Heidrun Eknigk, Finsterwalde „Das Blaue Jahrbuch“ 2010
Eigentlich sollte in diesem Jahr allein das Thema „Eisengrau – ein separater Farbenschlag“ besprochen werden. Jedoch noch immer, nein, schon wieder herrscht eine ziemlich große Unsicherheit unter den Züchterinnen und Züchtern, wenn es darum geht, die drei Grundfarben der schwarzwildfarbigen Fellfarben (Hasen-, Wild- und Dunkelgrau) zu definieren.
Ausgelöst wurde eine neue Angst, als irgendein Buschfunk verkündete, die vor einigen Jahren eingeführte Zuchtgruppenmeldung solle wieder geändert werden. Nach dieser Regelung durften bei den Ausstellungsmeldungen hasengraue und wildgraue Tiere der entsprechenden Rassen eine Zuchtgruppe (ZG) bilden. Die andere Variante war, dass dunkelgraue und eisengraue Tiere der entsprechenden Rassen eine zweite ZG bilden. Nun hieß es im besagten Buschfunk und in Forendiskussionen, die Meldung der „Grauchen“ solle künftig den exakten Farbenschlag des Einzeltieres in einer Gruppe definieren, obwohl dann die Ausstellung in den Zuchtgruppen wie gehabt erfolgen dürfe. Gut so!
Bevor mir vom ZDRK-Präsidium erneut, eine schlechte Recherche oder gar Polemik vorgeworfen wird, darf ich wohl hinzufügen: Jedes Gerücht beruht auf einem Stückchen Wahrheit. Und nun kommt diese Änderung, wie bis heute (Juni) bekannt wurde! Es ändert aber nichts an der Tatsache, unsere Züchterinnen und Züchter benötigen für die Unterscheidung immer noch Hilfe.
Die Neuordnung, die vor einigen Jahren durch die Standardfachkommission eingeführt wurde, die schwarzwildfarbigen und eisengrauen Rassen in den oben genannten Trennungen in Schauen und Zuchten zu regulieren, war teilweise eine gute Sache. Aber eben nur teilweise!
Unsichere Züchter der Schwarzwildfarbigen hatten nun die bessere Möglichkeit, die „weißbäuchigen“ Tiere der ZG-Hasen-/ Wildgrau, andererseits die „dunkelbäuchigen“ Tiere einer zweiten, nämlich der Gruppe Dunkel-/Eisengrau zuzuordnen.
Entschuldigen Sie die sehr vereinfachte Beschreibung, doch so lassen sich zunächst die Gruppen ohne viele Umschweife besser trennen.
Die hasen- und wildgrauen „Weißbäuchigen“
Ich hatte in meinem Buch „Kaninchenvererbung“ bereits all die Unsicherheiten genannt, aber auch in einigen Publikationen angemahnt, man möge es lernen, die Grauvarianten zu unterscheiden. Grauunsicherheiten sind keinesfalls der Standardfachkommission und keinem Zuchtrichter anzulasten.
Eine Ungewissheit – eher Unwissenheit – bestand eigentlich schon immer, wurde manchem einschlägigen Zuchtfreund erst durch die oben genannte Neuordnung bewusst, weil sie bei dem allumfassenden Begriff „Grau“ nie so genau auf Details zu achten brauchten. Ich möchte aber auch ganz deutlich sagen, es gab andererseits schon immer Züchter, welche die jeweilige Schattierung der Schwarzwildfarbigkeiten sehr wohl unterscheiden konnten und sie farbrein züchteten. Gleiches gilt für passionierte Züchter der eisengrauen Rassen.
