Ing. (grad.) A. Rudolph, Altenhof/Much
Obmann für Herdbuch im Normal- und Kurzhaar des ZDK
„Das Blaue Jahrbuch“ 1975
Bevor auf die einzelnen Verfahren eingegangen wird, sollen erst einige Begriffe geklärt werden.
Zucht ist eine planmäßige Paarung von Tieren, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
Diese fortlaufende planmäßige genetische Änderung muss dann mit einer ebenfalls planmäßigen Auslese verbunden werden. Dies gilt insbesondere bei der Anwendung von Inzuchtverfahren. Hier muss die Auslese umso strenger sein, je enger die Inzucht ist.
Alle Tiere werden auf Grund bestimmter innerer und äußerer Merkmale einer bestimmten Tierart zugeordnet. Das Hauptmerkmal der Zuordnung ist die Fortpflanzung. Angehörige verschiedener Arten können zwar miteinander Nachkommen zeugen; diese sind dann in der Regel unfruchtbar. Bekannt ist die Kreuzung zwischen Pferd und Esel. Nur in ganz seltenen Fällen sollen von Eselhengst X Pferdestute (= Maultier) fruchtbare Nachkommen gefallen sein. Pferd und Esel gehören daher zwei verschiedenen Arten an.
Bei Kaninchen – insbesondere Hasenkaninchen, die dem Laien kaum Unterschiede zu Feldhasen zeigen – ist eine erfolgreiche Paarung mit echten Hasen heute einwandfrei als Phantasie abzutun. Hase und Kaninchen werden heute als zwei Arten betrachtet.
Innerhalb der Art unterscheidet man die Rassen. Die Rasse ist eine Gruppe innerhalb einer Art, die sich von anderen Gruppen der Art durch Form, Farbe, Haartyp oder Leistung unterscheidet. In der Großviehzucht versteht man unter dem Begriff „reine Rasse“ Tiere, die in ein Herdbuch eingetragen sind oder eingetragen werden können.
Werden Tiere der gleichen Rasse miteinander gepaart, so handelt es sich um eine Reinzucht (Rassezucht). Eine Kreuzung liegt dann vor, wenn Tiere verschiedener Rassen miteinander gepaart werden (Rassekreuzung).
Die Rassen werden wieder in bestimmte Linien bzw. Gruppen unterteilt. Diese Linien werden deutlich durch die unterschiedliche Auffassung von Kaninchenrassen in den verschiedenen Ländern. Es gibt z. B. in Deutschland eine andere Vorstellung über das Aussehen eines Grauen Riesen als in Frankreich oder Belgien. Die deutsche Zuchtrichtung wird durch unseren Standard klar erklärt. Ohne diese Definition des Zuchtzieles wäre eine einheitliche Zuchtrichtung in Deutschland unmöglich.
Bei den Linien innerhalb einer Rasse kann man noch die Inzuchtlinien herausstellen. Die Tiere dieser Linien weisen unter- einander einen höheren Verwandtschaftsgrad auf als zu den Tieren der gleichen Rasse.
Als letzte Unterteilung folgt dann die Familie. Im tierzüchterischen Sinn ist unsere Ausstellungsform der „Familie“ meist keine echte Familie, da man darunter eine Gruppe mit dem gleichen Verwandtschaftsgrad versteht, z. B. Wurfgeschwister, Halbgeschwister u. a.
In der Tierzucht haben sich im Laufe der Zeit bestimmte Paarungssysteme ergeben. Ziel dieser Systeme ist eine Veränderung der Reinerbigkeit. Je nach System kann die Reinerbigkeit (Homozygotie) erhalten, vermindert oder erhöht werden.
1. Eine zufällige Paarung erhält die genetische Zusammensetzung innerhalb einer Rasse auf gleicher Höhe. Für jeden Tiervermehrer ist dieses System aus wirtschaftlichen Gründen nicht interessant, da es keinen Fortschritt bringt. Evtl. Erfolge aus solchen Paarungen erweisen sich oft als „Blender“, die in der Nachzucht die Fehler erkennen lassen.
2. Die Inzucht, in letzter Zeit als Voraussetzung für züchterische Erfolge herausgestellt, ist eine Paarung von Tieren, die enger mit- einander verwandt sind als der Durchschnitt der Rasse. Die Stärke der Inzucht ist am Verwandtschaftsgrad messbar. Sie reicht von mäßiger Inzucht bei der Paarung von Vetter X Kusine bis zur Inzestzucht bei der Paarung von zwei Vollgeschwistern (bzw. von Vater und Tochter oder Mutter und Sohn).
