Brutfürsorge und Brutpflege bei Tieren

(erläutert am Beispiel der Brutpflege beim Kaninchen)

Prof. em. Dr. Curt E. W. Sprehn, Celle

Eine sehr verschieden intensiv gestaltete Brutfürsorge ist bei allen Tieren zum Zweck der Sicherung der Nachkommenschaft ausgebildet. So findet man eine solche Brutpflege bei allen Wirbeltieren zur Versorgung und zum Schutz der Nachkommen bis zum Ausschlüpfen dieser aus dem Ei und dem Erreichen der Selbständigkeit. Nach der Geburt ist die Brutpflege noch eine mehr oder weniger lange Zeit hindurch bei den sogenannten „Nesthockern" notwendig, während die meisten „Nestflüchter“ schon bald nach der Geburt selbständig sind und keine besondere Fürsorge mehr durch die Eltern benötigen und sogar kaum noch gefüttert zu werden brauchen.

Die Brutfürsorge setzt schon im Mutterleibe ein, und zwar schon in der Gebärmutter bei der Befruchtung der weiblichen Eizelle durch den männlichen Samenfaden. Hierbei werden durch die Vereinigung der mütterlichen mit den väterlichen Erbanlagen in der Erbmasse des neu gebildeten Organismus Schutzstoffe aus den elterlichen Erbanlagen verankert, die ihm ein erblich bedingtes Gefeitsein, also einen Schutz gegen viele Krankheiten verleihen, die sogenannte Resistenz (s. auch meinen Aufsatz „Angeborene und erworbene Waffen der Lebewesen gegen Seuchenerreger" in: Das Blaue Kaninchenjahrbuch 1969, S. 143-148).

Zu diesem ererbten Gefeitsein gegen viele Krankheiten kommt noch ein angeborener, aber nicht in der Erbmasse verankerter Schutz gegen solche immunisierenden Krankheiten, die das Muttertier überstanden und gegen die es Gegenstoffe (Antigene) in seinen Körpersäften (besonders im Blut) gebildet hat. Auch diese Schutzstoffe gibt es noch im Mutterleib, in der Gebärmutter, durch den Mutterkuchen (die Placenta) hindurch an den sich entwickelnden Embryo ab. Im Gegensatz zu dem ererbten Schutz gegen Krankheiten wird ein solcher vor der Geburt erworbener, also angeborener, aber nicht ererbter Schutz im allgemeinen nur eine mehr oder weniger kurze Zeit nach der Geburt Schutz gegen die auf ihn ansprechenden Krankheiten geben, bis die von der Mutter im Embryonalleben erworbenen Immunitätsstoffe (Antigene) wieder aus dem Körper der Jungtiere ausgeschieden sind.

Neben diesem angeborenen, aber nicht ererbten Gefeit sein gegen bestimmte Krankheiten, die die Mutter überstanden hat, einer echten passiven Immunität also, kann es gelegentlich auch zu einer angeborenen aktiven Immunität beim Jungtier kommen, wenn der Krankheitserreger selbst und nicht nur die gegen ihn von dem Muttertier gebildeten Abwehrstoffe durch den Mutterkuchen, in den sich entwickelnden Embryo gelangen.

Bei den Neugeborenen spielen in ganz besonderem Maße Haltung und Nahrung eine wichtige Rolle bei der Brutpflege, besonders in Bezug auf das ererbte und erworbene Gefeitsein gegen ansteckende Krankheiten. Die Sorge der Elterntiere in der Brutpflege wird daher in hohem Maße darauf gerichtet sein, zu verhindern, dass von außen her an das Neugeborene Schädigungen herangetragen werden, welche die angeborene Seuchenfestigkeit schwächen oder auch ganz zum Erliegen bringen können. Bei den Nesthockern unter den Säugetieren wird das Muttertier oder es werden auch die Elterntiere gemeinsam für ein warmes, trockenes, weiches und vor den Unbilden der Witterung geschütztes Nest sorgen, in dem die Neugeborenen ungefährdet heranwachsen können.

Ganz besonders wichtig ist es, dass die Jungtiere in den ersten Lebenstagen und Lebenswochen vollwertig ernährt werden. Dafür sorgt in optimaler Weise bei allen Säugetieren der Einsatz der Muttermilch, einem wahren Wunder der Schöpfung, das durch keine andere Maßnahme vollwertig zu ersetzen ist. Darauf soll am Beispiel unserer Kaninchen etwas näher eingegangen werden, soweit das für den Kaninchenzüchter von besonderem Interesse ist.

