Von Michael Gerker, Melle-Buer „Das Blaue Jahrbuch“ 2000
Als Karl Becker aus Stadtlengsfeld in Thüringen Ende der sechziger Jahre seine Kleinchinchilla mit japanerfarbigen Kaninchen, die aus Rheinischen Schecken stammten, verpaarte, ahnte er bestimmt nicht, was er damit ins Rollen brachte. Er erzüchtete auf diesem Wege das Rhönkaninchen, dessen Zeichnung wir heute auch bei einigen anderen Rassen kennen. Durch den Chinchillafaktor wurde das Gelb der japanerfarbigen Tiere unterdrückt und es entstand ein Kaninchen in der Größe der Klein-Chinchilla mit weißer Grundfarbe und streifig-geblümter schwarzgrauer Zeichnung.
Schon 1973 wurden die ersten Rhönkaninchen bei der DDR-Siegerschau in Leipzig ausgestellt, und Mitte der siebziger Jahre begann man auch in Westdeutschland mit der Röhnkaninchenzucht. 1981 wurden die Rhönkaninchen in der ehemaligen DDR zugelassen und 1985 erfolgte die Zulassung in der Bundesrepublik.
Durch Lücken im Standard wurden dann auch Farbenzwerge, rhönfarbig, ausgestellt und Ende der achtziger Jahre wurden Deutsche Kleinwidder und Widderzwerge, rhönfarbig, erzüchtet und vorerst als Neuzüchtung bei Landes- und Bundesschauen gezeigt. Die rhönfarbigen Kaninchen gefielen mir schon immer, doch damals züchtete ich Dalmatiner-Rexe, dreifarbig. Da es sich hierbei um eine spalterbige Rasse handelt, fallen auch einfarbige Tiere, sprich Japanerfarbige. Die meisten dieser Rexe waren aber fast schwarz und hatten eigentlich keine Ähnlichkeit mit Japanern. Doch die Tiere mit mehr Gelbanteil hatten eine interessante Zeichnung, die an die Rhönkaninchen erinnerte. Dadurch fasste ich Ende 1989 den Entschluss, rhönfarbige Rexe zu erzüchten – im Prinzip auf dem gleichen Weg wie damals Karl Becker. Anhand der Japaner-Rexe konnte man ahnen, wie die, noch etwas Kontrastreichere, grau-weiße Zeichnung auf dem Rexfell aussehen würde, doch es war noch schwer vorstellbar, da ja noch niemand ein solches Kaninchen gesehen hatte.
Am Anfang war alles Theorie Mir war klar, dass Kreuzungsversuche und Neuzüchtungen genehmigungspflichtig sind und so stellte ich, bevor ich überhaupt mit der ganzen Zucht begann, im Februar 1990 einen Antrag an den Landesverband Weser-Ems. Diesem Antrag wurde schon eine Musterbeschreibung beigefügt. Das war eine wirklich spannende Sache, da ich damals noch Jungzüchter war und wir gerade in der Schule die Vererbungslehre durchnahmen. Jetzt konnte ich das Ganze auch einmal praktisch ausprobieren.
Im März 1990 ließ ich zwei japanerfarbige Rexhäsinnen, die eine fast schwarz, die andere zu etwa gleichen Teilen gelb und schwarz, bei einem Zuchtfreund von einem Chin-Rex-Rammler belegen. Aus dieser Verpaarung fielen planmäßig nur graue Nachkommen, die entfernte Ähnlichkeit mit Castor-Rexen hatten. Anfang Juni kam dann die große Überraschung. LV-Vorsitzender Günter Rektor und einige weitere Mitglieder aus dem LV kamen und wollten sich das Zuchtvorhaben vor Ort ansehen. Die Jungtiere hatten mit Rhön-Rexen nicht viel gemeinsam, doch das hatte man auch nicht erwartet.
Die beiden Häsinnen warfen im Juli noch einmal von einem anderen Chin-Rex-Rammler, und so hatte ich aus vier Würfen ca. 25 Nachkommen, die sich hervorragend entwickelten. Ich behielt von den grauen Rexen vier Rammler und zwölf Häsinnen und nahm ab Oktober 1990 Geschwisterpaarungen vor, um vorerst zwei getrennte Linien zu behalten.
