Friedrich Joppich, Berlin „Das Blaue Jahrbuch“ 1957

Wenn wir heute auf die Ausstellungen, insbesondere die größeren und führenden, kommen, treffen wir als Preisrichter in der Hauptsache immer wieder dieselben alten Haudegen, die wir schon seit Jahrzehnten als gute alte Freunde kennen. Sie werden aber immer weniger. Betrachten wir die Jahresberichte der Richterorganisationen, sowohl des Westens als des Ostens Deutschlands, stellen wir mit Bedauern fest, dass der Abgang an alten bewährten Preisrichtern, die durch Tod, Krankheit und andere Alterserscheinungen von uns gehen, zu Bedenken Anlass geben muss. Es gilt also die Frage des Preisrichter-Nachwuchses ernstlich zu erwägen und alles zu unternehmen, was dazu dient, die Lücken im Bestand auszugleichen. Wenn es auch nicht möglich sein wird, soviel Preisrichter heranzubilden, wie es nach dem Umfang der Schauen in der kurz zusammengedrängten Ausstellungsperiode, besonders im November um die Totensonntagszeit herum, der Wunsch der Vereine sein mag, so muss aber doch daran gedacht werden, dass mit dem Wachstum der Züchterorganisation auch das Ausstellungs- und Wettbewerbswesen sich wesentlich erweitert hat und im Zuge der neuzeitlichen Züchtungsforderungen mehr Richter als früher benötigt werden.

Zahlenmäßig aufzuholen wäre es nicht so schlimm, viele neue Preisrichter zu entwickeln, denn „Preisrichter werden ist nicht allzu schwer, aber Preisrichter bleiben umso mehr". Es liegt weder für die Züchterorganisation noch viel weniger für die Fortentwicklung der Rassekaninchenzucht nach dem geforderten Leistungsprinzip ein Interesse dafür vor, auf dem kürzesten Wege eine große Anzahl neuer Richter zu schaffen, die dann in der Praxis versagen und der Sache bald wieder Valet sagen. Wenn man schon selber beinahe ein halbes Jahrhundert Preisrichter und mit dem Zucht- und Ausstellungswesen vollständig vertraut ist, hat man schon Dutzende von neuen Richtern kennengelernt und ebenso schnell wieder gehen sehen. Verblieben ist indessen nur der alte Stamm und ein zu geringer Teil Zuwachs, der nicht aus materialistischen Gründen zu uns gekommen ist, sondern aus Liebe zum Tier und Idealismus zur ganzen Sache. Solche Richter, denen die Kaninchenzucht eine Herzenssache und Lebensaufgabe geworden ist, fehlen uns leider noch eine ganze Menge.

Wir werden umso mehr Umschau halten müssen, solche Züchter zu finden und diesen dann die Kenntnisse zu vermitteln, die nötig sind, um ein tüchtiger Meister zu werden. Wir kennen auch im Preisrichterfach „Lehrlinge, Gesellen und Meister". Um Meister zu werden, muss man schon eine gute Lehre hinter sich haben, die bei uns in der „Zucht der Tiere" besteht. Wer züchterisch keine Erfolge erreicht, hat wenig Aussicht, ein guter Richter zu werden. Andererseits haben wir aber auch Züchter, die seit vielen Jahren Erfolge in der Zucht haben, aber dabei doch nicht imstande sind, die Tiere richtig einzustufen und zu bewerten. Es ist schon etwas daran, wenn gesagt wird, das „Zeug zum Preisrichter muss man von Geburt aus mitbekommen".

Wer nicht den richtigen Blick für Tiere und das Interesse dafür schon von Jugend auf besitzt, wird zwar nach Abschluss der Lehr- und Gesellenzeit in manchen Fällen auch noch die Prüfung als Preisrichter, die sich meines Erachtens heute zu stark auf rein theoretische Dinge bezieht, bestehen, aber er wird zeitlebens in der Praxis ein Stümper bleiben. Solche Stümper haben wir, die man wohl noch für kleine Ortsschauen und andere weniger bedeutsame Veranstaltungen verpflichten kann. Große Schauen von Ruf werden sie nie zu richten die Ehre haben.

Was uns heute fehlt, sind gute „Allgemeinrichter", die auf Grund ihrer vielseitigen Kenntnisse und dem Weitblick in der Lage sind, in allen Situationen die Dinge zu meistern, die an sie herangetragen werden. Der Preisrichter muss also nicht nur die Kaninchenrassen und die Bewertungsvorschriften kennen, sondern er muss auch mit den Organisationsfragen der Züchter und dem weiteren Geschehen, was sich mit der Zucht alles verbindet, vollständig vertraut sein. Von einem Richter, insbesondere in seiner Ausbildungs- und Entwicklungszeit, muss erwartet werden, dass er sich auch als aktiver Funktionär in der Organisation betätigt. Der Begriff Preisrichter ist unlösbar mit dem praktischen Geschehen in der Zucht und der Züchterorganisation verbunden.