Die Milch der Kaninchenhäsin ist ungewöhnlich nährstoffreich. Sie weicht in dieser Beziehung erheblich von der Milch unserer anderen Haustiere ab, besonders auch von der Milch unserer Kühe. Kaninchenmilch enthält 15,54 % Eiweiß (Kuhmilch dagegen nur 3,30 %), Fett 10,45 % (Kuhmilch 3,20 %), Zucker 1,95 % (Kuhmilch 4,60 %), Mineralstoffe 2,56 % (Kuhmilch 0,8 %/0), Wasser 69,5 %, (Kuhmilch 84-90 %). An Mineralstoffen enthält die Milch im Allgemeinen: Kalk, Phosphor, Kalium, geringe Mengen von Kochsalz und Eisen, Spuren von Zink, Kupfer, Aluminium, Blei, Mangan, Silicium, Jod und als organische Säure Zitronensäure. An Vitaminen sind in der Milch vorhanden: die Vitamine A und D vor allem in ihren Vorstufen, ferner die Vitamine der B-Gruppe und die Vitamine C, E und F.

Die Milch der Häsin, wie schon gesagt, ist ungewöhnlich nährstoffreich und weicht von der Milch unserer anderen Haustiere ab, auch besonders wie obige Zahlen zeigen von der Kuhmilch. In Bezug auf diese enthält sie erheblich mehr Eiweiß, Fett und Mineralstoffe, dagegen erheblich weniger Zucker.

In den ersten Tagen der Laktation scheidet die Milchdrüse der Häsin, wie das bei allen Säugetieren der Fall ist, eine besonders zusammengesetzte Milch, die Biestmilch oder das Colostrum für das Neugeborene aus, die von ganz besonderem Wert ist und unbedingt vom Neugeborenen aufgenommen werden sollte. Diese Colostralmilch ist noch eiweißreicher als die Normalmilch, sie enthält auch mehr Mineralstoffe und außerdem erheblichere Mengen von Vitamin A und den Vitaminen der B-Gruppe. Besonders angereichert sind in ihr auch die auch in der Normalmilch vorhandenen Schutzstoffe (Antigene) gegen bakterielle Krankheitserreger, die den mütterlichen Organismus befallen haben. Das Muttertier gibt also den Neugeborenen auch mit der Milch und besonders mit der Colostralmilch, neben der in der Erbmasse verankerten Resistenz den angeborenen durch die Placenta übertragenen Immunstoffen, die schon erwähnt wurden, noch weitere Schutzstoffe zur Verstärkung der angeborenen Seuchenfestigkeit mit. Dass auf diesem Wege über die Muttermilch auch gelegentlich einmal Krankheitserreger direkt in die Jungtiere übertragen werden können, sei noch erwähnt. Auf diese Art und Weise in ein Jungtier gelangte Krankheitserreger können in ihm reaktionslos zugrunde gehen, sie können eine aktive Immunität auslösen oder sie können zuweilen auch einmal zum Ausbruch einer Krankheit führen.

Wenn die Jungtiere das Nest, das, während der ganzen Säugezeit vom Muttertier fein säuberlich gehalten wird, im Alter von drei bis vier Wochen zum ersten Mal verlassen und an dem Futter der Mutter zu naschen beginnen, ist die Brutpflege noch nicht als beendet anzusehen. Man soll daher die Häsin mindestens bis zur achten Lebenswoche der Jungtiere, besser bis zur zehnten, ja zwölften bei ihnen belassen. Denn so lange haben die Jungtiere die Nestwärme noch notwendig, und so lange brauchen sie, um sich an das Normalfutter zu gewöhnen. In dieser Zeit werden sie auch noch zusätzlich und reichlich mit Vitaminen der B-Gruppe versorgt. Sie finden nämlich bei ihren Ausflügen aus dem Nest und beim Naschen am Futter der Häsin vom Stallboden, auf diesem den für ihre Entwicklung so notwendigen Vitaminkot (Coecotrophe) in Form schleimiger Kügelchen, zwischen den deutlich dunkleren und festeren Kotballen der Häsin. Dieser Vitaminkot (Vitamine der B-Gruppe) wird ja im Blinddarm des Muttertieres von Bakterien gebildet und in Form von weichen, hellen Kügelchen den Kaninchen als Vitamin B-Quelle angeboten. Näheres über die Wunder der Schöpfung siehe in meinem Aufsatz: „Bakterien als Vitaminproduzenten in den Kaninchenblinddärmen" in: Das Blaue Kaninchenjahrbuch 1967, S. 130-132.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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