von Gion P. Gross, Birmensdorf, CH 1. In „Das Blaue Jahrbuch 1993
Einleitung
Es ist für einen“ angefressenen“ Rassekaninchenzüchter, Schreiberling und Verbandsfunktionär natürlich nicht nur eine große Herausforderung, sondern auch eine große Ehre, die Kaninchenzucht in der Schweiz im Blauen Jahrbuch 1993 vorstellen zu dürfen. Dabei geht es mir nicht darum, aufzuzeigen, was in der Schweiz besser oder schlechter sein soll als in Deutschland. Ohne Quervergleiche werde aber auch ich nicht auskommen. Die Leser sollen dabei aufgefordert werden, sich ihre eigenen Gedanken zu den dargestellten Unterschieden zu bilden. Sollte es mir mit den nachfolgenden Zeilen gelingen, die freundschaftlichen Bande, die wir seit Jahren mit dem DKZ pflegen, zu festigen und dadurch einen Beitrag zur Förderung der Rassekaninchenzucht auch in unserem nördlichen Nachbarland zu leisten, dann würde ich mich ganz besonders freuen.
2. Geschichte
Die Kaninchenzucht hat in der Schweiz eine sehr große Tradition. Schriftliche Aufzeichnungen beweisen, dass in unserem Lande Kaninchen schon vor mehr als einhundert Jahren planmäßig gezüchtet wurden. Die im Jahre 1875 von vier Vogelschutz- und Vogelliebhabervereinen gegründete „Schweizerische Ornithologische Gesellschaft“ (SOG) nahm sich auch schon bald der Anliegen der Kaninchenzüchter an. So soll ein Arzt an der „Schweizerischen Landesausstellung 1883" schon „Lapins béliers“ ausgestellt haben.
Da sich aber Ziele und Interessen der Vogelschützer und der Kaninchenzüchter nicht auf einen Nenner bringen ließen, fühlten sich letztere zunehmend benachteiligt. Dies führte dazu, dass schon im Jahre 1896 die „Genossenschaft Schweizerischer Kaninchenzüchter“ gegründet wurde. Sogleich konnte auch ein erster Standard genehmigt werden, in den auch eine Nutzrasse aufgenommen wurde, die nach der folgenden Skala bewertet werden sollte: Gewicht 50 Punkte, Fruchtbarkeit 30 Punkte, Alter 10 Punkte und Allgemeines 10 Punkte total 100 Punkte. Wie allerdings die Fruchtbarkeit und das Alter kontrolliert werden sollten, wird uns nicht überliefert. Schon ein Jahr später fand dann an Ostern die erste Kaninchenausstellung statt, bei der ein Standgeld von Fr. -,75 pro Einzeltier und Fr. 1,50 für eine Häsin mit Wurf zu entrichten waren. Erste Preise wurden mit Fr. 5,- und einem Diplom belohnt. Der Verlauf dieser ersten Kaninchenausstellung soll aber wenig erfreulich gewesen sein. Jedenfalls benötigte die junge Genossenschaft ganze zwei Jahre, um den erwirtschafteten Verlust zu tilgen und wieder schuldenfrei dazustehen.
Im Jahre 1903 wurden auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung in Frauenfeld 700 Kaninchen ausgestellt, für die damalige Zeit eine sehr stolze Zahl. Zwei Jahre später, 1905, stellte die SOG ihren eigenen, ersten Kaninchenstandard auf, in dem 13 Rassen aufgeführt waren. Nach der Fusion zwischen der SOG und der „Genossenschaft Schweizerischer Kaninchenzüchter" ging es erst recht aufwärts mit der schweizerischen Kaninchenzucht. Im selben Jahr wurde nämlich auch der erste „Schweizerische Einheitsstandard“ geschaffen, der 13 Rassen enthielt. Für die „2. Schweizerische Kaninchenausstellung“ in Winterthur wurden schon 1500 Kaninchen angemeldet.
Die Kriegsjahre brachten dann einen riesigen Aufschwung für die Kaninchenzucht. Jeder wollte sich mit günstigem, aber gesundem Fleisch selber versorgen. Zählte man bei Kriegsausbruch in der SOG 4000 Kaninchenzüchter, so waren es 1918 schon deren 10000 mit rund 100000 Tieren. Diese Zahlen wurden dann bis Anfang der zwanziger Jahre wieder auf 7000 Mitglieder korrigiert, da viele der „Kriegszüchter“ wieder verschwanden.