Die Laufbahn zum Preisrichter steht jedem Züchter offen, der sich befähigt dazu fühlt und durch eine, in der Regel mindestens fünfjährige Züchterpraxis in der Rassekaninchenzucht, die Vorbedingungen für seine Aufnahme als Anwärter geschaffen hat. Die Vereine und ganz besonders die Spezialklubs, bei denen man ja annimmt, dass dort insbesondere schon erprobte Züchter vorhanden sind, müssten geeignete Mitglieder, die Freude an einer Entwicklung zum Preisrichter haben, von sich aus ausfindig machen und in Vorschlag bringen. Es kann der Vorstand des Preisrichterverbandes nicht immer wissen, wo befähigte Nachwuchskräfte sitzen, so dass die Mithilfe der Züchterorganisation hier angebracht ist. In den einzelnen Landesverbänden ist es viel einfacher, diese zu ermitteln und zu veranlassen, dass sie sich für das verantwortungsvolle, aber auch ebenso schöne und interessante Amt als Preisrichter entscheiden. Gibt es wirklich etwas Schöneres und Edleres auf der Welt, als sich mit Tieren und der Natur zu beschäftigen? Ich glaube es nicht. Man hat dabei seine innere Erholung und bleibt lange jung und frischen Geistes.

Um sich vor großen Enttäuschungen zu bewahren, wird zweckmäßigerweise eine Aufnahmeprüfung für den Anwärter durchgeführt, die mündlich oder schriftlich erfolgen kann. Sie ist für beide Teile angebracht und dient dem Zwecke, festzustellen, ob der Anwärter über die elementarsten Grundlagen, die für die Ausbildung erforderlich sind, auch wirklich verfügt.

Obgleich das Wichtigste nach wie vor noch immer die praktische Tierbewertung, also die Kenntnisse um die Rassen und deren Zucht darstellt, muss man heute von einem Preisrichter noch etwas mehr als früher verlangen. Die verschiedenartigen Preisermittlungen aus dem Standgeld und Stiftungen unter Abzug eines gewissen Prozentsatzes für Unkosten, klassenweise Aufschlüsselung der Gelder usw. stellen Rechenaufgaben, die in einigen Minuten gelöst werden müssen. Ein gut abgefasster Aufsatz für die Fachpresse, ebenso Bericht mit Kritik über die Schau muss man heute schon von jedem Preisrichter verlangen können. Und nicht zuletzt muss er bei Versammlungen und Zusammenkünften der Züchter in der Lage sein, über fachliche Dinge Auskünfte zu geben und nach Möglichkeit auch Referate zu halten. Die Aufnahmeprüfung kann, in einfachster Form gehalten, schon Zeugnis davon ablegen, wieweit der Anwärter das „Zeug“ dazu hat, um Richter zu werden. Man soll es dem Anwärter in höflicher, sachlicher Form lieber beizeiten sagen, wenn seine Fähigkeiten noch zu schwach oder nicht ausreichend dazu sind, als dass er sich jahrelang vergeblich herummüht und dann am Ende die Schlussprüfung doch nicht besteht.

Hat ein Züchter die Aufnahmeprüfung bestanden, kann er sich durch Studium der Fachliteratur und die laufende Ausbildung in der praktischen Tierbewertung so weit fortbilden, dass er nach einem Jahr schon die Prüfung zum „Hilfspreisrichter“ ablegen kann. Vorteilhaft wird es immer sein, wenn man bei jeder Gelegenheit mit einem bekannten Richter zu den Bewertungen fährt und dort Hilfsdienste als Schreiber usw. leistet. Wer bei einem alten Hasen in allen Dingen gut aufpasst, die Augen und Ohren offen hält und nicht mehr redet, als nötig ist, wird bald die Kniffe, auf die es ankommt, erfasst haben. Das Ei darf sich nur nicht klüger dünken als die Henne, dann gibt es ein gutes Verhältnis zwischen Meister und Lehrling. Und dann nicht immer bei dem gleichen Richter als Schüler amtieren, sondern die Gepflogenheiten von vielen Meistern belauschen und erkunden, dazu seine eigenen Ideen hinzutun und der Erfolg ist ein ungleichviel größerer, als wenn man nur mit einem Richter aus der Bequemlichkeit heraus auf den Schauen im engeren Kreis herumrutscht. Die Welt formt den Menschen, auch den Preisrichter, also heraus auf viele und große Schauen, da gibt es etwas zu sehen und zu lernen.

Andererseits zeigen aber gerade junge Züchter vielfach Hemmungen gegenüber älteren Richterkollegen und getrauen sich nicht zu melden. Auch mich haben vor 50 Jahren die wenigen damaligen Prominenten kritisch angesehen, aber da ich Kenntnis und Mut genug aufbrachte, wurde ich bald vollwertig gehalten und amtierte mit den Lehrmeistern zusammen in kürzester Zeit auf den größten Schauen, ja sogar zu deren Leidwesen dann verschiedene Male auf internationalen Veranstaltungen. Heute Richter zu werden, ist doch ganz wesentlich einfacher und verursacht viel, viel weniger Unkosten, da ja überall Richtergruppen bestehen, die Schulungen durchführen, die keinen Vergleich an Zeit und Geld gegenüber früher aushalten. Was zu einem Preisrichter gehört, ist neben seinen fachlichen Kenntnissen ein ehrenhafter Charakter, denn er ist sehr vielen Versuchungen der verschiedensten Art ausgesetzt und wird ihm da so allerlei in die Schuhe geschoben, wenn die geringsten Anhaltspunkte dazu gegeben erscheinen. Unbestechlich muss ein Richter sein und bleiben. Ein dickes Fell bekommt er im Laufe seiner Tätigkeit ganz von selbst, dass er unbedingt haben muss, sonst hält er es kein halbes Jahrhundert aus, das Richteramt so auszuführen, wie dies zur Förderung der Zucht, denn dazu ist er ja einzig und allein da, nötig ist.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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