen sich also prompt mit dem Idealismus dieses Zeitgenossen. Wir merken, dass es ihm ernst damit ist, auch wenn es ihm bestimmt nicht leicht sein dürfte, diesen hohen Geldbetrag auszuschütten. Auf der anderen Seite wieder können wir feststellen, dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist, seine ganzen Fähigkeiten für „seine Zucht“ einzusetzen. Er möchte etwas Großes schaffen, die Leidenschaft eines Künstlers hat ihn gepackt. Mit diesem Tier hoffte er, seinem Ziele bedeutend näher zu kommen. Nun ist es ihm auf eine gemeine Weise entwendet worden.
Ist das nicht unbewusste Werbung?
Wir aber grübeln weiter. 500 DM für ein Kaninchen. Der Laie kann es sich nicht vorstellen. Sein Gehirn registriert diese Tatsache, und gerade das ist für die Allgemeinheit, die Masse Mensch, das Wertvolle an dieser Kleinanzeige. Sie beschäftigt sich noch eine Weile mit diesem gestohlenen Tier im Unterbewusstsein. Überall wird es in den Büros, an der Werkbank, in den Betrieben, bei der Bahnfahrt, in den Schulen heißen: „Mensch, hast du gelesen, da will einer 500 DM geben, wenn er sein geklautes Kaninchen wiederbekommt. Du hast richtig gehört: Kaninchen.“
Unser guter Freund, von dem ich leider nicht einmal weiß, ob er sein Zuchttier lebend wiederbekommen hat, machte die beste Reklame für alle seine Zuchtkollegen. Hätte es sich nicht um eine Kleinanzeige gehandelt, wäre vielleicht die Wirkung auch nicht so groß gewesen. Ein fettgedrucktes, großes Inserat hätte leicht nach Angeberei aussehen können.
Kaninchenfleisch und Eiweißlücke
Denken wir nun nicht mehr an diesen Diebstahl. Wenden wir uns dem zu, dass uns alle angeht. Immer lesen und hören wir von dem großen, erschreckenden Mangel an Protein. Überall in der weiten Welt fehlt es an Eiweiß. Besonders in den Entwicklungsländern führt das Fehlen von Protein zu gesundheitlichen Katastrophen. Bei Kindern beeinträchtigt dieser Mangel das Wachstum und die Bildung der Intelligenz, bei Erwachsenen hat er Müdigkeit und Lustlosigkeit im Gefolge, löst er eine starke Anfälligkeit gegenüber Krankheitserregern aus. Die meisten Proteine sind im Fleisch, also in tierischen Nahrungsmitteln, die wenigsten im Getreide enthalten.
In der Zukunft wird im größten Teil der Welt neben Lohnarbeit und Familienplanung die Nahrungsmittelerzeugung im Vordergrund stehen müssen. In unserer Bundesrepublik ist das Geflügelfleisch bereits der dritte Hauptfleischträger geworden, weil man sich intensiv mit allen Mastproblemen und den damit zusammenhängenden Fragen, wie Unterbringung, Fütterung, Krankheitsbekämpfung, Absatz, beschäftigt hat. Der Bedarf an Eiweiß, der ständig steigt, hängt mit der Zunahme der Bevölkerung und der Erhöhung der Pro-Kopf- Einkommen in den einzelnen Ländern zusammen. Hinzu kommen die sich ändernden Ansprüche der Verbraucher infolge weitgehender Mechanisierung der Arbeit an die Nahrung. Der moderne Mensch benötigt mehr Eiweiß und weniger Kohlehydrate.
Mehrerzeugung an Kaninchenfleisch
Seit Jahren werden auch die Kaninchenzüchter aufgefordert, durch Halten von Fleischkaninchen mit dazu beizutragen, die große Eiweißlücke schließen zu helfen. Wir wissen es doch alle, dass die Nachfrage nach dem hochwertigen weißen Kaninchenfleisch anhält. Es soll hier durchaus nicht der ausgedehnten reinen Mastkaninchenhaltung das Wort geredet werden. Wohl aber könnte jeder Kaninchenzüchter 1 bis 2 Häsinnen einer Mastrasse zusätzlich halten und wichtige Erfahrungen sammeln.
Machen wir einmal ein kleines Rechenexempel. Bei 4 Würfen mit je 6 großgezogenen Jungen gäbe es bei 2 Häsinnen schon 48 verkaufsreife Jungmasttiere vorzüglicher Qualität. Sind dann 30 Mitglieder im Verein, würde die Zahl je Jahr bereits 1400 Fleischträger ergeben, die zusätzlich zu einem guten Schlachtpreis vermarktet werden könnten. Der hierbei erzielte Erlös könnte in der Liebhaberzucht wieder investiert werden. Guter Absatz aber bedarf der Werbung.