Um ein Ziel schnell zu erreichen, setzt man oft die Vollgeschwisterpaarung über mehrere Generationen ein. Diese Inzestzucht ist aber mit erheblichen Risiken verbunden. Mit einer Rückpaarung eines Nachkommens an den jüngeren Elternteil lässt sich das Ziel ebenfalls erreichen; es dauert nur etwas länger, aber das Risiko ist geringer.
Noch risikoloser ist die Zucht mit Halbgeschwistern. Grundsätzlich ist festzustellen, dass das Risiko eines Fehlschlages mit dem Grad der Inzucht wächst.
Der Begriff „Linienzucht“ wird in Züchterkreisen oft als eine Zucht mit bestimmten Blutlinien erklärt. Bei intensiver Anwendung werden die Nachkommen über mehrere Generationen mit dem gleichen Elterntier gepaart.

Durch dieses Beispiel wird deutlich, dass die Erbfaktoren des Elterntieres immer mehr in der Nachkommenschaft auftreten. Voraussetzung ist hierbei eine strenge Auslese und ein hochwertiges Elterntier. Das Risiko wird auch hier mit der Dauer der Rückpaarungen erhöht. Eine mildere Form der Linienzucht ist die Paarung von Enkel X Großmutter oder der Schwester der Mutter.
3. Eine weitere Form der Rassezucht ist eine Paarung unter ausschließlicher Berücksichtigung äußerer Merkmale. Das Prinzip ist hier, dass Tiere mit gleichen äußeren Markmalen miteinander gepaart werden, z. B. bei Grauen Riesen werden zwei Elterntiere ausgesucht, die eine sehr gute Kopfbildung aufweisen. Durch die Ausrichtung beider Elterntiere auf ein Zuchtziel tritt der Erfolg schneller ein, als wenn Tiere miteinander gepaart werden, bei denen die Schwäche des einen Partners die Stärke des anderen ist. Die Paarung ausschließlich unter Berücksichtigung äußerer Merk- male ist bei weitem nicht so erfolgreich wie eine mäßige Inzucht, obwohl bei planmäßiger Durchführung ein Erfolg durchaus auftreten kann. Es ist dadurch erklärlich, dass die gewünschten Erbfaktoren bei jeder Paarung nicht die Stärkung erfahren wie bei der Inzucht. Die Zusammensetzung der Tiere erfolgt ja nicht anhand von festgestellten Erbwerten, sondern unter ausschließlicher Berücksichtigung äußerer Merkmale.
Das vorgenannte Paarungssystem wird sehr oft in der Kaninchenzucht eingesetzt, denn durch die Auswahl der Tiere auf einer Schau lässt sich kein Bild über den tatsächlichen Erbwert herstellen. Hier wird deutlich, wie wertvoll genaue Zuchtbuchaufzeichnungen sind, denn nur durch genaue Daten ist eine risikoarme Zusammenstellung von Zuchtpaaren möglich. Hier sind die Herdbücher bzw. Stammbücher aller Tierarten die Voraussetzungen für einen Zuchterfolg. Mit dem Kauf einer Spitzenhäsin und eines hochbewerteten Rammlers ist der Erfolg noch nicht garantiert.
Um einen Erfolg in der Zucht zu haben, bedarf es vieler Jahre harter Arbeit und eines genauen Zuchtplanes. Für die Kaninchenzucht – nicht Vermehrung – setze ich auf die milde Form einer Linienzucht und kann sie unter den üblichen Haltungsbedingungen nur empfehlen. Unbewusst wird dies von vielen Züchtern ebenfalls getan, da diese beim Kauf von Zuchttieren darauf achten, daß ihr „Blut" bei den Ahnen des Zuchttieres vertreten ist. Das Risiko einer Aufspaltung wird dabei erheblich gemindert, und der Leistungsstand des eigenen Stammes bleibt erhalten.
Weitere Zuchtverfahren bauen auf die Fremdzucht auf. Hierbei sind die Elterntiere weiter miteinander verwandt als der Durchschnitt der Rasse.
1. Bei der üblichen Gebrauchskreuzung werden unter Ausnutzung des Heterosiseffektes Gebrauchstiere erstellt. Diese Gebrauchstiere werden nicht weiter zur Zucht benutzt. Bei der Produktion von Mastkaninchen wird diese Paarungsform oft angewandt. So wird nach dem Bericht der Bundesforschungsanstalt, Celle, 1973 die Paarung von insgesamt drei Rassen empfohlen. Man verwendet für diese sog. „Drei-Wege-Kreuzung“ die Weißen Neuseeländer, Weiß-Rex und Kalifornier färbige Riesen.
