Werner Pockrandt, Hannover – „Das Blaue Jahrbuch“ 1973
Es gibt für den Kaninchenzüchter immer wieder Probleme in der Zucht und Haltung seiner Tiere. Solche Probleme sollen hier aufgezeigt werden. Eine genaue Analyse derselben ist nur auf wissenschaftlicher Grundlage vorzunehmen. Einige Möglichkeiten der Deutung sollen hier besprochen werden. Es seien Wege angedeutet, auf denen eine noch ausstehende Grundlagenforschung dazu beitragen könnte, die Faktoren aufzuzeigen, die unsere Kaninchenhaltung und Kaninchenzucht beeinflussen können.
Wir müssen bei allen unseren Überlegungen davon ausgehen, dass unsere Hauskaninchen vom Wildkaninchen abstammen und immer noch Eigenarten aufzeigen, die auf dieser Tatsache und auf erbbiologischen Faktoren beruhen und die trotz jahrhundertelanger Haustierhaltung nicht verlorengegangen sind. Solche Eigenarten sind z. B. das Klopfen mit den Hinterläufen als Warnungszeichen bei vermuteter Gefahr, das Reiben der Kinnladen an Gegenständen als Markierungszeichen des Eigenwohnbezirks, die sprichwörtliche Fruchtbarkeit u. a. m. Möglicherweise hat die Schärfe der Sinnesorgane durch die Domestikation (Haustierwerdung) nachgelassen. Dem Tier wurden jedoch keine neuen Eigenschaften anerzogen. Die erworbene Zahmheit wurde keine Eigenschaft, die für alle Zeit anhält, denn sie geht sehr schnell wieder verloren.
Selbst die sprichwörtliche Fruchtbarkeit ist eine relative Eigenschaft, weil ihr sowohl beim Wildkaninchen als auch bei allen unseren Hauskaninchenrassen gewisse Grenzen gesetzt sind. Diese Grenzen können sehr unterschiedliche Gründe haben. Der Nahrungsmangel kann ein Grund sein. Daneben gibt es eine ganze Reihe anderer Faktoren, die das Wohlbefinden eines Kaninchens und seine Vermehrungsrate wesentlich beeinträchtigen können.
Der Wohnbezirk der Kaninchen muss „lebensfreundlich“ sein, wenn er zum Wohlbehagen der Tiere beitragen soll. Kaninchen leben draußen gern auf Sandboden und meiden den strengen Lehmboden oder Moorboden, da nur Sandboden der Anlegung ihrer Wohnhöhlen günstig ist. Sie meiden dichte Waldbestände und brauchen freie Flächen, auf denen ihre Futterpflanzen aus- reichend und abwechslungsreich gedeihen. Sie lieben ruhige Wohnbezirke.
Äußere Faktoren führen oft zu Verunsicherungen, zu langanhaltender Erregung und zu dauernden inneren Spannungen. Wir bezeichnen das mit einem modernen Ausdruck als „Stress“. Solche Stresslage führt bei Tieren schließlich dazu, dass ihr Hormonhaushalt gestört wird. Bei dauernder Beunruhigung und Aufregung schüttet die Nebennierenrinde mehr Hormon aus als normal, wodurch der Körper weniger Schilddrüsenhormon und weniger Wachstumshormon und weniger Geschlechtshormon bilden kann.
Solche Faktoren, die einen „Stress" auslösen können, sind z. B. die Übervölkerung, sehr große Kälte, Verletzungen, Infektionen, Beunruhigungen durch den Menschen oder durch Tiere, störender Lärm, Hundegebell, fremde Gerüche usw. Ein exakter Nachweis solcher Auswirkungen auf den Hormonhaushalt ist bei unseren Kaninchen zwar noch nicht in allen Fällen erfolgt.
