Peter Esser, Bad Nauheim – „Das Blaue Kaninchen Jahrbuch“ 1958

Das Kaninchenherdbuch hat die Aufgabe, erbfeste Zuchttiere zu erzüchten, die zur Verbesserung der allgemeinen Landeszucht beitragen. Diese Erbfestigkeit sollte auch bei den Normalhaarrassen neben den Verbesserungen der Rassenmerkmale, insbesondere in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit, Anwendung finden. Es musste hier einmal Schluss mit einer veralteten Ansicht gemacht werden, dass es in der Hauptsache darauf ankomme, einen im Preisrichterbild schönen Rammler mit einer ebensolchen Häsin zu paaren und bei etwas Glück auch dementsprechende Nachzucht zu erhalten. Das Wort „Glück“ musste hierbei allerdings zweimal unterstrichen werden, denn es wäre purer Zufall, wenn die Nachzucht zufriedenstellend ausfiele. Es müssten, wenn hier eine Änderung geschaffen werden sollte, Richtlinien ausgearbeitet werden, die den Züchter dazu anhielten, sich in Zukunft umzustellen. Also: Weg vom Einzeltier, hin zu Geschwisterwürfen und Familien.

Die Männer, die damals das Herdbuch gründeten, übernahmen die schwere Aufgabe, nicht nur für Angorakaninchen, sondern auch für Normalhaarkaninchen eine Körordnung zu schaffen, die all das bis dahin Vernachlässigte besonders förderte. Man war sich zu Beginn klar darüber, dass in Zukunft mit den gemachten Erfahrungen diese Richtlinien und Körordnung jeweils den Erfordernissen gemäß angepasst werden müssen. Es gab Stimmen, die z. Z. glaubten, es sei zu früh, für Normalhaarkaninchen ein Herdbuch zu schaffen. Das in den 10 Jahren Erreichte hat bewiesen, dass es nie zu früh ist, Leistungen zu verbessern. Was zuerst nur von Herdbuchzüchtern geleistet wurde, wie z. B. das Zeigen von Elterntieren mit Nachzucht usw., sieht man heute schon auf größeren Schauen in den allgemeinen Klassen. Die Körordnung für Normalhaarkaninchen ist so gehalten, dass auch hier die Leistung im Vordergrund steht. Wollte man bei Gründung des Herdbuches weg vom Einzeltier und bei Körungen und Herdbuchschauen Eltern und Nachzucht – von jedem Muttertier wenigstens vier Jungtiere (Wurfgeschwister) – bewertet sehen, so mussten auch bei den Normalhaarkaninchen erst Stämme hervorgezüchtet werden, die wurffreudige Muttertiere mit viel Aufzuchtvermögen hatten, um diese Bedingungen zu erfüllen.

Solche Tiere waren aber vor zehn Jahren selten vorhanden. In den Jahren 1948/49 erhielten nur 19 % aller z. B. im Herdbuch Land Hessen eingesetzten Muttertiere die Note „vorzüglich“ in der Aufzuchtleistung. Diese wenigen Tiere waren damals in der Lage, sechs und mehr Jungtiere zu werfen und dieselben aufzuziehen. Bekanntlich erhält eine Häsin im Herdbuch erst dann die Note vorzüglich, wenn sie einmal sechs oder mehr Jungtiere bei einem Wurf oder bei zwei Würfen mindestens zehn Jungtiere bis zur 8. bis 9. Woche aufzieht. Im Jahre 1956 erhielten bei den Normalhaarkaninchen im Herdbuch Land Hessen 81% die Höchstnote vorzüglich für Aufzuchtleistung. Erreicht wurde dieses ausgezeichnete Ergebnis nur dadurch, dass Rammler und Häsinnen immer wieder zur Nachzucht verwendet wurden, die aus großen Würfen stammten. Die Aufzuchtleistung (Milchergiebigkeit) der Mütter von Rammler und Häsin wurde hierbei besonders beachtet. Eine weitere Körnote, die in den Jahren sehr verbessert werden konnte, ist die Note für Ausgeglichenheit. Gerade bei den Normalhaarrassen ist es schwer, hier eine hohe Körnote zu erreichen. Ich denke dabei besonders an die Farbentiere wie Groß- und Kleinchinchilla, Silber usw. Hinzu kommt noch, dass bei der letzten Zentralverbands-Herdbuchtagung anlässlich der DLG-Schau in Dortmund diese Note erheblich verschärft wurde. Es müssen in Zukunft alle noch lebenden Tiere eines Wurfes gezeigt werden. In den vergangenen Jahren konnte der Züchter die vier besten Wurfgeschwister aus einem Wurf aussuchen; sie genügten zur Beurteilung der Ausgeglichenheit. Heute verlangt die Körkommission alle noch lebenden Jungtiere eines Wurfes zu sehen. Auch hier hatten sich die Noten für Ausgeglichenheit so gesteigert, dass eine Verschärfung notwendig war.