Nach der Mendelschen Vererbungslehre sollten bei dieser Art der Weiterzucht unter sechzehn Jungtieren neun Graue, drei Japanerfarbige und ein Rhönfarbiges auftreten.
Aller Anfang ist schwer
Die Vererbungslehre war für viele nur trockene Theorie. Kein Züchter aus dem Bekanntenkreis konnte sich vorstellen, dass aus dieser Kreuzung Rhön-Rexe fallen. In den ersten Würfen der F2- Generation gab es wirklich nur einfarbige Nachkommen, und nach mehreren Monaten kamen auch mir erhebliche Zweifel. Erst im Februar 1991 lag der erste Rhön-Rex im Nest, und der war fast weiß, mit nur einem Fleck am Kopf und am Schenkel.
Die Vererbungslehre hatte mich ganz schön im Stich gelassen. Von über 200 Nachzuchttieren von Oktober 1990 bis April 1991 waren nur fünf Rhönfarbige dabei. Zwei davon waren formlich nicht besonders ansprechend, so dass im Endeffekt mit nur drei Tieren weitergezogen wurde. Im September kam dann schon ein Wurf der F3-Generation zur Welt, und alle acht Jungtiere waren rhönfarbig. Da die Rhön-Rexe ab dem 10. 10. 1991 als Neuzüchtung (nicht mehr als Kreuzung) zugelassen wurden, bekamen diese jetzt ein »N« vor dem Vereinstäto.

1,0 Rhön-Rexe. Foto: B & S-Fotostudio.
Schnell gab es auch Züchter, die großes Interesse zeigten, und ab Anfang 1992 züchteten Klaus Karschewski (LV Weser-Ems) und Manfred Möhlmann (LV Westfalen-Lippe) mit. Das folgende Zuchtjahr verlief nicht sehr erfolgreich, die Zeichnung war meistens zu voll und so konnten im Februar 1993 in Oldenburg nur vier Tiere ausgestellt werden. Das Ergebnis: dreimal „ sehr gut, einmal gut“.
Nach dieser Schau, die mit einigen Werbemaßnahmen begleitet wurde, war der Zuspruch riesengroß. Jetzt wurden auch Zuchttiere in die südlichen Landesverbände abgegeben. Besonders in den Landesverbänden Bayern und Hessen-Nassau fanden sich viele Züchter. Die Rhön-Rexe wurden dann bei mehreren LV-Schauen gezeigt und auch in größerer Anzahl bei den Bundesschauen. Es gab sehr gute Ergebnisse, aber auch harte Rückschläge. So wurden zuerst auch sehr stark gezeichnete Rexe ausgestellt, was nicht einmal bemängelt wurde. Doch schlimmer waren die Wammen, lose Fellhaut und teilweise auch Kahlstellen an den Läufen.
Mehrere Züchter gaben bei diesen Schwierigkeiten und dem Warten auf die Zulassung die Zucht wieder auf. Die anderen blieben hartnäckig dabei und verbesserten innerhalb kurzer Zeit durch Selektion ihre Linien.
Ganz unabhängig von allem erzüchtete Marc Arheidt aus Karlsruhe die Rhön-Rexe Mitte der Neunziger auf gleichem Wege heraus. Dies war sehr vorteilhaft, da man so fremdes Blut in die Zucht bekam.
Der eigentliche Durchbruch kam bei der letzten Bundes-Rammlerschau in Saarbrücken. Dort standen 32 Rhön-Rexe von sechs Züchtern aus fünf Landesverbänden. Sehr ansprechend waren die Formen und markanten Köpfe, ebenso der Größenrahmen und die Zeichnungen. In den Reihen der Neuzüchtungen waren jetzt viele Besucher anzutreffen, die einfach begeistert waren. Das Ergebnis hat letztendlich auch die Standardkommission überzeugt, so dass die Rhön-Rexe am 1. 1. 2000 in den Einheitsstandard des ZDK aufgenommen werden. Ganz herzlichen Dank an die Züchter, die bis zur Anerkennung durchgehalten haben.
