Von Adolf Rudolph, „Das Blaue Jahrbuch“ 1989
Die Öffentlichkeitsarbeit oder Public Relations (PR) nimmt innerhalb aller Gesellschaftsformen, gleich welcher politischen oder ideellen Ausrichtung, einen bevorzugten Platz ein. Sie bestimmt weitgehend das Meinungsbild und auch den Umgang von Menschen miteinander. Ganz hart formuliert könnte es heißen: Die PR bestimmt den Alltag. Keine Vereine oder Gruppierungen können sich der PR-Arbeit auf Dauer entziehen. Aus dieser Pflicht entstehen Möglichkeiten, die durchaus positive Aspekte entstehen lassen. Bevor aber überhaupt etwas in der PR- Arbeit unternommen wird, muss eine klare Erfassung und Analyse der vorhandenen Situation vorliegen und danach dann die Konzeption der Arbeit ausgerichtet werden.
Situationserfassung
Die Erfassung der Situation setzt sich aus folgenden Einzelabschnitten zusammen:
1. Tätigkeitsbereich des Vereins
1.1 Dorf Kleinstadt
1.2 1.3 Stadtteil
1.4 Großstadt
2 2.1 Mitgliederzahl Gesamtzahl
2.2 Aktive Züchter
2.3 Passive Züchter
2.4 Jugendliche
2.5 Weibliche Mitglieder
2.6 Mitglieder im Rentenalter Ausstellungs- und Versammlungslokal
3.1 Nicht vorhanden
3.2 Beengte Räumlichkeit
3.3 Nur Versammlungsraum – kein Ausstellungsraum
3.4 Großzügige Räume – mit Ausstellungsmöglichkeit
3.5 Ganzjährig verfügbare Räume
3.6 Nur zeitweise verfügbare Räume
3.7 Gemeinschaftsanlage mit Tieren
3.8 Gemeinschaftsanlage nur für Versammlungen und Ausstellungen
4 Züchterische Aktivitäten
4.1 Gezüchtete Rassen
4.2 Beteiligung an Schauen und Veranstaltungen
4.2.1 Auf Orts- und Kreisebene
4.2.2 Auf Landes-, Bundes- und Europaebene
5 Sonstige Aktivitäten
5.1 Partnerschaften mit anderen Vereinen, die gleiche Interessen verfolgen
5.2 Partnerschaften mit anderen Vereinen, die eine andere Zielsetzung haben
5.3 Beteiligung an Dorffesten, Umzügen und Aktivitäten anderer Vereine
5.4 Tätigkeiten im Bereich des Umweltschutzes
5.5 Gemeinschaftliche Unternehmungen (Ausflüge, Wanderungen, Schaubesuche usw.) 5.6 Caritative Tätigkeiten
6. Kontaktpflege
6.1 Nur zu örtlichen Zeitungen
6.2 Nicht vorhanden
6.3 Nur zu Behörden
6.4 Kontakte werden nicht gepflegt
6.5 Der Verein ist weitgehend unbekannt
6.6 Der Verein ist in seinem Bereich bekannt
6.7 Zuschüsse werden gewährt/nicht gewährt
Anhand dieses groben Rasters kann jeder Verein eingeordnet werden und sich selbst noch exakter einschätzen. Diese Einschätzung ist wichtig, da danach auch die Zielsetzung erfolgt.
Zielsetzung
Ohne Ziel zu arbeiten ist eine planlose Verschwendung von Arbeit. Es gibt dazu zwar auch den Spruch von dem blinden Huhn, das manchmal auch ein Korn findet, aber die Planung wird daher nicht unwichtiger. Gerade im Bereich der PR-Arbeit wird auch heute noch eine klare Konzeption vermisst. Es wird immer wieder versucht, hier Abhilfe zu schaffen, aber ohne nennenswerter Erfolg. Jeder versucht sein Glück auf seine Weise und versinkt nach mehreren vergeblichen Abläufen in Mutlosigkeit. Um einen Erfolg zu haben, der auch motiviert, setze man das Ziel nicht so hoch. Ein kleiner Erfolg ist immer noch besser als der schönste Misserfolg.
