Von Ulrich Reber „Das Blaue Jahrbuch“ 1996
Ausgewachsene Kaninchen sind eigentlich Dauerfresser. Die Tiere nehmen im Verlaufe eines Tages 70 bis 80 kleine Mahlzeiten zu sich. Eine solche Kaninchenmahlzeit dauert nur ein oder zwei Minuten.
Kaninchen sind Pflanzenfresser. Sie sind in der Lage, viele Pflanzenarten zu verwerten. Sind keine großen Leistungen gefordert, kann das Kaninchen sehr energiearmes Futter fressen.
Gute Futterverwerter
Wegen seiner arttypischen Verdauung hat das Kaninchen die Fähigkeit, geringwertiges Futter optimal zu nutzen. Das hat jedoch auch Nachteile: Die Ausnutzung auch sehr geringwertigen Futters erfordert eine lange Darmpassage. Fütterungsfehler rächen sich daher besonders und machen das Tier krank. Daher muss gerade bei der Fütterung der Jungkaninchen Sorgfalt walten. Zwar sind Kokzidiose freie Jungtiere nicht unbedingt sehr anfällig gegenüber Futterwechseln, aber Obacht ist immer angezeigt.
Man kann über die „Fütterung" der Jungkaninchen durchaus unterschiedlicher Ansicht sein. Aber an einer Tatsache wird man nicht vorbeikönnen: Im Grunde beginnt die „Fütterung" der jungen Kaninchen zu dem Zeitpunkt, an dem sie mit ungefähr drei Wochen das Nest zeitweilig verlassen. Wenn das Jungtier teils noch saugt, andererseits bereits in bescheidenem Maße beim Futter mitfrisst, ist es sehr stark infektionsgefährdet. Gutes Wachstum der Jungen ist nur dann zu erwarten, wenn der Darm der Tiere nicht von Kokzidien überbevölkert wird. Diese Gefahr ist allerdings besonders dann gegeben, wenn das Futter auf dem Buchtenboden liegt.
Bis zum Absetzen
Wenn das Jungkaninchen nun langsam mit dem Fressen beginnt, lernt es auch, das Futter über den Geruchssinn auszusortieren. Das bereitet jedoch keine Probleme, weil bei den Tieren noch in gewissem Maße eine Fähigkeit zur Futterselektion genetisch angelegt ist, die noch nicht völlig durch die Domestikation zurückgedrängt wurde.
Im Stall bestimmt der Züchter, wie das Tier weiterleben wird: Er setzt es von der Mutter ab, vielleicht auch von den Geschwistern. Auch das hat Einfluss auf die Futteraufnahme des Jungtieres. Diese Trennung erfolgt meist im Alter von fünf bis sechs Wochen.
Es gibt Züchter, die die Jungen länger bei der Mutter lassen. Sie haben dafür Gründe: Weil die Jungkaninchen viel Bewegung brauchen, um das Skelett und die inneren Organe richtig entwickeln zu können, gibt es heute wieder mehr Züchter, die die Jungen mit der Häsin in einem großen Laufstall unterbringen. Das erspart Arbeit. Manche Züchter halten ihre Tiere auch wieder im Gehege. Die Vor- und Nachteile der einen oder anderen Haltungsweise können hier nicht erörtert werden.
Das Absetzen
Das Absetzen kann auf unterschiedliche Weise erfolgen: Zunächst ist es möglich, dass man die noch kleineren Jungen beisammen lässt und die Häsin aus dem großen Wurfstall entfernt. Andererseits kann man auch alle Jungtiere gemeinsam in einen neuen, größeren Stall setzen. Sie bleiben auf diese Weise wenigstens noch zusammen.
Größere Würfe kann man in Gruppen aufteilen. Diese Verfahren und das Zusammensetzen in größeren Abteilen mit anderen, gleichaltrigen Jungkaninchen hat Dr. Manfred Golze seinerzeit in der GuK Nr. 24/1984 ausführlich erörtert. Man kann aber auch weibliche und männliche Jungtiere trennen und die gleichgeschlechtlichen Geschwister noch zusammen lassen.
Jungrammler entwickeln sich zunächst langsamer als Häsinnen. Der Nachteil hierbei ist, dass sich Jungrammler manchmal von einem Tag auf den andern beißen und dabei oft verletzen. Daher empfiehlt es sich, Jungrammler mit 10 Wochen spätestens einzeln zu setzen, Häsinnen hingegen können noch einige Zeit zusammen in einer größeren Bucht sitzen. Natürlich kann man aber auch direkt alle Wurfgeschwister in Einzelbuchten setzen.
Frühe Selektion tut not
Von Bedeutung ist aber auch frühe Selektion. Kümmerer, Jungtiere mit Farbfehlern oder körperlichen Mängeln können früh aussortiert und nach einer Schnellmast geschlachtet werden.
Jungtiere für eine Schnellmast werden anders gefüttert als die, die man für Zucht und Ausstellungen vorgesehen hat. Alle aber müssen ein bedarfsgerechtes Futter erhalten. Von Vorteil ist pünktliche Fütterung. Wo es möglich ist, kann man dreimal am Tage füttern, wobei die Tiere abends die größte Ration gereicht bekommen.