Bei wissenschaftlichen Untersuchungen müssten die Versuchstiere dann stets getötet werden; sie würden für weitere Versuche ausfallen. Bei einer ganzen Reihe von anderen Versuchstieren wie Mäusen, Ratten, Spitzhörnchen und nur in einigen Fällen bei Kaninchen liegen genaue Untersuchungsergebnisse vor. Sie dürften in vieler Beziehung auf unsere Kaninchen zutreffen und sollten zu weiteren Untersuchungen speziell mit Kaninchen anregen. Sie könnten zum besseren Verständnis einiger Eigenheiten unserer Hauskaninchen wesentlich beitragen. Einige Beispiele sollen das andeuten.
Wachstumsstörungen bei Aufregung
Von den Spitzhörnchen (Tupaia) weiß man heute, dass ihre Jungtiere bei dauernder Aufregung und Beunruhigung wesentlich langsamer wachsen als solche in ungestörter Umgebung. Selbst bei umweltgestörten erwachsenen Tieren können noch Gewichtsverluste auftreten, die bis zu einem Drittel des Körpergewichts betragen. Eine Normalisierung des Wachstums kann jedoch dann wieder einsetzen, wenn die störenden Umwelteinflüsse beseitigt werden. Eine solche Störung kann bereits im Zusammen- oder Nebeneinanderleben von Artgenossen begründet sein. Wenn die Störungen und Wachstumshemmungen nach Eintritt der Geschlechtsreife auftreten, kann ein dauerndes Zurückbleiben im Gewicht die Folge sein.
Keine Befruchtung bei Streßlage
Starke Umweltstörungen können aber auch das Eintreten der Geschlechtsreife selbst verhindern, indem beim Rammler die Hoden nicht wie üblich in den Hodensack eintreten, sondern im Körper verbleiben. Selbst bei ausgewachsenen Männchen kann bei starker Stresseinwirkung der Hoden zurückgebildet werden und die Samenerzeugung aufhören. Nach Beseitigung der Streßlage kann wieder eine Normalisierung erfolgen. Auch die Weibchen bringen bei starker Stresseinwirkung keine Würfe zur Welt. Hat die Streßlage sehr lange angehalten und erfolgte danach doch schließlich eine Befruchtung, dann werden die kommenden Würfe oft durch Hunger umkommen, weil das Weibchen keine Milch erzeugt und die Jungen nicht gesäugt werden können. Selbst dann, wenn sich die Milch wieder findet, „vergisst" die Häsin das Säugen ihrer Jungtiere.
Schwangerschaftsblockade
Aus Versuchen mit Mäusen und anderen Säugetieren ist bekannt, dass die Weibchen in den ersten vier Tagen nach der Paarung sehr empfindlich auf andere Männchen reagieren, die nicht Paarungspartner waren. Bringt man ein fremdes Männchen zu dem bereits begatteten Weibchen, so bleibt die Trächtigkeit aus. Es genügt sogar schon, den Geruch eines fremden Männchens (durch Einstreu aus dessen Stall) zu einem begatteten Weibchen zu bringen, um eine Blockade der Schwangerschaft zu erreichen. Auch Kastraten bewirken bereits eine Blockierung der Schwangerschaft.
Allein der im Urin der Männchen vorhandene spezifische Fremdgeruch des Männchens bewirkt beim Weibchen auf dem Wege über Zwischenhirn und Hirnanhangdrüse die Ausschüttung von Hormonen, welche die Einbettung und Weiterentwicklung eines befruchteten Eies verhindern. Umgekehrt kann die Haltung von Weibchen in reinen Weibchen-Gruppen bereits das Brünstigwerden dieser Weibchen verhindern, weil wohl der Geruch der Männchen als brunstauslösender Faktor fehlt. Wir setzen ja auch Häsinnen, die nicht aufnahmewillig sind, gern in einen Rammlerstall, um das Brünstigwerden einzuleiten oder zu beschleunigen.
