Von Jochen Weishaar in „Das Blaue Jahrbuch“ 1988
Mit diesem Beitrag will ich den Versuch unternehmen, den Lesern des Blauen Jahrbuches die Freuden und Probleme der Rassekaninchenzucht in der DDR etwas näher zu bringen. Ein Versuch ist es deshalb, weil es sich trotz meiner guten Kenntnisse der Verhältnisse in der DDR und zusätzlich umfangreicher Recherchen nicht völlig vermeiden lassen wird, dass auch ganz persönliche, subjektive Meinungen mit einfließen. Um aber möglichst objektiv sein zu können, habe ich versucht, den neuesten Stand direkt von den Züchtern drüben in Erfahrung zu bringen. Ihnen allen sage ich für die Mitarbeit herzlichen Dank. Die unterschiedliche gesellschaftliche Stellung Zum besseren Verständnis der folgenden Ausführungen halte ich es für erforderlich, die recht unterschiedliche gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Stellung der Rassekaninchenzucht in beiden deutschen Staaten deutlich zu machen. Während wir mit allen möglichen Aktionen im ZDK versuchen, unsere Stellung in der Gesellschaft zu verbessern, können die Züchter der DDR sich ihrer Anerkennung in der Gesellschaft und bei den staatlichen Organen sicher sein. Dafür gibt es aus der Sicht des Staates durchaus gute Gründe. Die gesamte Kleintierzucht und so natürlich auch die Rassekaninchenzucht hilft nicht unwesentlich mit zur Versorgung der Bevölkerung. Zusätzlich wird besonders von den Rassekaninchenzüchtern kostenlose Landschaftspflege geleistet. Viele der Futtermittel werden von sogenannten Brachflächen gewonnen, die so genutzt und gepflegt werden. Sicherlich ließen sich einige weitere Beispiele aufführen, die dem Staat bzw. der Staatskasse von Nutzen sind. Natürlich hat die staatliche Anerkennung und Unterstützung aus unserer Sicht auch Nachteile. Das sozialistische Wirtschaftssystem ist ja bekanntlich ein System der Planwirtschaft. So ist auch die Kaninchen- bzw. Kleintierzucht in diesen Plan eingebaut. Ganz so einfach ist dies aber für die Verantwortlichen gar nicht. Kleintierzüchter sind bekanntlich findige Leute. Sie wissen sich stets ihren persönlichen Freiraum zu schaffen. Ebenso findig nutzen sie die staatlichen Unterstützungen und Möglichkeiten, die das System bietet. Die DDR nutzt zwar einerseits die Kleintierzucht und so auch die Kaninchenzucht allgemein. Andererseits anerkennt sie aber die Arbeit der Züchter. Eine Sache, die auch unseren staatlichen Stellen durchaus gut zu Gesicht stehen würde. Wir sind zwar nicht zur Versorgung der Bevölkerung erforderlich, aber die wirtschaftliche Seite unserer Kleintierzucht ist eine Überlegung wert. Es sind doch eine ganze Anzahl von Arbeitsplätzen in der Futtermittel- und Zubehörindustrie, die durch unsere Kaufkraft am Leben gehalten werden. Arbeitsplätze, die es in dieser Form in der DDR sicher nicht gibt.
Die Organisation
Die Rassekaninchenzüchter der DDR sind in Sparten (Vereinen) organisiert. Diese wieder sind in Kreisverbänden zusammengeschlossen. Die Kreisverbände bilden die Bezirksverbände. Sie entsprechen in etwa unseren Landesverbänden. Die 15 Bezirksverbände decken jeweils den entsprechenden politischen Bezirk ab. Übrigens ist geplant, die Kennbuchstaben vor der Spartennummer künftig entsprechend der Bezirke neu festzulegen. Eine 104 durchaus einleuchtende Maßnahme, da die z. Z. vorhandenen Überschneidungen viele Probleme aufwerfen. Als Dachverband fungiert der VKSK, der Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter. Er ist in verschiedene Sparten bzw. Kommissionen untergliedert, z. B. in die für die Rassekaninchenzucht. Obmann war bis zu seinem Tod der Altmeister Friedrich Joppich. Derzeit fungiert Alfred Franke als Obmann der Kommission Rassekaninchenzucht des Zentralvorstandes.
Innerhalb der einzelnen Sparten sind durchschnittlich etwa 25 Züchter bzw. Mitglieder organisiert. Sparten, die über Pachtland, Zuchtgelände oder Zuchtanlagen verfügen, haben etwa 35 bis 40 Mitglieder. In Kleingartenanlagen ist in vielen Fällen die Kleintierhaltung erlaubt. Nach der Aussage meiner Informanten liegt in guten, straff geführten Sparten der Anteil guter Züchter und Mitarbeiter bei etwa 70 bis 80%. Passive oder zahlende Mitglieder sind nach meiner Kenntnis sehr selten. Seit etwa 2 oder 3 Jahren wird angestrengt versucht, die Jugendarbeit in den Sparten zu verstärken. Zuvor fand diese praktisch überhaupt keine Beachtung. Ich hatte oft den Eindruck, dass sie fast unerwünscht war. Zwischenzeitlich haben die Verantwortlichen diesen Fehler erkannt und setzen verstärkt auf den Nachwuchs.
