Dr. Schwenkenbecher, Münster – „Das Blaue Jahrbuch“1973

Aus älterer Literatur ist zu entnehmen, dass die jungen Kaninchen möglichst lange bei ihrer Mutter zu bleiben haben, damit sie von ihr über viele Wochen gesäugt werden können. Kein Futtermittel kann die so wertvolle Muttermilch ersetzen wurde argumentiert.

Bei der Mehrzahl dieser Züchter konnten deshalb auch nur ein, höchstens zwei Würfe im Jahr je Häsin anfallen.

Aber nicht nur in alten Schriften wurde auf diese Art der Aufzucht hingewiesen, auch in jüngster Zeit – so in verschiedenen Ausgaben des DKZ aus dem Jahre 1972 war z. B. folgendes zu entnehmen: „Immer wieder haben Züchter Schwierigkeiten mit dem Absetzen ihrer Jungkaninchen. Manche setzen mit 8 Wochen ab, andere erst mit 12 Wochen. Wichtig für das Absetzen ist einmal, dass der Züchter weiß, wie lange eine Häsin säugt. Grundsätzlich sollte man die Häsin nicht vor der 8. Lebenswoche absetzen, da die meisten Häsinnen 8 Wochen säugen. Wenn die Zeit nicht drängt, kann man die Jungtiere auch 12 Wochen beim Muttertier belassen." So steht es wörtlich in einer der Frühjahrsausgaben im DKZ. Dies scheint mir alles sehr allgemein gehalten und der Wirklichkeit nicht mehr zu entsprechen. Wer setzt heute noch die Häsin mit 12 Wochen ab? Die Zahl dieser Züchter dürfte viel zu gering geworden sein, zumal die Fütterungsart und Fütterungstechnik andere Möglichkeiten schafft. Hinzu kommt, dass in der Zwischenzeit überall bekannt ist, dass die meisten Krankheiten der Jungtiere überwiegend im Alter von 25 bis 55 Tagen auftreten, weil das Muttertier Keime, Viren, Bakterien, Kokzidien, Wurmeier usw. ausscheidet, die von den Jungtieren aufgenommen werden.

Die sogenannten unspezifischen Darmentzündungen, die heute allen Kaninchenzüchtern schwer zu schaffen machen, treten gerade in den Betrieben vermehrt auf, die die Jungen zu spät absetzen. Wahrscheinlich wirken dann mehrere Faktoren zusammen wie: zu spätes Absetzen, keine ausreichende Versorgung mit Muttermilch, Gefahr der Unterkühlung, Umstellung auf zu kaltes Trinkwasser, Schädigung des Magen-Darmtraktes durch Kokzidienbefall. Als Folge dieser angegebenen Ursachen finden wir dann in dem Untersuchungsergebnis den Vermerk: Starke Vermehrung mit Kolibakterien, die vom Darm aus in die einzelnen Organe eindringen und eine Koliinfektion bewirken. Bei den Magen- und Darmerkrankungen ist es in den meisten Fällen gar keine Kokzidiose, sondern eine Koliinfektion. Durch anhaltenden Durchfall werden die Jungen geschädigt und gehen ein. Hier können die Verlustziffern bei ca. 40% liegen.

Werden Häsinnen von ihren Jungen frühzeitig getrennt, so stellen wir auch eine Verminderung von Infektionskrankheiten fest, die ja durch Übertragung von Tier zu Tier, durch Ausscheidungen und durch andere Tiere, und vor allen Dingen über den Menschen entstehen können.

Zu diesen Erkrankungen gehören die Pasteurellose (eitrige Lungenentzündung, ansteckender Schnupfen), die Pseudotuberkulose, die Kokzidiose. V

on gut beobachtenden Züchtern wird darauf hingewiesen, dass die Jungtiere mit ca. 10 Tagen die Augen öffnen und mit 15 bis 18 Tagen das Nest verlassen. Dann beginnen sie auch sofort Futter aufzunehmen, wenn auch zuerst aus Neugier und aus Spieltrieb.

Zu bedenken ist, dass die Milchleistung guter Häsinnen zwischen ca. 160 bis 210 g je Tag liegt, dass aber nach neueren Ergebnissen diese Milchleistung der Häsin bis zur 3. Woche am höchsten ist, um dann recht schnell abzusinken. Bei vielen Wägungen kann man diesen Verlauf einer Laktationskurve (Milchleistungskurve) verfolgen.