Schon nach der Jahrhundertwende bildeten sich die ersten Spezialklubs, die sich der einzelnen Rassen vermehrt annahmen. Als erstes startete angeblich der „Verband Belgischer Rassekaninchenzüchter“, der schon 1903 zur Gründungsversammlung rief. Gemäß Protokollen sollen sich aber die Züchter der Englischen Widder schon im Jahre 1900 zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen haben.
Es folgten Jahre des Aufschwungs und des bekannten „Rex- Rummels", der auch die Schweiz nicht verschonte. Schon 1927 beschäftigte man sich intensiv mit der Verwertung des Kaninchenfells und führte deshalb, unter dem Patronat der Abteilung Kaninchenzucht der SOG, die „1. Schweizerische Pelzwaren- und Produkteausstellung“ durch. Albert Tschan schreibt darüber in seinem Buch „Kaninchenzucht in der Schweiz“ im Jahre 1936: „Staunend stand der Großteil der Besucher da; viele waren schwer zu überzeugen, dass all das Vorgezeigte aus Kaninchenfellen hergestellt sei.“ 1934 wurde aus der Abteilung „Kaninchen" der SOG der selbständige „Schweizerische Kaninchenzucht-Verband" (SKV).
Der Zweite Weltkrieg brachte dem SKV dann einen wahrhaften Boom von Kaninchenzüchtern. Allein zwischen 1938 und 1945 verdoppelte sich die Mitgliederzahl von 15000 auf 30000. Aber wie schon nach dem Ersten Weltkrieg, schwand die Mitgliederzahl auch nach diesem Krieg wieder und erreichte um das Jahr 1950 mit 21000 ihren Tiefstand. Seither ist sie zwar langsam, aber stetig gestiegen.
3. Der SRKV heute
Der inzwischen in SRKV umbenannte „Schweizerische Rassekaninchenzucht-Verband“ zählt heute mehr als 33000 Mitglieder in über 800 Vereinen, Klubs und Frauengruppen. Auf den jährlich rund 300 Ausstellungen werden mehr als 100000 Kaninchen gezeigt und von den zurzeit 85 autorisierten Preisrichtern bewertet. Im Standard '90 sind die 35 in der Schweiz anerkannten Rassen in über 100 Farbenschlägen beschrieben und im Bild vorgestellt. Von diesen Bildern durfte ja auch der ZDK profitieren, wurden doch deren 30 für den neuen „Deutschen Einheitsstandard“ von den Schweizern übernommen.
Der SRKV führt eine eigene Tier- und Ausstellungsversicherung, welche für alle Mitglieder obligatorisch ist. Bei Diebstahl oder Raubwildschäden sowie beim Verenden von Tieren auf Ausstellungen erhalten die Züchter deshalb eine dem Tierwert entsprechende Rückerstattung. Wichtig für unsere Organisation ist auch das Kurs- und Subventionswesen. Alljährlich werden gegen 100000 Franken für Rassenlehr-, Obmänner-, Fleischverwertungs-, Fellverarbeitungs- und Angorawolle-Verwertungskurse an die Vereine ausgeschüttet. Aus dem Propagandafonds werden zudem allerlei Werbemittel sowie der Bau von Kleintieranlagen subventioniert. Dies alles nur über die Mitgliederbeiträge zu finanzieren, wäre rein unmöglich. Der SRKV verfügt aber über eine Einnahmequelle, um die er von vielen beneidet wird. Es ist dies die Fachzeitschrift „Tierwelt“, welche auch in Deutschland oft gelesen wird. Diese Wochenzeitung gehört der SOG, welche die Erträge die vier selbständigen Fachverbände anteilsmäßig STV (Schweizerischer Taubenzucht-Verband), SRGV (Schweizerischer Geflügelzucht-Ver- band), Parus (Schweizerischer Verband für Vogelzucht und Arterhaltung) und eben den SRKV, als mit Abstand größtem der vier, auszahlt. Dies garantiert dem SRKV einen beruhigenden Etat.
