Von Dr. Manfred Golze, Bockelwitz – „Das Blaue Jahrbuch“ 2010
Einleitung
Misserfolg in der Kaninchenzucht wird in der Regel von den Züchtern von der Genetik und von der Vererbungsleistung der Tiere abhängig gemacht. Dies ist natürlich möglich. Die Umwelt ist aber für die Ausprägung aller Merkmale, gleich ob es sich um Leistungsmerkmale, wie Fruchtbarkeit, Wachstum oder Gesundheit, oder Qualitätsmerkmale des Schlachtkörpers handelt, verantwortlich und in gleicher Weise für die Ausprägung der Rassemerkmale wie Körperform, Körperbau, Haarkleid, Farbe und mehr.
Abhandlung
Dabei müssen wir von der Überzeugung ausgehen, dass der Mensch und alle Tiere, so auch unsere Kaninchen, ihre Existenz, ihre Entwicklung und den gegenwärtigen Ist-Zustand der Wechselwirkung zwischen Genotyp, also Erbgut und Umwelt, verdanken, d. h., es muss die Umweltwirkung in ihrer Vielschichtigkeit anerkannt werden. Der gegenwärtige Stand ist dabei nur als Momentaufnahme zu sehen, denn die Anpassung aller Nutztiere und aller Tiere an die Umwelt ist permanent. Dieses ist dem Sinne der Evolution gleichzusetzen. Im Jahre 2009 erlebte Darwin aufgrund seines Jubiläums eine Würdigung. Er hat entscheidende Erkenntnisse der Evolutionstheorie erarbeitet und wissenschaftlich dargestellt. Diese Entwicklung verlief nur für alle Lebewesen über einen sehr viel längeren Zeitraum. Unter unseren Umweltverhältnissen und deren Veränderungen sind aber die Veränderungen des Organismus der Tiere mit einer Evolution gleichzusetzen. Dieses geschieht jedoch in viel kürzerer Zeit. Anstelle der natürlichen Auslese (Darwin) wirkt die Selektion durch den Züchter. Wir haben demzufolge eine Veränderung infolge einer künstlichen Evolution. Es ist also in der Entscheidung über Rassen, Farbenschläge und Tierpopulationen die Züchtung und die Umweltwirkung nicht voneinander zu trennen, denn diese sind im Endeffekt für das Ergebnis die entscheidenden Größen.
1. Fazit
Jedes Lebewesen liegt uns im Ist-Zustand vor. Die Evolution setzt sich unter Anwendung von Zuchtmethoden, zum Teil in der Versuchstier- und Nutztierforschung unter Anwendung hochwissenschaftlicher Methoden, weiter fort. Jede Leistung realisiert sich aus Veranlagung unter den konkreten Bedingungen. Die Ergebnisse sind umso besser bzw. die genetische Leistung kann, umso besser in der Gesamtheit erzielt werden, je besser sich diese Probleme im Zusammenspiel gestalten, d. h., je besser Anforderungen der Tiere und Umwelt übereinstimmen.
Zu ergänzen bleibt, dass die Forschung auf dem Gebiet der Tierzucht bezüglich Umweltwirkung auf Merkmale und deren Ausprägung sowie Umweltwechselwirkungen besonders bei Kleintieren wie das Geflügel, unseren Kaninchen, aber auch bei Versuchstieren, viele Untersuchungen durchgeführt hat. Natürlich sind hier in der Regel in erster Linie Leistungsmerkmale erforscht worden. Dies hängt damit zusammen, dass Zuchtunternehmen natürlich Interesse daran haben. Die Bedeutung ergibt sich daraus, dass Zuchtunternehmen heute weltweit agieren. So werden Tiere in einer bestimmten Umwelt geprüft, und unter vielen verschiedenen Umwelten weltweit kommen sie zum Einsatz. Da interessieren natürlich immer die Tiere, die am stabilsten in ihrer Leistung sind oder die Prüfumwelt muss der Produktionsumwelt angepasst werden. Natürlich sind auch Leistungsparameter oft leichter erfassbar. Durch Wiegen oder Messen sind die Parameter sicher und meist exakt zu ermitteln.
Der Phänotyp eines Tieres, also so wie sich das Tier im Erscheinungsbild uns gegenwärtig präsentiert, ist das Ergebnis im Endeffekt der Wirkung von Genotyp, Erbanlagen und Umwelt.
