Willi Römpert, Reilingen/Bd. „Das Blaue Kaninchen Jahrbuch“ 1958

In unserer Zeit, in der die Mechanisierung, Rationalisierung und Atomenergie das Zepter führen, der Materialismus den Idealismus zu verdrängen droht, ist es besonders wichtig, dass wir uns die Verbundenheit mit der Natur und die Liebe zum Tier erhalten. Die Kaninchenzucht ist und war uns alten Züchtern schon immer eine ideelle Feierabendbeschäftigung, die uns Einblick in das Wirken und die Wunder der Natur gibt und uns darüber hinaus selbst an ihrem schöpferischen Schaffen teilnehmen lässt. Sie gibt uns den erforderlichen Ausgleich nach des Tages Arbeit und Mühen, den der Mensch im Zeitalter des Motors und der Atome ganz besonders notwendig hat. Dies gilt im Besonderen auch für unsere Jugend, die heute im Sport und den vielerlei anderen Vergnügungen derart viel Ablenkung und Abwechslung findet, dass sie ihr Ideal oftmals nur noch in rein materialistischen Betätigungen sieht. In einer Zeit des Tempos und der Rekorde, denken die wenigsten jungen Menschen noch an eine wahre Feierabendbeschäftigung; im Gegenteil, sie glauben ihre durch den Beruf an und für sich schon sehr mitgenommenen Nerven, durch endlose Fahrten mit Motorfahrzeugen beruhigen zu können. Sie rasen durch die Gegend, ohne auch nur im geringsten Einblick in die Schönheiten und Wunder der Natur zu nehmen. Wohl daher den jungen Menschen, die sich noch über das Werden in der Natur und ihre Schönheiten freuen können, für die das Wachsen und Auf- blühen einer jeden Pflanze und Blume, das Geborenwerden eines jeden Lebewesens eine Offenbarung bedeutet. Für sie kann die Welt, trotz aller Alltagssorgen nicht freudlos sein, zuversichtlich werden sie in die Zukunft blicken.

Wir Kaninchenzüchter werden alljährlich im Frühjahr, zur Zeit des Zuchtbeginns von diesem großen Wunder erneut ergriffen, denn es lässt uns die wahren Züchterfreuden teilhaftig werden. Welche große Freude ist es doch, das Bewusstsein zu besitzen, durch eigenes Tun an der Gestaltung, der durch eine wunderbare Planung geschaffenen Lebewesen mitarbeiten zu dürfen. Dieses gewaltige Geschehen in der Natur rechtfertig allein schon unseren Züchterstolz. Die Gewinnung der Jugend für unsere schöne und wertschaffende Kaninchenzucht, muss schon aus diesen Gründen eine der vornehmsten Aufgaben unserer Organisation, ganz besonders unserer Vereine sein. Hier in der untersten Gliederung unserer Organisation, bieten sich die besten Möglichkeiten zur Erfassung der Jugend für unsere Ideale. Wahrlich, eine schöne und dankbare, mitunter aber auch recht schwierige Aufgabe, die unsere Aufmerksamkeit und Mitarbeit im vollsten Umfang verdient.

An einem idealistisch denkenden Züchternachwuchs muss allen Vereinen und Verbänden viel gelegen sein, denn oftmals macht sich in unseren Vereinen schon heute die Überalterung unliebsam bemerkbar und da und dort bedroht sie die Existenz des Vereinslebens. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft, denn aus der Jugend von heute, erwachsen die Züchter für morgen! Die Männer, die in unseren Vereinen und Verbänden heute das Steuer in Händen haben, müssen daher unbedingt die Arbeit in der Jugendbetreuung ernst nehmen und ihr ein ganz besonderes Augenmerk schenken, denn nur dann werden wir in den Vereinen Früchte ernten und das erhalten, was in vielen Generationen von deutschem Züchtergeist geschaffen wurde. Wir können es uns heute einfach nicht mehr leisten, in dieser heiklen Frage Gewehr bei Fuß zu stehen und diesen Lebensquell für unsere Vereine versiegen zu lassen. Im Gegenteil, es gehört zu unseren dringendsten Aufgaben, die Erfassung der Jugend für unsere Ideale und Ziele mit allen Kräften zu fördern. Es ist sehr bedauerlich, dass in verschiedenen Vereinen und Verbänden das Werben und Ringen um den Züchternachwuchs recht stiefmütterlich behandelt, zum Teil sogar in unverantwortlicher Weise vernachlässigt wird. Gewiss, es ist nicht immer leicht, die Jugend für eine Sache zu begeistern, die vor allem ideelle Werte birgt. Wenn die Jugendarbeit jedoch richtig angefasst und mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl gehandhabt wird, dann ist es nur noch halb so schwer unter jugendlichen Menschen Tierfreunde zu finden, die sich als Leitmotiv für eine erhol- same und ersprießliche Feierabendbeschäftigung vor allem die Liebe zum Tier und die Verbundenheit mit der Natur auserwählen werden. Aus dem Umgang mit Kaninchen kann die Jugend vieles lernen, was sie später im Leben gebrauchen und anwenden kann. Die Liebe zum Tier wirkt sich bei jungen Menschen formend und erziehend aus, sie zeigt vor allen Dingen den richtigen Weg, um das Gute vom Bösen unterscheiden zu lernen. Keine Eltern brauchen sich daher Sorge zu machen, wenn eines ihrer Kinder aus Liebe zur Kreatur zu uns gefunden hat, es ist in unseren Jugendgruppen gut aufgehoben und in allerbesten Händen.

