von Dr. H. Niehaus
Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht, Celle; Direktor: Prof. Dr. A. Mehner
Allgemeine Bedeutung der Nährstoffe
Menschen und Tiere benötigen für den allgemeinen Ablauf der Lebensfunktionen zur Erhaltung der Gesundheit sowie für alle körperlichen und geistigen Leistungen etwa 40 verschiedene Nahrungskomponenten (vergl. Hoffmann La Roche 1970). Alle diese Stoffe müssen dem Organismus regelmäßig in den erforderlichen Mengen zugeführt werden. Fehlen ein oder mehrere lebenswichtige (essentielle) Nahrungsstoffe oder stehen sie in nicht ausreichenden Mengen bzw. nicht richtigen Verhältnissen zur Verfügung, so wird der Stoffwechsel gestört. Schwere und (oder) über längere Zeit andauernde Mängel in der Nahrung haben Leistungsabfall, Krankheiten oder sogar den Tod der betreffenden Tiere zur Folge.
Lebenswichtige Bestandteile des Futters
Zu ihnen gehören:
1. Die organischen, d. h. von Pflanzen und Tieren stammenden Massennährstoffe (Kohlehydrate, Fette und Eiweißstoffe). Diese Nahrungsbestandteile müssen wie der Name schon andeutet in relativ großen Mengen mit dem Futter zugeführt werden. Sie dienen als Energielieferanten (z. B. zur Erhaltung der Körperwärme sowie für alle körperlichen und geistigen Leistungen, ferner zum Aufbau (Wachstum) des Organismus und zur Anlage von Reserven (z. B. Fett und Glykogen).
2. Das Wasser ist ein lebenswichtiger Nährstoff und unentbehrliches Lösungs- und Transportmittel für die Nährstoffe und Stoffwechselprodukte. Eine ausreichende Wasserversorgung der Tiere ist deshalb von großer Bedeutung.
3. Die anorganischen Nährstoffe sind keine Energielieferanten. Ihr Aufgabengebiet ist jedoch vielseitig. Beispiele: Kalzium und Phosphor dienen zum Aufbau des Knochengerüstes. Sie haben aber auch weitere lebenswichtige Aufgaben im Stoffwechsel. Eisen wird für die Bildung des roten Blutfarbstoffes (Hämoglobin) benötigt, das für den Gasaustausch durch die Atmung (Sauerstoff bzw. Kohlendioxyd) unentbehrlich ist. Jod ist für die Bildung des Schilddrüsenhormons Thyroxin unentbehrlich. Chlor wird zur Bildung der Magensalzsäure benötigt. Kalium und Natrium regulieren den osmotischen Druck in den Zellen. Natrium besitzt darüber hinaus noch wichtige Funktionen für die Reizleitung in den Nerven usw.
4. Die Wirkstoffe: Zu ihnen gehören die Vitamine, Fermente, Hormone und Antibiotika, ferner auch anorganische Stoffe wie Kupfer, Eisen u. a. Wolf (1971) empfiehlt, alle Zusatzstoffe unter dem erweiterten Begriff „Wirkstoffe" einzuordnen. Wirkstoffe, deren genaue Abgrenzung voneinander und z. T. auch von den Massennährstoffen nicht möglich ist, unterscheiden sich von letzteren im Wesentlichen dadurch, dass sie
a) nur in kleinen Mengen (wenige Milligramm oder sogar nur Mikrogramm (1 Mikrogramm ist 1/1000 Milligramm) benötigt werden,
b) nicht als Energielieferanten, sondern als „Katalysatoren" dienen. Katalysatoren sind Stoffe, die chemische Reaktionen beeinflussen, ohne sich selbst dabei zu verändern. Deshalb kann man auch mit winzig kleinen Mengen große Wirkungen erzielen.
Im tierischen Organismus greifen die Wirkstoffe in den Ab-, Auf- und Umbau der Massennährstoffe ein und steuern durch ein kompliziertes Zusammenwirken die gesamten Stoffwechselvorgänge.
Was sind Vitamine?
