Dr. Werner Wein, Ludwigsburg „Das Blaue Jahrbuch 1983

Bevor wir uns mit den schweren Fehlern befassen, die bei unseren Rassekaninchen vorkommen, scheint es angebracht, sich kurz in Erinnerung zu rufen, wie das gesunde, in Form, Typ und Bau, dem gültigen Standard entsprechende Tier gebaut sein soll.

Will man Fehler oder Vorzüge eines zu beurteilenden Tieres erkennen, muss man Vergleiche heranziehen. Erst dann erkennt man richtig Vor- und Nachteile des zu prüfenden Tieres. Jeder Züchter sollte dazu das Idealbild seiner Rasse vor seinem geistigen Auge entstehen lassen und dieses mit dem zu beurteilenden Tier vergleichen, um Vor- und Nachteile besser feststellen zu können.

Betrachten wir als erstes die Körperform, in der ein wesentlicher Bestandteil des Typs einer Rasse verankert ist. Dabei unterscheiden wir 4 verschiedene Formen, von denen die der Rasse zugehörige Form jeweils in Position 2 des Standards beschrieben ist. Als erstes erkennen wir eine gestreckte Körperform, die z.B. dem Riesenkaninchen eigen ist. Dieser gestreckten Form steht im Gegensatz dazu die gedrungene Form gegenüber, als deren Vertreter das Alaskakaninchen anzusehen ist. Zwischen diesen beiden extremen Formen gibt es zwei weitere Formen, von denen die eine mehr zu der gedrungenen, die andere mehr zu der gestreckten Form tendiert die leicht gestreckte und die leicht gedrungene Form. Für die leicht gestreckte Form gilt z.B. das Großchinchilla, für die leicht gedrungene Form das Russenkaninchen.

Allen diesen vier Formen ist aber eines gemeinsam: die Form des Rumpfes. Dieser soll vorn und hinten fast gleich breit sein. Eine ideale Rumpfform des Rassekaninchens haben wir vor uns, wenn die Brustbreite gleich der Brusttiefe (-höhe) ist und ca. 3 der Körperlänge beträgt, d.h. in Zahlen ausgedrückt: 1 : 1:3. Nur wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, ist eine Garantie dafür gegeben, dass die wichtigsten Körperorgane voll ihre Funktion erfüllen können.

Abweichungen in der Form einer Rasse sind neben anderen typischen Merkmalen gleichzeitig Abweichungen vom Typ der Rasse.

Der Typ einer Rasse macht sich aber auch parallel zu seinen typischen Merkmalen im Benehmen des Tieres bemerkbar. Der gedrungenen, manchmal sogar massig und blockig erscheinenden Form entsprechen relativ langsame Bewegungen und ein ruhiges, gesetztes Wesen des Tieres. Wir sprechen daher vom sogenannten Nutztyp (z.B. Widderkaninchen). Dem Nutztyp stehen Tiere mit gestrecktem Körperbau, sehr lebhaftem Temperament und starkem Bewegungsdrang gegenüber. Sie verkörpern den sogenannten Bewegungstyp (z.B. Hasenkaninchen).

Vollständiges Abweichen oder gänzliches Fehlen des Typs einer Rasse sind schwere Fehler. Sie führen von vornherein zum Ausschluss des Tieres, z.B. das Auftreten des Riesentyps beim Deutschen Widder, beim Weiß-Rex und Weißen Wiener, das Fehlen des Typs beim Meißner Widder, der Kleinschecke, dem Deutschen Kleinwidder, bei den Widderzwergen und den Hermelinkaninchen, sowie anderweitige starke Abweichungen beim Wei- Ben Neuseeländer, Hasen- und Kleinchinchillakaninchen (Typ des Großchinchilla). Auch ein Unterschreiten der Körperlänge z.B. beim Deutschen Riesen grau und Weißen Riesen unter 66 cm und bei der Deutschen Riesenschecke unter 64 cm ist ein Ausschlußfehler. Umgekehrt werden Tiere wegen Übergröße, z.B. Sachsengold, Hermelin- und Farbenzwerge mit „nicht befriedigend“(nb) bewertet. Auch in ihrer Gesamterscheinung verkümmerte Tiere, wie sie gelegentlich vorkommen, werden von der Bewertung ausgeschlossen.

