Von Ernst Mensinger, Geiselwind – „Das Blaue Jahrbuch“ 1997
Bevor ich zum eigentlichen Thema dieser Abhandlung komme, seien mir ein paar kritische Bemerkungen über die Entwicklung der deutschen Rassekaninchenzucht und deren Organisation gestattet, die auch anderen Züchtern für die Zukunft Sorgen bereiten:
1. Es ist zu beobachten, dass in den letzten Jahrzehnten bei der Bewertung und demzufolge bei der Züchtung bzw. „Verbesserung“ von Kaninchenrassen extrem der nahezu einheitliche Typ bulliger, blockiger Tiere bevorzugt wurde, dies sogar im eklatanten Widerspruch zu dem, was in den Bewertungsbestimmungen für manche Rassen gefordert wird. Vom Hasenkaninchen diesbezüglich ganz zu schweigen, nenne ich als Beispiel die Englische Schecke, von der in den Bewertungsbestimmungen eine gestreckte, elegante Körperform verlangt wird, während bei der Bewertung so gut wie ausschließlich die kurzen, blockigen Tiere, möglichst brav wie ein Klotz auf dem Preisrichtertisch liegend, bevorzugt werden. Während sich der überwiegende Teil unserer Züchter von sich aus zu Hobbyisten entwickelt hat, wird in den Bewertungspraxen und damit in den erzwungenen Zuchtrichtungen bei nahezu allen Kaninchenrassen der sogenannte Wirtschafts- und Masttyp gefördert, der zu den maskulinen Typen der Häsinnen geführt hat mit der Folge, dass die Fruchtbarkeit, das Aufzuchtvermögen usw. erschreckend zurückgegangen sind. Die gleiche Entwicklung war und ist heute noch in der Taubenzucht zu beobachten, wo bei der Bewertung des weiblichen Geschlechts die übertriebenen männlichen Typen bevorzugt werden, und mit diesen „Mannsweibern" kam zwangsläufig der katastrophale Rückgang im Brut- und Aufzuchtvermögen. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass noch mehr – als ohnehin schon geschehen – kaputtgemacht wird, wenn wir nicht wieder zu dem von der Natur vorgegebenen Typus der Häsinnen zurückkehren: Eine Häsin muss in ihrer Gesamterscheinung, vor allem auch im Ausdruck ihres Kopfes „weiblich“ sein.
2. Einer einheitlichen Entwicklung von Kaninchenrassen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland stehen gewisse Probleme in unserer Organisation entgegen, da man es gar nicht so gerne sieht, wenn Züchter „grenzüberschreitend“ in Form von Arbeitsgemeinschaften usw. zusammenarbeiten wollen. Die Grenzen der einzelnen Landesverbände müssen einfach offener werden: Ich erinnere mich da einer spaßigen Geschichte, dass einem Spezialclub vom Landesverband die Durchführung einer grenzüberschreitenden Club-Vergleichsschau nur unter der Bedingung gestattet wurde, dass nur Preisrichter vom eigenen Landesverband verpflichtet werden. Verlauf und Ergebnis waren auch entsprechend.
