von Kurt Binder, Präsident des ZDK „Das Blaue Jahrbuch“ 1971

Wenn man vom Kaninchen spricht, dann meint man meistens ein niedliches kleines Tier, dem die Kinder zugetan sind, oder ein Hobby, eine Feierabend- und Freizeitbeschäftigung. Haltung und Züchtung des Kaninchens wären damit auch schon hinreichend begründet, denn die Liebe zum Tier und damit zur Kreatur bereichert bekanntlich das Leben vieler Menschen. Das „Hobby“ Kaninchen aber ist ein Hobby besonderer Prägung, welches sich schlecht mit anderen Hobby-Arten vergleichen lässt, weil es neben der reinen Liebhaberei auch wirtschaftlich ist.

Die Wirtschaftlichkeit des Kaninchens, nämlich seine Erzeugnisse Fleisch, Wolle und Fell sind in der Öffentlichkeit nicht unbeachtet. Sie verdienen es aber, noch mehr als bisher beachtet zu werden. Das Kaninchen würde damit noch mehr als bisher in das Blickfeld der Öffentlichkeit treten.

Sicher wird der Mensch auch weiterhin sein Leben in Gesundheit zu verlängern suchen; er wird also nicht zuletzt Wert auf die geeignetste Ernährung und Bekleidung legen.

Das Kaninchen bietet sich hier mit seinem eiweiß- und nährwertreichen, kalorien- und purinkörperarmen Fleisch, seiner Gesundheitswolle und seinem Mehrzweckfell förmlich an. Alle drei Erzeugnisse aber sind bisher im Wirtschaftsleben ohne nennenswerte Bedeutung, weil sich noch niemand groß damit beschäftigt. Jedenfalls nicht aktiv genug, um für die Wirtschaft interessant zu sein. Interessant ist aber in der Wirtschaft nur, womit sich Geld verdienen lässt. Hier dürfte das Übel zu suchen sein, wenn die Erzeugnisse des Kaninchens noch zu wenig genutzt werden.

Wenn nun auch der Kaninchenzüchter, der zu 90 Prozent die Organisation des Zentralverbandes Deutscher Kaninchenzüchter trägt und prägt, zunächst der große Freund des Kaninchens ist, so lässt er sich trotzdem nicht die wirtschaftlichen Vorteile des Kaninchens entgehen. Dazu verpflichten die Satzungen des Zentralverbandes Deutscher Kaninchenzüchter, eine entsprechende Interessenarbeit auf dem Gebiete der Nutzung der Erzeugnisse des Kaninchens zu leisten. Aus diesen Satzungen des Verbandes darf einmal folgendes besonders herausgestellt werden:

„Der ZDK erstrebt durch seine Tätigkeit eine Steigerung der Erzeugnisse aus der Kaninchenzucht (Fleisch, Wolle, Felle); der ZDK fördert die Erzeugung, Pflege, Gewinnung des Absatzes und den Verbrauch der Erzeugnisse aus der Kaninchenzucht und -haltung.“

In unseren Schriften, Reden und Vorträgen wird immer wieder auf diese Tatsache hingewiesen. Unsere Bemühungen, den Wert der Erzeugnisse aus der Kaninchenzucht besonders herauszustellen, sollten aber immer mehr aktiviert werden, wenn wir die Aufmerksamkeit von Staat, Behörden und Bevölkerung mehr als bisher auf uns lenken wollen.

So sollten auf jeder Veranstaltung und Ausstellung die Erzeugnisse des Kaninchens den Besuchern in aller erdenklichen Art und Weise vorgeführt werden. Die Freunde unserer Leistungszucht sind hier besonders angesprochen, denn gerade die Leistungszucht müht sich um die Erzeugnisse des Kaninchens. Neue Freunde in der Leistungszucht sind daher in der Organisation der Kaninchenzüchter besonders herzlich willkommen und als Pioniere unter uns Kaninchenzüchtern besonders zu achten.

Unseren Frauengruppen ist es gegeben, die Wertschätzung der Erzeugnisse des Kaninchens zu vertiefen. Ihre Arbeit ist daher besonders hoch einzuschätzen. Für die kommenden Ausstellungen sollten sie sich auf diesem Gebiet viel Neues einfallen lassen, und ich rege besonders an, nicht nur Fertiggerichte und Fertigstücke im Wettbewerb auszustellen, sondern den Besuchern in praktischen Schauvorführungen zu zeigen, wie die gezeigten Gerichte und Stücke hergestellt und gearbeitet werden. In einer Ausstellungsecke oder in einem besonderen Raum sollte daher eine Küche, eine Spinn-, Web-, Stick- oder Pelznähstube eingerichtet werden. Welcher Besucher wollte sich da nicht ansprechen lassen! Eine redegewandte Frau oder auch ein Mann könnte Erklärungen abgeben. Kleine Kostproben der Kochkunst sollten nicht fehlen. Man besuche doch einmal eine große Messe oder eine hauswirtschaftliche Ausstellung und beobachte auf den einzelnen Ständen, wie der Kunde von der Werbung angesprochen wird und welchen Erfolg sie dabei verbucht. Wenn auch wir einen Erfolg in der Beachtung der Erzeugnisse des Kaninchens haben wollen, müssen wir es nachmachen; Klimpern gehört eben zum Handwerk.