4. Körperform und Typ der Schweizer Kaninchen
Obwohl wir mit dem ZDK und vielen seiner Funktionäre, Preisrichter und Mitglieder ein überaus freundschaftliches Verhältnis pflegen und uns gegenseitig immer wieder zum Gedankenaus- tausch treffen, ist es bis heute nicht gelungen, eine für beide Länder einheitliche Zuchtrichtung zu finden. Im Folgenden sollen deshalb die Forderungen und das Bewertungssystem in der Schweiz genauer erklärt werden: Als erstes gilt es einmal, die Bewertungskriterien anzusehen. Mit Ausnahme der Weißen Neuseeländer und der Kalifornier, welche als sogenannte Wirtschaftsrassen nur in sieben Positionen bewertet werden, werden alle anderen Rassen und Farbenschläge in acht Positionen bewertet, wobei die ersten vier Positionen sowie die achte bei allen Rassen gleich sind. Dies sieht auf der Bewertungskarte dann wie folgt aus:
1. Kopf, Ohren, Hals 10 Punkte
2. Brust, Schultern, Vorderläufe und Haltung 10 Punkte
3. Rücken, Becken, Hinterläufe und Bauchlinie 10 Punkte
4. Fell und Fellhaut 20 Punkte
5. Rassespezifische Position 10 Punkte
6. Rassespezifische Position 10 Punkte
7. Rassespezifische Position 10 Punkte
8. Gesundheit und Pflege 10 Punkte
Total: 100 Punkte
1 Die Schwarzlohkaninchen erfreuen sich in der Schweiz einer außerordentlichen Beliebtheit. Dieses Tier zeigt einen vorzüglichen Körperbau und eine hervorragende Haltung.


2 Schweizer Fehkaninchen der heutigen Zuchtrichtung mit sehr guter Perlung.

3 Dies ist die jüngste und wohl die echteste Schweizer Kaninchenrasse. Die Dreifarben-Kleinschecken-Häsin verkörpert Eleganz sowie intensive und gutverteilte Farben
Bei den Großrassen, d. h. bei den Belgischen Riesen (Deutsche Riesen, grau), den Weißen Riesen (Deutsche Riesen, weiß), den Schweizer Schecken (Deutsche Riesenschecken) und den Französischen Widdern (Deutsche Widder) wird das Gewicht in einer separaten Bewertungsposition benotet. Bei allen anderen Rassen ist das Gewicht zwar genau umschrieben, wird aber nicht mit einer eigenen Position bewertet. Über- oder Untergewicht hat einen Abzug in einer der ersten drei Bewertungspositionen zur Folge. Bei jenen Rassen wie den Widdern oder den Farbenzwergen erfolgt der Abzug in der Position „Typische Erscheinung". Die Großrassen müssen am Einlieferungstag durch eine Amtsperson (Polizist oder Preisrichter) gewogen werden. Damit wird einerseits verhindert, dass am darauffolgenden Bewertungstag zu viele Tiere gewogen werden müssen, und andererseits, dass Punktabzüge infolge zu großer Gewichtsabnahme über Nacht vorgenommen werden müssen.
Obwohl wir größtenteils dieselben Rassen züchten wie unsere deutschen Freunde, sind schon auf den ersten Blick ganz wesentliche Unterschiede festzustellen. Wir fordern bei den meisten Rassen einen eher gedrungenen Typ. Ein Kaninchen auf dem Bewertungstisch muss sich auch entsprechend präsentieren, d. h., es sollte sich, aufrecht stehend, in Horchstellung zeigen. So kann beurteilt werden, ob die Hinterpartie harmonisch rund verläuft. Kurz gesagt, sollte vom Nacken hin zur Blume ein Viertelkreis ohne jegliche Unregelmäßigkeiten gesehen werden können. Bei den Widder-Rassen, den Angora und den Wirtschaftsrassen Weiße Neuseeländer und Kalifornier wird diese Forderung nicht so genau verlangt. Sie sollen sich in mittelhoher Stellung zeigen.
