Marheinz Koch, Hude (Oldb.) „Das Blaue Jahrbuch“ 1971

Europa ist klein geworden, Grenzen trennen kaum noch, und so wollen wir einmal einen „Blick über den Zaun" tun, um zu erfahren, wie sich die Dänen, Niederländer und Schweizer mit den beliebten kleinen Nagern befassen. Vielleicht können wir das eine oder andere von ihnen lernen oder wenigstens unsere Erfahrungen vertiefen.

Bericht aus Dänemark

Vor mir liegen der 26. und 27. Bericht (1. 10. 1967 30. 9. 1968 und 1. 10. 1968 – 30. 9. 1969) des gemeinsamen dänischen Ausschusses zur Förderung der Kaninchenzucht. Beides wieder umfassende Arbeiten, die wir leider nur in einigen wesentlichen Punkten bringen können. Doch sei es mir gestattet, auf die Fleischkaninchen-Erzeugung und den Absatz besonders einzugehen.

Kontrollen seit 1944

Das erste Zuchtzentrum wurde von diesem Ausschuss am 1. Januar 1944 mit insgesamt 100 Stationen eingerichtet. Seitdem ist die Zahl der Zuchtzentren alljährlich zurückgegangen. Zunächst wurden nur Rassen eingestellt, die man für die Fleischerzeugung als geeignet hielt. Das erbrachte manchen Fehlgriff. Im Laufe der Zeit ließ dann das Interesse an den Fleischrassen spürbar nach. Landwirte machten die Hälfte der Züchter aus. Die Bewertung nach Punkten änderte sich im Verlaufe der Zeit ebenfalls. Sie umfasste: Zuchttierbestand, Jungtierbesatz, Zuchtarbeit, Pelz- oder Wollqualität, Ernährungszustand und Kondition, Buchführung, Käfige und Mustergültigkeit.

Geänderte Arbeitsweisen

Da man in Favrholm noch die Abstammungskontrollen durchführte, versuchte man, danach neue Regeln der Bewertung zu bilden, deren Wert sich jedoch auch als zweifelhaft erwies. Darauf versuchte man es mit der Einsendung tragender Häsinnen zur Kontrolle, und zwar eine Woche vor dem Werfen, was aber zu einem Fiasko führte.

1964 wurde das System völlig geändert, nachdem die Kontrollstationen in der Lage waren, ihren eigenen Bestand an Häsinnen aufzubauen. Jetzt wurden nur noch die Zuchtrammler zur Kontrolle eingezogen. Es wurden Häsinnen verschiedener Rassen eingekauft. Aber auch das befriedigte nicht, bis man den Entschluss fasste, nur eine Rasse, und zwar das Weiße Landkaninchen zu halten. Das erwies sich nach kurzer Zeit als richtig, und es konnte mit dem Aufbau der Zucht begonnen werden. Damit sind nun die Nachkommen der Rammler der Rasse Weiße Landkaninchen reinrassig, während die Nach- kommen der Weißen Landkaninchen-Rammler, gepaart mit allen anderen Rassen, Kreuzungen darstellen. Gerade bei diesen Kreuzungen ist die Lebensfähigkeit besonders heraus- ragend. Für die Kontrolle ist es allerdings ohne Bedeutung, da man hier nur das wechselseitige Verhalten im Zuchtwert zwischen den Rammlern der gleichen Rasse prüfen will. Auf alle Fälle hat dieses System schon jetzt bewiesen, allen früher geprüften Systemen überlegen zu sein, im Hinblick sowohl auf die Administration als auch auf die Wirksamkeit.

Vorsicht bei Zukauf

Wenn man Zuchttiere von einem Zuchtzentrum kaufen will, muss man auf dessen erzielte Ergebnisse achten. Will man die Gewichtszunahmen bei seinen Fleischkaninchen verbessern, dann sollte man nach der Höchstzahl für die tägliche Zunahme kaufen. Man muss also Nachkommen von dem oder den Rammlern verlangen, welche die größte Zahl erzielt haben. Natürlich soll man dabei eine Garantie für den Gesundheitszustand während des Kaufzeitpunktes verlangen.

Die Fleisch- und Pelzkaninchen

Bei den Nachkommenskontrollen wird der Zuchtwert junger, vielversprechender Rammler nachstehender Rassen geprüft: Weißes Landkaninchen, Französische Widder, Belgische Riesen, Blaue Wiener, Großsilber und Großchinchilla u. a. Bei der Einlieferung auf den Kontrollstationen sollen die Rammler zuchttauglich, doch nicht unter 4 und nicht über 12 Monate alt sein. Diese Rammler werden beim eigenen Häsinnenbestand der Station, mindestens bei drei Häsinnen benutzt. Danach gehen die Rammler wieder an die Besitzer zurück. Die auf den Kontrollstationen gezüchteten Tiere werden bis zur 140 Schlachtung kontrolliert. Diese Kontrollen erstrecken sich auf: Fruchtbarkeit des Rammlers, Lebenstauglichkeit der Nachkommen, Wachstumsschnelligkeit und Futterverbrauch während der Mastzeit, Schlachtqualität (Gewichtsschwund, Fleischbildung, Mastleistung und dergleichen).