Kannibalismus bei Häsinnen
Auf Umweltstörungen ist auch das Auffressen der Jungtiere durch die eigene Mutter zurückzuführen. Durch den gestörten Hormonhaushalt im Körper geht der Mutterinstinkt wahrscheinlich verloren. Es ist aber auch bekannt, dass Fremdgerüche, die den Eigengeruch der Häsin und ihrer Jungtiere überdecken, der Grund für das Auffressen der eigenen Nachzucht oder zum Nichtannehmen (Nichtsäugen) sein kann. Bei stressgestörten Häsinnen dürfte auch wohl wie bei anderen Tieren die Absonderung der Duftdrüsen hormonell gestört sein, so dass sie ihre eigene Nachkommenschaft nicht mehr mit dem arteigenen Duftstoff als ihr Eigentum „markieren“ können.
Fehlverhalten bei Häsinnen
Stark störende Umwelteinflüsse können bei Häsinnen auch ein Verhalten hervorrufen, das an eine „Geschlechtsumkehr" erinnert. Sie verhalten sich wie ein Rammler, treiben ihre weiblichen (und auch männlichen) Stallgenossen, belecken deren Geschlechtsgegend, reiten auf, massieren die Flanken des Partners mit den Vorderfüßen und führen Stoßbewegungen aus. Auch dieses Fehlverhalten ist eine Folge des gestörten Hormonhaushalts, der durch Umweltstress hervorgerufen wird und der erst dann wieder aufhört, wenn die Störungen beseitigt sind und sich normale Lebensbedingungen eingestellt haben.
Geburtenregelung
Wenn bei Häsinnen in der freien Wildbahn mehr Nachwuchs geboren wird, als ernährt werden kann, so erfolgt bereits da- durch eine Regelung der Nachwuchsrate, indem die Häsinnen ihre Jungtiere verhungern lassen oder gar verzehren. Es erfolgt, aber auch häufig ein Abbau der begonnenen Schwangerschaft. Die befruchteten Eier, die sich bereits in der Gebärmutter eingenistet haben, wachsen nicht weiter, sondern werden aufgelöst und abgebaut. Selbst weiterentwickelte Keimlinge, sogar bis zum Alter von 20 Tagen, können wieder abgebaut werden. Es ist untersucht und festgestellt worden, dass z. B. in Neuseeland bei den wilden Kaninchen die Hälfte aller Schwangerschaften auf diese Weise abgebaut wird.
Das will schon etwas bedeuten, wenn man für die Häsin 5 bis 7 Würfe im Jahr als möglich, ja als normal ansieht. Der Grund liegt in der Übervölkerung des Gebietes. Augenscheinlich sind bei solchen Auflösungen die jüngeren Häsinnen mehr beteiligt als ältere. Vielleicht spielt hier auch eine gewisse Rangordnung am Futterplatz eine Rolle. Bei dem bei Übervölkerung auftretenden Nahrungsmangel führt die Auflösung und der Abbau der Föten kaum zu einem Substanzverlust, da die Nährstoffe ja im Körper verbleiben oder ihm wieder zugutekommen, während eine Geburt doch größeren Substanzverlust zur Folge hätte. Diese Art der Geburtenregelung erfolgt umso häufiger, je dichter die Kaninchen zusammenleben müssen. Die Stresssituation dürfte sich hier aus einer Art sozialem Abhängigkeitsverhältnis der Einzeltiere ergeben.
Zusammenfassung
Es gibt eine Unzahl von Faktoren, die über den Hormonhaushalt zu Verhaltensweisen führen und Folgeerscheinungen hervorrufen, die uns bei unseren Kaninchen von Zeit zu Zeit Rätsel aufgeben. Das Bemühen des Kaninchenzüchters muss es sein, Stresssituationen für seine Tiere möglichst auszuschalten oder zu unterlassen.