Die Schweizer Rassekaninchen haben wesentlich längere Ohren als ihre deutschen „Brüder“. In der Schweiz wird die Ohrenlänge genau vorgeschrieben, die Toleranzgrenze ist nie größer als 5 mm. Damit dies auch kontrolliert werden kann, müssen die Ohren sämtlicher Rassen mittels einer speziellen Messschablone bei jeder Bewertung gemessen werden.
Gemessen wird aber nicht nur die Länge der Ohren, gemessen wird mittels einer speziellen Schablone auch die Länge der Belgischen und Weißen Riesen sowie der Schweizer Schecken. Dies soll verhindern, dass die Tiere zu kurz und dadurch zu leicht werden. Mit dem Messen nehmen es die Schweizer ohnehin sehr genau, denn auch die Haarlänge ist bei jeder Rasse vorgeschrieben, mit einer Ausnahme allerdings mit einer recht großen Toleranz. Deshalb werden die Haare auch nur dann gemessen, wenn der Preisrichter den Eindruck hat, die Haare eines bestimmten Tieres seien zu lang oder zu kurz. Nicht so allerdings bei den Rexkaninchen. Diese müssen eine Haarlänge von genau 20 mm aufweisen, weshalb die Haare, wie die Ohren, bei jeder Bewertung gemessen werden müssen. Ein Millimeter zu viel oder zu wenig wird mit einem Abzug von einem halben Punkt „bestraft“. Ein wesentlicher Unterschied kann auch in der Fellbeschaffenheit festgestellt werden. Die Schweizer Kaninchen haben weniger Unterwolle als die deutschen, demgegenüber zeigen sie stärkere Deck- und Grannen- haare. Das ergibt ein Fell, das relativ rasch wieder in seine ursprüngliche Lage zurückgleitet, wenn man mit der Hand „gegen den Strich“ fährt.
5. Kennzeichnung
Bevor die Jungtiere von der Mutter getrennt werden, können sie im rechten Ohr tätowiert werden „Können“ deshalb, weil das Tätowieren in der Schweiz, meiner Ansicht nach fälschlicherweise, freiwillig ist. Wie erwähnt, erfolgt die Tätowierung im rechten Ohr, wobei als erste Zahl die Endzahl des Geburtsjahres zu stehen kommt. Alsdann folgt eine zwei- bis dreistellige fortlaufende Nummer. Obwohl das Tätowieren nicht obligatorisch ist, werden falsch tätowierte Tiere mit einem Punktabzug in der Position Gesundheit und Pflege bestraft. Dies vor allem deshalb, damit keine unrechtmäßigen Kennzeichnungen den Preisrichtern den Besitzer eines Tieres verraten. All jene Tiere, welche man ausstellen möchte, werden im Herbst gekört. Die Körung erfolgt im linken Ohr, indem mit einer speziellen Zange ein kleines Loch ins Ohr gestanzt wird. Alsdann wird dort eine Ohrmarke, aus einer Aluminiumlegierung hergestellt und mit einer sechsstelligen Nummer versehen, eingesetzt. Die Körung darf nur vom Vereinsobmann vorgenommen werden. Dieser hat die Nummer der Ohrmarken auch zu notieren. Ohrmarken können im Materialdepot des SRKV auf schriftliche, mit dem Vereinsstempel versehene Bestellungen hin bezogen werden. Stichwort Materialdepot: Bei dieser Stelle können nicht nur Ohrmarken, sondern alle Materialien für die Kaninchenzucht bezogen werden. Es sind dies beispielsweise Bücher, Stallkarten, Standard, Messschablonen, Tätowierwerkzeug, Tusche und vieles andere mehr.