Der Kopf des Kaninchens wird allgemein bei allen Rassen mit einer relativ breiten Stirn und Schnauzenpartie und einem kräftigen Unterkiefer mit deutlicher Backenbildung verlangt. Ausgenommen das Hasenkaninchen, dessen schlankerer und schmälerer Kopf die gestreckte Körperform noch besser zur Geltung bringt. Die Kopfform einer Rasse ist auch ein deutliches Merkmal des Typs und bestimmt ausschlaggebend denselben mit. Ein schmälerer und längerer Kopf geht meistens mit einer längeren Halspartie einher. Er sitzt dann nicht mehr so dicht am Rumpf, wie es im Standard gefordert wird. Eine starke und muskulöse Nackenpartie sollte bei einem gut gebauten Tier vorhanden sein. Von der oben beschriebenen Kopfform weicht deutlich der charakteristische, typische Widderkopf ab. Er ist ausgesprochen breit in der Schnauzen- und Stirnpartie, kurz, mit kräftig hervortretenden Backen und einem deutlich geschwungenen Nasenrücken, der sogenannten Ramsnase. Auch am Kopf eines Tieres können so grobe Fehler vorhanden sein, die einen Ausschluss des Tieres nach sich ziehen. Ein Deutscher Widder mit einem Kopf des Riesenkaninchens erhält ein nb, desgleichen die Hermelinchen und Farbenzwerge mit schmalen, langen Köpfen, die keineswegs zu dem geforderten Typ passen würden.

Oft nicht genügend beachtet ist ein großer Kinnknoten beim Rammler als Ausschlußfehler. Derselbe sitzt unmittelbar unter dem Kinn, also vor dem Kehleinschnitt und ist nicht mit einem Wammenansatz oder sogar Wamme identisch.

Jeder Züchter sollte in der Lage sein, mit einem kurzen Blick auf den Kopf des Tieres unterscheiden zu können, ob es sich um einen Rammler- oder einen Häsinnenkopf handelt. Ersterer hat einen größeren, massigeren Kopf mit breiten Backen und markanterer Form.

Ein Häsinnenkopf bei einem Rammler muss auf alle Fälle mit nb bewertet werden. Auch sollte man ein solches Tier nicht als Zuchtrammler einstellen. Ebenfalls führen Gebissfehler, meist angeboren, zum Ausschluss. Selten können solche Anomalien durch entsprechende Behandlung behoben werden. Tiere mit solchen Fehlern sind zur Zucht ebenfalls nicht geeignet. Ein schön geformtes Ohr, gut getragen, ziert jedes Kaninchen. Es soll gut behaart, fleischig und oben gut abgerundet sein. Faltenbildung wirkt unschön. Gewünscht wird ein kräftiger Ohransatz am Kopf und eine straffe, V-förmige Haltung. Somit sind auftretende Kipp- oder Hängeohren schwere Fehler. Ausnahmen in der Ohrstellung bilden die Widderrassen, die ja bekanntlich die Ohren mit der Schallöffnung nach der Körperseite hin nach unten 84 tragen. Auch weichen hier die Ohren in ihrer Länge von der Forderung ab, dass sie ungefähr ½ der Körperlänge wie bei den üblichen Rassen betragen sollen. Ferner müssen die Ohren eine gewisse Breite besitzen.

Auch am Ohr stellen wir Ausschlußfehler fest. So werden Biss- und Risswunden, wenn sie bei großen und mittleren Rassen mehr als 15 cm, bei den kleinen Rassen mehr als 10 cm und bei den Zwergrassen mehr als 5 cm betragen, mit nb bewertet.