Zum Hasen- und Wildgrau
Besonders bei Einzeltieren (ohne Vergleichstiere) ist es vielfach schwer zu sagen, um welche Schattierung der beiden Schwarzwildfarbigkeit es sich gerade handelt. Zuchtrichter haben immer nur ein Tier auf dem Tisch! Bei den vorkommenden Mixturen darf dem Richter durchaus ein fragender Blick zugestanden werden, wenn beispielsweise ein Tier weder dem standardisierten Hasen- grau noch dem Wildgrau entspricht. Erschwert wird eine Einstufung noch, wenn eine A-B-C-D-Bewertung stattfindet und praktisch vier Zuchtrichter eine Sammlung (ZG) bewerten. Eine Absprache zwischen den vier Amtierenden, während der Bewertung ist aus Gründen der Loyalität nicht vorteilhaft. Dies könnte von Schreibern und Zuträgern als „negative Absprache“ gewertet werden. Also bewerteten sie zugunsten des Tieres.
Die Regelung der Trennung weißbäuchige und dunkelbäuchige Graue in jeweils eine Zuchtgruppe zu stellen hatte Vor- und Nachteile.
Vorteil: Die bislang unsicheren Zuchtfreundinnen und Zuchtfreunde mixten nun nicht mehr weißbäuchige mit dunkelbäuchigen Farbenschlägen, sondern richteten sich schon ein wenig nach den Bauchdeckfarben. So blieben wenigstens sie im Rahmen einer eingeschränkten Mischung der farblichen Anlagen.
Nachteil: Das helle Hasengrau wird immer mehr verschleiert, das zeigt sich an Tieren, bei denen die Deckfarbe des Rückens reichlich dunkel begrannt ist, die Schattierung an den Seiten jedoch abrupt geringer wird. Andererseits haben (z. B.) die vermeintlich wildgrauen Tiere einen großen Nackenkeil oder eine reichlich breite Zwischenfarbe – beides sind ursprüngliche Kennzeichen für Hasengrau.
Die Schoßflecken
Die größte Unsicherheit sind gegenwärtig die Schoßflecken. Kommen sie bei beiden Schattierungen vor? In „Expertenwissen Rassekaninchenzucht“, Zwergwidder, 4. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, erschienen bei Oertel+Spörer 2007, führt der Autor Walter Hornung die Gemeinsamkeiten von Wildgrau und Hasengrau auf. Bei der „Abgrenzung der Farbgruppen“ sind unter Farbgruppe 2 die Schoßflecken benannt: „Bauch weiß bis cremefarbig mit bräunlichen bis gelb- bzw. rostbraunen Schoßflecken.“
Zudem war schon in früheren Bewertungsrichtlinien neben der farblichen Beschreibung beider Nuancen noch der Hinweis gegeben, dass Wildgrau die gleichen übrigen Merkmale hat, wie sie beim Hasengrau vorkommen. Schoßflecken gehören zu den Wildfarbigkeitsmerkmalen. Der Vergleich zu früheren Standardhinweisen hat nichts mit dem Zeitgeist oder mit neuen Ansichten der Züchtung zu tun, sondern hier ist die Vererbung grundlegend.
Nichts Neues, doch erwähnenswert
Zuerst muss man sich ganz einfach im Klaren darüber sein, dass bei den drei schwarzwildfarbigen Nuancen nicht von einzeln Farbenschlägen ausgegangen wird, sondern diese als Schattierungsgrade (hasen-, wild- und dunkelgrau) zu verstehen sind. Noch immer gilt für diese die wissenschaftliche Aussage der genetisch gleichen Anlagensymbole ABCDG/ABCDG.
Sehr gute Anmerkungen zum Thema finden sich bei Dr. F. K. Dorn, 5. Auflage, 1984, Seite 57, der im Verlauf seiner Ausführungen tatsächlich von Hell- und Dunkelhasengrau als Schattierungen der hasengrauen Fellfarbe spricht.