Dazu gehört das Vermeiden von plötzlichem lautem Lärm wie Knallen, Schießen, Pfeifen, Hundegebell usw. Plötzliches Erscheinen vor den Kaninchenställen ist zu vermeiden; man sollte sich und sein Erscheinen durch Reden und Ansprechen der Kaninchen ankündigen. Derbes und schmerzhaftes Anfassen der Tiere muss unterbleiben. Starke und ungewohnte Gerüche sollten ferngehalten werden, wobei sich der Gebrauch von Medikamenten und Desinfektionsmitteln nicht ganz umgehen lassen wird. Ein häufiger Wechsel des Stalles ist nicht zu empfehlen. Besonders trächtige Häsinnen sollten rechtzeitig in ihren Wurfstall gebracht werden. Die unmittelbare Nachbarschaft von Häsin und Rammler kann sich ungünstig auswirken. Man setze Rammler tunlichst nicht über die Ställe der Häsinnen. Es ist bekannt, dass bei plötzlich im Stall auftretenden Geräuschen oder Lebewesen bei allen Tieren eine Unruhe entsteht, die sich in Fluchtbereitschaft, Klopfen als Warnzeichen, Fluchtversuchen gegen die Stallwände und Hochspringen äußert und bei den betroffenen Tieren zu Verletzungen oder gar zum Tod führen kann.
Weiter erscheint es wichtig, das Tier weitgehend an seinen Pfleger und Futtergeber zu gewöhnen. Man muss die Tiere ansprechen, muss mit ihnen reden, muss sie behutsam (nicht hastig) anrühren; man muss sie häufig streicheln, man muss ihnen den Geruch der Hände vermitteln, man muss mit ihnen vertraut werden und ihnen die Angst vor dem fremden Wesen Mensch nehmen. Besondere Sorgfalt ist in dieser Beziehung bei Jungtieren im Nest erforderlich. Hier muss man zurückhaltend sein, damit die Jungtiere den Geruch der Mutter behalten und am Geruch stets als ihr Eigentum erkannt werden.
Die Zahl der aufgezeigten Probleme ist groß. Man darf wohl annehmen, dass zwar vieles davon für unser Kaninchen zutrifft, dass aber der letzte schlüssige Beweis für einige Fakten noch fehlt.
Aber hiermit können auch dem Züchter bereits neue Aufgaben gestellt werden: Er sollte genau beobachten, überlegen und nach Möglichkeiten der Erklärung für das suchen, was sein Kaninchen betrifft, von dem er längst noch nicht alles weiß. Er sollte z. B. eine Junghäsin nicht als „Untier" ansehen, weil sie ihre Jungen nach der Geburt auffrisst.
Vielleicht hat er selbst daran Schuld, weil er die Häsin in eine Situation brachte, die ungewohnt war und zu einem Fehlverhalten führte. Vielleicht hat der Schmerz der ersten Geburt oder bereits die Einwirkungen vor der Geburt den Hormonhaushalt der Häsin so durcheinandergebracht, dass es zu dieser Kurzschlusshandlung kam. Solche Häsinnen sind oft bei den folgenden Würfen, die nicht unter oder nach Stresssituationen erfolgten, die besten Mütter.
Vielleicht erkennen wir auch an den aufgezeigten Problemen, dass unsere Kaninchen keine Maschinen sind, sondern Lebewesen mit äußerst empfindlichen Einrichtungen in ihrem kleinen Körper, deren Steuermechanismus wir noch nicht kennen. Wohl vermittelt uns die intensive Beschäftigung mit dem Tier manche Einblicke in das, was über das Körperliche hinausgeht und was wir als Seele bezeichnen könnten, wenn solches üblich wäre. Ein Hauch von Rätselhaftigkeit mag jedoch auch dann noch übrigbleiben, wenn manche der angedeuteten Probleme bei unseren Kaninchen eines Tages wirklich einer realen Lösung zugeführt werden sollten.
Literatur:
W. Winkler „Sind wir Sünder?“, Verlag Droemer-Knaur.
W. Winkler „Die Geburtenkontrolle der Tiere“ in „Das Tier" Nr. 1/1971, Hallwag-Verlag, Bern und Stuttgart. 96