Deshalb sollten von allen Züchtern die Jungtiere innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Wurf gewogen und das Gewicht zum 2. Male in der 3. Woche festgehalten werden. Natürlich kann man die Jungtiere auch in der 8. Woche wiegen, was aber nicht mehr so entscheidend ist wie die ersten beiden Wägungen.

Das 3-Wochen-Gewicht sollte je nach Rasse bei normal großen Tieren 350 bis 450 g je Jungtier betragen. Bei schnell ansteigenden Gewichten der Jungtiere in allen Tierzuchtzweigen nimmt die Milchmenge bei unseren Häsinnen ab und beträgt in der 5. Woche nach dem Werfen weniger als die Hälfte der Höhe in der 3. Woche. Auf Grund dieser Feststellungen und der Qualität der heutigen Mischfutter werden seit einiger Zeit die Jungtiere in etlichen Betrieben grundsätzlich bereits 3 Wochen nach dem Werfen abgesetzt. Die Erfolge bei der Aufzucht sind als ausgezeichnet zu betrachten. Die Verlustquote, die oftmals bei 30% und höher lag, konnte um viele Prozente gesenkt werden. Die Tiere machen einen sehr guten Eindruck, sie sind ausgeglichener und vitaler.

Auf diesen Weg des Frühabsetzens haben fortschrittliche Zuchtbetriebe schon länger hingewiesen, aber auch die Fleischkaninchenzüchter und -halter sowie Produzenten, die ihre Schlachtware nur unter wirtschaftlichen Aspekten erzeugen müssen. Wie sollten sie sonst 5 oder 6 Würfe – wie immer wie- der zu erfahren ist im Jahr von einer Häsin schaffen, wenn sie das Muttertier über 2 Monate mit den Jungtieren zusammen- lassen würden.

Auch unsere Lehr- und Versuchsanstalten gehen diesen Weg. Ich brauche nur auf die Veröffentlichungen von LD Dr. Schlolaut Hessische Landesanstalt für Leistungsprüfungen in der Tierzucht, Neu-Ulrichstein zu verweisen. Auch Dr. Niehaus macht in den letzten Ausgaben des Celler Jahrbuches schon seit Jahren auf die Verkürzung der Säugezeit aufmerksam. So erklärt er laut Celler Jahrbuch 1971: „In den letzten Jahren praktiziert bereits eine zunehmende Zahl von Betrieben bei der Mast von Jungkaninchen ein Produktionsverfahren, das vom herkömmlichen deutlich abweicht: Verkürzung der Säugezeit von bisher 6 bis 8 Wochen um etwa die Hälfte, Intensivmast usw.“

So wurden die Mütter von den Jungtieren getrennt, als letztere 3 bis 4 Wochen alt waren. Es lässt sich dabei feststellen, dass die bei der Jungkaninchenmast ermittelte Futterverwertung bei den früh abgesetzten Tieren im Allgemeinen besser war als bei den spät abgesetzten.

Einig sind sich aber alle, dass grundsätzlich die Häsin von den Jungtieren abzusetzen ist, nicht etwa umgekehrt. Der Häsin schadet ein durch Umsetzen hervorgerufener Stress kaum, Jungtieren dagegen erheblich. Die Häsin kann danach oder innerhalb von 5 Wochen nach dem Werfen erneut gedeckt werden. Auch die Angoraherdbuch- und Leistungszüchter gehen diesen neuen Weg, denn in ihren gefassten Beschlüssen für die Beschickung der ALP-Stationen und der Kontrollen in den Kreisschuren gelten ab 1. 1. 1972 folgende Richtlinien:

Der Züchter kann nunmehr seine Tiere früh absetzen und der Prüfung unterziehen.

Auch bei der Kreisschurkontrolle wird großer Wert auf die Prüfung junger Tiere gelegt, um sie bei überdurchschnittlichen Ergebnissen früher in der Zucht einsetzen zu können.

Zur Weiterzucht vorgesehene Tiere müssen dann im Alter von spätestens 10 Wochen nach Geschlechtern getrennt werden. Die Häsinnen sollten mindestens 8 normal entwickelte Zitzen aufweisen.

Mit ca. 12 bis 15 Wochen sind die Jungrammler einzeln zu setzen. Die Junghäsinnen können bis zum Alter von 16 Wochen zusammenbleiben. Danach sind auch sie zu trennen, um Beißereien und vor allem einer Scheinträchtigkeit kurz vor dem vorgesehenen Paarungstermin vorzubeugen.