Es ist eine bemerkenswerte und erfreuliche Feststellung, dass es heute, trotz der oft fühlbaren Lauheit in Fragen der Jugendbetreuung, verhältnismäßig nur noch wenige mittlere und größere Kaninchenausstellungen gibt, auf der keine Jungzüchter als Aussteller in Erscheinung treten. Diese Tatsache ist umso höher einzuschätzen, da die Betreuung der Züchterjugend, speziell in ländlichen Kaninchen- und Kleintierzuchtvereinen, noch ziemlich jung ist. Die Sonderausstellungen unserer Jugendgruppen, die in den letzten Jahren vielen Ausstellungen im Bundesgebiet angegliedert waren, haben den untrüglichen Beweis erbracht, dass das Interesse und die Unterstützung, die fortschrittliche Vereine der Jugendsache entgegenbringen, eine sehr gute Kapitalanlage ist.

An alle Kaninchen- und Kleintierzuchtvereine, in denen noch keine Jugendgruppen bestehen, sei die herzliche Bitte gerichtet, sich endlich einmal mit dem Gedanken der Gründung einer Jugendgruppe vertraut zu machen. Eine der besten Möglichkeiten hierzu bietet uns die Ausstellungsperiode. Man muss es nur verstehen die Begeisterung, die junge Menschen von einer Kaninchen- und Produktenschau mit nach Hause nehmen, richtig auszuwerten. Damit allerdings viele Jugendliche unsere Veranstaltungen besuchen, ist es dringend notwendig die Schulen zu einem Besuch einzuladen (natürlich ohne Eintritt zu erheben) und befähigte Züchter als Führer durch die Ausstellung einzusetzen. Sollen die Ausstellungsbesuche der Schuljugend allerdings ihren Zweck erfüllen, dann darf es auf den Ausstellungen weder an Belehrungs- noch an Aufklärungsmaterial fehlen.

Vor der eigentlichen Gründung einer Jugendgruppe muss man sich im Verein darüber klar geworden sein, welchem Züchter deren Leitung übertragen wird, denn es gehören eine gute Portion Erfahrung, Fachkenntnisse und Fingerspitzengefühl dazu eine Jugendgruppe aus der Taufe zu heben und was noch schwieriger ist, sie zu einer Gemeinschaft zusammenzuschweißen, in der die Kameradschaft gepflegt wird und die Liebe zum Tier, seine Pflege und Zucht das gemeinsame Interesse darstellen. Ein Jugendleiter muss ein ganzer und fortschrittlicher Züchter sein, der in seinem Herzen jung geblieben ist und der es versteht mit der Jugend zu denken und zu fühlen. An interessierten Jugendlichen fehlt es bestimmt nirgends, richtige Jugendobmänner sind jedoch vielerorts Mangelware, zumal heute unbestreitbar im Vereinsleben eine tiefgehende Postenmüdigkeit herrscht und oftmals „Opfer" gewählt werden müssen, weil sich die geeigneten Mitglieder nicht zur Verfügung stellen.

Es wäre sehr zu bedauern, wenn die Gründung einer Jugendgruppe am fehlenden Willen einiger unbelehrbarer und rückständiger Mitglieder scheitern würde. Noch immer ist Zeit und Gelegenheit an die Gründung einer Jugendgruppe heranzugehen, denn wer sich die Herzen der Jugend erobert, dem braucht vor der Zukunft nicht bange zu sein.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.