Das Herdbuch
Gut organisiert ist das Angoraherdbuch mit entsprechenden Leistungsprüfungen und allen anderen dazu gehörenden Dingen. Ebenso gut und straff organisiert ist auch das Normalhaarherdbuch. Körungen erfolgen grundsätzlich nur auf großen Schauen, wie z. B. der „DDR-Kleintier-Siegerschau“. Zur Körung kommen nur Tiere, von denen entsprechende Nachzuchtreihen vorgestellt werden. Zur Körkommission gehören der Obmann des Herdbuches, ein Körrichter und ein weiterer Herdbuchzüchter, in der Regel ein Zuchtrichter (Preisrichter). Diese fällen meistens unabhängig von der Bewertung ein Körurteil. Gekörte Zuchttiere, besonders Rammler, werden dann innerhalb des Herdbuches von mehreren Züchtern zur Zucht eingesetzt. Insgesamt allerdings spielt aus meiner Sicht das Herdbuch innerhalb des Verbandes keine größere Rolle als bei uns.
Die Spezialzuchtgemeinschaften
Viele Rassekaninchenzüchter sind neben ihrer Sparte zusätzlich in der entsprechenden SZG (Spezialzuchtgemeinschaft) organisiert. Diese entsprechen in etwa unseren Clubs. Allerdings ist die Organisation etwas anders aufgebaut. Für nahezu jede Rasse gibt es eine entsprechende SZG auf DDR-Ebene. Sehr seltene Rassen werden von der entsprechenden SZG mitbetreut. Bis zu einer Größe von 30 Mitgliedern sind sie ausschließlich auf DDR-Ebene organisiert. Größere Zuchtgemeinschaften haben, räumlich begrenzt, z. T. sogar auf Bezirksebene, sogenannte Untergruppen. Eine große Anzahl der Mitglieder einer SZG sind anerkannte Spezialzüchter. Die genauen Kriterien der Anerkennung sind mir allerdings nicht bekannt.
Die Zuchtrichter
Die Preisrichter, sie werden aus meiner Sicht sehr zu Recht Zuchtrichter genannt, sind ähnlich wie bei uns organisiert. Lediglich die Vereinigungen der Landesverbände bzw. Bezirksverbände entfallen. Geschult wird in den Gruppen. Alle Prüfungen aber werden zentral, meist bei den großen Schauen, abgenommen. Die zentrale Prüfung erfordert eine entsprechend gute und solide Ausbildung. Die Entschädigung ist für unsere Verhältnisse relativ niedrig.
Die Ausstellungen
Das Ausstellungswesen ist etwas anders organisiert. Die Sparten können Ausstellungen in eigener Regie veranstalten. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele Ausstellungen eine Sparte pro Jahr macht. Die Raumprobleme sind bei den Ausstellungen im Winter natürlich oft nur schwer zu lösen. Vorteile haben die Sparten, die über eigene Räumlichkeiten, z. B. ein Spartenheim, verfügen. Die Kosten liegen bei etwa 2,- Mark pro Tier und etwa 3,- Mark pro Sammlung. Teilweise finden Kreisverbandsschauen statt. Die Kosten sind ähnlich gehalten. In eigentlich jedem Bezirk wird eine Bezirksschau abgehalten. Bereits für diese Schauen müssen sich die Züchter qualifizieren. Es dürfen nur die besten Aussteller der Sparten- oder Kreisschauen ausstellen. Die Kosten liegen etwas höher. Pro Tier 5,- Mark und pro Sammlung 6,- Mark. Wichtig sind die Bezirksschauen für die Züchter, die die „DDR-Kleintier-Siegerschau“ beschicken wollen.
Die „DDR-Kleintier-Siegerschau“ findet seit einigen Jahren auf dem Gelände der AGRA in Leipzig statt. Es sind alle Kleintierarten, einschließlich Vögel und Pelztiere dort vertreten. Die Siegerschau in ihrer Gesamtheit ist durchaus sehenswert. Leider aber ist sie in vielen kleinen Hallen auf dem sehr weitläufigen Gelände untergebracht. Die Kosten für vier Tiere einschließlich Katalog und Drucksachenanteil betragen 60,- Mark. Ausstellen dürfen nur Züchter, die sich entsprechend den Bestimmungen qualifiziert haben.