Für eine erfolgreiche Zucht ist die Zuchtbuchführung Voraussetzung. Hier sind mindestens festzuhalten: Decktermin

voraussichtliches Wurfdatum

tatsächliches Wurfdatum

Anzahl der Jungen

Gewichtsentwicklung

Futterverbrauch

Heranwachsende Jungtiere sind möglichst rationiert zu füttern, d. h. eher knapp als zu reichlich, damit sie nicht verfetten. Leider wird hier viel gesündigt, indem den jungen Tieren viel zu viel Futter verabreicht wird. Zuchttiere dürfen nicht wie Masttiere behandelt werden. Übers Wochenende kann man ruhig Schontage Diättage einlegen, an denen die Kaninchen nur Heu oder Stroh erhalten.

Bei einer Häsin mit 8 Jungtieren hat man folgende Futterverbrauchsmengen festgestellt: 1. Woche = 1,5 kg

2. Woche = 2,7 kg

3. Woche = 2,9 kg

4. Woche = 4,1 kg

5. Woche = 6,0 kg

Folgender Gehalt an Rohprotein und Rohfaser ist als optimal anzusehen:

Rohprotein 18-20%

Rohfaser 6-14%

Es fällt dabei auf, dass der Rohfasergehalt sich in einem relativ weiten Bereich bewegt.

Nach gemachten Versuchen ist festzustellen, dass ein hoher Rohfasergehalt die Futterverwertung verschlechtert, während ein niedriger das Auftreten von Haar- bzw. Wollfressern begünstigt. Es wird vermutet, dass auch bei geringem Rohfaseranteil im Futter das Auftreten von unspezifischen Magen- und Darmentzündungen begünstigt wird.

Bei unseren käuflichen Handelsfuttermischungen schwankt der Rohproteingehalt zwischen 22,6 und 17,2% und bei Rohfaser von 6,4 bis 13,6%. Hier sollten auch bei Kaninchen Futterwertprüfungen durchgeführt werden, um zu aussagefähigeren Zahlen zu gelangen.

Auf jeden Fall geht die Tendenz in der Aufzucht von Jungkaninchen dahin: Bald nach dem Wurf sich um die Jungen zu kümmern, verstreute Tiere ins Nest zu packen und Kümmerer auszumerzen. Nestkontrolle ist innerhalb von 48 Stunden vorzunehmen. Dabei muss die Zahl der Jungtiere festgestellt werden. Tote Tiere sind sofort zu beseitigen. Dabei wird der Zustand aller Tiere überprüft.

Nach 16- bis 18tägiger Muttermilchernährung sind die Gewichte der Jungtiere zu ermitteln.

Die jungen Kaninchen erhalten nunmehr Aufzuchtfutter in pelletierter Form.

Das 3-Wochen-Gewicht ist von großer Bedeutung.

Frühes Absetzen schon im Alter von 3 Wochen ist angebracht, da Gefahr einer Übertragung von Krankheiten (Blinddarmkot- Kokzidiose) leichter besteht. Die Infektionsgefahr von Häsin auf Jungtiere nimmt mit der Dauer des Zusammenseins laufend zu. In einer modernen wirtschaftlich und hygienisch geführten Kaninchenzucht und -haltung ist das Belassen von Jungtieren 6, 8, 10 und mehr Wochen bei der Häsin nicht mehr vertretbar. Immer ist die Häsin von den Jungtieren abzusetzen, nicht umgekehrt. Die Wurfgeschwister bleiben in gewohnter Umgebung zusammen. Sie sind dadurch dem Stress nicht unterworfen. Jeder Orts- und Milieuwechsel bringt zusätzliche Belastungen, die sich negativ auf die Entwicklung der Jungtiere auswirken. Ferner regt das Absetzen die Hitzigkeit der Häsin an.

Von der 5. bis 16. Lebenswoche an sind Jungtiere besonders empfindlich, z. B. Erkrankung durch Kokzidiose und Kolibakterien leicht möglich.

In den ersten 4 Wochen nach dem Absetzen sollten Jungtiere ein Prophylaktikum gegen das Auftreten von Kokzidiose erhalten. Kokzidiostatika sind über das Trinkwasser einzusetzen. Ständige Sauberhaltung und Desinfektion der Ställe und Stalleinrichtungen sind durchzuführen.

Wenn alle diese aufgezählten Maßnahmen getroffen werden, haben die Züchter in Zukunft noch mehr Freude an ihren Kaninchen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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