Wir haben schon darauf hingewiesen, dass sie zur Gruppe der Wirkstoffe gehören. Der Name wurde 1912 von Casimir (Kazimierz ) Funk *1884; † 1967 geprägt. Es war aufgefallen, dass in Gebieten mit einseitiger Reisernährung (hauptsächlich in asiatischen Ländern) vermehrt eine Krankheit, später „Beriberi“ genannt, auftrat, als man anfing, den Reis zu schälen. Funk gelang es 1911, aus Reisschalen eine stickstoffhaltige Substanz zu gewinnen, mit der man die Krankheit heilen konnte. Er nannte diese Substanz „Vitamin“ (lebenswichtiges Amin). Dieser Name wird auch heute noch für die gesamte Stoffgruppe verwendet, obwohl er dem chemischen Aufbau der Vitamine nicht gerecht wird. Seit diesen noch gar nicht lange zurückliegenden Pionierarbeiten von Funk und anderen Wissenschaftlern sind eine große Zahl von Vitaminen bzw. Vitamingruppen entdeckt worden. Der Baseler Pharmakonzern Hoffmann La Roche (1971) gibt die Zahl mit 13 an. Er bemerkt aber, dass es noch weitere Stoffe, z. B. Orotsäure (B13), Xantopterm (B14), Pagaminsäure (B15) und mehrere andere Substanzen gibt, deren Vitamincharakter noch nicht erwiesen ist, die man aber gelegentlich zu den Vitaminen zählt.
Es ist verständlich, dass auf dem Gebiet der Vitaminforschung und bei der explosionsartigen Entwicklung auf allen Gebieten der Wissenschaft und Technik fortlaufend neue Stoffe auftauchen, bei denen erst eine eingehende Prüfung ihrer chemischen Struktur und ihrer biologischen Eigenschaften erforderlich ist, bevor feststeht, ob man sie in die Gruppe der Vitamine ein- ordnen kann. Schwierigkeiten ergeben sich häufig auch dadurch, dass die betreffenden Stoffe nur in winzig kleinen Mengen in der Natur vorkommen und (oder) es sich um Stoffe mit komplexer Wirkung handelt, bei denen mehrere Stoffe, die sich in ihrer Wirkung steigern, beteiligt sind.
Hierhin gehören der „Molkefaktor“, der „Eigelbfaktor“, der „Fischpreẞfaktor“ u. a., die vermutlich aus einer Mischung bekannter essentieller Nahrungskomponenten bestehen (vergl. Hoffmann La Roche, 1970).
Kennzeichnung und Einteilung der Vitamine
Zur Charakterisierung der Vitamine kann man mit gewissen Einschränkungen sagen, dass sie zu den lebensnotwendigen Wirkstoffen gehören, die der menschliche und tierische Organismus nicht – oder nicht in ausreichenden Mengen – bilden kann und die deshalb mit der Nahrung zugeführt werden müssen (vgl. Prof. Dr. sc. Wolfgang Rudolph 1951). Zu ihrer Kennzeichnung werden im allgemeinen Buchstaben (A, B, C usw.) als Symbole (Zeichen) verwendet.
Einteilung
Eine befriedigende Einteilung der Vitamine stößt wegen ihrer individuell unterschiedlichen, meist komplexen und z. T. nur unvollständig bekannten Wirkungsweise auf große Schwierigkeiten. Bisher hat man sich damit beholfen, die Vitamine nach ihrer Löslichkeit in zwei Gruppen einzuteilen, nämlich in
1. fettlösliche und
2. wasserlösliche Vitamine
Fettlöslich sind die Vitamine A, D, E und K. Zu den wasserlöslichen Vitaminen gehören als wichtigste Vertreter die Vitamine C, B1, B2, B6, B12, PP, Pantothensäure, Biotin und Folsäure. Hartfield (1970) weist darauf hin, dass in neuerer Zeit eine andere Einteilung der Vitamine im Gebrauch ist, die ihre Wirksamkeit im Zellstoffwechsel berücksichtigt. Danach werden die Vitamine A, C, D und E in die Gruppe der induktiven oder Hormonvitamine eingereiht. Sie fördern das Wachstum des Organismus und erhalten die Gewebestruktur.