3. Ein bisschen viel Glückssache ist es, so meine nicht nur ich, seine Tiere bei größeren Schauen, bis hin zu den Bundesschauen, bewertet zu bekommen. Es ist zwar lobenswert, wenn ein Preisrichter jede Kaninchenrasse gleichmäßig gut und richtig bewerten können sollte, aber dem steht entgegen, dass Preisrichter auch nur Menschen mit eigenen Empfindungen, Vorlieben, Ansichten und Neigungen sind und dass Preisrichter, die alle Rassen gleichmäßig beherrschen, eigentliche „Übermenschen“ sein müssten. Und solchen bin ich noch nicht allzu vielen begegnet. Das Wort von „Sonderrichtern“, wie es diese in der Geflügelzucht doch mit überwiegendem Erfolg gibt, wage ich ja gar nicht auszusprechen, aber bei der Bewertung der einzelnen Rassen bei Großschauen sollten doch generell Preisrichter eingesetzt werden, die die ihnen zugewiesene(n) Rasse(n) „beherrschen“. Eine besonders lustige Geschichte erlebte ich bei einer Bundesschau, als sich ein Preisrichter mit einem quicklebendigen Hasenkaninchen auf seinem Richtertisch abmühte: Der kleine Springnickel von Hasen- Rammler ging von sich aus so schön in Stellung, und dem Preisrichter gelang es trotz aller Mühen nicht, das Tier zur Bewertung der Position 2 (Körperform und Bau) in die „übliche“ Position, nämlich brav auf dem Bauch liegend, zu bekommen… Ich habe in meiner Dokumentation eine ganze Reihe Bilder von solcherart höchstbewerteten Hasenkaninchen, die für einen Kenner undiskutabel sowie für die Weiterzucht uninteressant und wertlos sind.
Zum Hasenkaninchen direkt:
Diese alte Rasse fällt sehr aus dem Rahmen, sie ist deshalb bei Kennern und Ästheten seit jeher sehr beliebt. Sie vollendet zu züchten ist ein Hochgenuss, und das, was die Urväter als Zuchtziel und Ideal wollten, ist im Grunde genommen heute noch gültig, auch wenn im Laufe der Zeit Standard-Änderungen und Zuchtrichtungen stattgefunden haben, die dieser edlen Rasse oft mehr geschadet als genutzt haben. Umso höher ist das Bemühen der Hasenkaninchen-Idealisten einzuschätzen, die sich durch nichts beirren ließen und in vielen Ländern diese Rasse den Idealvorstellungen näherzubringen versuchten. Die Arbeitsgemeinschaft unserer Hasenkaninchen-Clubs hat nach sehr eingehenden, internen Beratungen im Jahr 1992 eine neue Standard-Formulierung eingereicht, mit der sowohl für Züchter als auch für Preisrichter eine ganze Reihe sehr wichtiger Dinge genau und leicht verständlich formuliert wurde. Einige dieser Dinge sind in die derzeit gültige Rassebeschreibung dankenswerterweise eingeflossen, so dass es für jeden ernsthaften Züchter und Preisrichter schon interessant ist, den derzeitigen Gesetzestext genau zu studieren, sich einzuprägen und vor allem, in der Zucht und bei der Bewertung auch danach zu handeln! Meine nachstehenden Gedanken und Anmerkungen setzen beim Leser die Kenntnis der jetzigen Rassebeschreibung voraus und sollen diese verständlicher und transparenter machen.
Gewicht:
Hier gibt es eigentlich keinerlei Probleme in Zuchten, in denen auf die geforderte Körperlänge hingearbeitet wird. Das Idealgewicht bei guten Ausstellungs- und Zuchttieren liegt bei beiden Geschlechtern so bei 3,8 bzw. 3,9 kg in normalem Futterzustand.
Körperform und Stellung:
Da es sich bei Hasenkaninchen um eine ausgesprochene Sportrasse handelt und in der Position 2 eine ganze Reihe von Rassemerkmalen integriert ist, erfordert diese Position bei der Beurteilung und Bewertung einer ganz besonderen Sorgfalt! Insgesamt ähneln der Habitus und die Körperform deutlich der des Feldhasen. Der möglichst rohrförmige Körper ist sehr langgestreckt sowie vorne und hinten gleich breit, eine Forderung, die nach meiner Ansicht bei keiner anderen Rasse in der Vergangenheit und auch heute noch so sträflich vernachlässigt wurde wie gerade beim Hasenkaninchen. Im Vorspann zum Standard heißt es ausdrücklich: „Der Rumpf darf sich nach vorne nicht wesentlich verjüngen, eine gleichmäßige Körperbreite gilt als Ideal“.