Das Zielvorhaben muss sich auch realisieren lassen und sollte von allen Mitgliedern getragen werden. Entscheidend ist dabei, wie das Vorhaben den Mitgliedern „verkauft“ wird. Pessimisten sind als Vorarbeiter fehl am Platz. Es gilt Optimismus zu verbreiten und Realist zu bleiben. Das Hauptanliegen in allen Vereinen ist entweder die Festigung des Ansehens oder dessen Anhebung. Mit der damit verbundenen Aufwertung der bisherigen Mitglieder steigt auch deren Selbstwertgefühl und dadurch auch die Motivation für andere Leistungen. Gleichzeitig möchten andere Mitmenschen zu diesem Kreis gehören, da mit der Zugehörigkeit auch die Anhebung des eigenen Ansehens verbunden ist. Um diesen Weg erfolgreich zu beschreiten, kann doppelgleisig gefahren werden. Zuerst wird innerhalb des Vereins gearbeitet und evtl. vorhandene Streitereien werden beigelegt. Disziplin und Kameradschaft sind Voraussetzungen, damit neue Mitglieder einen positiven Eindruck erhalten. Ist der innere Wert des Vereins in Ordnung, kann durch die Einbindung von Leitfiguren eine positive Arbeit geleistet werden. Bei der Wahl dieser angesehenen Mitbürger muss sichergestellt sein, dass sich diese auch mit dem Verein identifizieren. Es nützt dem Verein nichts, wenn ein prominenter Schirmherr gefunden wird, der dann eine Vertretung zur Eröffnung der Schau entsendet.
Wege zum Ziel
Als Kaninchenzüchter haben wir den Vorteil, mit lebenden Tieren umzugehen, die bei keinem Mitmenschen Aggressionen hervorrufen. Das Kaninchen mit seinem streichelweichen Fell, den großen Ohren und den großen runden Augen ist prädestiniert für Hinwendung und Streichelbedürnisse. Die Schau ist damit als bester Werbeträger vorgegeben. Es gilt nur darauf zu achten, dass diese Möglichkeit nicht zur „Losbude“ verkommt.
Schauen bieten sich auch deshalb an, weil viele, zumindest ältere Menschen, Erfahrungen mit der Kaninchenhaltung haben. Sie sind auch als Besucher unproblematisch, weil der Verzehr von Kaninchenfleisch ihnen nicht unbekannt ist. Die jungen Besucher, die Kaninchen nur als Streicheltiere kennengelernt haben, bieten für eine erfolgreiche Arbeit größere Probleme. Hier kommen wir selbst immer in einen Widerspruch, da wir immer erklären, dass wir unsere Kaninchen lieben. Aber wie macht man diesen Besuchern klar, dass man seinen Liebling „in die Pfanne haut“? Schuldzuweisungen sollen hier nicht getroffen werden, aber es ist offensichtlich ein Widerspruch zwischen unserer derzeitigen Aussage und der Tatsache. Die Aussage von dem „Hobby mit Herz“ führt zwangsläufig dann in eine Sackgasse, wenn nach dem Verbleib der Tiere gefragt wird. Auch hier wird deutlich, dass eine klare Analyse vor Beginn einer PR-Arbeit notwendig ist, wenn sich die Aussage nicht als unglaubhaft erweisen soll.
Selbstverständlich müssen die Belange des Tierschutzes und der einwandfreien Haltung in allen Zuchtanlagen erfüllt sein. Sogenannte „vereinigte Hüttenwerke“ sind als Haltungshinweis nicht nützlich. Schließlich wird der Wert einer Freizeitgestaltung auch an deren Aufwendung gemessen.
Wichtigster Werbeträger wird aber immer die Kaninchenausstellung und deren Ausstattung bleiben. Die Frage ist nur, wie der Höhepunkt des Vereinslebens repräsentativ und damit werbewirksam wird. Auch hier ist zuerst die Zielsetzung klar abzudecken. Wir müssen uns von der Meinung freimachen, die Veranstaltung für fachlich orientierte Besucher durchzuführen. Bei einer Europa-, Bundes- oder Landesschau kann dieses Ziel – eine Fachschau – durchaus verfolgt werden. Hier ist durch die großen Mitgliederzahlen eine große Zahl von Fachbesuchern möglich. Bei einem Verein, der eine geringe Mitgliederzahl aufweist, ist die Zahl der Fachbesucher begrenzt. Sollen Besucher freiwillig und gern kommen, so muss sich die Veranstaltung diesem Ziel unter- ordnen. Ausschlaggebend ist auch nicht die absolute Rekordzahl von Tieren, sondern ein abwechslungsreiches Rassenspektrum in einem schönen Rahmen. Wie man Kaninchen vorstellen kann, wurde uns 1985 auf der Europaschau in Dänemark vorgeführt. Hier verweise ich auf die entsprechenden Veröffentlichungen in unserer Fachpresse „Deutscher Kleintier-Züchter“.
Wichtig ist es, endlose Käfigreihen zu vermeiden und einzelne Blocks zu bilden, die wiederum eine abgeschlossene Aussage bilden. Dazu gehört auch eine Ausschmückung, die beim neugierigen Besucher Freude und Wohlwollen aufkommen lässt. Ideen gibt es dazu genug. Abgerundet wird das Bild durch Jungtierausläufe und die Erzeugnisschauen. In die Veranstaltung muß alle Anstren- gung gelegt werden, die der Verein aufbringen kann.