Angorakaninchen

Bei den Angorakaninchen wird die Wollmenge und Wollqualität kontrolliert. Dazu müssen die Tiere bei einem Alter von 5-6 Monaten in frisch geschorenem Zustand eingeschickt werden. Die Einsendung kann nur in der Zeit vom 1. 9. bis 31. 12. erfolgen. Einzelne besonders gute Rammler können auch unbesehen ihres Alters zur Kontrolle gebracht werden, wenn die Platzverhältnisse auf der Station dies zulassen. Kastrierte Tiere werden nicht genommen. Die Tiere bleiben ca. 34 Jahr auf der Station und gehen dann an den Besitzer zurück.

Wie waren die Ergebnisse?

1967/68 wurden Rammler von 72 Züchtern zur Kontrolle ein gesandt. Auf Grund der Ausrechnung der Kontrollzahlen für die Zuchtzentren liegen Ergebnisse für im Ganzen 1218 Kontrolltiere vor, verteilt auf gut 100 Rammler. Schauen wir uns einmal die besten Resultate aus Stämmen mit wenigstens 10 Kontrolltieren an: Diese wenigen Angaben mögen genügen. Nun weiter zu den Aussichten für die Kaninchenzucht in Dänemark. Sie zeigen den Rückgang der Schlachtungen von Kaninchen. Folgende Mengen wurden geschlachtet: 1965/66 1705,8 t 1966/67 1283,0 t 1967/68 845,0 t 1968/69 655,3 t

Wie waren die Preise? Ausgeführt wurden 1419 kg Angorawolle (1968/69) gegenüber 8158 kg im Jahre davor. Zuchttiere wurden 41 Stück ausgeführt gegenüber 654 Stück im Jahre 1967/68. Die Notierungen für Kaninchenfleisch lagen während der ganzen Zeit 1968/69 unverändert bei 6,30 DKr. (3,04 DM) je kg Schlachtgewicht. Bei 42% Schlachtgewichtsschwund macht das 3,65 DKr. (1,76 142 DM je kg Lebendgewicht. Die Notierungen für Angorawolle stiegen im Verlauf von 1968/69 von 60,- DKr. auf 75,- DKr. (28,98 36,23 DM) für die 1. Sortierung, während die Notierungen für die geringeren Qualitäten unverändert blieben. Sie lagen bei 50,- oder 25,- bzw. 15,- DKr. (24,15 – 12,08 – 7,25 DM) je kg Wolle 2. Sortierung, rein und unsauberer Filz. Die Angorazucht ging sehr stark zurück, was wahrscheinlich dem Arbeitsaufwand zuzuschreiben ist. Die Zahl der je Häsin aufgezogenen Jungen lag bei 6,2 gegenüber 6,5 im Vorjahr. Ursache hierfür ist vielleicht das warme Wetter gewesen mit etwas mehr Erkrankungen unter den Jungen als normaler weise. Die Ausfuhr von Zuchttieren hatte nur einen geringen Umfang.

Aus den Zuchtzentren

Recht interessant sind die letzten Ergebnisse der Zuchtzentren mit den zusammengefassten Resultaten zweijähriger Prüfungen. Diese Zahlen zeigen den Stand der Zucht ziemlich deutlich an. Es mögen darum einzelne davon zur Veranschaulichung folgen. Aus ihnen lässt sich allerlei ablesen. Ausgewählt wurden von mir die Ergebnisse aus 7 Rassen.

Ökonomische Kaninchenzucht

Noch vor einigen Jahren meinte der Direktor eines großen englischen Futtermittelkonzerns, dass Kaninchenfleisch in der Zukunft eine der am meisten populären und begehrtesten Fleischsorten werden würde. In Dänemark wartet man noch heute auf eine Art von „Kaninchenfabrik". Inzwischen ist es unrealistisch geworden, auf eine derartige Entwicklung zu hoffen, da dann zunächst gewisse Eigentümlichkeiten oder Angewohnheiten der Kaninchen, die tief in deren Natur verankert sind, weggezüchtet werden müssten. Darum dürfte es realistischer sein, sich damit abzufinden, dass Kaninchen in der Zucht individuell zu behandeln sind und dass die Aufzucht in kleinen Herden am besten gelingt. Zweifellos wird die Nachfrage nach Kaninchenfleisch wachsen, und von maßgeblicher Seite beurteilt man die Lage so, dass in den 70er Jahren sich in einer Reihe europäischer Länder ein ausgesprochener Fleischmangel bemerkbar machen wird. Soweit der dänische Konsulent H. M. Olsen, Hjsted, der mir wieder freundlicherweise die Berichte zur Verfügung stellte, wofür ihm auch an dieser Stelle herzlich gedankt sei.