„Die hasengraue Fellfarbe ist dem Wildgrau des Wildkaninchens gleich. Da Wildgrau in fast allen Büchern der Kaninchenzucht neben Hasengrau erwähnt wird, möchte ich zunächst vom Fell des Wildkaninchens sprechen. Als man anfing, die Entstehung der Fellfarben aller Kaninchenrassen wissenschaftlich zu erforschen, ging man von der Urrasse des Hauskaninchens, dem Wildtier, aus. Sein Fell wurde als wildfarbig bezeichnet, was – züchterisch betrachtet – fast gleichbedeutend mit hasengrau ist. Hätte es vor 80 Jahren bereits eine Erbwissenschaft gegeben, die sich auf das Kaninchen erstreckt, so wäre möglicherweise der Begriff Hasengrau gar nicht entstanden…. Die Züchter wären mit Wildgrau ebenso zufrieden gewesen.“
Weiter führt Dr. Dorn aus, dass der Begriff „Wildgrau“ neben den verschiedenen Schattierungen der hasengrauen Felle erwähnt wird, ohne allerdings in Züchterkreisen irgendeine Rolle zu spielen. Weiter im Zitat: „Wenn schon die Züchter in ihren Zuchtbüchern und Ausstellungsformularen hasengrau und dunkelhasengrau kaum auseinanderhalten können, geschweige denn dunkelhasengrau und dunkelgrau, so ist zu verstehen, dass sie mit der wissenschaftlichen Bezeichnung ‚wildgrau‘ schon gar nichts mehr anzufangen wissen.“
Dr. Dorn plädierte seinerzeit dafür, dass das Wort „wildgrau“ aus „der Amtssprache unserer Organisation“ gestrichen würde, da das Nebeneinander von Hasen- und Wildgrau nur zu Unklarheiten führe. Letztlich verweist er darauf, dass „das Fell der Wildkaninchen in seinen Farbtönen auch nicht einheitlich ist.“ Zugegeben, diese Aussage erscheint beim ersten Lesen etwas verwirrend, deshalb verwende ich weiterhin die uns Züchtern bekannteren Farbbezeichnungen.
Der Weg aus dem Farbdilemma
Ich erlaube mir die Empfehlung dahingehend, dass zuerst die Standardbeschreibungen von jedem Züchter ernsthaft gelesen werden. Die Merkmale sind bis auf die Schoßflecken bei beiden „weißbäuchigen“ Farbtypen sehr gut beschrieben. So sollte/dürfte bei künftiger Zuordnung und Beurteilung beider Schattierungsarten nicht das Hauptaugenmerk auf diese Flecken gelegt werden, um sie einer Schattierung zuzuordnen. Viel wichtiger wäre zunächst die Unterscheidung der Fellfarben in Deck-, Zwischen- und Unterfarbe im Zusammenhang mit den sonstigen Wildfarbigkeitsmerkmalen.
Beispiele für Farbunterschiede
Ich vermeide es, lange Texte zu den feinen, kleinen Unterschieden zu schreiben, und greife nur die wesentlichsten Merkmale heraus.
Hasengrau (nach Dorn hellhasengrau) ist die hellste Farbe, die durch eine geringere Schwarzbegrannung der Decke und Brust gekennzeichnet ist. Nun, die Farbbeschreibung ist bei Haar-, folglich Mischfarben, keine so leichte Sache, wie jeder verstehen wird. Doch darauf komme ich nach dem Text zu Wildgrau nochmals zurück.
Hasengrau ist selten in einer erbbiologischen Reinheit anzutreffen. Grund dafür: Manche Züchter legen mehr Wert auf eine etwas stärkere, schwarze Schattierung der Deckfarbe und fürchten beispielsweise die Aufhellung der Flanken oder Farbverblassungen an den Läufen. Kreuzungen mit anderen dunkleren Nuancen fanden statt. Bei der Zuchtauslese empfiehlt sich sehr viel Fingerspitzengefühl. Nur einige fehlerhafte Kriterien: auffallend helle Seiten/Flanken, Bindenansätze/Binden, helle Schenkel, reichlich schwarze Granne auf der Decke.
Wichtig ist auf jeden Fall die 5-7 mm breite und scharf abgrenzende Zwischenfarbe, die das Haarkleid farblich in seiner Lebhaftigkeit unterstützt, ja leuchten lässt.