Auch in Tschechien war sofort Interesse vorhanden. Josef Semirád bekam im Sommer 1993 Tiere von mir und fand Mitstreiter für die Rasse. Die Züchter bauten sich danach eine eigene Linie auf. Mittlerweile sind die Rhön-Rexen dort schon ein paar Jahre anerkannt und man sieht auch schon sehr schöne Rassevertreter. Die Farben haben teilweise eine besondere Intensität. 1999 wurden die Rhön-Rexe in Luxemburg zugelassen.
Die Standardforderungen
Aufgrund der Abstammung habe ich mich von Anfang an entschieden, die Rhön-Rexe bei den größeren Rexrassen einzuordnen. Das geforderte Gewicht liegt somit bei 3,5 bis 4,5 kg. In der Anfangszeit waren die Tiere größenmäßig sehr unterschiedlich. Einige kamen nur knapp auf Gewicht, andere lagen bei 4,3 kg. Heute haben sich die Größeren durchgesetzt, und des Öfteren liegen überjährige Tiere auch oberhalb des Höchstgewichtes.

1,0 Rhön-Rexe. Foto: B & S-Fotostudio
Gefordert wird wie bei allen Rex-Kaninchen der Rextyp. Er ent- spricht dem Urtyp des Castor-Rex. Die einzelnen Körpermerkmale treten stärker in Erscheinung als bei den Normalhaarrassen. Jedoch darf man als Züchter nicht zu große Kompromisse eingehen. Leicht abstehende Schenkel z. B. sollten nicht akzeptiert werden. Der Körper wird leicht gestreckt gefordert, möglichst gleichmäßig breit. Die Rückenlinie verläuft ebenmäßig, die Hinterpartie ist gut gerundet. Insgesamt haben sich die Tiere in dieser Hinsicht verbessert. Nur die Abrundung müsste noch besser werden. Bei den Läufen sollte darauf geachtet werden, dass sie gerade und kräftig sind und die Tiere sich in einer bodenfreien Stellung gut zeigen. Der Hals tritt kaum in Erscheinung. Bei den Häsinnen sollte man weiter bestrebt sein, die Wammen wegzuzüchten. Nur bei überjährigen Tieren werden sie sich nicht vermeiden lassen, wie es auch bei den anderen Rexrassen der Fall ist. Beim Rammler darf sie auch für die Zucht nicht akzeptiert werden. Ebenfalls muss man auf Tiere mit loser Fellhaut oder Falten am Bauch verzichten.
Gute Fellqualität besonders wichtig
Bei den Fellen ist eine Länge von 17 bis 20 Millimeter gefordert, bei der Bewertung wird dies zwar nicht nachgemessen, aber die Haarlänge sollte nicht zu kurz werden. Außerdem muss man in der Zucht auf Tiere mit zu harter oder zu langer Granne verzichten. Die feinen, nicht gekrümmten Grannenhaare sollen mit dem Unterhaar in gleicher Höhe abschneiden. Die Grannenspitzen dürfen aus dem Wollflaum höchstens 1 Millimeter herausragen.
Bei einem dichten, weichen Fell kommt die Zeichnung am besten zur Geltung. Die einzelnen Haare dürfen weder wellig sein noch Locken bilden. Sie müssen über eine genügende Stabilität verfügen. Wenn man mit der flachen Hand über das Fell streicht, sollen sie fast senkrecht stehenbleiben oder nur langsam in ihre Ausgangslage zurücksinken. Bleiben die Haare gegen dem Strich liegen, so ist dies ein Anzeichen von zu dünnem Fell. Der Nacken ist möglichst lockenfrei. Kahlstellen an den Sprunggelenken müssen bei gestrecktem Lauf verdeckt werden.
Kopf und Ohren
Bei den meisten Rexrassen gehört diese Position zur Körperform. Bei den Rhön-Rexen haben wir uns entschieden, diese gesondert zu bewerten.
Der Kopf ist ein wenig länglich. Stirn- und Schnauzenpartie sind breit. Die Backen sollen kräftig sein, so dass der Kopf schön rundlich wirkt. Die Ohren sollen straff aufgerichtet getragen und in der Länge und Breite zum Körper passen. Durch die Felllänge erscheinen sie etwas länger als bei den Normalhaarrassen. Die Züchter sollten auch besonders darauf achten, dass die Ohren an den Spitzen nicht faltig sind, sondern schön offen gehalten werden. Bei der letzten Bundes-Rammlerschau waren diesbezüglich sehr schöne Vertreter zu sehen.