Das Problem aller Züchter besteht eigentlich darin, diese zwei Einflussfaktoren zu erkennen, getrennt zu bewerten, genauso wie des Weiteren die Wechselwirkungen erkannt und bewertet werden müssen. Dabei wirken Umweltverhältnisse zuerst modifizierend, so wie wir es alle immer wieder feststellen. Wenn diese sich verstärkt weiterentwickeln, kann es sogar zu Mutationen und somit einer Veränderung des Genotyps kommen.
Das Zuchtgeschehen wird gekennzeichnet durch das Dreiecksverhältnis Beurteilen, Selektieren und Verpaaren. Alles, was geschieht und noch geschehen wird, realisiert sich in dem Verhältnis dieser drei Elemente, mit dem Ziel der optimalen Ausnutzung nachgewiesener Genwirkungen und deren Kombination. Die zentrale Stellung ist durch die Beurteilung eines Tieres gegeben. Dies wird unterstrichen, da diese den Phänotyp repräsentiert, der aus der Wirkung Genotyp und Umwelt entstanden ist.
Dabei vergessen wir nicht, dass Züchten heißt, in Generationen zu denken. Vor fast 200 Jahren hat dies Herr Rice dahingehend gekennzeichnet. Die Vorfahren, also Zuchtrammler und Zuchthäsin, sagen aus, was ein Tier einmal werden soll. Das Individuum mit seinem vor uns sitzenden Phänotyp, was es zu sein scheint. Aber erst in der Leistung seiner Nachkommen zeigt sich, was es wert ist.
2. Fazit
Der Phänotyp, das Erscheinungsbild, ist das Ergebnis von Erbgut und Umwelt. Die Umwelt wirkt zuerst modifizierend und löst im extremen Fall auch Mutationen aus.
Besonders bei unseren Säugern, so auch beim Kaninchen, sind die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Genotyp bereits vor der Geburt im pränatalen Bereich vorhanden. Dies beachten wir oft etwas wenig. Die optimale Haltung und Fütterung der tragenden Häsin ist aber genauso wichtig wie die Betreuung der Häsin mit Jungen, da bereits hier viele Anlagen für Merkmale, besonders der Qualität ihrer späteren Ausprägung, angelegt werden. Dazu noch nachfolgend mehr.
Natürlich sind die Einflüsse der Umwelt nach der Geburt im postnatalen Bereich, besonders in der Gesamtheit mit Haltung und Fütterung bezeichnet, vorhanden. Dies schätzen die Züchter entsprechend ein. Jeder erfolgreiche Züchter wird wissen, dass es hier in der Aufzucht der Tiere zu keiner Zeit, in keinem Altersabschnitt, Mängel oder Versäumnisse geben darf, weil diese später selten kompensiert werden können.

Optimale Stallverhältnisse schaffen ein gesundes Klima.
Vor der Geburt wird bei allen Säugern, so auch beim Kaninchen, die Entwicklung sehr stark durch die Mutter geprägt, durch die intrauterine Umwelt. Nach der Geburt, postnatal, interessiert uns die Umweltwirkung in ihrer Vielgestaltigkeit wie Fütterung, Haltung, Keimdruck, Klima und mehr besonders. Für Kaninchenzüchter ist es sehr leicht, die Bedeutung der pränatalen Umwelt für die Entwicklung der Tiere und die Qualität bestimmter Merkmale zu erkennen. Als Beispiele für die Bedeutung der pränatalen Umwelt soll hier nur der Ausfärbungsgrad für die Russenkaninchen, der temperaturabhängig bei unseren Kaninchen ist, Erwähnung finden. Die Zeichnung und Farbe sind vorher nicht vorhanden.
Des Weiteren zeigen experimentelle Kreuzungen zwischen Hermelinkaninchen und Riesenkaninchen, wie bedeutend diese Einflüsse sind. Embryos von Hermelinkaninchen, in Uteri von Riesenkaninchen implantiert, erbrachten Hermelinkaninchen, die sich optimal in gleicher Weise entwickelten wie bei ihren Hermelinmüttern. Riesenkaninchenembryos, in Uteri von Hermelinkaninchen verpflanzt, entwickelten sich bloß bis zu dem Status, wie es auch ein Hermelinkaninchen getan hätte.