Beim Deutschen Riesen grau wird eine Unterschreitung der Länge unter 16 cm, beim Riesen weiß und Deutschen Riesenschecken unter 15 cm mit Ausschluss beanstandet.

Ausgeschlossen wird bei sämtlichen Widderrassen das zeitweilige Aufrechtragen eines oder beider Ohren. Sogar waagerecht getragene Ohren bei den Meißner Widdern verurteilen das Tier zum Ausschluss. Ein Über- oder Unterschreiten der Ohrlänge, richtig gemessen über dem Kopf bei leichtem Strecken der Ohren, ist nicht befriedigend, wenn die Ohrlänge weniger als 38 cm und mehr als 45 cm beiden Deutschen Widdern, weniger als 30 cm oder mehr als 36 cm bei den Deutschen Kleinwiddern und weniger als 24 cm oder mehr als 28 cm bei den Zwergwiddern beträgt.

Zusätzlich kommen weitere Ausschlußfehler bei den Englischen Widdern hinzu. Neben einer Unterschreitung der Ohrlänge von weniger als 58 cm werden, hier noch zerrissene oder knorpelige Ohren (Narben) sowie eine geringere Breite als 12 cm mit Ausschluss belegt. Auch ein nur nach einer Seite getragener Behang bedeutet bei dieser Rasse Ausschluss.

Bei den Hermelin und Farbenzwergen spielen noch zwei weitere Ausschlußfehler eine Rolle. Es sind dies zu dünne oder zu grobe Ohren sowie das Überschreiten der Länge des Ohres über 7 cm.

Der Rücken des Kaninchens verläuft von einem kräftigen Nacken geradlinig bzw. leicht ansteigend bis zum Becken, um von da an schön bogenförmig abgerundet bis zum Blumenansatz zu ziehen. Fällt die Rückenlinie hinten steil ab, sprechen wir von einem Steilrücken. Die Hinterpartie sieht dann, seitlich betrachtet, so aus, als ob sie fast senkrecht abgehackt sei. Ein Steilrücken bedingt Ausschluss. Betrachten wir nun das Becken. Von oben gesehen erscheint das normal geformte Becken schön abgerundet, nicht spitzig nach hinten zulaufend und bei der Häsin ausgeprägter abgerundet. Ein schön gerundetes Becken bei einer Häsin verspricht größtenteils einen komplikationslosen Geburtsverlauf, da der knöcherne Beckenring weit genug ist, um den Jungtieren ein ungehindertes Passieren des Geburtskanals zu gewährleisten. Bei einem solchen Becken stehen auch meistens die Hinterläufe fast parallel zum Körper und befinden sich fest angelegt am Becken. Ist dies nicht der Fall, stehen die Hinterläufe seitwärts-auswärts. Diese Stellung der Hinterläufe wird, wenn sie stark in Erscheinung tritt, als Kuhhessigkeit bezeichnet und ist laut Standard ein schwerer Fehler.

Zwei weitere schwere Fehler können wir noch in diesem Zusammenhang registrieren. Ist die Blume des Tieres schief oder nur halb so lang als die geforderte Normallänge, bleibt dem Richter bei der Bewertung keine andere Wahl, als das Tier auszuschließen.