Hauptrassemerkmal ist die Zeichnung
In Hinsicht auf die Zeichnung hat sich die Standardkommission an die Beschreibung der Rhönkaninchen gehalten. Gefordert wird eine Zeichnung aus Flecken, Streifen und Spritzern, die über den ganzen Körper möglichst gleichmäßig verteilt sein sollen. Kopf, Ohren und Läufe sind mit einbezogen. Die Blume bleibt unberücksichtigt.
Hier möchte ich ergänzend erwähnen, dass man keine gleichmäßig „schimmelige“ Zeichnung möchte. Sie sollte etwas streifig bzw. getigert sein. Es müssen auch klare weiße Stellen vorhanden bleiben. Eine scharf abgegrenzte, symmetrische Zeichnung, wie sie beim Japanerkaninchen gefordert wird, ist nicht erwünscht.
Zu den leichten Fehlern gehören: Fehlen von Zeichnung an einem Ohr oder beiden Vorderläufen, etwas volle, grobe oder verschwommene bzw. etwas schwache Zeichnung und geteilte Kopfzeichnung.
Zu den schweren Fehlern gehören: Gänzliches Fehlen von Zeichnung am Kopf und/oder an beiden Ohren, kreuzweise geteilte Kopf- und Ohrenzeichnung, zu große Zeichnungsfelder bzw. Felder ohne Zeichnung, die mehr als ein Viertel des Körpers bedecken; stark verschwommene Zeichnung. In der Zucht sollte man nicht auf Tiere mit „Japanerzeichnung“ verzichten. Diese vererben meist schöne kräftige Farben.
Interessantes Farbspiel
Auf dem Kurzhaar entsteht ein wunderbares Farbspiel aus der weißen Grundfarbe und der graufarbig bis schwarzgrauen Zeichnungsfarbe. Je intensiver und klarer die Farben sind, umso besser ist das gesamte Farbbild. Es muss besonders differenziert werden, dass in dieser Position die Zeichnung nicht mitbewertet wird. Ein zu vollgezeichnetes Tier darf hier nicht noch ein zweites Mal bestraft werden.
Die Krallenfarbe ist im Vergleich zu den Rhönkaninchen meist dunkelhornfarbig, wobei sie auch hellhornfarbig erlaubt ist. Zweierlei Krallenfarbe wird als leichter Fehler gewertet. Die Augenfarbe ist braun.
Die Zucht der Rhön-Rexe
Die Zucht der Rhön-Rexe ist nicht mit der einer Scheckenrasse zu vergleichen. Die Standardbeschreibung grenzt diese Rasse nicht so stark ein, und man kann einen Großteil der Tiere ausstellen. Die Würfe fallen jedoch unterschiedlich aus. Dabei ist es fast egal, ob man mit hellen, dunklen oder gutgezeichneten Rhön-Rexen züchtet. Die meisten Züchter verfahren wohl nach dem Schema Hell x Mittel oder Mittel x Dunkel. Selbst bei gleichen Verpaarungen kann das Ergebnis jedes Mal anders aussehen. Manchmal gibt es Würfe mit acht gutgezeichneten Nachkommen oder es kann auch nur eines sein.
Die Rhön-Rexe werfen meist sehr gut. Acht bis neun Jungtiere sind keine Seltenheit. Sicherlich wird unsere neu anerkannte Rasse in den nächsten Jahren viele neue Freunde finden. Bisher als Neuzüchtung war es etwas abschreckend, dass man nur bei Landes- und Bundesschauen ausstellen durfte. Doch mehrere Züchter haben auf die Zulassung gewartet, um ab diesem Zeitpunkt mitzuzüchten. So sollte man doch davon ausgehen, dass es in den nächsten Jahren in allen Landesverbänden Rhön-Rexe zu bewundern gibt, da die Züchter schon heute in ganz Deutschland verteilt sind. Die Anerkennung hat der Rasse sehr weitergeholfen und im neuen Jahrtausend wird die Zucht bestimmt noch weiter vorangebracht.