Ein Kochbüchlein sich zu beschaffen, ist nicht schwer und nach der Methode „Man nehme" werden die Gerichte auch schmecken. Dennoch werden Zubereitung und Geschmack bei verschiedenen Köchen trotz der gleichen Anweisung differieren. Den Erfolg aber hat derjenige, bei dem es schmeckt. Wie manches Kaninchenessen, zur Werbung für unsere Sache durchgeführt, ging schon daneben, weil der Koch es nicht verstand, aus Kaninchenfleisch etwas zu machen, denn Kaninchenfleisch ist eben kein Schweinefleisch. Kaninchenfleisch hat keinen spezifischen Eigengeschmack; der Lust, zu würzen, lässt es daher einen weiten Spielraum. Wenn 1 Kotelett eine Viertelstunde bratet, dann braucht unser Kaninchenfleisch eben 2 Stunden, um zu garen. Aber wer sagt es dem Verbraucher, wenn wir es nicht tun!

Gerade unser Kaninchenfleisch aber soll doch einen Platz auf dem Fleischmarkt erobern! In einer Kaninchenschrift lesen wir aus dem Jahre 1912 von einer Werbemarke mit der Aufschrift „Kaninchenfleisch sei Volksnahrung“. Hiermit wollte man sicherlich auch damals nicht fordern, Kaninchenfleisch solle ein Massenartikel wie andere Fleischarten werden, sondern man wollte eben nur auf den besonderen Wert dieses vorzüglichen Fleisches hinweisen.

Auch heute geht es darum, welches Tier das gesündeste Fleisch liefert. Kalb und Huhn stehen obenan, und man rühmt deren besonderes mageres und weißes Fleisch.

Dagegen aber ist einzuwenden, Kaninchenfleisch ist ebenfalls weiß, ja ich möchte mich des Werbeslogans bedienen: „Noch weißer gehts nicht.“

Der Nährwert des Kaninchenfleisches aber steht mit über 40 Prozent an der Spitze aller Fleischarten. Trotz aller Bemühungen einzelner hat das Kaninchenfleisch in der Bundesrepublik noch immer nicht jene große Beachtung erlangt, die es verdient. Schuld daran dürfte die ungelöste Erzeugung sein. Ohne ein entsprechendes Angebot lässt sich kein Markt erobern.

Auch die geringen Einfuhren aus dem Ausland ändern hier das Bild kaum. Vielleicht interessieren aber einmal die Einfuhren und Ausfuhren von Kaninchenfleisch, die für 1969 etwa wie folgt aussahen:

Lohnt es sich da nicht doch, dem Kaninchenfleisch in der Bundesrepublik etwas mehr Beachtung zu schenken?

Wie sieht es nun auf dem Sektor Angora-Kaninchenwolle aus? Auch hier darf man sagen: Mehr Beachtung der Angora- Wolle und damit dem Angorakaninchen! Der Hochstand in der Zucht ist erreicht und durch staatliche und Kreisschurkontrollen bewiesen. Jetzt sollte durch eine große Vermehrung die Haltung des Angorakaninchens einsetzen, damit es zu einer umfangreicheren Wollgewinnung kommt. Leider finden wir in dieser Hinsicht noch nirgends Ansätze, obwohl das Angorakaninchen ein Zweinutzungstier ist und nach der Wollgewinnung auch noch die Fleischernte kommt. Haltung und Pflege des Angorakaninchens bringen heute keinen größeren Arbeitsaufwand wie bei anderen Kaninchen. Bleibt die Schur, die bei etwas Übung ebenfalls kein Hindernis sein dürfte.

Trotzdem ist die Haltung des Angorakaninchens zur reinen Wollgewinnung fast auf einen Tiefstand angekommen, und erwerbsmäßig finden wir auch nirgends Ansätze dafür. Der Grund hierzu dürfte wohl der ein wenig schwankende Wollpreis sein. Für einen Wollpreis von 30,- DM je kg kann heute niemand mehr Angorakaninchen zur Wollgewinnung halten. Es gibt ja auch manchmal 50,- bis 60,- DM je kg Preis, der sehr befriedigend ist. Man sagt, die großen Schwankungen unterliegen dem Angebot des Auslandes.