Der Nachteil der Gebrauchskreuzung ist der relativ hohe Zuchtaufwand, denn neben den Ausgangstieren für die Gebrauchskreuzung müssen in Reinzucht Rassetiere erstellt werden. Ein Ausweg wäre eine enge Zusammenarbeit mit Züchtern, die die gewünschten Ausgangstiere züchten.
2. Bei der Doppelkreuzung paart man z. B. vier Gruppen (Inzuchtlinien, Rassen oder Gruppen) miteinander.

3. Neuerdings wird zur Erzeugung von Masttieren eine Rückkreuzung angewandt. So paart man die weiblichen Tiere der F1-Generation mit den männlichen Tieren der Elterngeneration.
4. Eine abgewandelte Form der Rückkreuzung stellt die Rotationskreuzung dar. Die weiblichen Tiere der F1-Generation werden mit den männlichen Tieren einer anderen Elterngeneration abwechselnd (rotierend) gepaart.
Als Untergruppen haben sich die Zwei-, Drei- und Vier-Rassen-Kreuzungen herausgebildet, z. B. die Drei-Rassen-Kreuzung

Für die nächste weibliche Generation werden das männliche Tier (8) der Rasse A, dann Rasse B eingesetzt.
5. Die Kreuzung mit rückwirkender Auslese kann als verfeinerte Methode der Gebrauchskreuzung angesehen werden. Hierbei werden durch Prüfungen die besten Paarungen ermittelt. Die Elterntiere, die besonders gute Kreuzungsprodukte erzielen, werden auch weiter in Reinzucht gezüchtet. Durch dieses Verfahren werden auf Dauer die Reinzuchttiere und Kreuzungsprodukte verbessert.
6. Bei einer Verdrängungskreuzung versucht man durch gezielte Paarungen bestimmte Merkmale zu verdrängen. Sie wurde in der Tierzucht vielfach zur Verbesserung der alten Landrassen eingesetzt. Die Nachkommen werden immer wieder mit den männlichen Tieren der Edelrasse gepaart. Nach 5-6 Generationen werden weitgehend reinrassige Nachkommen erzielt.
7. Um die guten Eigenschaften mehrerer Rassen zu verbinden, setzt man eine Kombinationskreuzung ein. Hier ist eine scharfe Auslese dringend notwendig. Ein Großteil unserer Kaninchenrassen entstand durch ein derartiges Programm. Zur Festigung der Erbfaktoren wendet man nach Beendigung des Kreuzungsprogrammes noch eine mäßige Inzucht an. Über die Zuchtverfahren lässt sich noch sehr viel schreiben und anhand mathematischer Berechnungen das jeweils beste Verfahren aussuchen. Mein Hauptanliegen ist, dass durch den Überblick eine Kenntnis der verschiedenen Verfahren erreicht wird.
Besonders durch verschiedene Artikel im DKZ habe ich mich genötigt gefühlt, darüber zu berichten. Hier wurde u.a. behauptet, dass nur derjenige sich als Züchter bezeichnen kann, der planmäßig eine Inzucht anwendet. Ich bin kein Gegner der Inzucht, aber sie stellt auch nicht die Voraussetzung für den Erfolg dar. Sie ist ein Instrument, das nicht in die Hand eines jeden Züchters gehört, denn bei einer planmäßigen In- oder Inzestzucht reichen die Selektionsmethoden eines einzelnen Züchters nicht aus. Es ist eine Aufgabe für Spezialzuchtgemeinschaften mit herdbuchmäßiger Betriebsführung.
Neben der äußeren Schönheit dürfen auch die Leistungsmerkmale (Futterverwertung, Wurfstärke, Seuchenresistenz, Säugeleistung u. a.) nicht vernachlässigt werden. Wie soll ein einzelner Züchter mit ca. 40 Jungtieren je Jahr da einwandfrei selektieren können! Mit der Höhe der Leistungsfähigkeit steigt auch die Anfälligkeit für Krankheiten, Stress u. a. Jeder kennt die Schwierigkeit, die durch erhöhte Leistungsfähigkeit beim Schwein entstanden ist. Das ist nun kein Einzelfall, denn auch bei allen anderen Nutztieren ist gleiches festzustellen. Es kann nicht unser Ziel sein, ebenfalls anfällige Hochleistungstiere zu züchten. Bleiben wir bei einer sehr mäßigen Inzucht und lassen die enge Inzucht oder gar Inzestzucht in der Hand von Spezialzuchtgemeinschaften, die durch eine größere Nachkommenzahl je Vatertier eine bessere Selektionsmöglichkeit haben.
Literatur:
Dr. F. K. Dorn: Rassekaninchenzucht, 3. Auflage 1972
Johanson, Redel, Gravert: Haustiergenetik und Tierzüchtung
Dr. H. Niehaus, Celler Jahrbuch 1973, S. 8.