Wir wissen heute, dass bereits während der Trächtigkeit und der Entwicklung unserer Jungtiere Qualitätsparameter in der Anlage ausgeprägt werden. Dieses ist nachgewiesen für Schafe und auch Angorakaninchen bezüglich Wollfollikel. Die Ausprägung erfolgt in der Embryonalentwicklung und schafft damit die Voraussetzung für die spätere Qualität der Wolle. Eine ganze Reihe von Effekten kommen natürlich dann erst postnatal zum Tragen bzw. erkennen wir diese erst am lebenden Tier. Bei Versuchstieren, wie Meerschweinchen und Mäusen, die ja nicht so weit entfernt von unseren Kaninchen sind, treten mit zunehmendem Alter der Muttertiere Zahnfehler, Veränderungen und Probleme der Wirbelsäule viel häufiger auf als bei jungen Müttern.
Auch bei Ausprägungen des Haarkleides wurden Einflüsse des Alters der Mütter nachgewiesen. So nimmt z. B. bei Schecken in der Mäusezucht der Weißanteil bei den Jungtieren älterer Mütter zu.
Die Ergebnisse sind bei Labortieren besonders deutlich nachgewiesen, da diese natürlich aufgrund der Tierzahl und der Machbarkeit eine hohe Wiederholbarkeit haben.
Bei diesen großen Tierzahlen können dann gesicherte Aussagen getroffen werden. Die Einflüsse und Einflussfaktoren und deren Wirkung auf alle Leistungs- und Rassemerkmale sind viel größer, als wir annehmen und bereits wissen. Darüber sind sich viele Wissenschaftler einig.
3. Fazit
Umwelteinflüsse und deren Wechselbeziehungen wirken bei unseren Säugern, so auch beim Kaninchen, bereits in der Trächtigkeit. Viele Anlagen für die spätere Qualität bestimmter Merkmale werden hier bereits gelegt. Nach der Geburt ist immer nach einer optimalen Umwelt in allen Abschnitten der Entwicklung zu streben.
Wenn wir die Bedeutung der Umwelt und deren Wechselwirkung mit dem Genotyp vergleichen, müssen wir jedoch auch beachten, dass es Anpassungen unserer Tiere an verschiedene Umwelten gibt, und dass keine Anpassung unserer Tiere ohne Lernen und Gedächtnis erfolgt. Diese Lern- und Gedächtnisleistung von Tieren ist eine notwendige Voraussetzung zur Anpassung an veränderte Umweltbedingungen. Denn jede Gedächtnisbildung ermöglicht es dabei, die zeit- und energiesparende Strategiebildung der Tiere unter den neuen Bedingungen ihre Leistungen noch besser zu verwirklichen.
Im Zusammenhang mit dieser Diskussion soll kurz der Komplex der Inzucht gestreift werden. Die Inzucht ist allgemein nichts Gefährliches. Ein gewisser Grad der Inzucht ist sowieso in sehr vielen unserer Zuchten vorhanden. Wie oft werden von bestimmten Spitzenzuchten Zuchttiere gern eingesetzt, und wie oft treffen sich doch bestimmte Verwandte. Dies trifft besonders bei einer kleinen Bestandsgröße einer Rasse oder eines Farbenschlages zu.
Es gelingt bekanntlich mit einem gewissen Inzuchtgrad, besonders positive Merkmale in einer Population zu festigen. Die genetische Varianz nimmt dabei ab, die Tiere sind in vielen der gewünschten Merkmale gefestigt in der Zucht vorhanden. In gleicher Weise sind Individuen, die einen höheren Inzuchtgrad haben, durch Umwelteinflüsse stärker beeinflusst. Die Umweltvarianz nimmt also zu. Als Ursache wurde von Brandsch* (1974) ein geschwächtes Puffersystem angesehen. In vielen Nutztierzuchten werden deshalb Kreuzungs- und Hybridzuchtprogramme durchgeführt. Es werden völlig fremde wertvolle Linien, dort auch manchmal Rassen, miteinander verpaart und diese sind meist in der Lage, die schlechteren Umweltbedingungen besser kompensieren können.
4. Fazit
Die Inzucht wird als Zuchtmethode teilweise angewendet. Ein gewisser Inzuchtgrad ist besonders bei kleinen Populationen vorhanden. Mit der Inzucht nehmen die genetische Varianz ab und damit die Umweltwirkung zu.