Diesen stehen die biokatalytisch wirkenden Enzymvitamine gegenüber. Zu dieser Gruppe gehören die Vitamine des B-Komplexes sowie das Vitamin K, die als Bestandteile von Fermenten bei zahlreichen Vorgängen des Zellstoffwechsels mitwirken. Für die Praxis ist das Problem der Vitamin-Einteilung von untergeordneter Bedeutung. Wichtiger sind die Kenntnisse vom Vitaminbedarf und einer einfachen und sicheren Methode der Vitaminversorgung.
Vitaminbedarf beim Kaninchen
Hoffmann La Roche (1970) gibt die in Tabelle 1 aufgeführten Bedarfszahlen an. IE= Internationale Einheit **Die Bedarfszahlen der mit einem Strich versehenen Vitamine sind nicht bekannt. Bei Darmerkrankungen, Resorptionsstörungen, ferner hohen Gaben bestimmter Medikamente und bei bereits vorhandenem Vitaminmangel sind erhöhte Gaben, am besten in Form von Vitaminstößen, zu empfehlen.
*IE=Internationale Einheit

**Die Bedarfszahlen der mit einem Strich versehenen Vitamine sind nicht bekannt. Bei Darmerkrankungen, Resorptionsstörungen, ferner hohen Gaben bestimmter Medikamente und bei bereits vorhandenem Vitaminmangel sind erhöhte Gaben, am besten in Form von Vitaminstößen, zu empfehlen.
Vorkommen und Wirkungsweise der Vitamine
Die meisten Vitamine oder ihre Vorstufen werden in Pflanzen gebildet. Der tierische Organismus kann solche Vorstufen in die wirksamen Vitamine überführen.
Vitamin C (Ascorbinsäure) kann von den meisten Tierarten in der Leber synthetisiert werden, während Mensch, Affe und Meerschweinchen auf eine Zufuhr mit der Nahrung angewiesen sind. Darmbakterien sind in der Lage, Vitamine der B-Gruppe und Vitamin K3 aufzubauen. Bei Kaninchen erfolgt die Synthese hauptsächlich im Blinddarm.
Vielen Kaninchenzüchtern dürfte das Kotfressen der Kaninchen bekannt sein. Nach Untersuchungen von (1949/1950) , des deutschen Zoologen Wilhelm Harder *1921; † 2009 , fressen erwachsene Kaninchen etwa 1/3 ihres gesamten Kotes. Es handelt sich dabei um einen speziellen besonders vitaminreichen Blinddarmkot, durch den sich die Kaninchen zusätzlich mit B- und K-Vitaminen versorgen. Da Kaninchen diesen Kot meist direkt vom After abnehmen, wird das Kotfressen durch die Haltung der Tiere auf Drahtgitterböden nicht verhindert.
In der Fütterung wird in zunehmendem Maße so verfahren, dass man alle für eine gute Gesundheit, Fruchtbarkeit und ein möglichst optimales Wachstum der Tiere benötigten Vitamine in den erforderlichen Mengen in Form von stabilisierten synthetischen Vitaminen dem Futter zusetzt, und zwar weitgehend ohne Berücksichtigung der in den Futtermischungen bereits vorhandenen Vitamine. Auf diese Weise kann man Futtermischungen aus den besten und preiswertesten Komponenten zusammenstellen, ohne auf ihre sowieso meist unausgewogenen und schwankenden Vitamingehalte Rücksicht nehmen zu müssen und trotzdem eine gesicherte Vitaminversorgung soweit das auf Grund unserer gegenwärtigen Kenntnisse auf diesem Gebiet möglich ist zu erreichen. Eine solche Vitaminierung kommt in erster Linie bei der Herstellung von Industriefuttermischungen in Frage. Von einigen Firmen werden vorsorglich auch die Vitamine K3 (4-6 mg/kg) und Folsäure (0,08-0,15 mg/kg) ins Futter gegeben.