Wildgrau (nach Dorn dunkelhasengrau) ist im Vergleich insgesamt etwas dunkler, besitzt aber alle Merkmale der Wildfarbigkeit. „Etwas dunkler“ bezieht sich das auf das gesamte Farbbild der schwarzwildfarbigen „Mittelklasse“.
Wildgraue Phänotypen sind durch die stärkere Schwarzeinlagerung im Haar insgesamt dunkler, haben einen kleineren Nackenkeil und eine breitere Ohrsäumung als hasengraue Rassen. Alle typischen Wildfarbigkeitsmerkmale sind vorhanden und gut erkennbar.
Die Zwischenfarbe ist mit 4-6 mm weniger breit, aber auch deren Ton ist dunkler als bei Hasengrau.
Der Standard gibt gute Anhaltspunkte bei der optischen Beschreibung beider Farbtypen:
Die Deckfarbe Hasengrau: „helleres Graubraun mit einer schwächeren Schattierung, welche die Decke gleichmäßig erscheinen lässt",
die Deckfarbe Wildgrau: „intensiv graubraun mit einer kräftigen, schwarzen, bündelartigen Schattierung“
Danach könnte es eine Lösung sein, dass jene Tiere, die aufgrund ihres Schattierungsgrades eher zum Wildgrau passen, auch als Wildgrau geführt werden. Ich spreche allein von der Handhabung in den Zuchten, die sicherlich durch zuchtorientierte Bewertungen unterstützt werden. So wäre m. E. der nächste Schritt im vorerst fließenden Übergang zur Erbreinheit anzustreben.
Spaltet da das hellere Hasengrau heraus, muss auch der tierverliebteste Züchter konsequent bleiben und merzen oder das Tier einem Zuchtfreund geben, der eben die helle Variante züchtet. Ich denke, das wäre eine Lösung, mit der unsere Mitglieder der Standardfachkommission, die Zuchtrichter und Züchter zufrieden sind.
Strikte Trennung der Dunkelgrau-/Eisengrau-Kombinationen in Zucht und Schau
Dunkelgrau unterscheidet sich gut von den beiden bis hierher beschriebenen Schwarzwildfarben. Eine Trennung von Eisengrau ist zwingend, wenn Dunkelgrau bleiben soll, was es erbbiologisch ist, nämlich ein Schattierungsgrad der Grund-Wildfarbe. Es gibt bislang keine andere wissenschaftliche Begründung, die dunkelgraue Farbanlage anders zu bezeichnen.
Eisengrau (ABeCDG/ABCDG) hat nichts mehr mit Dunkelgrau (ABCDG/ABCDG) gemeinsam. Eisengrau ist ein separater Farbenschlag, wie die Erbformel zeigt. Schon die intermediäre Vererbung in der Reinzucht spricht eine andere Sprache. Die Zuchten, in denen eisengraue Tiere mit dunkelgrauen Tieren verpaart werden, sind verwerflich. Auch diese Praxis wird eines Tages zur Folge haben, dass dunkelgraue Tiere ihre schöne, phänotypische Eigenart gänzlich verlieren. Um den Beitrag nicht allzu lang zu führen, verweise ich auf meine erklärenden Aussagen und Beispiele im Buch „Kaninchenvererbung“, aus dem Verlag Oertel+Spörer, Reutlingen, 1. Aufl., Seite 34 ff., und 2. Aufl., Seite 33 ff.
Hasenfarbe verlangt ihre Eigenständigkeit
Ein gravierender Fehler ist es auch, wenn die Hasenfarbe (ABCDGY…/ABCDGy…) in einem Atemzug mit den schwarzwildfarbigen (hasengrauen, wildgrauen und dunkelgrauen) Farben genannt wird. Hasenfarbe ist ebenfalls ein separater Farbenschlag. Auch hier empfehle ich die oben genannte weiterführende Literatur (beide Auflagen: Seite 46).