Nach meiner Beobachtung rührt dieses Bewertungsmanko daher, dass übertrieben auf absolut abgerundete Hinterpartien geachtet wurde und wird. Bei Tieren, die schön fettgefüttert und hinten übertrieben breit sind, dazu brav mit dem Hintern direkt auf dem Boden aufsitzen, ist eine Runde Hinterpartie natürlich leichter zu erreichen, aber damit muss es noch lange kein gutes Hasenkaninchen sein! Ich habe in meiner Sammlung Dokumentarbilder von bei Bundesschauen höchstbewerteten und als Sieger herausgestellten Tieren, die hinten mehr als doppelt so breit wie vorne sind, dazu noch ordentlich „Kotflügel“ zeigen (auch nach außen gedrückte Hinterläufe bzw. -schenkel täuschen eine bessere Abrundung der Hinterpartie vor). Als ich in Sachen Standard-Neuformulierung auf Diplomatenreise war, schwärmte mir ein Mitglied eines Gremiums vor, wie gut ihm die Hasenkaninchen gefielen, die hinten so schön breit und rund sind und nach vorne so schön schmal würden. Ich weiß heute noch nicht, ob ich mich besonders beliebt gemacht habe, als ich den Mann höflich und freundlich berichtigen musste.
Unsere klare Forderung zu diesem Thema: Wenn beim in Stellung befindlichen Hasenkaninchen die Hinter- bzw. Lendenpartie optisch (d. h. für das Auge sichtbar) rund ist, dann muss dies ausreichen und in Ordnung sein! Es gibt nämlich viele wichtigere Kriterien dafür, ob ein Hasenkaninchen gut oder schlecht ist. So z. B., dass der Bauch beim 98 Hasenkaninchen überhaupt nicht oder nur ganz wenig in Erscheinung treten soll, so dass Ober- und Unterlinie des sehr langen Körpers somit parallel zueinander laufen. Weiterhin: Im Gegensatz zu anderen Rassen tritt der feine Hals deutlich in Erscheinung; ein Tier, bei dem der Kopf ohne deutliche feine Halspartie direkt auf dem Rumpf aufgesetzt ist, ist eben kein gutes Hasenkaninchen. Charakteristisch und besonders typisch gegenüber anderen Rassen, und damit ein wichtiges Rassemerkmal, ist die durch lange Vorder- und Hinterläufe bedingte extrem große Bodenfreiheit und sehr hohe, feldhasenähnliche Stellung sowie das durch Temperament, Zuchtauswahl und Gewöhnung geförderte lebhafte „In-Stellung-Gehen“.
Ein gutes Hasenkaninchen muss auf dem Tisch (natürlich mit einer griffigen Unterlage, z. B. nicht zu dicker Teppichboden) sich von selbst zeigen, ja förmlich „explodieren" – zumindest bei einem sanften Gegendruck in der Nackengegend muss es „kommen", ewiges Hochziehen an den Ohren sollte als überholt angesehen werden. Durch entsprechende Zuchtauswahl erreicht man mehr.

0,1 Hasenkaninchen
Fell:
Zu Recht wird das Fell beim Hasenkaninchen nur knapp mittellang und reichlich begrannt verlangt: Durch die relative Kürze des Fellhaares kommt die Figur besser zur Geltung und eine reichliche Begrannung ist wichtig für eine gute Schattierung. Das Fell soll sich „griffig“ anfühlen, also nicht zu weich und zu seidig, andererseits aber auch nicht zu hart, spröde und „glasig" sein. Dazu gehört auch eine dementsprechende Beschaffenheit der Unterwolle, deren Dichte zwar vorhanden, aber nicht übertrieben sein soll.