Vitaminmangel
Da die Vitamine zu den essentiellen Nährstoffen gehören, gelten für sie die gleichen Grundtatsachen, die im ersten Kapitel für alle lebenswichtigen Nährstoffe dargestellt worden sind. Fehlt auch nur ein lebenswichtiges Vitamin, treten schwere Stoffwechselstörungen auf, die bei längerer Dauer zum Tod der betreffenden Tiere führen.
Durch Fehlen oder Mangel an Vitaminen werden Avitaminosen hervorgerufen. Geringgradige Formen werden als Hypovitaminosen, schädliche Überdosierungen als Hypervitaminosen bezeichnet. Letztere spielen bei der üblichen Fütterungsweise kaum eine Rolle, weil sie erst von einer etwa 100fachen Überdosierung an und bei längerer Anwendung extrem hoher Vitamingaben in Erscheinung treten. Sie können in erster Linie bei bestimmten Vitaminen, z. B. A und D, erwartet werden.
Weit häufiger und gefährlicher sind langfristige Unterdosierungen, die latente (verborgene) Störungen bewirken. In solchen Fällen tritt ein vorhandener Vitaminmangel nicht direkt im Erscheinung. Er kann sich aber in mangelnder Fruchtbarkeit, Schwierigkeiten bei der Aufzucht der Jungen, erhöhter Krankheitsanfälligkeit, Missbildungen u. a. äußern, Schäden, für die aber auch andere Ursachen in Frage kommen, so dass eine Diagnose nicht ganz einfach ist. Manchmal bewirkt der Mangel an bestimmten Vitaminen typische Krankheitsbilder. Sie werden in den folgenden Kapiteln noch einige davon kennenlernen.
Es sei noch darauf hingewiesen, dass u. U. über den Bedarf hinausgehende Vitamingaben das Wachstum und Ansatzvermögen bei Tieren verbessern können. Man nennt chemische Verbindungen mit derartigen Wirkungen, zu denen die Vitamine A, D und E, bestimmte Sexualhormone, Antibiotika u. a. gehören, Anabolika (vgl. 1971, Prof. Dr. Dr. Jürgen Schole *1940; †2006 ).
Sollte der Züchter Vitaminmangel bei seinen Tieren vermuten (Anzeichen: siehe auch die folgenden Kapitel) so ist eine Untersuchung der Tiere und eine Beratung durch den Tierarzt zu empfehlen. Es gibt heute mehrere gute Multivitaminpräparate, die die wichtigsten Vitamine in einem günstigen Verhältnis enthalten. Durch sogenannte „Vitaminstöße“ nach Anweisung des Tierarztes und der Herstellerfirmen sind die meisten Vitaminschäden in kurzer Zeit zu beheben, falls nicht bereits irreparable (nicht mehr zu beseitigende) Schäden aufgetreten sind. Einige für Kaninchen wichtige Vitamine Vitamin A (Wachstums-, Epithelschutz-, Antixerophtalisches Vitamin) Vitamin A kommt als reiner Wirkstoff nur im Tierreich vor, z. B. in Milch und Eiern, die jungen Tieren bzw. Embryonen als erste Alleinnahrung dienen. Ein wichtiges Speicherorgan ist die Leber. Die Vorstufen für die verschiedenen A-Vitamine (Provitamine) werden in Pflanzen gebildet. Es handelt sich um Carotine, die u. a. in Karotten (daher auch der Name Carotin) und als Bestandteil des Blattgrüns (Chlorophyll) vorkommen. Diese Vorstufen müssen im tierischen Organismus in den Wirkstoff A umgewandelt werden. Das geschieht in der Leber und in den Dünndarmschleimhäuten.
Die Ausnutzung der verschiedenen Carotine ist unterschiedlich und schlechter als die des Vitamins A. Dabei spielen verschiedene Dinge, z. B. Phosphor und Vitamin-E-Mangel, die Anwesenheit von Nitraten u. a., eine Rolle.
Der Vitamin-A-Gehalt wird durch biologische Tests ermittelt und meist in Internationalen Einheiten (IE) ausgedrückt. Vitamin A bewirkt u. a.