Was meint man in den Niederlanden?

Wohl weiterhin dürfte das magere Fleisch einen immer größeren Umfang im Lebensmittelpaket einnehmen, und zwar hat das Kaninchenfleisch besonders wegen der Variabilität in der Zubereitung gute Aussicht, gekauft zu werden.

Am ökonomischsten ist wohl ein Lebendgewicht des Tieres von 2 kg. Werden Kaninchen länger gemästet, so wird die Futterverwertung sehr rasch ungünstig. Sie setzen mehr Fett an, und gerade Fett ist in der modernen Ernährung unerwünscht. Eine lukrative Angelegenheit wird die Kaninchenmast jedoch kaum werden; aber bei guter Betriebsführung und einer wirksamen Krankheitsbekämpfung ist ein ordentliches Einkommen denk- bar. Bei einem so gut wie möglich organisierten Betrieb müsste ein Mann 500 Häsinnen mit Nachzucht versorgen können. Versuche auf Basis der Hybridzüchtung sollten in ausgedehnter Form durchgeführt werden müssen.

8 wesentliche Forderungen

1. Die Erbanlage für große Würfe muss im Tier verankert sein.

2. Das rasche Wachstum je kg Futter muss den Anforderungen genügen, und die Futterverwertung darf nicht ungünstiger sein als 1:3 oder 1:4 (3 kg Futter für 1 kg Zuwachs).

3. Das Zuchttier muss von Haus aus widerstandsfähig gegen Krankheiten sein.

4. Die Häsinnen müssen wenigstens 7 oder 8 Zitzen haben und aus großen Würfen stammen.

5. Das Fleisch-Knochenverhältnis muss günstig sein.

6. Die mütterlichen Instinkte müssen gut sein. Häsinnen, die ihre Jungen verstoßen, sind als Zuchttiere wertlos.

7. Das Fell des Tieres muss gut und gleichmäßig dicht behaart sein.

8. Um gute Fruchtbarkeit zu erzielen, dürfen die Häsinnen nicht zu fett werden, da dies der Wurfgröße entgegensteht.

Wenden wir uns der Schweiz zu

Vom Schweizerischen Kaninchenzucht-Verband SKV wird die Mastkaninchenzucht nicht gefördert. Dort lautet das Prinzip: Zucht auf Schönheit und Leistung. Die große Rammlerschau wurde 1970 in Lausanne durchgeführt. Schon zwölf Jahre bestehen die Frauengruppen, die Nähabende, Pelznähkurse, Beschickung von Ausstellungen mit Pelzarbeiten und andere Anlässe auf ihr Panier geschrieben haben.

Im hervorragend ausgestatteten Büchlein „,Standard für die Bewertung der in der Schweiz anerkannten Rassekaninchen" finden wir neben dem Grundsätzlichen, dem vorschriftsmäßigen Tätowieren, der Punktiertabelle und der Gewichts- und Größenordnung die 30 anerkannten Rassen in genauer Beschreibung, vom Belgischen Riesen angefangen bis zu den Farbenzwergkaninchen. Deutliche Fotos, zum Teil in Farbe, unterstützen den Text wesentlich. Auf Wunsch der Preisrichter-Verbände sollen die Siamesen farbigen Zwerge nach genauer Festlegung der Farbenumschreibung auch in den Standard aufgenommen werden. Sehr interessant ist ebenfalls der „Jahresbericht" in gedruckter Form, der in deutscher und französischer Sprache erscheinen muss. Dieser Bericht enthält ein umfangreiches Anschriften-Material aller Vereine und der 57 amtierenden Hauptrichter. Doch auch die Scholaren der deutschen und französischen Klasse sind nicht vergessen. Während die Zahl der SKV-Mitglieder 1932 bei 13 457 lag, erhöhte sie sich bis zum Jahre 1968 auf 28 120. Den schweizerischen Kollegen möchten wir auch für die Zukunft alles Gute wünschen.

In diesem Zusammenhange dürfte auch die nachstehende Tabelle über die „Einfuhr von Fleisch und genießbarem Schlachtabfall von Haustaben oder Hauskaninchen", die das Bundesamt für Ernährung und Forstwirtschaft freundlicherweise zur Verfügung stellte, von großem Interesse sein.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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