Was bleibt nun für die Normalhaarherdbuchzüchter in Zukunft zu beachten? An erster Stelle steht die Frohwüchsigkeit der Jungtiere. Nach den neuesten Bestimmungen müssen die Jungtiere auch nach dem Absetzen von der Mutter alle 4 Wochen bis zum 6. Monat gewogen werden. Es geht um die Heranzüchtung von frohwüchsigen Stämmen. Hier können die Herdbuchzüchter durch genaue Aufzeichnungen wertvolle Vorarbeit leisten. Die Frohwüchsigkeit der Normalhaarkaninchen durch eine Note zu bewerten, bleibt vorerst Zukunftsmusik, dürfte aber im Laufe der Jahre kein unüberwindliches Hindernis sein.

Ein weiterer Punkt, der in der Normalhaarherdbuchzucht sehr beachtet werden muss, ist der Langhaarfaktor. Hier ist zwar schon vieles erreicht worden; eine vollständige Lösung dieses Problems war jedoch nicht möglich. Denn gerade in den Rassen, bei denen der Langhaarfaktor des Öfteren auftritt, sind zu wenig Herdbuchzuchten vorhanden. Es müssen aus diesem Grunde immer wieder Tiere aus Nicht-Herdbuchzuchten zur Blutauffrischung herangezogen werden. Tragen solche Tiere den Langhaarfaktor verdeckt, so ist die jahrelange Zuchtarbeit vergebens gewesen.

Um eine erfolgversprechende Züchtung zu gewährleisten, wäre zu empfehlen, dass von jeder herdbuchmäßig gehaltenen Rasse mindestens drei gewissenhafte Züchter in jeder Herdbuchgruppe beteiligt sind, durch diesen größeren Rahmen wäre es möglich, auf Jahre hin- aus ohne Zufuhr fremden Blutes diese Stämme durchzuzüchten. Da auch der kleine Züchter mit 1,2 Zuchttieren Herdbuchzüchter werden kann, dürften sich keine besonderen Schwierigkeiten in dieser Hinsicht ergeben.

Wer nun glaubt, im Herdbuch würde nur auf Wirtschaftlichkeit gezüchtet und das Äußere der Tiere weniger beachtet, geht von falschen Voraussetzungen aus. Ein auf Leistung durchgezüchtetes Kaninchen ist viel eher in der Lage, gesunde und standardgemäße Nachzucht zu erzeugen als ein solches, bei dem bei den Vorfahren alle Leistungsmomente außer Acht gelassen wurden. Betrachtet man sich auf größeren Schauen die Bewertung der einzelnen Tiere, so kann man feststellen, dass auch in der Herdbuchabteilung die Preisrichter Höchstnoten vergeben konnten.

Zum Schluss möchte ich besonders an alle Spezialzüchter appellieren, ihre alten Vorurteile gegen das Herdbuch abzulegen und die für die Kaninchenzucht wertvolle Zuchtarbeit in den Herdbuchgruppen durch ihre Mitarbeit zu unterstützen. Hat sich doch in allen Sparten der Tierzucht schon seit Jahrzehnten bewiesen, dass nur durch die Herdbucharbeit eine stete Steigerung der Leistung möglich ist.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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