1. Störungen im Wachstum der Tiere;
2. Eintrocknen der Schleimhäute, z. B. der Atmungsorgane, der Verdauungsorgane und der Geschlechtsteile. Dadurch sind die Mangeltiere einer erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt. Außerdem treten Störungen in der Fruchtbarkeit in Erscheinung.
3. Bei jungen Tieren wird durch A-Mangel eine Augenkrankheit (Xerophthalmie) hervorgerufen.
Die Versorgung der Tiere mit Vitamin A erfolgt bei der herkömmlichen Fütterung in ausreichendem Maße durch das verabreichte Grünfutter. Da das Vitamin A und seine Vorstufen sehr empfindlich gegen UV-Licht und oxidierende Stoffe sind, wird bei der Heugewinnung bereits ein großer Teil zerstört. Ein weiterer Abbau erfolgt bei der Lagerung des Heues. Heu enthält in den Wintermonaten nur noch wenig Carotin, so dass es für die Carotin Versorgung der Tiere vielfach nicht ausreicht. Auch bei Mohrrüben, Steckrüben u. a. carotinhaltigen Futterstoffen findet ein fortlaufender Abbau des Carotins statt. Nach Weihnachten kann deshalb Carotin- und damit Vitamin-A-Mangel auftreten. In solchen Fällen sind zusätzliche Vitamingaben am besten unter Verwendung von Multivitaminpräparaten (vgl. Kapitel „Vitaminmangel“) zu empfehlen.
Die üblichen Handelsfuttermittel für Kaninchen enthalten im allgemeinen ausreichende Mengen der verschiedenen Vitamine, und zwar in stabilisierter, d. h. weniger angreifbarer Form. Die Stabilisierung kann durch verschiedene Maßnahmen, z. B. durch Zugabe der Antioxydantien, zu denen auch das Vitamin E gehört, erfolgen.
Vitamin D (Antirachitisches Vitamin)
Von den vielen Vitaminen mit D-Wirkung spielen D2 und D3 die größte Rolle. In der Tierernährung wird hauptsächlich D: verwendet. Vögel können nur D3 verwerten.
Das Vitamin D3 kommt in Eiern, Milch, Pilzen bestrahlter Hefe sowie in der Leber vor. Es wird durch UV-(ultraviolettes) Licht aus der Vorstufe 7 – Dehydrocholestrin – gebildet. D₂ (Vorstufe: Ergosterin) ist weniger verbreitet.
D-Mangel
Vitamin D fördert die Aufnahme von Calcium durch die Darmwand und die Einlagerung von Calcium und Phosphor in die Knochen.
D-Mangel führt bei jungen Tieren zur Rachitis (Knochenweiche, Verbiegungen der Knochen). Rachitis tritt nach D-Mangelernährung und nach Dunkelhaltung der Kaninchen in Erscheinung.
Bei erwachsenen Tieren sind Entkalkung und Brüchigkeit der Knochen Folgen von D-Mangel, ferner auch Gliederschmerzen, erhöhte Erregbarkeit, Krampfanfälligkeit u. a.
Bei Verfütterung von Grünfutter in hellen Ställen oder von vitaminiertem Handelsfutter ist Rachitis bei Kaninchen nicht zu befürchten.
