von Dr. S. Matthes, Celle

in „Das Blaue Jahrbuch“ 1984

Pasteurelleninfektionen werden in Kaninchenbeständen häufig angetroffen und sind wegen ihres oft seuchenhaften Auftretens sehr gefürchtet. Sie nehmen meist einen chronischen Verlauf, können aber auch unter dem Bild einer akuten septikämischen Allgemeinerkrankung innerhalb kurzer Zeit zum Tode führen und hohe Verluste fordern. Die Ansteckung erfolgt durch Einatmen der Krankheitserreger, die an Staubpartikel oder an infizierten Tieren durch Niesen ausgeschiedenen Sekrettröpfchen haften, seltener durch Eindringen der Keime in Hautwunden oder über die Lidbindehäute. Eingeatmete Pasteurellen bleiben in der Nasenhöhle hängen oder breiten sich von da aus direkt oder über das Blut in andere Organe aus (Abb. 1).

Abb. 1 Ausbreitungsmöglichkeiten für Pasteurellen im Kaninchen

Abhängig vom Sitz der Erreger im Organismus, ihrer Virulenz und anderen Faktoren, entwickeln sich unterschiedliche Krankheitsbilder und Verlaufsformen. Die in Kaninchenbeständen am häufigsten zu beobachtende Erscheinungsform einer Pasteurelleninfektion ist die mit „Ansteckender Schnupfen“ bezeichnete Erkrankung der oberen Atemwege (Nasen-, Nasennebenhöhlen). Aus der Besiedlung der Nasenhöhle mit Pasteurellen ergibt sich eine klinische Erkrankung in der Regel allerdings nur, wenn der infizierte Organismus unter der Wirkung krankheitsfördernder Faktoren in seiner Abwehrkraft geschwächt ist. Krankheitsbegünstigend wirken alle Einflüsse, die zu einer Reizung der Nasenschleimhaut mit verstärkter Schleimabsonderung führen, z. B. ungünstige klimatische Bedingungen (feucht-kalte Witterung), Zugluft, hoher Ammoniak- und Feuchtegehalt der Stalluft, Staub. Neben Pasteurellen werden auch andere Bakterien (z. B. Borde- tella bronchoseptica, Staphylococcus aureus) als Erreger des „Ansteckenden Schnupfens“ angesehen, doch spielen sie nach dem derzeitigen Kenntnisstand eine untergeordnete Rolle.

Ursache:

Pasteurella multocida (sporenlose, gramnegative, coccoide Bakterien).

Inkubationszeit 1-14 Tage.

Krankheitszeichen:

Ansteckender Schnupfen

Charakteristisch ist der zunächst wässerige, später schleimig- eitrige Nasenausfluss. Die Nasenöffnungen sind verklebt oder verkrustet. Die Tiere reiben sich häufig die Nase. Es stellen sich Niesen, Schniefen, Röcheln und Husten ein. In akuten Fällen verstärken sich die Atembeschwerden rasch. Der Tod tritt nach 2-8tägiger Krankheitsdauer ein. Bei chronischem Krankheitsverlauf können sich die klinischen Erscheinungen (Niesen, Nasenausfluss) vorübergehend abschwächen, gelegentlich auch ganz verschwinden, um nach einiger Zeit erneut erkennbar zu werden. Die Tiere zeigen Fressunlust, Mattigkeit, magern ab und gehen nach längerer Krankheitsdauer an allgemeiner Entkräftung ein. Bei der Sektion findet man in den Nasen- und Nasennebenhöhlen je nach Krankheitsstadium akute oder chronische Entzündungsprozesse (Rötung und Schwellung der Schleimhaut, wässerige oder eitrige Sekretmassen).

Enzootische Pneumonie

Bei raschem Krankheitsverlauf (Tod nach 12-24 Stunden) wenig ausgeprägt, sonst zunehmende Atembeschwerden nach anfänglich schnupfenähnlichen Erscheinungen (Niesen, Nasenausfluss). Krankheitsdauer 2-10 Tage. Schnelle Ausbreitung im Be- stand.

Bei der Sektion findet man eine ein- oder beidseitige eitrig- fibrinöse Brustfell-Lungenentzündung (Pleuro-Pneumonie).