Jungtiere brauchen Leistungsfutter
Während erwachsene Kaninchen in der Zuchtruhe Erhaltungsfutter bekommen, benötigen Jungtiere zu ihrem Aufbau eiweiß- und energiereiches Leistungsfutter. Nur damit können sie wachsen, Knochen, innere Organe, Fell oder Wolle ausbilden. Reines Erhaltungsfutter ist beispielsweise Heu, Gartenabfälle und Grünfutter. Kraftfutter hingegen besteht aus einer Getreide- Soja-Mischung, die man selbst herstellen kann, oder man nimmt Industriepressfutter. Davon gibt es auf dem Futtermittelmarkt eine Fülle sehr unterschiedlicher Fabrikate.
Die richtige Dosierung bringt die Erfahrung: Die genaue Kontrolle der Gewichtszunahme ist nur möglich, wenn man eine Waage benutzt und sich Aufzeichnungen macht, sie ermöglicht sinnvollen Futtereinsatz.
Die entwicklungswichtigen Nährstoffe
Jungkaninchen werden mit einem Gewicht von ca. 50 g geboren. Das gilt für Mittelrassen. Schon in den ersten acht Lebenstagen verdoppelt sich ungefähr das Geburtsgewicht infolge der nährstoffreichen Milch der Kaninchenmutter. Die Frequenz der Gewichtsverdoppelung nimmt nun zwar ab, aber die absolute tägliche Zunahme steigt auf bis zu 30 g/Tag. Es ist klar, dass für diese Entwicklungsgeschwindigkeit ein hochwertiges Futter eingesetzt werden muss. Wichtig sind auch Mineralstoffe, die dem Aufbau des Skeletts dienen, der bei Kaninchen schnell abläuft. Der Mineralstoffbedarf ist in dieser Phase beträchtlich.
Aufwachsende Jungkaninchen brauchen einen hohen Eiweißanteil im Futter, ein sogenanntes „enges Nährstoffverhältnis“ der Proteine zu den Kohlenhydraten. Bei eiweißarmem Futter kommt es hingegen zu unerwünschten Wachstumsverzögerungen. Naturgemäße, artgerechte Fütterung der Jungtiere bringt den Erfolg!
Kräuter und Pflanzen aus dem Garten
Abwechslungsreiche Fütterung der Jungkaninchen mit Beigaben von würzigen Küchen- und Arzneikräutern tut jungen Kaninchen gut. Gerade im Sommer ergibt sich noch die Möglichkeit, Knollen, Wurzeln, Laub und Früchte aus dem Garten zu füttern. Das übliche Grünfutter birgt an sich fast alle benötigten Vitamine und Mineralstoffe. Nur darf der Züchter nicht die „natürlichen“ Futtermittel überschätzen: Sie geben nur so viel an Mineralstoffen, Spurenelementen oder Vitaminen her, wie die jeweiligen Pflanzen aufnehmen oder speichern können. Auch ist „Heu“ nicht gleich „Heu“. Es kommt bei diesem Futter beispielsweise darauf an, wo es gewonnen wurde, welche Trocknungsverfahren angewandt wurden, wann es geschnitten wurde, wie es gelagert wurde, wie alt es ist. Sind die Futterpflanzen beim Trocknen lange der Witterung ausgesetzt und ist der Boden von minderer Qualität, so ist der Nährstoffgehalt des Heues gering.
Hygiene tut not
Von großer Bedeutung ist, dass die Kaninchen gerade in der Jugendzeit ihr Futter aus sauberen Gefäßen oder aus Raufen aufnehmen. Kommt Futter auf dem Buchtenboden mit Ausscheidungen in Berührung und wird dann vom Tier verzehrt, so kann es mit Krankheitserregern kontaminiert sein. Ferner darf das Futter niemals Schadnagern wie Ratten und Mäusen zugänglich sein, weil die ihren Kot und Urin eventuell mit Krankheitserregern verseucht ins Futter abgeben.
Um ein Sitzen der Jungtiere darin zu vermeiden, benutzt man für Tröge in runder oder länglicher Form Gefache zum Einlegen. Oder aber man kauft gleich von vornherein Futtertröge mit solchen eingearbeiteten Abteilungen. Ebenso installiert man Raufen mit Deckeln oder solche Konstruktionen, die es dem Tier unmöglich machen, sich aufs kühlende Futter zu legen. Kaninchen haben die Eigenschaft, sich in Futternäpfe oder ins frische „Raufengrün“ zu legen, weil das kühlt. Dabei wird das Futter verschmutzt oder es welkt schneller. Später wird es dann doch gefressen und die Tiere erkranken.