Die Vorderläufe, auf die besonders zu achten ist, sind bei einem normal gebauten Kaninchen gerade. Bei einem Teil der Rassen werden sie besonders kräftig und kurz gefordert (z.B. Widderkaninchen), bei einem anderen Teil feingliedrig (z.B. Englische Schecken, Hasenkaninchen). Der Unterschied im Bau der Läufe prägt die Stellung des Kaninchens und damit auch den Typ der Rasse mit, so dass man Rassen mit extrem hoher, mittelhoher und tieferer Stellung unterscheiden kann (Hasenkaninchen, Englische Schecke, Weißer Neuseeländer). Bekannte Deformierungen der Vorderläufe sind das X- und das O-Bein sowie das Durchtreten der Vorderläufe. Während erstere auf Verbiegungen der Knochen teilweise durch Krankheiten, z.B. durch die Rachitis (Englische Krankheit), oder auf falsche Fütterung zurückzuführen sind, ist letzteres durch eine Schwächung des Band-Muskelapparates im Bereich der Gelenke, oft infolge zu mastiger Fütterung oder zu wenig Bewegungsmöglichkeiten, bedingt. Um eine mangelhafte Verknöcherung des Skeletts bei den Jungtieren zu vermeiden, sollte den Jungtieren zusätzlich zum Futter Vitamin D (z.B. Vigantol für Tiere) und phosphorsaurer Kalk gegeben werden. O- Bein, X-Bein und Durchtreten der Läufe wird mit Ausschluss bestraft.

Auch alle Krallen sollten vollständig vorhanden sein. Schon das Fehlen einer einzigen Kralle, mit Ausnahme der Daumenkralle, führt ebenfalls zum Ausschluss.

Die Wamme ist eine Hautfalte im Kehlwinkel. Sie wird vor- wiegend bei Häsinnen, ab und zu jedoch auch bei Rammlern beobachtet. Sinn und Zweck dieser Hautfalte, in der Fett eingelagert ist, ist bisher umstritten. Lediglich wird immer wieder von einzelnen Züchtern die Beobachtung gemacht, dass Häsinnen mit Wammen gute Mütter seien. Bei Rammlern ist eine Wamme und ein Wammenansatz ein klarer Ausschlußfehler, wogegen bei Häsinnen der einzelnen Rassen Unterschiede in der Bewertung der Wammen zu machen sind. Völlig von einer Bewertung schließen bei allen Rassen eine Bein-, Zottel-, Doppel- und schiefe Wamme aus, eine Wamme bei allen kleinen Rassen mit Aus- nahme älterer Tiere (ab 13. Lebensmonat) der Kleinschecken, Deutschen Kleinwidder, Kleinchinchilla, Deilenaar, Marburger Feh und Sachsengold und ein Wammenansatz bei allen Widder- zwergen, Hermelinkaninchen und Farbenzwergen. Bei allen Rassen, bei denen eine Wamme zugelassen ist, muss dieselbe eine schöne Schwalbennestform haben und direkt gerade am Hals sitzen. Oft ist die Wamme erblich im Stamm verankert und gar nicht so einfach wegzuzüchten. Durch allzu reichliche Fütterung wird der Wammenbildung Vorschub geleistet. Man sollte ab dem 5. Lebensmonat deshalb besonders bei den in Aussicht genommenen Zucht- und Ausstellungstieren sinnvoll füttern.

Beide Hoden liegen beim gesunden Rammler jeweils einzeln in den Hodensäckchen. Das Kaninchen ist in der Lage, beide Hoden in den Bauchraum zurückzuziehen. Funktionsfähige Hoden sind in ihrer Konsistenz derb und fest. Fehlt einer oder beide Hoden und werden dieselben auf der Unterlage geschleppt (Schlepphoden), muss das Tier mit nb ausgeschlossen werden. Dasselbe gilt für kastrierte Tiere. Ein weiterer Ausschlußfehler ist das Zwittertum in seiner Vielfältigkeit, dessen Beurteilung selbst dem Fachmann oft große Schwierigkeiten bereiten kann. Zum Schluss sei noch erwähnt, dass Verstümmelungen und Missbildungen jeglicher Art zum Ausschluss des betreffenden Tieres führen.

Ich habe mich bemüht, alle Ausschlußfehler im Körperbau, Typ und Form bei den in unserem Standard aufgeführten Rassen systematisch, d.h. alle schweren Fehler einzelnen Körperteilen zugeordnet, zu erfassen, um allen Züchtern, Hilfsrichtern und Richtern eine schnellere und bessere Übersicht derselben in der vorliegenden Arbeit in zusammengefasster Form zu verschaffen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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