Sonstige Erscheinungsformen einer Pasteurelleninfektion

erkrankte Organe

klinisches Bild

Krankheitsverlauf

Behandlung

Septikämie

plötzlicher Tod ohne klinische Krankheitserscheinungen

per akut

entfällt

Gehörgang, Hirnhäute

Schiefhalten des Kopfes, Gleichgewichtsstörungen

chronisch/ akut

zwecklos

Auge/ Lidbindehäute

Schwellung und Rötung der Lider, schleimig-eitriger Augenausfluss -, Verklebung der Haare unter den Augen, Krustenbildung, Anschwellungen im Kopfbereich (Phlegmone)

akut/ chronisch

eventuell antibiotische Augensalbe; keine Waschung mit Kamillenaufgüssen!

Uterus, Hoden, Nebenhoden

Häsin: wässriger oder schleimig- chronisch eitriger Scheidenausfluss, Unfruchtbarkeit Rammler: Hodenschwellung, Unfruchtbarkeit

zwecklos Tiere von der Nachzucht ausschließen

Haut/ Unterhaut

erbsen- bis faustgroße Abszesse (Eiteransammlungen) in der Haut und Unterhaut, besonders im Halsbereich

chronisch

nicht sinnvoll; einzelne Abszesse können event. gespalten und anti- biotisch versorgt werden

Gelenke

Schwellung, Bewegungsstörung

chronisch

zwecklos

Krankheitsfeststellung:

Klinisches Bild und Sektionsbefund unter Ausschluss ähnlicher, aber auf andere Ursachen zurückgehende Erkrankungen (Myxomatose, Lungenentzündung, Listeriose, Vitamin-A-Mangel u.a.). Sicherung der Diagnose durch den Erregernachweis (Labor).

Vorbeugung und Bekämpfung:

Vorbeugende Maßnahmen

Neuzugänge und von Ausstellungen zurückkommende Kaninchen mindestens drei Wochen lang in Quarantäne halten. Zukauf von Tieren nur aus nichtinfizierten Beständen. Widerstandskraft der Tiere durch gehaltvolle, vitaminreiche Fütterung stärken. Anforderungen an eine hygienische Tierhaltung beachten.

Die Schutzimpfung als prophylaktische Maßnahme Bekämpfung der Pasteurellose, speziell ihrer Erscheinungsform „Schnupfen“ ist wiederholt versucht worden, hat bisher aber keine ermutigenden Ergebnisse gebracht. Durch Impfung lässt sich die Schwere der klinischen Erkrankung mildern und die Zahl der infektionsbedingten Todesfälle reduzieren, vakzinierte Kaninchen können aber Keimträger und Keimausscheider sein und somit eine Ansteckungsgefahr für andere Tiere bedeuten. Für eine Bestandssanierung eignet sich die Impfung nicht; sie kann in Mastkaninchenbeständen zum Schutz der Jungtiere eingesetzt werden.

Pasteurellenvakzinen sind derzeit im Handel nicht erhältlich, sie müssten bei Bedarf von einem entsprechenden Labor hergestellt werden.

Eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten (Antibiotika) ist nicht sinnvoll und kann auch nicht empfohlen werden, wenn Kaninchen zu Ausstellungen geschickt werden sollen. Der mit den zur Verfügung stehenden Präparaten erzielbare Wirkstoffspiegel reicht nicht aus, um eine Ansteckung während der meist mehrere Tage dauernden Ausstellung zu verhindern.

Die derzeit wirkungsvollste Methode zur Krankheitsprophylaxe ist die Schaffung von pasteurellenfreien Zuchtbeständen mit regelmäßiger Kontrolle ihres Keimstatus und Verringerung des Infektionsrisikos durch aufzucht- und stallhygienische Maßnahmen bei gleichzeitiger Ausschaltung der krankheitsbegünstigenden Faktoren.

Ausgegangen wird von einem infizierten Bestand, aus dem zunächst die klinisch sichtbar kranken Tiere entfernt werden.

Durch mehrmalige Untersuchung von Nasenabstrichen (2-3mal in 4-8wöchigen Abständen) werden unter den klinisch gesunden Kaninchen die Keimträger ermittelt und abgesondert. Pasteurellenfreie Zuchttiere werden in einen sorgfältig gereinigten und desinfizierten Stall überstellt und für die Nachzucht verwendet. Ihr Keimstatus wird regelmäßig kontrolliert (1-2mal jährlich).