6. „Nur“ 35 Rassen
Mindestens einmal jährlich besuche ich eine große Ausstellung in Deutschland. Dies einerseits, um Vergleiche zu ziehen und um gute Freunde zu treffen, andererseits aber vor allem auch, um all jene Rassen und Farbenschläge wieder zu sehen, die es in der Schweiz nicht gibt. Im Schweizer Standard sind „nur“ 35 Rassen in gut einhundert Farbenschlägen aufgeführt. Im Vergleich zu Deutschland fehlen bei uns beispielsweise die Satin-, Rhön-, Separator-, Siamesen-, Marburger Fehkaninchen und viele andere mehr. Bei vielen Rassen sind bei uns auch weniger Farbenschläge anerkannt. Dies vor allem bei den Zwergen; Rex-, Fuchs-, Loh- und Weißgrannenzwerge sowie andere fehlen in unserem Standard. Das ist zwar sehr schade, denn einigen würde ich bei uns eine gute Verbreitung voraussagen. Trotzdem sind wir mit der Aufnahme von neuen Rassen und Farbenschlägen sehr zurückhaltend. Unser Züchterpotential lässt sich in keiner Weise vergleichen mit demjenigen in Deutschland. Mit weiteren Rassen und Farbenschlägen würden wir deshalb kaum viele neue Züchter gewinnen, wohl aber bestehende Rassen gefährden, weil bisherige Züchter umsteigen würden. Das Aufnahmeverfahren für neue Rassen und Farbenschläge ist denn auch recht aufwendig und streng. Während fünf Jahren müssen diese Tiere an Ausstellungen als Schautiere gezeigt und an den alljährlich stattfindenden obligatorischen Preisrichter-Repetitionskursen zur Verfügung gestellt werden. Alsdann beschließt die „Schweizerische Vorständekonferenz", ein Gremium, bestehend aus sämtlichen kantonalen und schweizerischen Klubpräsidenten, ob eine Aufnahme verantwortet werden kann. Als letzter Farbenschlag wurde so vor zwei Jahren der Gold Rex (Gelb Rex) aufgenommen, und zurzeit befinden sich die Tschechischen Schecken, schwarzweiß und blauweiß (Kleinschecken), sowie die blauen Kleinwidder im Aufnahmeverfahren.
Sieht man vom Japan-Rex, den ich vor vielen Jahren in Stuttgart als Neuzüchtung einmal gesehen habe und der offenbar wieder verschwunden ist, sowie der Dreifarben-Kleinschecke ab, gibt es in der Schweiz keine Rasse und keinen Farbenschlag, die im Deutschen Standard nicht auch zu finden wären. Allerdings sind wir ein wenig stolz darauf, dass wir die Burgunder „gerettet“ haben. Ist es in der Schweiz doch gelungen, vermutlich weil bei uns die Roten Neuseeländer nicht zugelassen sind, die ursprüngliche fahlrote Farbe zu erhalten. So wurden in den vergangenen Jahren verschiedentlich Burgunder nach Deutschland exportiert, damit diese Rasse auch dort wieder Fuß fassen kann.
Wenn man einen allgemeinen, allerdings äußerst globalen Ver- gleich zwischen der Kaninchenzucht in Deutschland und der Schweiz ziehen wollte, dann könnte man sagen: „Die Deutschen haben die Farbe und wir haben den Körperbau!" Selbstverständlich lässt sich dies sehr schlecht verallgemeinern, trifft für viele Rassen aber doch mehr oder weniger zu.
7. Typische Schweizer Rassen
Für einige wenige Rassen nimmt die Schweiz für sich in Anspruch, das Ursprungsland zu sein, das heißt, dass diese Rassen in der Schweiz entstanden sind oder erzüchtet wurden. Dies gilt einmal für das Schweizer Fehkaninchen (Perlfeh). Nach Albert Tschan wurde diese Kaninchenrasse von einem Herrn Weber in Menzigen in den ersten Nachkriegsjahren gezüchtet.
Weber schwebte das Fell des sibirischen Eichhörnchens vor. In Deutschland soll es damals in drei Farbenschlägen und zwei Gewichtsklassen gezüchtet worden sein. Das Schweizer Fuchskaninchen entstand ebenfalls mit dem Ziel, ein Fell zu imitieren, nämlich dasjenige des Blaufuchses. Anfänglich wurde diese Rasse als „Schweizer Langhaar“ bekannt. Allerdings entstanden in England fast gleichzeitig und unabhängig langhaarige Tiere, welche dort Chiffox genannt wurden.
In verschiedenen Ländern, wohl unabhängig voneinander, entstand das Schweizer Scheckenkaninchen, eine große, gewichtige Scheckenrasse, deren eigentlicher Ursprung wohl in Frankreich liegen mag, wo sie als „Papillon francais“ bekannt wurden. In England wurde dann das Zeichnungsbild verfeinert und als Lop Butterfly (Schmetterlingskaninchen) vorgestellt, und in Deutschland ist es wohl aus den weißnasigen Deutschen Landkaninchen hervorgegangen.