Gesunder Nachwuchs von leistungsfähigen Eltern ist die Grundlage erfolgreicher Zuchten (Fotos: Dr. Golze)
Nachfolgend sollen noch einige spezielle Umwelteinflüsse oder Komplexe angerissen werden. Jeder von diesen wäre an sich einen Beitrag wert. Da ist erst einmal die Hygiene oder der Keimdruck, der in den Beständen im Handling, auf Transporten und Ausstellungen vorhanden ist. Bei erhöhtem Keimdruck und Hygieneproblemen muss das Individuum mehr Energie für die Reaktion und das Gegensteuern verwenden. Diese geht dann allerdings verloren für eine die optimale Ausprägung bestimmter Rassemerkmale, d.h. eine, besonders hygienische Haltung unserer Tiere, geringer Stress beim Transport sowie bei Schauen und anschließend eine Quarantäne, die auch als „Reha“ bezeichnet werden könnte, können hier positive Effekte bewirken. Natürlich ist die Fütterung ein bedeutender Umweltfaktor, der nach Rasse, Leistung, Alter, ja sogar teilweise Farbe, entsprechend gestaltet werden muss. Darüber könnte eine ganze Abhandlung folgen. Hierin sind sich jedoch auch alle Züchter einig. Ein weiterer Punkt ist das Stallklima, welches das Wohlbefinden, die Gesundheit, die Leistung und somit auch die Rassemerkmale beeinflusst. Die bedeutenden Klimafaktoren sind natürlich die Temperatur, das Licht, die Zusammensetzung und Geschwindigkeit der Luft und die Feuchtigkeit. Klimafaktoren wirken für die Gesundheit und für das Wachstum und damit auch für die Ausprägung vieler Merkmale im hohen Maße. Sie werden aber teilweise noch etwas gering beachtet. Die Umgebungstemperatur und auch die Lichtverhältnisse beeinflussen eine Menge Leistungs- und Rassemerkmale.
Besonders schädlich ist eine hohe Luftfeuchtigkeit, viel bedeutender als geringe Temperaturen. In gleicher Weise sind aber auch geringste Luftfeuchtigkeit und sehr hohe Temperaturen nicht günstig. Es ist falsch, wenn Stall und Einstreu zu nass sind, aber auch wenn sie zu viel Staub enthalten. Die Infektionsgefahr ist damit erhöht.
Die Luftbewegung und die Luftbestandteile wirken sich auf den Wärmehaushalt der Tiere aus. Staubfreie atmosphärische Luft enthält bekanntlich 78% Stickstoff, 21% Sauerstoff, 0,03% Kohlendioxid und 0,99% andere Spurenelemente. Durch den Stoffwechsel der Tiere und besonders die Kotlagerung verändern sich die Mengenverhältnisse. Es entstehen schädliche Gase wie Kohlendioxid, Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Staub und Keime. Die gesundheitsschädigende Wirkung ist bei Überschreitung bestimmter Grenzwerte vorprogrammiert. Zuvor fehlen aber die entsprechenden Inhaltstoffe der Luft, die bei allen Abläufen im Organismus mitentscheiden.
5. Fazit
Die Umwelteinflüsse auf alle Merkmale der Kaninchen sind vielgestaltig. Hier sind nur Fütterung, Haltung, Temperatur, Luft und Licht genannt. Jeder Faktor greift in den Stoffwechsel ein und bewirkt das Ausmaß der Ausprägung der von der Genetik vorgegebenen Möglichkeit dieser Merkmale. Zusammenfassung Umwelteinflüsse sind also vom Züchter zu beachten und zu beeinflussen. Dabei sollen hier nicht der Umweltschutz, Verschmutzung, Lärm usw. Erwähnung finden, die in ihrer Wirkungsweise aber gleichfalls vorhanden sind.
Es kann nur die Leistungs- und die Merkmalsausprägung bei einem Tier erzielt werden, zu der das Tier genetisch in der Lage ist. Nur die optimale Umwelt, und der Tierart, der Rasse, dem Farben- schlag angepasst, vermag die genetische Veranlagung in möglichst hohem Maße zur Ausprägung zu bringen.
Der Züchter kann alles tun in der Umwelt der Tiere, aber wenn die Tiere wenig wertvoll sind, dann ohne Erfolg, und der Züchter wird mit genetisch guten Tieren, wenn die Umweltfaktoren nicht optimal gestaltet sind, nur Teilerfolge erreichen.
*) Prof. Dr. agr. habil. Heinz Brandsch*1926; †2011, Lehrauftrag für allgemeine Tierzucht und Haustiergenetik. Karl-Marx-Universität – KMU Leipzig