Gefahren drohen Jungkaninchen auch von pestizidbehandeltem Grünfutter oder von verschimmeltem Futter. Taunasses Futter kann zum Auftreiben der Tiere und zu Trommelsucht führen. Feuchtes oder muffig riechendes Heu führt zu Magen-Darm-Infektionen. Hack- und Wurzelfrüchte oder Obst mit kleinen Faulstellen schneidet man so aus, dass diese Stellen großflächig beseitigt sind. Am besten ist es stets, völlig einwandfreie Früchte zu reichen, die man vielleicht beim Herausnehmen oder Pflücken verletzt hat, die somit nicht gut lagerfähig, aber völlig frisch sind.
Futter erhitzt sich bei unsachgemäßer Lagerung
Gefährlich ist erhitztes Grünfutter. Man sollte dieses am besten in einem kühlen Raum lagern. Dort wird es auf Rosten auseinandergezogen und kann bis zur nächsten Fütterung liegen. Günstig ist es immer, Grünzeug alsbald zu verfüttern. Es ist auch wichtig, dass man Grünfutter fachgerecht transportiert.
Abrupte Futterwechsel sind schlimm. Alle Futterumstellungen sind sehr langsam und umsichtig vorzunehmen. Wenn man Jungtiere absetzt, so ist möglichst noch länger das gewohnte Futter beizubehalten, das das Jungkaninchen schon bei seiner Mutter mitgefressen hat. Dann kann man behutsam umstellen. Vorsicht auch beim Übergang vom Winterfutter zum „Beifüttern“ von Grünzeug: Wenn der Züchter der noch säugenden Häsin wohl will und reichlich vom ersten Grün beifüttert, kommt es vor, dass die Jungen nur noch Grünfutter aufnehmen. Sie fressen es gierig. Das kann zu Trommelsucht führen. Daher muss man anfangs das Grünfutter nur behutsam beifüttern. Sind die Jungen nicht mehr bei der Alten, so ist noch mehr Behutsamkeit angesagt. Man sollte die Grünfuttermenge dann von Tag zu Tag langsam steigern. Man sollte den Tieren von sehr jungem, zartem Grün und weichem Grünfutter erst dann geben, wenn sie vorher bereits Heu oder trockenes Brot gefressen haben. Sonst fressen sie infolge ihrer natürlichen Gier das junge Futter fast ausschließlich und verschmähen das Gewohnte.
Hingegen kann man nicht genug die Wirkung von Würz- und Arzneikräutern hervorheben. Denn diese besitzen oftmals äußerst günstige Eigenschaften. So regen sie nicht nur den Appetit der Jungkaninchen an. Vielmehr üben sie auch einen sehr heilsamen Einfluss auf das gesamte Verdauungssystem der Tiere aus. Auch sie füttert man natürlich zunächst nur in geringen Mengen bei. Diese Kräuter finden heute als Küchenkräuter wieder hohe Beachtung und werden vermehrt im Kleingarten erzeugt. Viele von ihnen sind leicht zu kultivieren und können sogar im Winter auf der Fensterbank im bescheidenen Rahmen als Leckerbissen erzeugt werden. Auch Topinambur und Comfrey enthalten eine Fülle von äußerst wertvollen Wirkstoffen, so dass sie als Beifutter geeignet sind.
Gelegenheiten zum Nagen
Jungkaninchen wollen nagen. Das permanente Wachstum der Nagezähne zwingt sie dazu. Daher sollten wir den Tieren Gelegenheit geben, ihrem Nagetrieb zu frönen. Im Frühling finden sich dazu noch Zweige vom Obstbaumschnitt. Die Kaninchen fressen kleinere Zweige gierig auf. Von größeren Zweigen wird die Rinde abgenagt. Die Schneidezähne nutzen sich natürlich ab.
Wasser ist wichtig
Kaninchen brauchen ständig frisches, sauberes Wasser. Die Trinkwassermenge, die ein Jungkaninchen aufnimmt ist unterschiedlich. Sie ist abhängig vom Alter und vom Gewicht, von der Rasse, von individuellen Gepflogenheiten und vom Wetter. Ebenso hängt sie von der Futterbeschaffenheit ab. Je saftiger ein Futter ist, umso weniger werden die Kaninchen in der Regel trinken. Dennoch gibt es hier von Tier zu Tier ganz erhebliche Unterschiede.
Man tränkt die Tiere am besten täglich, wobei man zugleich die Trinkflaschen von innen mit einem Flaschenbesen säubert. Dadurch wird der schleimige Belag und der Algenrasen entfernt. Denn hierin können sich Keime ansiedeln. Wichtig ist, dass man ein einwandfreies Wasser bietet. Im Sommer sollte es kühl, im Winter überschlagen warm sein. Bei Frösten ist so zu verfahren, dass man jeweils beim Füttern tränkt. Dann belässt man die Trinkflaschen für vielleicht 15 bis 20 Minuten vor den Buchten, ehe man sie abnimmt und ausleert. Bei der nächsten Fütterung bei Frösten wird genauso verfahren. An sehr heißen Frühlings- und Sommertagen ist das Tränken von größter Bedeutung.
Eine einwandfreie sachgerechte Fütterung junger Kaninchen bietet die beste Gewähr dafür, später gesunde, gut genährte Kaninchen ausstellen zu können.