Als jüngste und sehr attraktive, wenn auch sehr schwer zu züchtende Rasse soll noch das Dreifarben-Kleinschecken-Kaninchen erwähnt werden, welches erst Ende der siebziger Jahre erzüchtet worden ist. Diese Rasse gab es vorher wohl nirgends, und erst in den letzten Jahren wurde sie auch in Deutschland als Neuzüchtung unter dem Namen Englische Schecke, dreifarbig, vorgestellt. Ein Großteil dieser Tiere wurde allerdings aus der Schweiz importiert. Es bleibt zu hoffen, dass es auch in Deutschland bald zu einer Anerkennung dieser wunderschönen Rasse kommt.
8. Stellung der Rassekaninchenzucht in der Schweiz
Die Rassekaninchenzucht hat in der Schweiz bei der Bevölkerung einen recht geringen Stellenwert. Dies rührt vor allem daher, dass man die Kaninchenzucht früher als das „Hobby des kleinen Mannes“ bezeichnet hat. Des „kleinen Mannes“ im doppelten Sinn gemeint, als sowohl des finanziell wie auch intellektuell kleinen Mannes. Zudem hat man es während vieler Jahre versäumt, entsprechende Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. So beneiden wir heute unsere deutschen Züchterfreunde, welche die volle Gemeinnützigkeit erreicht haben und in breiten Kreisen ideelle und finanzielle Unterstützung genießen. In den letzten Jahren hat man aber versucht, einiges Versäumte nachzuholen. Erste Erfolge wurden dabei bereits erzielt. Dies vor allem im Zusammenhang mit der neuen Tierschutzverordnung, bei der man uns aus heiterem Himmel wesentlich größere und unsinnige Kaninchenställe aufzwingen wollte. Es wird aber noch sehr, sehr viel Arbeit nötig sein, bis die Versäumnisse früherer Jahre vergessen sind.
9. Schlussbemerkungen
In einem kurzen Aufsatz ist es natürlich nicht möglich, alle Aspekte der Rassekaninchenzucht in der Schweiz umfassend und genau zu durchleuchten. Um aber einen letzten Vergleich zu ziehen, sei noch die „Schweizerische Rammlerschau“ erwähnt, welche alle drei Jahre, nächstmals im Januar 1994 in Luzern, stattfindet. Jeder Züchter darf auf dieser größten Kaninchenausstellung in der Schweiz nur einen Rammler ausstellen, weil uns die entsprechenden Lokalitäten, Ausstellungskäfige und Preisrichter fehlen. Auf der „Schweizerischen Rammlerschau“ sind jeweils fünf- bis sechstausend Tiere zu sehen. Verglichen mit der Mitgliederzahl von 33000 eine recht große Zahl. Geschähe ähnliches auf einer „Deutschen Bundesschau", so müsste dort wohl mit vierzig- bis fünfzigtausend Tieren gerechnet werden. Da bei uns die Distanzen und damit die Transportkosten ungleich kleiner sind, wird dieser Vergleich aber wiederum relativiert.
Zum Schluss darf ich unseren deutschen Freunden danken für die stets gastfreundliche und herzliche Aufnahme. Allen Lesern des Blauen Jahrbuches wünsche ich im neuen Zuchtjahr viel Glück und Erfolg und viele neue Züchterfreundschaften über die Landesgrenzen hinaus – hoffentlich auch in der Schweiz.
4 Noch vor wenigen Jahren konnten die Schweizer Castor-Rexe bezüglich der Farbe keineswegs mit ihren deutschen Kontrahenten konkurrieren. Heute scheuen sie kaum mehr einen Vergleich. Diese Häsin erreichte auf der vorletzten Schweizerischen Rexklub- Schau 97 Punkte, was den Sieg bedeutete.

5 Die Verarbeitung von Kaninchenfellen hat in der Schweiz eine große Tradition. Diese Lohfelljacke ist der beste Beweis dafür.