Begeistert die Jugendlichen
Im Blauen Kaninchen-Jahrbuch von 1963 heißt es in einem Aufsatz „Es geht um unsere Jugend" wie folgt: „Jeder Mensch, und besonders der junge, der sich entwickelnde Mensch, braucht Entspannung und Zerstreuung, soll er sich im Wirrwarr unserer Tage nicht verirren und nicht der Managerkrankheit zum Opfer fallen. Zerstreuung aber ist mehr als ein bloßes Abwenden vom Alltag, Zerstreuung bedeutet Ruhe finden, heißt Kräfte sammeln für neue Aufgaben, ist ein Hineinhorchen in die eigene Seele."
Damals dachte wohl niemand an die Haschwelle, die unsere heutige Jugend überrollt. Umso dringender ist es erforderlich, die Werbung von Jugendlichen in den Kaninchenzuchtvereinen voranzutreiben. Geben wir der Jugend Aufgaben, leiten wir sie an, sich mit Kaninchen zu beschäftigen. Naturverbundene Menschen sind immer glücklicher als Stubenhocker. Schon stets kam es auf die Jugend an. Wir müssen aber um sie werben, sie heranziehen und ihr helfend und fördernd zur Seite stehen. Welcher richtige Junge möchte nicht selber Kaninchen halten und sich an ihrem Gedeihen erfreuen? Warum liest man in den Tageszeitungen kaum einmal etwas über Kaninchenhaltung als Freizeithobby? Ohne Werbung geht es nicht, also Interessenten einladen zum zwanglosen Besuch nicht nur der herbstlichen Schauen, sondern auch zu sommerlichen Veranstaltungen wie Stallbesichtigungen, Kaninchenfleisch-Essen, Tierbesprechungen, Wettbewerben im Fotografieren von Kaninchen und Stallungen.
Angorakaninchen, das Zweinutzungstier
Auch hier kann ein Rühren der Reklametrommel nicht schaden. Das gilt zunächst für die Werbung neuer Züchter, denn alljährlich wandern wertvolle Devisen aus der BRD ins Ausland. Die Nachfrage nach Angora-Kaninchenwolle ist groß, aber mit dem deutschen Angebot sieht es nicht gerade sehr gut aus. Dabei kann man vom Angorakaninchen doch eine zweifache Nutzung erwarten, nämlich Wolle und Fleisch. Die Wartung dieser Tiere ist in geeigneten Ställen längst kein Problem mehr, und auch das Scheren zur Wollgewinnung macht kaum Schwierigkeiten.
Kann der verarbeitenden Industrie dann eine gleichmäßig große und gute Menge an Schurwolle angeboten werden, so wird sie ebenfalls über den zu zahlenden Preis mit sich reden lassen. Auf den Ausstellungen wird jeder Verein gern seiner Abnehmerfirma einen Platz für einen Schaustand mit fertigen Erzeugnissen zu Werbezwecken einräumen.
Wie sieht es mit der Fellverwertung aus?
Betrüblich ist, dass eine ausgesprochene Werbung für die Felle von geschlachteten Kaninchen kaum erfolgversprechend sein dürfte. Hier liegen die Preise leider äußerst niedrig, und der Handel hat anscheinend seine eigenen Ansichten, auch darüber, was die Kaninchenhaare anbelangt. Das Endprodukt, der stolze Kaninmantel, kostet natürlich auch heute noch sein gutes Geld. Das rührt aber hauptsächlich von den hohen Kosten für die Zubereitung des Rohfelles, des Macherlohnes und des Verkaufsverdienstes her. Trotzdem sollten weitere Züchtungsversuche gemacht werden, um die Qualität des Kaninchenfelles so zu steigern, dass es mit dazu beitragen kann, den Ertrag aus der Haltung oder Zucht wirksam zu erhöhen. Der zweimalige Haarwechsel, im Frühjahr und Herbst, muss glatt und rasch verlaufen. Die Dichte der Behaarung, durch die Unterwolle bedingt, macht das Kaninchenfell wertvoll. Ausgereifte Felle bringen immer noch Gewinn. Das Führen eines Einzelzuchtbuches ist schon aus diesem Grunde mit in einer planmäßigen Zucht unerlässlich.
Frauenfleiß hilft werben
Die Tätigkeit der Frauengruppen, die in den Vereinen ehrenamtlich die schönen Felle zu nützlichen Dingen verarbeiten, trägt ganz wesentlich mit zur Werbung bei. Wen interessierte wohl nicht eine aus Kaninchenfellen sachgemäß hergestellte Jacke, die u. a. auf einem Ausstellungsstand einer öffentlichen Tierschau oder einer Vereinsschau zu sehen ist? Nicht umsonst ist eine solche Ausstellungsecke ein wichtiger Anziehungspunkt für alle Besucher und bietet damit viele Ansatzpunkte für eine weitergehende Reklame. Farbbilder der verschiedenen Kaninchenrassen können auf dieser Fellproduktenschau eine ansprechende Umrahmung sein. Sie können die vielen, reizvollen Möglichkeiten von Farbkompositionen eingehend ergänzen.