Vitamin E
In der Natur kommen mehrere Verbindungen (Tocopherole) vor. Natürliche Quellen für die Kaninchen sind Getreidekeimlinge, die meisten Ölsaaten, grüne Pflanzen u. a. Getreidekeimlinge dürfen nur im frischen Zustand verfüttert werden. Keime mit ranzigem Öl haben negative Wirkungen. Säugende Jungtiere werden bei richtiger Fütterung durch die Häsinnenmilch mit allen wichtigen Vitaminen versorgt. Längere Mangelfütterung bei den Häsinnen wirkt sich negativ auf den Vitamingehalt der Kaninchenmilch und damit auf das Gedeihen der Jungen aus. E-Mangel Vitamin E wird auch als Fruchtbarkeitsvitamin bezeichnet. Es hat eine regulierende Wirkung auf die Hormonproduktion der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) und damit auf die Steuerung der Geschlechtshormone. E-Mangel bewirkt Störungen der Hodenfunktion bei männlichen Tieren. Bei Häsinnen entstehen Fruchtbarkeitsstörungen. Bei tragenden Häsinnen kommt es vielfach nicht zur Geburt, weil die Föten vorher absterben und von der Gebärmutterwand resorbiert (aufgesaugt) werden. Zusätzliche E-Gaben (Tierarzt zu Rate ziehen) können in solchen Fällen helfen. Natürlich kann mangelnde Fruchtbarkeit auch auf andere Ursachen, z. B. Veranlagung, unharmonische Fütterung, A- Mangel, Verfettung, jahreszeitliche Einflüsse u. a. zurückzuführen sein. Kaninchen sind sehr empfindlich gegen E-Mangel, vermutlich erleiden sie einen Herztod, bevor typische E-Mangelerscheinungen auftreten.
Vitamin E, wichtiges Antioxydans
Eine wichtige Aufgabe von Vitamin E besteht darin, dass es durch seine Gegenwart andere wichtige Nahrungskomponenten, z. B. das gegen Sauerstoff empfindliche Vitamin A, ferner auch die lebensnotwendigen ungesättigten Fettsäuren u. a. vor der Zersetzung schützt. Es verhindert also die Oxydation (daher: Antioxydans) und trägt dadurch zur Stabilisierung der gegen Sauerstoff empfindlichen Nährstoffe bei.
Vitamin K (Phyllochinon)
Es gibt mehrere Formen des Vitamins K, die man in zwei Gruppen (K1- und K2-Vitamine) einteilen kann.
K1 wird in grünen Pflanzen, K2 durch Darmbakterien gebildet. Vitamin K ist für die Blutgerinnung unentbehrlich. Es wird vom Menschen und von allen untersuchten Tieren benötigt.
K-Mangel führt u. a. zur Blutungsneigung und zu Blutungen in verschiedenen Geweben und Organen (Unterhaut, Muskel, Darm, Bauchhöhle, Geschlechtsorgane u. a.). Besonders empfindlich gegen K-Mangel sind Vögel. Ferner wird die Gerinnungszeit des Blutes z. T. erheblich verlängert (bei Hühnern von 2-4 Minuten auf eine bis mehrere Stunden).
Bei Kaninchen sind K-Mangelerscheinungen selten, weil selbst bei K-armer Nahrung ausreichende Vitaminmengen durch Darmbakterien gebildet werden. Hohe Antibiotika- und Sulfonamidgaben können allerdings die Darmflora und damit auch die Vitamin-K-Synthese ungünstig beeinflussen.
B-Vitamine
Sie bilden keine einheitliche Gruppe, kommen aber häufig vergesellschaftet vor, z. B. in Hefe, Vollkorn, Gemüse u. a. Die B- Vitamine können hier aus Platzgründen und wegen ihrer meist recht komplizierten, z. T. noch nicht genau bekannten Wirkungsweise im Einzelnen nicht behandelt werden.
Ganz allgemein kann gesagt werden, dass die B-Vitamine als Bestandteile von Fermenten in die energieliefernden Prozesse des Organismus eingreifen. Mehrere B-Vitamine spielen auch bei den Umsetzungsvorgängen der Kohlehydrate (Zucker, Stärke, Glykogen u. a.) eine Rolle. Ihr Bedarf steigt bei kohlehydratreichem Futter an.
Vitamin B1 (Thiamin)
Ein Bedarf von B₁ ist auch für Kaninchen nachgewiesen. B1-Mangel ruft bei Menschen eine als „Beriberi“ bezeichnete Krankheit hervor. Es handelt sich dabei um Degenerationserscheinungen am zentralen und peripheren Nervensystem. Außerdem können Herzstörungen mit Atemnot, Beklemmungsgefühlen in schweren Fällen auch einen plötzlichen Herztod u. a. Erscheinungen hervorrufen. Bei Kaninchen besitzt B1 vermutlich auch einen Einfluss auf die Pigmentierung der Unterwolle.