Die Angorawollgewinnung kann aber nur dann erhöht werden, wenn die Angorawolle verarbeitende Industrie sich an einen Tisch setzt und versucht, dem Erzeuger einen einiger- maßen gleichbleibenden Preis zu garantieren.

Ich glaube, der Vorteil würde immer noch auf der Seite des Unternehmers liegen. Natürlich kann man dagegensetzen, dass Angebot und Nachfrage auch hier den Preis regulieren; doch hiermit kann man keine Ausweitung der Angorahaltung erreichen. Das Angorakaninchen ist schließlich kein Huhn, das man durch das Ei vermehrt, und so kein Massenartikel in der Vermehrung. Wenn hier einmal Gelände verloren ist, dann ist es über Nacht nicht zurückzugewinnen.

Die Angorawolle hat als Fertigprodukt längst die ihr zustehende Beachtung gefunden, und die verarbeitende Industrie ist sehr ausgeweitet worden. Der Bedarf an Angorawolle ist im Inland längst nicht gedeckt, und die Einfuhren aus dem Ausland sind immer noch groß. Die Fachpresse beweist uns dies immer wieder. Hierzu die Zahlen von 1969:

Als letztes Erzeugnis bleibt noch das Fell. Hier kann man eigentlich nicht von einem Auf und Ab sprechen. Der Lohn des Kaninchenzüchters am Kaninchenfell war nie sehr groß. Der Preis ist noch immer der gleiche wie etwa im Jahre 1935 und liegt zwischen 0,30 DM und 2,- DM. Alle Preisschwankungen um den Wert des Kaninchenfelles bewegen sich im Laufe der Geschichte zwischen diesen Zahlenangaben.

Wer allerdings in seiner Kaninchenzucht rechnet, hat noch nie ein Kaninchenfell eingegraben, sondern es trotz des geringen Preises auf den Markt gebracht nach dem Grundsatz: Viel Wenig bringt auch viel.

Der Anteil am Eigenverbrauch des Kaninchenfelles dürfte zwischenzeitlich größer geworden sein und wäre noch größer, wenn der Verarbeitungsprozeß des Rohfelles nicht so teuer wäre. Er ist sogar so teuer, dass er nicht zum Wert eines Kaninchenfelles steht. Schließlich beträgt der Rohfellwert eines Kaninchenmantels höchstens 40, – DM bis 50,- DM, der Preis für einen guten fertigen Kaninmantel dagegen etwa 400,- bis 500,- DM. Was dazwischen liegt, ist Lohn und Ver- dienst. Bleibt also nur die Freude am selbstgearbeiteten Kaninchen-Pelzstück.

Das Kaninchenfell ist dazu auch sehr der Mode unterworfen. Mangelware ist es aber nie gewesen, denn wie bei uns wer- den auch in allen anderen Ländern Kaninchen gehalten und daher Felle geerntet. Ganz ohne Interesse war das Kaninchenfell und waren auch die Kaninchenhaare nie, und einen Handel auf diesem Gebiete hat es immer gegeben.

Der Handel geht dabei oft recht seltsame Wege. Wer sich für die nachstehenden Einfuhr- und Ausfuhrtabellen interessiert, wird es sicherlich selber merken:

Von einer Nichtbeachtung des Kaninchenfelles kann man also nicht reden, doch zu einer Mehrbeachtung auch kaum zu raten. Vielleicht darf noch einmal das Ziel des Fleischkanin- chenzüchters angesprochen werden, Kaninchen mit möglichst keinem dichten Kürschner-Kaninfell zu züchten, denn die Ent- wicklung eines guten Felles geht bekanntlich auch durch den Magen, und man will Fleisch und nicht Fell ernten. Die Indu- strie nimmt dazu das Fell des 10 Wochen alten Fleischkanin- chens kaum auf. Wenn es aber einmal gelingt, aus dem Haar des Kaninchens eine ansprechende Locke oder Welle zu drehen und wir es dann beim fertigen Pelzstück als Kanin-Lamm verkaufen kön- nen, dann wird der Erfolg für das Kaninchenfell zufrieden stellen. Darum mehr Beachtung den Erzeugnissen aus der Kaninchen- zucht und Haltung, denn nicht nur das Hobby, sondern auch Fleisch, Wolle und Felle machen das Kaninchen interessant und lassen es zum Freund und Helfer des Menschen werden!


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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.