Ist der Wert der Erzeugnisse allgemein bekannt?
Die Verbraucher wissen durchweg noch sehr wenig über das Kaninchen und seine Erzeugnisse. Eine derartige Unkenntnis bildet ein wesentliches Absatzhemmnis. Misstrauen und Vorbehalte der Verbraucher gegen den Verzehr von Kaninchenfleisch schlechthin müssen baldigst ausgeräumt wer- den. Deshalb ist eine Aufklärung über die ernährungsphysiologischen Eigenschaften, über den Aufdruck auf der Verpackung, die Güte der Ware und ihre Verwendbarkeit so wesentlich.
Es spielt die Form eine Rolle, in der das saftige Kaninchenfleisch im Laden angeboten wird. Die ganze Aufmachung des Regals im Laden wie der Verpackung muss auf den Käufer „ländlich“ wirken, da er dann den Eindruck der Frische und Gesundheit hat, die er instinktiv bevorzugt. Rezepthefte können eine sehr wichtige Absatzhilfe sein. Bilder in den Tageszeitungen über Spenden von frischgeschlachteten Kaninchen an die Insassen von Altenwohnheimen oder Krankenhäusern mit entsprechenden Hinweisen über die Zielsetzung des Kaninchenzuchtvereins können sehr aufschlussreich und absatzfördernd sein, wenn eine gute Werbung damit verbunden ist.
Technik und Ernährung
Das Auto ist als Fortbewegungsmittel nicht mehr wegzudenken. Der Fahrer oder die Fahrerin aber bedürfen einer leichten, energiereichen Ernährung, denn ein überladener Magen macht müde, und gerade Konzentration wird zu jeder Zeit vom Autolenker gefordert. Wie wäre es daher, wenn in den Autobahnraststätten und -kiosken, in den Flughafengaststätten und vielleicht auch in den Schnellimbissstuben überall im Lande leichtverdauliche Gerichte von Kaninchenfleisch angeboten werden könnten? Sie würden eine empfehlenswerte Bereicherung des Speisezettels darstellen, und Kaninchenzuchtvereine gibt es in unserer Bundesrepublik zum Glück ja an jedem Ort. Nur fehlt es noch an einer einheitlichen Lenkung und Absatzwerbung. Bestimmt wird so mancher, der auf diese Weise vielleicht zum ersten Male das leichtverdauliche Gericht genossen hat, dem Kaninchenfleisch für immer treu bleiben.
Was heißt eigentlich werben?
Sieht man einmal in einem Lexikon nach, was Werbung überhaupt bedeutet, so findet man da auch gewiss verzeichnet: Reklame, Propaganda und Public Relations. Alle befassen sich u. a. mit der Beeinflussung der menschlichen Willensentschließung und Meinungsbildung zum Zwecke des Warenabsatzes. Wirksame Mittel bilden dabei Presse, Rundfunk, Fernsehen, Film, Plakate, Prospekte, Schaufensterauslagen, Flugblätter und ähnliches. Das alles ist ganz lehrreich, doch werden die Meinungsforscher noch manches Rätsel zu lösen haben. Für den Kaninchenzüchter ist es gut zu wissen, dass die durchschnittliche Betrachtungsdauer bei einem Nahrungsmittel-Inserat heute etwa zwei bis drei Sekunden nicht übersteigt. In dieser Zeit kann der Leser zwar die Grundinformation begreifen, zu dem gewünschten Lernprozess oder gar zu einer gedanklichen Auseinandersetzung mit dem empfohlenen Erzeugnis kommt es meistens jedoch nicht. Die Flut der Werbeappelle auf den nächsten Seiten löst rasch die Wirkung der genannten Grundinformation wieder auf.
Also muss eine Zeitungswerbung schon originell sein, um nicht nur gelesen, sondern ebenfalls begriffen zu werden. Denken wir dabei an die eingangs erwähnte Kleinanzeige mit der 500-DM-Belohnung, so wird es uns zum Bewusstsein kommen, dass hier etwas angesprochen wurde, was uns eine längere Zeit beschäftigte.
Damit stoßen wir auf ein Kernproblem. Werbung kostet nämlich, wenn sie wirklich erfolgreich sein soll, auch viel, ja sehr viel Geld. Woher es genommen werden soll, dürfte hauptsächlich den Vereinskassierer interessieren. Sicherlich geht es ganz darum, wie eine Sache angepackt und aufgezogen wird. Viele Wege führen zum Ziel. Man kann ausgefahrene Geleise nehmen, sich aber ebenso gut wirkungsvollere Methoden auswählen, große oder kleinere Schritte tun, die oft nicht so kostspielig, aber dennoch erfolgreich sein können. Nur muss man sich als fortschrittlicher Kaninchenzüchter, der mit der Zeit gehen will, stets vor Augen halten: Kommen wir noch ohne Werbung aus?