Bei der Aufzucht von Kaninchen mit verkürzter Zwischenwurfzeit, d. h. Paarung der Häsin bei puerperaler Brunsterregung 24-36 Stunden nach dem Wurf und Absetzen der Jungtiere im Alter von 26-28 Tagen, kann so auch mit wenigen Zuchttieren innerhalb kurzer Zeit ein größerer Bestand aufgebaut werden. Als wichtige infektionshemmende Maßnahme ist die räumliche Trennung des Zuchtbestandes mit Mutterhäsinnen und den noch nicht abgesetzten Jungtieren vom Aufzucht- und Maststall für die abgesetzten Tiere dringend geboten.

Ist in einem Bestand die sofortige Ausmerzung infizierter Zuchttiere nicht möglich (wertvolles Zuchtmaterial, andere Gründe), so kann die Gewinnung nichtbelasteter Jungtiere über Umwege, d.h. Behandlung bzw. Vakzination der Muttertiere versucht werden. Der Erfolg wird abhängen von der konsequenten Durchführung besonderer aufzuchthygienischer und infektionsprophylaktischer Maßnahmen und der Überwachung des Keimstatus. Pasteurellenfreie Jungtiere können für den Aufbau einer unbelasteten Zucht herangezogen oder gemästet werden. Verglichen mit dem direkten Weg auf der Grundlage der Ausmerzung der Keimträger ist das indirekte Verfahren aufwendiger und unsicherer und sollte nicht generell zur Anwendung kommen.

Bekämpfungsmaßnahmen

Bei Seuchenfeststellung Tötung der erkrankten Kaninchen und deren unschädliche Beseitigung. Anschließend gründliche Reinigung und Desinfektion. Geräumte und desinfizierte Buchten bzw. Käfige mindestens 14 Tage lang leer stehen lassen. Haltungsbedingungen verbessern (Ställe gut lüften, aber Zugluft vermeiden; Ammoniak- und Feuchtegehalt der Stalluft gering halten; Stalltemperatur regulieren). Futter auf Vollwertigkeit überprüfen. Strenge Isolierung kranker und krankheitsverdächtiger Tiere, sofern deren Ausmerzung nicht sofort möglich ist. Betroffene Kaninchen nicht auf Ausstellungen schicken und von der Nachzucht ausschließen.

Tenazität ( Widerstandsfähigkeit)des Erregers:

Pasteurellen sind wenig widerstandsfähig und werden durch Desinfektionsmittel auf Formaldehyd- oder Phenobasis rasch abgetötet. 1%tige Natron- oder Kalilauge bzw. chlorhaltige Präparate (Chloramin, Chlorkalk) sind ebenfalls zur Desinfektion geeignet.

Behandlung:

Bei akutem Krankheitsverlauf kommt eine Behandlung zu spät. Bei Erkrankung der Lunge, der Haut/Unterhaut, der Gelenke, der Fortpflanzungsorgane, des Innenohres oder der Hirnhäute ist sie zwecklos.

Liegen lediglich Schnupfensymptome (Niesen, Nasenausfluss) vor, kann in Einzelfällen eine Behandlung mit Antibiotika (z. B. Spectam, A.-S.-Suspensionen u.a.) nach Resistenztestung des vorliegenden Pasteurellenstammes (Labor) versucht werden. Die Präparate sind mittels Injektion mehrere Tage lang zu verabreichen. Erzielt wird eine vorübergehende Besserung, im günstigsten Fall auch eine klinische Ausheilung. Nicht erreicht wird die vollständige Abtötung der im Nasen- und Nasennebenhöhlenbereich angesiedelten Keime, so dass ein erneutes Auftreten von Krankheitserscheinungen bei Schwächung der Abwehrkräfte des Organismus jederzeit möglich ist.

Zur Sanierung eines Bestandes mit dem Ziel der Ausmerzung des „ansteckenden Schnupfens“ ist der Einsatz von Antibiotika nicht geeignet, da die behandelten Tiere Keimträger und Keimausscheider bleiben. Als Ursache für die unbefriedigenden Behandlungserfolge sind die besonderen anatomischen Verhältnisse der Kopfhöhlen des Kaninchens anzusehen, die eine spontane Entleerung der sich im Verlaufe der Erkrankung in den Nasennebenhöhlen gebildeten Eitermassen verhindern.

Bei Entzündungen der Lidbindehäute sind antibiotische Augensalben anwendbar. Waschungen mit Kamillenaufgüssen sind nicht zu empfehlen, da Kamille die Hornhaut aufweicht und dadurch bleibenden Schäden Vorschub leistet.

Gefahren für Tierhalter und Haustiere: Keine.

Vorheriger ArtikelRHD endet meist tödlich
Nächster ArtikelNotwendige Fellpflege
Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.