Dass ein gut vorbereiteter Pressebericht „mit Schreibmaschine niedergeschrieben“ bei der Eröffnung vorhanden ist, braucht nicht extra erwähnt zu werden. Aber dieser Zeitpunkt ist eigentlich schon zu spät, denn der Pressebericht, der die Besucher motivieren soll, muss vorher erscheinen. Dieser Vorbericht sollte folgende Ziele enthalten:
1. Aufmerksamkeit erregen
2. Sympathie wecken
3. Verständnis schaffen
4. Vertrauen erringen
Um den Redakteur zu entlasten, ist auch hier eigene Arbeit notwendig, d. h. der Bericht liegt vor oder wird dem Redakteur zugesandt. Da der Absender meist nicht persönlich bekannt ist, wird von der Abfassung und Gestaltung des Artikels auch auf die Person geschlossen.
Eine Information muss die bekannten sieben „W“ umfassen:
1. Was (Gegenstand/Thema)
2. Wer (Personen)
3. Wann (Zeitraum)
4. Wo (Ort)
5. Wie (Veranstaltungsform)
6. Warum (Ursache, Grund)
7. Wozu (Zweck/Ziel)
Dies soll kein Fachartikel über den Umgang mit der Presse werden, sondern nur die Wichtigkeit dieser Medien verdeutlichen. Ohne Presse, die die Meldungen verbreitet, ist der Verein auf Plakate und Flugblätter angewiesen. Die üblichen Plakate sind dabei sicherlich nur für den Fachbesucher interessant und nicht für den Neugierigen. Versammlungen, öffentliche Tierbesprechungen, Einladungen zum Besuch von Zuchtanlagen und nicht zuletzt eine Sprechstunde für Halter von Kaninchen sind weitere Möglichkeiten, die einen Verein im Ortsbereich bekannt und beliebt machen können. Über vereinsfremde Aktivitäten, wie Teilnahme an Umzügen usw., braucht an dieser Stelle nicht gesprochen zu werden. Aber die gesamten Aktivitäten fallen in die zweite Hälfte des Jahres. Von Januar bis Juni passiert kaum etwas, was die Öffentlichkeit erfährt. Hier liegt die große Gefahr, die den Erfolg der Arbeit in Frage stellt. Da sollte angesetzt werden und wenn die Mitteilung noch so mühsam ist. Die Ziele und die Möglichkeit müssen an dem Vereinsraster ausgerichtet sein. Es gilt zu überlegen, was im Vereinsleben passiert, und wie es „an den Mann gebracht“ werden kann. Der Themenkatalog reicht von der Geburt der Jungtiere, der Aufzucht, dem Stallbau, der Tierhaltung bis zur Ernährung des Menschen. Nicht der sture eingefahrene Vereinsablauf ist gefragt, sondern unkonventionelles Denken. Ein Öffentlichkeitsarbeiter muss so denken, wenn er Erfolg haben soll.
Kein Personenkult
Wenn Öffentlichkeitsarbeit auf der Basis der eigenen Person betrieben wird, begeht man eine schmale Gratwanderung. Aus diesem Grund sind „Profilneurotiker“ auch nicht geeignet für diese Arbeit.
Wer nur sich selbst in der Zeitung sehen will, ohne positive Aspekte der Kaninchenzucht dabei zu vertreten, handelt nicht im Sinne der Gemeinschaft. Selbstverständlich kann die eigene Person in das Spiel gebracht werden, um die Gemeinschaft der Kaninchenzüchter interessant zu machen, aber auch nur deshalb.
Der Vorsitzende nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Als gewählter Vertreter ist er die Leitfigur der öffentlichen Meinung. Die Arbeit zur Verbesserung des Ansehens wird daher auf diese Person konzentriert. In einer Gemeinde, wo sich die meisten Leute kennen, bereitet das weniger Probleme als in einer Stadt. Hier muss erst ein Bekanntheitsgrad erlangt werden, und das gelingt am besten durch die Teilnahme an den Festen anderer Vereine, die einen anderen Zweck haben. In diesem Kreis findet schnell ein Kontakt statt, da dort auch „Vereinsmenschen“ angetroffen werden. Auf dieser Basis kann zielbewusst die Arbeit vorangetrieben werden, die dann beim gegenseitigen Kennenlernen aller Vereinsmitglieder gipfeln. Wichtig bleibt, dass das Ziel nicht aus den Augen verloren wird und keine Selbstüberschätzung oder Überheblichkeit eintritt. Schauspieler, die nur auf den großen Auftritt warten, sind hier fehl am Platz und gehören besser auf eine Heimatbühne. Bescheidenheit, Zielstrebigkeit und Toleranz zeichnen einen werbewirksamen Vorsitzenden aus. Das schafft die Sympathie, die sich alle wünschen und die dem Verein dient.