Das Bewertungssystem
Die sozialistischen Länder führen seit einigen Jahren als eine Art Osteuropaschau die Interkanin durch. Diese Interkanin erforderte folgerichtig entsprechende Bewertungsrichtlinien. So wurde 1973 eine Paritätische Kommission der Mitgliedsländer gegründet, die die Bewertungsbestimmungen für Rassekaninchen der sozialistischen Länder erarbeitete. Aufgenommen wurden alle in den Mitgliedsländern gezüchteten Rassen. Gleiche oder sehr ähnliche Rassen wurden vereinheitlicht. So wurden 68 Rassen mit verschiedenen Farbenschlägen aufgenommen. Diese Rassen sind gleichzeitig in allen Mitgliedsländern zugelassen. Beibehalten wurde das 100-Punktesystem, allerdings mit einigen Änderungen in den einzelnen Positionen.
Pos. 1 = Körpermaße (Gewicht) 10 Pkt
Pos.2 = Körperbau 20 Pkt.
Pos. 3=Rassetyp 20 Pkt.
Pos. 4 = Behaarung (Fell) 20 Pkt.
Pos. 5 Rassemerkmale 20 Pkt.
Pos. 6=Rassemerkmale 10 Pkt.
100 Pkt.
96 Punkte gelten als vorzüglich.
Insgesamt liegt die Bewertung wesentlich niedriger als bei uns. Dies heißt aber nicht, dass die Tiere weniger gut sind. Die Preisrichter verstehen sich als Zuchtrichter, und dementsprechend streng und genau ist die Bewertung.
Bei allen Ausstellungen können Familien, Wurfgeschwister, Stämme und seltene Einzeltiere ausgestellt werden. Die Zahl der Familien und Wurfgeschwister kann zwischen drei und mehr Tieren schwanken. Dazu kam ein neues System der Auswertung der 108 Sammlungspunkte. Die Punkte über 90 werden mit der Zahl der Tiere zusammengezählt. (Beispiel: 3 × 94 Punkte = 15; 95, 2x 93 und 91 Punkte = 16 und damit die zweite Sammlung die bessere). Die zahlenmäßig größeren Sammlungen haben dadurch Vorteile, die aber aus züchterischer Sicht sinnvoll sind.
Die Futterbeschaffung
Die Schlachtkaninchen werden in der Regel lebend an den volkseigenen (sprich: staatlichen) Handel verkauft. Für das Kilo Lebendgewicht werden 12,20 Mark bezahlt. Außerdem bekommt der Züchter pro Kilo Schlachtgewicht 2 kg Kraftfutter als Kleie, Hafer oder Gerste. Die Felle selbst geschlachteter Tiere werden für 1,- bis 9,- Mark, je nach Qualität des Felles und der Spannung, aufgekauft. Futter gibt es dafür nicht.
Ansonsten können die Züchter, soweit sie Herdbuch- oder Spezialzüchter sind, Kraftfutter in Form von Kleie oder Getreide für 32,- Mark pro Zentner vom Staat kaufen. Für seltene Rassen und Farbenschläge gibt es ebenfalls Futter, und zwar zusätzlich, vom Staat zu kaufen. Eine deutliche Förderung der seltenen Rassen ist dabei unverkennbar. So kann ein Züchter, der etwa 100 Jungtiere pro Jahr aufzieht, neben dem Futter für die Schlachttiere über weitere 25 Zentner Futter pro Jahr verfügen. Zusätzlich gibt es für die Züchter immer noch Möglichkeiten zu organisieren. So ist mir bekannt, dass große Mengen Brot an Kaninchen verfüttert werden. Altes Brot ist meistens kostenlos zu bekommen bzw. billiger als anderes Kraftfutter. Auch andere, sogenannte Grundnahrungsmittel werden nicht selten wegen ihres niedrigen Preises verfüttert.
Die Fachzeitung
Die Zeitschrift „Garten und Kleintierzucht“ wird in vier verschiedenen Ausgaben herausgegeben. Die Ausgabe D ist dabei für Rassekaninchen, Ziegen, Milchschafe, Edelpelztiere und Rassekatzen zuständig. Bei einem Umfang von 16 Seiten, einschließlich der Anzeigen, ist da natürlich für unsere Kaninchen nicht sehr viel zu erwarten. Vier Seiten sind dazu noch gesellschaftspolitischen Themen aus dem gesamten VKSK vorbehalten. Insgesamt kann die Fachzeitung wirklich für die Rassekaninchenzüchter nur als sogenannte Züchterzeitung bezeichnet werden. Allerdings muss ich auch sagen, die wenigen Fachbeiträge sind in der Regel von guter Qualität und sehr hohem Aussagewert. Ein Grund für mich die Zeitung regelmäßig zu lesen.
Schlusswort
In diesem Beitrag konnten viele Themen, schon aus Platzgründen, nur angerissen werden. Ich hoffe aber trotzdem, dass es mir gelungen ist, unseren Züchtern einen kleinen Einblick in die Kaninchenzucht in der DDR zu verschaffen. Für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung (Bitte legen Sie aber Ihren Anfragen an mich das Rückporto bei).