Läufe:
Der sogenannte „Katzentritt“ beim Hasenkaninchen wird nicht, wie im Standard interpretiert, durch die feinen (aber bitte nicht bleistiftdünnen) Vorderläufe an sich bewirkt, sondern durch die möglichst kurzen Zehen! Es muss auch einmal richtiggestellt werden, dass der oftmals als „Durchtreten" kritisierte Fehler in Wirklichkeit viel zu lange Zehen sind, denn das wirkliche „Durchtreten" geschieht im Handgelenk, und dieses muss natürlich beim in Stellung befindlichen Tier gerade und in Ordnung sein. Die Qualität der Vorderläufe eines Hasenkaninchens lässt sich nur bei einem freiwillig in Stellung gehenden Tier einwandfrei beurteilen; die berühmten „überdressierten", gerade noch auf den Zehenspitzen stehenden Tiere verheimlichen da oft ihre Fehler, man sollte da schon genau hinsehen!
Deckfarbe und Schattierung:
Der richtige Ton für die im Standard mit „kräftig leuchtend rot- braun“ beschriebene Deckfarbe ist eindeutig mit mahagonifarbig oder mahagoniartig zu definieren; dieser Mahagoniton bildet die beste Grundlage dafür, dass sich zusammen mit der sogenannten Schattierung die typische, optimal wirkende Deckfarbe beim Hasenkaninchen ergibt. Die Schattierung auf dem Rücken soll deutlich „flockig2 sein; sie entsteht durch die büschelartig beisammenstehenden, schwarzen Grannenhaare. Hier wurde in der Vergangenheit und wird noch heute bei der Beurteilung oft der Fehler begangen, dass zu wenig auf die Flockung bzw. auf die Schattierung geachtet wird und Tiere bevorzugt werden, die diese Eigenschaft überhaupt nicht besitzen, da die schwarzen Grannenhaare zu gleichmäßig in der Decke verteilt sind und damit keine Schattierung, sondern eher – ich weiß es nicht anders auszudrücken – eine „Schwarz-Silberung" vorhanden ist, und gerade das ist verkehrt! Als nicht gerade glücklich formuliert muss der Satz im Standard „Kinn, Bauch und Unterseite der Blume sind lohfarbig getönt" angesehen werden, da hier zu viel über einen Kamm geschoren wird: Während die Deckfarbe von Bauch und Kinn möglichst lohfarbig sein soll (wir können dies nach dem derzeitigen Rassestand auch verlangen), ist die Unterseite der Blume genetisch bedingt immer wesentlich heller, wichtig ist jedoch, dass die Unterseite der Blume lohfarbig abgetönt, also mit etwas Lohton überzogen ist.
Unterfarbe:
Die Unterfarbe, zusammen mit der noch zu erläuternden Zwischenfarbe ein Mittel zum Zweck zur Erreichung der optimalen Deckfarbe, soll erfahrungsgemäß kräftig mittelblau und nicht, wie oft bevorzugt, ein zu dunkler schwärzlich-blauer Farbton sein. Und übrigens: Wenn die Unterfarbe beim Hasenkaninchen richtigerweise nur mit etwa einem Drittel der Haarlänge, also nicht zu breit, gefordert wird, so kann die Unterfarbe im Bauchbereich genetisch nur in der Brust- und Schoßpartie auftreten, während dies genetisch im reinen Bauchbereich gar nicht möglich sein kann und deshalb falsch wäre. Aus diesem Grund kann das Wort „zumindest" im Standard-Text zu falschen Schlüssen führen, und es sollte einfach durch das Wort „lediglich" (oder „nur“) ersetzt werden.
Zumindest genauso wichtig für die Erzielung der richtigen Deckfarbe ist beim Hasenkaninchen die Zwischenfarbe, für die eigentlich eine eigene Position im Standard notwendig wäre; ersatzweise könnte diese zumindest in die Position 6 mit der Bezeichnung „Unter- und Zwischenfarbe“ integriert werden. Diese Zwischenfarbe, in etwa in der Breite der Unterfarbe (also ungefähr der Haarlänge) und zur Unter- sowie Deckfarbe möglichst scharf abgegrenzt, soll leuchtend rostartig oder ockerorange sein. Sie ist Voraussetzung für eine satte, leuchtend rotbraune Deckfarbe im richtigen Mahagoniton