Vitamin B12 (Cyanocobalamin)
B12 ist das Vitamin mit der höchsten Wirksamkeit. In reiner Form ist es ein rotes kristallines Pulver. Es ist u. a. wichtig für normale Blutbildung. Ferner erhöht es die Ausnutzung des Eiweißes, besonders die des biologisch weniger wertvollen pflanzlichen Eiweißes. B12 wird nur in sehr geringen Mengen benötigt (siehe Tabelle 1) und kann von Darmbakterien synthetisiert werden, wenn Kobalt (eine Komponente von B12) zur Verfügung steht.
Biotin
Biotinmangel bewirkt Wachstumshemmungen, Hautentzündungen, Haarausfall und eine Verschlechterung der Fellqualität. Vielleicht interessiert auch die Tatsache, dass es sogenannte Antivitamine gibt, deren Wirkung gegen bestimmte Vitamine gerichtet ist. Dazu gehören z. B. das im Klar des Hühnereis vorhandene „Avidin", dass die Biotinwirkung aufhebt; ferner die Thiaminase in bestimmten Fischarten als Antivitamin gegen Thiamin (B1). Beide Antivitamine spielen bei der Kaninchenfütterung keine Rolle, weil Kaninchen normalerweise nicht mit ungekochten Eiern oder frischen Fischen gefüttert werden. Durch Erhitzen wird die Wirkung der genannten Antivitamine zerstört.
Schlussbemerkungen
Das umfangreiche Stoffgebiet der Vitamine und ihre meist recht komplizierte Wirkungsweise konnte nur als Übersicht und in vereinfachter Form dargestellt werden. Für näher Interessierte steht eine reichhaltige Spezialliteratur zur Verfügung. Der Zweck dieses Artikels besteht darin,
1. die Kaninchenzüchter auf die große Bedeutung einer richtigen Ernährung im Allgemeinen und einer ausreichenden und harmonischen Vitaminversorgung im Besonderen für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Tiere hinzuweisen,
2. den Nichtfachmann vor Experimenten mit den hochwirksamen Vitaminpräparaten – für andere Wirkstoffe gilt dasselbe – zu warnen,
3. darzustellen, dass nur erfahrene Spezialisten in der Lage sind, die für maximale Leistungen erforderlichen Futtermischungen zusammenzustellen,
4. noch vorhandene Vorurteile hinsichtlich der menschlichen Ernährung, die nach den gleichen Prinzipien wie beim Tier erfolgt, abzubauen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch bei der Zusammenstellung der menschlichen Nahrung mehr als bisher zu berücksichtigen.
Schrifttum
Hoffmann La Roche & Co AG (1970) Wolff, G. (1971) „Vitaminkompendium", S. 1, Basel, Schweiz
– -,,Wirkstoffe Schlüssel zum Erfolg in der modernen Veredelungsproduktion", Kraftfutter, 54, Heft 3, S. 106-110, Alfred Strothe Verlag, Hannover
Schole, J. (1970) „Der Einsatz wachstumsfördernder Verbindungen in der Tierernährung", Kraftfutter, 54, Heft 3, S. 110-114, Alfred Strothe Verlag, Hannover
Hartfield (1970) „Fragen der Vitaminversorgung beim Geflügel", Deutsche Geflügel-Wirtschaft, 22, 1970, S.
Rudolph, W. (1951) „Vitamine, Elemente des Lebens", Kosmosbändchen, S. 8, Franckh'sche Verlagshandlung W. Keller, Stuttgart
Harder, W. (1949) „Zur Morphologie und Physiologie des Blinddarmes der Nagetiere", Verhandlungen der deutschen Zoologen in Mainz. K.-G. Leipzig, Akad. Verlagsgesellschaft Geest & Portig, 1949
Harder, W. (1950) „Mein Kaninchen frisst Kot", Deutscher Kleintier-Züchter, 1950, Nr. 14, S. 5-7 108


